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Jüdische Rundschau · 1915-08-06 · Heft 32 (6.8.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 32 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 JU EDI SC HE RUNDSCHAU SeHe 257 Pressestimmen zur Bostoner Convention ״Boston Daily Advertiscr“ (Bostoner a m c r i - ka 11 isc 11 e Tageszeitung). Der ״Boston Da i I y A tl v e r t i s c r“ schreibt unterm 7. Juli 1015: Bei den Eröffnungssitzungen der Zionistischen Konvention wurde behauptet, daIt jeder Oedanke die Billigung Bostons beansprucht, bevor er dem Rest der Vereinigten Staaten annehmbar wird. Dies Koniplimciit hat seine Berechtigung bewiesen. Boston bcgrüBte in jeder mir möglichen Weise die Zionisten und ihre Idee. Die Stellungnahme der Bostoner Oemcimle gegenüber den zionistischen Delegierten hat bei Tausenden von Personen in allen Teilen des Landes das Vorurteil zerstört, daß Boston zum ״kalten, strengen und abstoßenden Norden“ gehört. Auf diese Weise sind die Zionisten das Werkzeug gewesen, cs zustande zu bringen, daß viele andere Tagungen in dieser Stadt stattfindcn werden, besonders wenn die Handelskammer und das Rathalfl; sich zusammen(un werden, um Baulichkeiten zu schaffen, welche groll genug sind und gute Akustik besitzen. Für die Zionisten trugen die Versammlungen den Charakter einer Uebcrsicht über die tätigen Kräfte, welche ihr Interesse au der Bewegung seit Kriegsbeginn bewiesen haben, zum Unterschied von jenen, welche für die Sache in stilleren Zeiten kämpfteil. Die Versammlungen offenharten ein vielfaches Anwachsen der zionistischen Kriifte im ganzen Lande, und dies ist ein bemerkenswerter Beweis der Lehensfiiliigkcit der zionistischen Sache in einem Jahre, wo Realitäten zu Pnpierschnitzchi geworden sind. Um dieses Anwachsen der Zahlen auszugleichen, wendcten die Versammlungen einen grollen Teil ihrer Aufmerksamkeit der Frage der Organisation zu. In der Tat, Organisation ist das Losungswort der neuen Führerschaft, welche beabsichtigt, alle Kriifte des liidentums für die Sache zu benutzen, welche ihre Bestimmung in der Ansiedlung tler Juden irt Paliistina sieht. Das Ergebnis der Tagungen, das Ereignis, das das Thema der Diskussion in jüdischen Kreisen für mindestens 10 Jahre bleiben wird, war der Bcscblull, der jüdischen Bevölkerung Amerikas den Vorschlag zu unterbreiten, einen jüdischen Kon grell auf absolut demokratischer Grundlage zu veranstalten. Dies bedeutet nicht nur den (Hauben an das Volk, sondern mich die Formulierung eines Planes, der, wenn er diircbgcfülirt werden kann, ein Beitrag zur politisehen Bedeutung dieser Zeit sein wird. Der (jedanke läßt die Juden erschauern von der Mehrzahl gesprochen —-, weil sie nach Einigkeit verlangen und nach Mitteln, ihre Ansichten über die grollen Probleme zum Ausdruck zu bringen, an welchen sic verhältnismäßig mehr beteiligt sind als irgendeine der kriegführenden Miichlc. Denn die Juden sind ein Teil eines jeden der kriegführenden Staaten und leiden daher unter jeder Art Druck jeder einzelneii Macht, zu der sie gehören. In dieser Ikziehnng sind sie schlimmer daran als seihst die Polen, welche in den sich bekämpfenden Armeen fechten, und leiden mehr als die Belgier, die die Aussicht haben, daß ihr Reich wieder bestehen wird, wem auch das Recht der Regentschaft zufallcn mag, Bis jetzt war Basel in der Schweiz die Stadt, die man in! Zusammenhang init dem Zionismus nannte, weil in ihr der erste Kongreß stattfand und sic somit die Stadt war, von der der Zionismus in! Jahre 1807 seinen Ausgangspunkt nahm. Man kann mit Sicherheit sagm, daß die Bostoner Beschlüsse sich mit dem Begrilt der Bewegung für viele zukünftige Jahre verbinden werden, ״Post1* (Bostoner Tageszeitung) Die Bostoner.״,P0 s t“ schreibt unterm 2. Juli 1015: Die Begeisterung, die die Jahresversammlung der amerik an isciien Zionistcn-Föderation während der Tagungen dieser Körperschaft in unserer Stadt erregle, erreichte ihren Gipfelpunkt in der Dcmotistration in Chelsea, welche der formellen Vertagung am Mittwoch Abend vornusging. Das lebhafte Interesse, das die Versammlungen erregten, erlitt keine Verkleinerung, sondern nahm von Tag zu Tag zu. Es war die größte jüdische Tagung, die je in den Vereinigten Staaten stattgefimden hat, hemerkenswort nicht nur durch die zahlreiche Beteiligung und den Enthusiasmus, sondern auch durch die Ernstnaftigkeit des Zweckes und die bezwingende Klarheit, mit welcher sie durchgeführt wurde. Es war im wahrsten Sinne eine Versammlung des Volkes, eine Repräsentanz nicht nur einzelner Klassen oder politischer Richtungen, sondern im wesentlichen der Gesamtheit der amerikanischen (jüdischen) Bürgerschaff. Die öffentliche Meinung kann der Art und Weise, in welcher diese große Demonstration geleitet wurde, nur Bewunderung zollen. Sic wurde nicht durch Partei* lichkeit verkleinert; sic drückte die Impulse der Rasse nur in ihrem höchsten Trachten aus; sic forderte keine selbstsüchtige Vergrößerung, sondern nur die Emporhebung der Menschheit. Es ist nicht zu kühn, aus dem Tumult auf der östlichen Hemisphäre ein gewisses Maß der Vcr- »iddichung der so lange vereitelten und jetzt so tapfer aufrechterhaltencn Hoffnung zu erwarten. ״Transcript‘1 (Bostoner Allgemeine Zeit u 11 g). Dem ״Li st eil er" im Bostoner ״Transcript" vom 7. Juli 1015 entnehmen wir: Unsere eigene amerikanische Politik hat keine historische Aussicht, verglichen mit jener . . . der Zionisten, welche in der vergangenen Woche in der Meclianikcrhalle tagten. Jene enthusiastischen Freudenrufe, die nahezu 20 Minuten dauerten und aus beinahe 20 000 Kehlen erschollen, als unser Mitbürger Louis D, Brand eis das Podium betrat, nicht nur als ein Führer der Juden dieses Landes, sondern der ganzen Welt, werden gehört und bemerkt werden seihst unter dem Krachen und Schrillen und den großen Emotionen des Krieges auf seiner jetzigen Höne und kritischen Lage, Besonders an den Orten, die die monotonen Kriegsberichte den ״östlichen Schauplatz" nennen, wo die Blutbäder und das befohlene Elend und die Austreibung aus dem Ghetto nicht nur auf Kriegszeiten beschränkt sind, werden jene Kundgcbtnigeii wiedertönen und noch während des Krieges und nachher zu hören sein. Alles, was den Beitritt eines solchen Mannes wie Brandeis für den Ziouisinus bedeutet, wird die bemerkenswerteste und folgenschwerste Entwicklung jenes ״leidenschaftlichen Heimwehs" sein, welches Palästina zum Mittelpunkt seiner Hoffnungen gemacht und die jüdische Rasse ohne Land znsamnicngchalten hat. Die Intelligenten und Bedächtigen aller Länder bähen den Juden stets Bewunderung gezollt für das unschützbare Vermächtnis an die Welt, das1 in den hebräischen Schriften, seiner Moral und seiner Kultur enthalten ist . , . Ein Brief aus Warschau Die New Yorker jiddische Tageszeitung ,,Vorwärts“ verölfentlichtc vor einiger Zeit den folgenden Brief aus Warschau, der klar erkennen läßt, unter welchem Schrcckensrcgiment die jüdische Bevülkcrung zu leiden hat und wie die Polen gegen die Juden Vorgehen. Wenn man solche Briefe liest, erkennt man wieder, daß Georg Brandes mit vollem Recht von der von polnischer Seite betriebenen Aufwiegelung zu Judenpogromen gesprachen hat. Wm schau , . . ״. , . Mir müßt wissen, daß wir außer dem grollen Kriege draußen auf dem Felde hier In Warschau einen besonderen Krieg haben — den Krieg mit den Polen. Die Polen glauben fest an die Einigkeit der Juden; sic sind überzeugt, daß die Juden den Deutschen Geld gegeben haben und Deulschland daraufhin den Krieg erklärt habe. (!) Die Juden hätten für Deutschland Geld gesammelt, der Acrmstc hätte zum ״deutschen Fonds" mit zwanzig oder dreißig Kopeken beigetrageu, Und deshalb bedrohen uns die Polen mit dem martervollstcn Tode. In den kleinen Ortschaften haben schon tlic polnisclicn Hetzen Frucht getragen, Mau hat die Ko* sakeu aiifgehetzt — und wie wenig braucht ein Kosak, um einen Juden seine Macht fühlen zu lassen! Sic haben Frauen geschändet -- ältere Frauen und ganz junge Kinder. Die unglücklichen Opfer hat man nach Warschau in die Krankenhäuser gebracht, wo sic sclnverkrnnk darniederliegcn. In Warschau haben Soldaten jüdische Viertel geplündert, und zwar von den frommen Polen aufge-!letzt. Eine sehr schändliche Rolle spielen die Schaff- 11er der elektrischen Straßenbahn: Ich fuhr einmal in einem!Straßenbahnwagen, der voll von Soldaten war. Zu der Zeit wurden gerade verwundete Soldaten vom Bahnhof in ein Krankenhaus gefahren; da wies der Schaffner auf die Verwundeten hin lind sagte: ״Seht Ihr, daran sind nur die Juden schuld; sie haben alles veranlaßt; sic wollten den Krieg, um Polen den Deutschen in die Hände zu spielen." Natürlich verfehlen solche Reden nicht ihre Wirkimg. Die verbitterten Soldaten glauben alles und suchen sich an den Juden zu rächen. Und in der Tat gab es einige Tage nach dem geschilderten Ereignis einen Pogrom. Man hat Läden geplündert, Frauen, Kinder und Oreise geschlagen und verletzt. Darauf wandten sich einige angesehene Juden au den Polizeipräsidenten mit der Bitte tim Schutz. Er hat uns zu schützen versprochen, aber vir fürchten, auf derartige Versprechungen zu bauen. Wir wissen nicht, was uns noch in Warschau geschehen kann. Ich schreibe Euch und denke: Was wird uns zustoßeii, bis Ihr diesen Brief bekommt? Wie wird es um uns stehen, wenn Ihr die Zellen leset? . . . , , , Meinem Onkel Ist etwas Schreckliches passiert, das uns alle völlig zu Boden geschlagen hat. Der Onkel ging irgendwohin geschäftlich; da haben ihn zwei Polen bemerkt und riefen ihm nach ״Bcilis idze“ (Bcilis geht). Man hat ihn mit einem Knüttel geschlagen, bis er ohnmächtig wurde. Jetzt ist er völlig irr, und die Aerzte haben beschlossen, Ihn in ein Irrenhaus zu bringen." Wie Menschikow hetzt Die Warschauer polnische Tageszeitung ״Gazeta Warszawska" zitiert in einem ״Die Juden und der Krieg" übcrschricbciicn Artikel folgende Ausführungen des bekannten Judenfeindes Menschikow aus einem Artikel in der ״Nowo je Wremja"; Mit bitteren Empfindungen liest man in der letzten Zeit unsere Militärnresse — den ״R u s s k i In v a I i d", ״A r rn e j s k i w j c s t n i k" und ״N n s ch - W j c s t n i k“. In allen diesen Zeitungen werden Tatsachen offenen Verrats gegen Ruß- 1,1ml seitens eines gewissen Teiles der jüdischen Bevölkcrung erwähnt. Eine große Anzahl von Spionage- Versuchen der Juden wurde erwiesen, so daß cs sich e— nach dem Worte des ״Rtisski Invalid“ — als Notwendigkeit erweisen dürfte, Masse na usweis u n g c n der Juden aus Kurland, wo sich kriegerische Vorgänge absnielcn, vorzunchmen und energisch diirchzufiilircn. Und wiederum stellte es sich heraus, daß die in die Städte Polens cindringcndcn deutschen Heere von jüdischen Abordnungen begrüßt mul beglückwünscht werden. Die Juden erweisen den ,Siegern" Gefälligkeiten aller Art, für Rußland aber haben sic nur räuberische Hccrcslicferungcn-Ocschäfte, Spionage und Verrat übrig. Einen besonders erschütternden Eindruck machte in Rußland die Schilderung (im ״Nasch-Wjestnik“) des furchtbaren Vorfalles in K tisch i, nordwestlich .Schawli. Nach einer Auseinandersetzung mit der ״Judenzcitting", dem ,,Riet sch“, fährt Menschikow fort: Jetzt, da Rußland und Polen einen so schweren Kampf mit den Slawenvcrnichtcrn, den Teutonen, auszufcchtcn haben, ist cs schön von den Juden, ein Land zu verraten, das ihnen so oder so bereits seit fünf'Jahrhunderten Gastfreundschaft gewährt? Ist cs schön, die Treue zu Rußland zu beschwören mul gleichzeitig eine Stadt, in der das ermüdete russische Heer sich ausruht, in Brand zu stecken? Ist cs schön, in den Keilerräumen deutsche Lauer-Posten zu verstecken und das deutsche Heer in Orte zu führen, die von schwachen Kräften verteidigt sind? ... Sie haben laut ihre Heldentaten mul ihren Patriotismus ausposaunt, aber tatsächlich haben sie nur ihren tiefen Haß gegen Rußland und ihre Fähigkeit, diesem Laude Schaden zuzufügen, gezeigt. Einerseits fordern sic dringend Gleichberechtigung, andererseits ־ reichen sic den Heeren Deutschlands und Oesterreichs Brot und Salz, spionieren für sic, und nun dieser Verrat in K uschi. Mit Gottes Hilfe werden wir den mörderischen Ucberfall der österreichisch-magyarisch-deutschen Mörderhnndc zurückweisen. Aber wer wird schuld daran sein, wenn unser großes Heer und das russische Volk die Rolle der Juden in diesem Kriege lange im Geelächtnis behalten werden? . , . So hetzt Menschikow. Gegen die Juden werden um so jnehr Beschuldigungen erfunden, je größer die russische Niederlage erscheint. Mit Schauderu gedenkt man der Zukunft . , . Ueber die ״Baumspende“ ln einem lesenswerten Aufsatz der ״Gartenwclt" erhebt der Königliche Gartcnbaudirckfor Willy Lange gegenüber denjenigen, welche geneigt sind, die Heldentaten des Krieges später durch Denk- 111 ä I c r zu verherrlichen, seine warnende Stimme und führt aus, daß man trotzdem nicht ganz darauf verzichtcn brauche, auch dem Auge sichtbare, und zwar öffentlich sichtbare Male zu errichten. Der Artikel verdient aus verschiedenen Gründen hier im Auszug wiedergegeben zu werden: ״Jedes kostbare Denkmal aus Eisen oder Stahl würde wie ein Raub an Fürsorge wirken, wie Steine statt Brot! Erst späte Zeiten, die alle Dankopfer abgetragen haben, mögen Schlußsteine setzen, wie es die Hismarcktürmc sind, vom Sclbsterworbenen. Diese Aufgabe möge dann auch ihre Künstler finden, aus deutschem Geist geboren. Aber ein Recht auf Denkmale haben die Gefallenen. Jedem, der sein Leben ließ für Deutschlands Freiheit, pflanzt eine Eiche. In jeder Gemeinde, so viele wie auszogen und nicht wiederkamen oder später ihren Wunden oder Kriegskrankheiten erlagen. In kleinen Gemeinden sind cs wenige, in großen viele! Da werden Haine von Eichen entstehen . . . Ein Sinnbild auch des hohen Gemeinschaftsgefühls dieser hohen Zeit. Und ein Aufcrstchen wäre das den Gefallenen! Im Körper-/ liehen wachsend aus deutschen Boden, wovon sie genommen sind, verwandelt in sich den letzten Hauch von fremder Erde, wenn von Ost und West, Süd und Nord die Winde wehen aus Fernen, wo die Helden fielen . . . Utfd solche Male, Eichcnpflanzungcn für ganz Deutschland, als Wahrzeichen von 1914/15, werden keine Mittel entziehen der Linderung von Notl . Der Boden ist als Oe me in eigen tum unveräußerlich für alle Zelten gedacht . . . Nur kein ,,Park" keine ״landschaftliehe" oder ״architektonische1' Anlage, sondern eine Pflanzung in regelmäßigen Abständen, mit Wildgras• und Wildblumcnwachstutn. Die Wirkung ist anfangs bescheiden, in 25 Jahren stattlich, in 100 Jahren groß, in 200 Jahren und mehr gewaltig. Zu jeder Eichengcmeinschaft gehört eine Linde, als Ziel und beherrschender Mittelpunkt, Alle Eichen, seien es viele oder wenige, sollen eine Beziehung haben: zur Mitte,

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