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Jüdische Rundschau · 1915-08-06 · Heft 32 (6.8.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 32 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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« Seite 256 UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 32 wegung. Große Orden, deren Bedeutung fiir das öffentliche Leben Amerikas nicht unterschätzt werden darf, Vereinigungen wie die der galizisehen und der rumänischen Juden Amerikas beschlossen formell den Anschluß an die Zionistische Organisation und cröffneten dieser damit erst die volle Möglichkeit ungehinderter, fruchtbarer und durch die Tradition dieser Vereinigungen und Orden unterstützter zionistischer Arbeit in ihrem Innern. Viele Beweise einer guten zionistischen Ent- Wicklung hat die Bostoner Convention gegeben. Mit Begeisterung begrüßten die amerikanischen Zionisten ihre Führer, vor allem Louis D. B r a n - deis. Wir verzeichnen mit stolzer Genugtuung die zionistische Kunde aus Amerika. Die Tagung von Boston gehört in die Geschichte der zionistischen Gesamtbewegung. Frohe Botschaft Aus Amerika kommt für die zionistische Welt eine außergewöhnliche Freudcnkundc. Drei jüdische Gesellschaften mit einer Gesamtzahl von annähernd einer Viertelmillion Mitgliedern haben sich der zionistischen Bcwcgung angeschlossen*). Eine Viertclmillion neuer Zionisten! Die Nachricht klingt so ״amerikanisch“, daß man trotz mehrfacher Bestätigung versucht ist, ihr immer noch nicht völlig zu trauen. Aber selbst wenn sich die Zahlen als ungenau erweisen sollten, so scheint doch auf alle Fälle das Eine fcstzustehcn, daß drei große jüdische Gesellschaften für den Zionismus ge- Wonnen worden sind und dadurch die Zionistische Organisation einen sehr erheblichen Mitglicdr־ Zuwachs erfahren hat. Was ist nun das eigentlich Erfreuliche an dieser Tatsache? Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob es gut war, von vornherein die Zionistische Organisation auf die allerbreiteste Grundlage zu stellen, in ihr der Absicht nach die Organisation des jüdischen Volkes überhaupt zu schaffen. Vielleicht wäre es vorteilhafter gewesen, ihr fürs erste die Form eines vorbildlich wirkenden, exklusiven Ordens zu geben, der seinen Mitgliedern in allgemeinmenschlichem wie in nationaljüdisch-zionistischem Betracht die strengsten Pflichten atiferlcgen durfte. Allein die Zionistische Organisation wurde auf anderer Grundlage errichtet, und abgesehen von der Möglichkeit innerer Neubildungen bleibt keine Wahl mehr, als ihre Entwicklung auf der nun einmal gegebenen Basis nach Kräften zu fördern. Dergestalt kann cs für keinen Zionisten einem Zweifel unterliegen, daß die Not- Wendigkeit besteht, die Mitgliederzahl der Organisation immer mehr zu vergrößere Je imponierender sie nach außen hin, d. h. vor allein gegenüber den anderen jüdischen Verbänden, aufzutreten vermag, desto schwerer wiegt ihr Wort in der öffentlichen Diskussion jüdischer Fragen und desto stärker muß sich der Einfluß des Zionismus auf das ganze öffentliche jüdische Lehen geltend machen. Außerdem aber bedeutet jede Erhöhung des Mitgliederbestandes eine er- Wünschte finanzielle Stärkung der Organisation und mithin eine Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit auf dein Gebiet der praktischen Palästinaarbeit, Aus alledem begreift sich unsere Freude über die amerikanische Kunde. Doch höher als das quantitative Moment steht oder stehe uns das q u a I i t a t i v e. Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch den Geist I Und so fragen wir mit besonderen! Interesse nach dem ״Geist“ der neuen zionistischen Massen. Was ist ihnen der Zionismus, von welcher Art ist ihre, zionistische O c - sinnung? Die Frage hat um so größere Bedeutung, als die amerikanischen Zionisten vermöge ihrer numerischen Ueberlegenhcit in Zukunft voraussichtlich die Entwicklung der zionistischen Bewegung wesentlich bestimmen werden. Wie es scheint, hat der amerikanische Ziöuismus seine ״zentrale Persönlichkeit“ in Louis 1). B r a n d c i s gefunden, über dessen zionistische Gesinnung wir seit einiger Zeit genauer Bescheid wissen*). Inwieweit seine Anschauungen sich mit denen der amerikanischen Neuzionistcn decken, ist uns freilich unbekannt. Allein per analogiam dürfen wir schließen, daß sicherlich auch hier die Stellungnahme des Führers in der Hauptsache maßgeblich sein wird für die von ihm beeinflußten Massen. B r a n d c i s betrachtet den Zionismus als eine idealistische Bewegung. Die Zionisten ״legen den größten Nachdruck auf das geistige Lehen unseres Volkes“, ohne dabei andererseits das ökonomische Moment zu vernachlässigen. Sind zur Förderung der materiellen Wohlfahrt der Juden vielerlei Wege gangbar, so war es zur Hebung ihres geistigen Lebens und zur.Erhaltung ihrer hohen moralischen Fähigkeiten unerläßlich, ״ein großes kulturelles und geistiges Zentrum zu schaffen, worin ein eigenes jüdisches Leben freien Raum haben würde, seine Probleme auszuarbeiten und aufs neue die Anwendung der alten jüdischen Lehren auf die praktischen Interessen des Lebens zu demonstrieren.“ Und es Louis D. Brandeis ist anz.uucbmen, ״daß solch ein Zentrum seinen Einfluß auf die Juden der ganzen Welt ausüben könnte mul daß unser Volk . . . noch stärker von den Idealen seiner Rasse clurclulruiigen . . . werden könnte“ Während allerdings ״nur ein Teil des jüdischen Volkes an dem Aufbau dieses Zentrums teiluelimcn und die Mehrzahl der Juden noch lange Zeit in ihren jetzigen Wolmliindern bleiben würde, würden doch die Wohltaten, speziell die geistigen und kulturellen, allen zugute kommen.“ Es versteht sich von seihst, daß ״Palästina, die Wiege unseres Volkes und der jüdischen Kultur, das Hauptziel -der Bewegung“ bildet. ״Bei einer weiteren Landwirtschaftliehen und industriellen Entwicklung könnte Palästina ein Zufluchtshafen, ein Ort der Sicherheit und des Wohlstandes für viele Millionen unseres Volkes werden.“ Mit einer derartigen Auffassung befindet sich Brandeis, sei es bewußt oder unbewußt, in der näheren Nachbarschaft — A c I! a d H a a m sl Daß aber der bedeutendste Führer des machtvoll aufstrebenden amerikanischen Zionismus von diesem Geist erfüllt ist, bildet den zweiten und tieferen Grund unserer Freude über die amerikanischc Kunde. Noch in anderer Hinsicht kann vielleicht der neue zionistische Massenzuwachs erfreulich werden. Bisher war hierzulande die ganze Tätigkeit der Zionisten, abgesehen־ von der Arbeit für Palästina, vorwiegend, jvonn nicht ausschließlich der äußeren Propaganda gewidmet* Immer erschien die Vergrößerung der Organi sation, die Gewinnung der Massen, als höchstes Ziel, an dem alle ״Gegenwartsarbeit״ der Oruppen und Oruppenvcrbäiule hauptsächlich orientiert war. Und man hielt sich für verpflichtet gleich den Strick an beiden Enden anzufassen! Nicht nur durch öffentliche Versammlungen, zahllose Vorträge und dergl. sollte das Volk gcwonnen werden, sondern gleichzeitig wollte man durch ״Eroberung der Gemcindcstitbcn“ von oben her den Zionismus verbreiten. Das Ergebnis war ein doppeltes. Einmal wurde dem Zionismus, insbesondere durch die ״Gemeindepolitik“, oft eine Atmosphäre des Uebclwollcns und des Hasses geschaffen. Zum andern geschah es, daß die wichtigsten inneren, d. h, die geistigkulturellen, Aufgaben der zionistischen Gruppen und Verbünde, ungebührlich vernachlässigt blieben. Gegenüber der ״großzügigen“ äußeren Bctätigung erschien die Pflege und Vertiefung nationaljüdischcr und zionistischer Gesinnung allzu geringfügig. Ein paar gelegentliche Vorträge und Diskussionen galten für ausreichend auf einem Gebiet, wo in Wahrheit die intensivste und sorgfältigste systematische Arbeit erforderlieh ist. Es handelt sich darum, in der zionistisehen Welt der hebräischen Sprache und noch mehr der hebräischen Literatur eine ״gesicherte Heimstätte“ zu bereiten, in den Zionisten die vornehmsten Träger und Fortbildner der nationalen Ethik des jüdischen Volkes zu erziehen, von den geschichtlichen Erinnerungen und Hoffntingcn des jüdischen Volkes dem Einzelnen das Herz zu erfüllen, den fundamentalen Sitten und Bräuchen des jüdischen Lebens, unatigeselicn aller persönlichen religiösen Bewertung, nach ihre« n a t i o n a I * k o n s c r v i c r c n d c n Bedeutung praktisch sich bewährendes Verständnis zu schaffen: kurz: in der zionistischen Welt die historisch-nationalen Güter des jüdischen Volkes allgemein zur innerlichen Aneignung zu bringen und damit der jüdischen Geisteskiiltur, soweit cs im Gnluth angeht, eine neue Blüte zu ermöglichen. Man übersah, daß eine solche, allerdings weniger ״großzügige“ als ernste und sozusagen solide, Innenarheit zugleich ein wirksames Mittel zur Erzielung äußerer Erfolge darstellt und auf Außenstehende einen tieferen Eindruck machen muß, als wortreiche Reden und nach außen gewendete ״Gcmcindcpolitik״. Das alte Judentum dachte höher vom Werte der lebendigen T a t. Auf derlei Vorhaltungen hörte man früher gewöhnlich die Antwort: Der angezeigte Weg führt vielleicht dahin, vereinzelte entsprechend angelegte Naturen für den Zionismus zu gewinnen, aber die Massen gewinnt man so nie und nimmer. Jetzt liegen die Dinge anders. Imposante Massen sind gewonnen, die Sorge um die Vorgrößerttng der Organisation braucht uns nicht sonderlich mehr zu quälen. Gewiß wird und soll auch in Zukunft einer vernünftigen äußeren Propaganda ihr unbestreitbar dauerndes Recht gewahrt bleiben. Allein wir können nachdrücklieh verlangen, daß sie jetzt nicht länger den andern Haupt teil der zionistischen ״Gcgenwartsarbeit“, die geistig-kulturelle innere Tätigkeit der Gruppen und Verbände, wie bisher verkürze und beeinträchtige. Ich bin nicht Optimist genug, 11m an die baldige Erfüllung einer solchen Forderung zu glauben. Aber vielleicht darf man die Hoffnung hegen, daß zunächst wenigstens ein kleiner ״Rest“ klar und sachlich denkender Zionisten ihre Berechtigung anerkennen und versuchen wird, ihr in der Praxis Genüge zu tun. Schon dies bedeutete einen Erfolg und wäre eine erfrculichc Wirkling der jüngsten zionistischen Vorgängc in Amerika. So begrüßen wir die neuen überseeischen Gesinnungsgenossen voll Freude und froher Er- Wartung. Doch auch derer sei nicht vergessen, die uns das ganze stattliche Heer geschaffen haben. Wir danken Schmarja Lc v I n und Nahun! So ko io w: Jeascher kochakhcm! # Schear J aschub. ’) Jüdische Rundschau, 1015, Nr. 29. *) Jüdische Rundschau, 1914, Nr. 48.

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