Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1915)
- Date
- 1915-07-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 251 garien 401 M., Schweden 375 JA., Dänemark 313 M״ Ostasien 224 M. und Aegypten 214 M., Seit Beginn dieses Jahres sind die Einnahmen des Nationalfonds von Monat zu Monat gewachsen. Sie bezifferten sieb im Januar auf 20,094 M., Februar 22,40b M., Mürz 30,223־ M., April 41,047 M., Mai .12,2(12 M. und schließlich im Juni auf 55,208 M, Der Erfolg der Nationalfomlk-Sammluugen in Amerika Ist nicht in letzter Linie das Resultat der dort veranstalteten B1 u in e 11 ־ und Flaggentage. Aber auch in allen anderen Ländern wird miirniiidliclt für den Jüdischen Natiomilfonds •genrbeitet. Feldzngsieilnehiner von allen Fronten schicken legeliiiäßig Spenden ein, und cs Ist wert, verzeichnet /u werden, daß sogar die aufs schwerste heimgesuchte jüdische Bevölkerung im russischen Opernuoiisgcbiet bislang nicht aufgehört hat, zum Jüdischen Nationalfonds beizusteuern. Die ununterbrochene Sammeltätigkeit für den Natioiialfonds hat es ihm ermöglicht, für die Erhaltung ‘.einer Wirtschaften zu sorgen mul auch Notstands-;0beiten (Häuser- und Wegehantcn) zu miteriielinieii. Von welcher Bedeutung die I n 11 d w i r t s c 11 a f t - liehen Betriebe des Nationalfonds schon jetzt!111׳ die Lebensmittel-Versorgung Palästinas sind, ergibt sich aus folgenden Tatsachen. Bei Beginn der Wirtschaftskrise verfügten die genossenschaftlichen Natioualfonds-Bctricbe Daganiah, Mcrchnwjah, Hnttin, Kineret und Mcsrali über insgesamt 55(1,865 kg W e i - zen. Für die Versorgung der Städte und einiger Pflanzmigskolonjen wurden 364,200 kg benutzt, wäb- und der Rest von 192,665 kg für die Verproviantierung der Farmen selbst und die Unterhaltung der bei den Notsfaiidsarbeitcn beschäftigten Arbeiter ver- Wendet wurde. Es erhielten zu sehr mäßigen Preisen: Jaffa 122,100 kg, J e r u s a I e in 162,600 kg, Haifa 17,500 kg, die Kolonien Judäas 57,000 kg und die Kolmiieti Galiläas 5000 kg. Auch in diesem Jahre werden die Oetreidc-Vorriite, die jetzt eingcbracht werden, zur Versorgung der jüdischen Be- Yölkerimg in den Städten lind Kolonien dienen. Außerdein wurde auf den Ländereien des Nationalfonds!der Anhau von Gemüse planmäßig gefördert, während die Farm Be 11 s c 111׳ in e 11 uml die Genossenschaft Merchawjah die benachbarte jüdische Stadtbevölkerung mit Milch versorgten. Es ist zu erwarten, daß cs 'dem Jüdischen Nationalfonds durch steigende Spcndencingängc ennöglicht werden wird, auch fernerhin für die Steigerung der Eigenproduktion und die Schaffung von Arbcitsgclcgcnbcitcn in Palästina vorzusorgen. Prof. Dr. Karl Marti (Zu seinem sechzigsten Geburtstag.) Kürzlich hat der bekannte Orientalist Herr Prof. Dr. Karl Marti seinen sechzigsten Geburtstag begangen. Fr ist geboren am 25. April 1855 in Bubendorf (Basellaml) als Sohn protestantischer Eltern und stiidiene in Basel, wo er einige Zeit ein Schüler von Nid/sche war, und iu verschiedenen Hochschulen Deutschlands. Von 1878—1895 war er Pfarrer in Bims und Muttenz und zu gleicher Zeit Privatdozcnt an der Baseler Universität. Im Jahre 1895 ist er als ordentlicher Professor für Theologie und orientalische Sprachen nach Bern berufen worden. Er verfaßte u. 3. ״der Prophet Jcrcmia von Anatot“ (Basel 1889), ״der Prophet Sacharin der Zeitgenosse Serubabels“ (Freiburg 1892), ״Kurzgefaßte Grammatik der biblisch-aramäischen Sprache“ (Berlin 1896, 2. Aufl. 1911), ״Gescliichtc der israclifischen Religion" (Straßburg 1897, 5. Aufl. 1907, unlängst ins Japanische übersetzt). In dem von ihm herausgegebenen kurzen Handkoinmcnlar zuin Alten Testament (Freiburg und Tübingen) bearbeitet er Jcsaias (1900); Daniel (1901) und die zwöll kleinen Propheten (1904); ״Die Religion des Allen Testanieiits unter den Religionen des vordem Orients“ (Tübingen 1906); ״Stand und Aufgabe der alttesta- «!entliehen Wissenschaft In der Ocgcnwart" (Bern 1912). Nach dem Tode Stades wurde er zum Herausgeber der ״Zeitschrift für die alttcstamcntlichc Wissen- Schaft■׳, Es sind nun dreißig Jahre, daß dieser große Gelehrte eine fruchtbare und segensreiche Tätigkeit in Wort und Schrift auf dem Gebiete der alttestamantliclicn Wissenschaft entfaltet; er ist dieser wissenschaftlichen, verantwortungsvollen Arbeit von ganzem Herzen ergeben. Neben Wellhausen gehört zwar auch Cr den Bibelforschern der extremen Riehtung an, allein sein kritisches Verfahren ist mehr ein positives, schaffendes; er zerstört, um ncuc9 aufzubauen. Es lebt in ihm ein« große, tiefe Liebe zu unserer Bibel und namentlich zu den Propheten, «ine Liebe, die in einer inneren, wissenschaftlichen Uebcrzeugung wurzelt, und aus dieser seiner Liebe zum Gegenstände erwächst seine Kritik. Er vertiefte *Ich in die Sprache und Gedankenwelt der Propheten und enthüllte das große Licht, welches sic überstrahlt, und die Ochcimnissc ihrer Entwicklung und Vervollkommnung, Sowohl In seinen hervorragenden Werken als auch in den Vorlesungen sucht er die erhabenen Ideen und hohe Ethik der prophetischen Lehren hervorzuheben. Mit heiligem Eifer tritt er für die unvergleichliche, überragende Grüße der Propheten ein und in seinem Aufsatze ״die Prophet c 11 Israel s", den er eigens für den vom Schreiber dieser Zeilen herausgegebenen ״Hagoren" (ßd. 8) verfaßte, weist er nach, daß die Propheten eine in der Geschichte einzig dastehende Erscheinung sind, mul bekämpft diejenigen Gelehrten, die in der antiken Welt, namentlich bei den Acgyptcrn ähnliches zu finden glauben. Karl Marti ist einer von den wenigen christlichen Gelehrten, deren Liehe nicht nur auf das prophetische Judentum beschränkt ist. Das Judentum ist in seinen Augen nicht ein Stück Vergangenheit, eine Mumie. Mit lebhaftem Interesse verfolgt er das Wiederauf lebe n des jüdischen V cf I k e s und s e i 11 e r S p r a c 11 c in Palästina und es braucht selbstverständlich nicht erwähnt zu werden, daß im bekannten ״Sprnchcnknmpfc“ er auf der Seite der ״Hebraisten“ stand. Eine wahre Freude ist cs auch für ihn, daß diejenigen, die er früher zu seinen Schülern zählte, zu den Begründern und Lehrern des Jaffa er Gymnasiums wurden. Den typischen Gelehrten, bei dem die Objcktivitnt gleichsam die Grundeigenschaft seines Wesens bilde!, erkennt man auch in seinem Verhältnisse zu den Schülern. Dieses ist nicht von der Art jener stereotypen ״Freundlichkeit“, die gewisse Professoren vor allen ihren Schülern zur Schau tragen. Er fordert nicht nur große Kenntnisse, sondern Liebe und Hingäbe zur Wissenschaft. Hat er einen nach seinem Wunsche unter seinen Schülern gefunden, so bckündet er für ihn ein wahrhaft väterliches Interesse und wird ihn niemals vergessen. — Sehr beliebt lind hochgeschätzt ist er bei seinen Schülern. Sie wissen alle den großen Gelehrten und großen Menschen in Ihm zu scliiitzcn. Als jüngst seine jüdischen Hörer, die sich zurzeit hier befinden, durch einen Zufall erfahren haben, daß er seinen (10. Geburtstag begeht, den er selbst bei seiner großen Bcschcidenheit in aller Stille abzulialten gedachte, versäumten sie es nicht, ihm eine sehr herzliche, nuf Pergament geschrieben^ hebräische Adresse zu überreichen. Bei gleicher Gelegenheit richtete auch der akademische Zionistcnvcrcin von Bern ein Gratiilationsschrcibcn an ihn. Wie sehr ihn diese Beglückwünschungen erfreuten, brachte er in seinem Antwortschreiben zum Ausdruck, das von tiefer Liebe und Hochachtung zur hebräischen Kultur in Palästina getragen ist. Bern, 30. April. Dr, S. A. H 0 r o d e z k y. Perez ״Die Nacht auf dem alten Markt“ Deutsch von Hugo Zuckermann. Dieses von uns augckiiiuligtc Werk ist soeben im Verlage R. Löwit, Wien I, Rotcntiinnslr. 22, erschienen. Es darf gesagt werden, daß es durch seinen tiefen Oelialt und die durchaus bibliophile Ausstattung eine seltene Zierde auf dem jüdischen Büchermarkt darstellt. Das Buch ist als erster Band der Jüdischen L i e b h a b e r h i b 1 i ״ t h e k in einer numerierten Auflage von 300 Exemplaren gedruckt worden und wird nur an Subskribenten abgegeben. Der Preis filr das in feinstes Knlblcdcr gc- Dtmdenc Exemplar beträgt K. 25,-■ - M. 20,--. Bestellungen nimmt der Verlag noch bis zum 15. September entgegen. Nach diesem Termin erhöht sich der Preis auf K, 50,— -- M. 10, - pro Exemplar. Iu der Einleitung zu dem Werke sagt Martin Bube r: Der Dichter dieses Werkes und sein IJchcrsetzer sind In diesem Jahr des großen Todes von uns gegangen. Jizchok Leibusch P1: r c z ist mitten in dem iciuvollcn Wirrsal gestorben, das der Krieg über die Judenschaft der Stadt Warschau gebracht hat. Hugo Zuck ermann ist als östcrreichischer Offizier gefallen, wie cs sein Reitcrliedehcn vorahnte. So nahen sic, passiv der eine, aktiv der andere, mit ihrem Sterben das denkwürdige Schicksal des Judentums an der Zeitwende bezeugt, den kriegführenden Völkern verhaftet zu sein, ihren Streit mit dem eigenen sinnvoll oder absurd verflochten zu kämpfen, ihr Leid mit dem eigenen unsäglich verschmolzen zu tragen, namenlose Treunung und namenlose Einheit zu erfahren. Zwicfältig erhöht erscheinen sic heute meinem Herzen. Perez, der Dichter, zeigt auf seine Gestalten lind will entschwinden, aber neben diesen Gestalten, noch erclenscbwcr und doch fast schon Ocstalt wie sie, stellt dieser junge Mensch, den Ich gekannt und geliebt habe, Hugo Zuckermann, ganz still, ganz gelöst, und wartet, daß er zum Sinnbild werde. Den Freunden und Verehrern von Perez und Zuckermann wird mit dieser Publikation das würdigste Andenken geboten. / Aus Briefen vom polnischen und galizischen Kriegsschauplätze Der in New York erscheinenden jiddischen Zeitung ״Vorwärts“ entnehmen wir im nachfolgenden einige auch jetzt noch charakteristische ßrietauszüge. Sic beziehen sich auf die Zeit, da die Bukowina und Galizien von den Russen hcsetzt waren. Lukovciza (Bukowina). ״. ,. Schon drei Wochen hören wir die Kanonen donnern und sehen die Flüchtlinge aus C/emowitz und den anderen Städten der Bukowina. Man flüchtet aufs Geratewohl, mir um dem Feinde möglichst fern zu sein. Man läßt das Vermögen zurück und sucht nur das nackte Lehen zu retten. Man schläft auf der Erde und nährt sich von Zwiebeln und Kartoffeln. Mensehen, die früher reich waren und in Luxus gelebt haben, reißen sich lim eine Kartoffel. Ja, schöne Zeiten haben wir erlebt! Niemanden hat das Unglück so hart getroffen wie uns Juden. Die Kosaken rauben und morden mir Juden, und die ruthcnischcn Bauern helfen ihnen noch dabei. Sie zeigen den Kosaken, wo sieh die Juden befinden, wer Geld hat usw. So oft jemand von uns sich an einen der Offiziere gewandt und ihm gesagt hat: ״Weshalb läßt Ihr Eure Soldaten rauben und morden?“, wurde man in einer solchen Weise abgefertigt, daß man sich nicht mehr beklagen, sondern lieber schweigend leiden will." Ein Flüchtling aus Us/yki (bei Przcmvsl), der sich jetzt in Teplitz. befindet, schreibt; ״Lieber Bruder! Ich will dir ein wenig von tinsern Leiden erzählen, die wir in liiiserm Städtchen ausz.ustehcn hatten, als die Russen gekommen sind. Es war am ersten Tag von Rosch Haschono; alle Juden hatten sieh in den Synagogen und Bethäusern versammelt und weinten und beteten zu Gott, er möge unserin Volke helfen, du wurde plötzlich gemeldet, daß die Kosaken kommen. Wir waren ganz bestürzt. Manche haben die Sprache verloren, andern sind die Fülle wie gelähmt gewesen. Man konnte nicht sprechen, man konnte sich nicht rühren. Die Baueni sind erfreut den Kosaken entgegengekommen und hallen sie hegnillt. (Die Juden taten dies nicht.) Die Bauern schrien, jetzt sei ihr Messias gekommen. Lieber Bruder, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein Kosak einem Juden den Kopf abgehackt hat. Stelle dir vor, was das bedeutet, ein solches Bild mit eigenen Augen zu sehen. Die Bauern schrien: Jetzt ist die Zeit, gekommen, da man alle Juden totsehlagen wird. Die Kosaken haben auf alle jüdischen Häuser geschossen. Die Juden hielten sich versteckt und mußten sehen, wie die Kugeln um sie cinschlugen. Jeden Augenblick waren sie auf den Tod vorbereitet. Dann haben die Kosaken den Befehl gegeben, die Juden sollen für sie Brücken hauen. Die Juden, die ihr ganzes Leben weder mit Hammer noch mit Nagel zu tun hatten, mußten arbeiten, während die Ruthcncn frei waren, Bei ihnen war ja der Messias gekommen — es herrschte allgemeiner Julie(. Die Brücken sind fertig geworden. Aber Engel haben hier wohl gearbeitet. Sonst ist cs!!!!begreiflieh, wie unsere Juden solche Brücken haben fertigstellen können. Einmal haben mich Kosaken auf der Straße aufgegriffen. Zuerst haben sie meine Taschen durchsucht und als sic nichts gefunden haben, fragten sic mich: '״Bist du ein Jude?" ״Nein,“ habe ich geantwortet. ״Ein Pole?״ ״Nein.“ ״Ein Russe, ein Ruthene?" ״Ja.“ Diese Lüge hat mir das Leben gerettet, Sonst wäre ich wohl jetzt schon tot, gleichwie viele andere galizisehc Juden, die den Kosaken in die Hände gefallen sind. Unweit von uns haben die Kosaken drei jüdische Knaben aufgegriffen. Sic banden sic an die Beine der Pferde und ritten mit ihnen in der Stadt herum. Und die Juden mußten das mit anschen. Dies alles haben wir leiden müssen, bis unser Militär eingedickt ist und die russischen Mörder sich zurückzichcn mußten, O, wie freuten wir uns über unsere braven Soldaten, unsere Retter! Das Schönste und das Beste haben wir ihnen entgegengetragen I Vier Wochen war bei uns das österreichische Heer. Dann mußten sie sich zurückzichcn, und zusammen mit Ihnen sind wir geflohen. Wir wollten nicht noch einmal unter russischer Herrschaft «ein. Besser Irgendwo vor *