Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1915)
- Date
- 1915-07-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 250 Nr. 31 »־*־1 ־..־.ä.*Z JUED1SCHE RUNDSCHAU Unterdrückung der Warschauer jüdischen Tageszeitungen 27, Juli, 9 Uhr abends. Aus Kopenhagen wird uns telegraphisch mitgcteilt, daß die russischen Behörden soeben die Warschauer jüdischen Tageszeitungen 'Ha int, Moment und Hazefirah für die Dauer des Krieges verboten haben. Die letzten Nummern der jüdischen Zeh tungen H a i n t und Moment, wie der he* brauchen Hazefirah hatten schon das Wab ten der strengsten russischen Zensur erkennen lassen. * Unter dem Namen ״Jewrejskaja Shisn“ (Das jüdische Leben) erscheint jetzt in Moskau eine neue zionistische Wochenschri ft. Die erste Nummer, die uns bereits vorlicjft, ist 24 Seiten stark und enthält eine ganze Reihe von Aufsätzen und Nachrichten. Schon in der ersten Nummer sind mehrere Seiten von der russischen Zensur gestrichen. Elija Goitein-Stiftung Auf verschiedene Anfragen gibt die Mannheiincr Ortsgruppe bekannt, daß die Stiftung an den Jüdischen Nationalfonds angegliedert werden soll. Die Bestimmung über die Verwendung des Stiftungsbetrages bleibt einem Beschluß der Ortsgruppe im Einvernehmen mit dem Jüdischen Nationalfonds und dem Palästina- . Amt Vorbehalten, der nach dem Kriege gefaßt werden soll. Unsere Aufgabe Angesichts der aus Rußland kommenden Nach• richten werden diejenigen, die tätig an den Oeschicken des jüdischen Volkes teiliuhmen, sich schon heute darauf einrichten müssen, daß die jiidisehe Wanderbewegung nach dem Kriege Formen und nimeusionen nnneliincn wird, wie wir sie vorher noch nicht gekannt haßen. Wer ein andcrcs Bild zu sehen vorgibt, täuscht sich und die andern. Auf die Details des Bildes kommt es heute rieht an. Es kommt nicht darauf an, ob der Strom der jüdischen Auswanderung sich direkt über Deutschland ergießt oder ob er vielleicht von Behörden nach anderen Städten gelenkt wird. Wir wollen uns heute nicht die Details, sondern die Größe des Bildes vor Augen halten: mag unser Volk auch nur ein Vierzehn-Millionen-Volk sein, so wird das Schicksal, das sich jetzt an uns erfüllt, vom Schicksal keines andern Volkes an Grolle überholen. Die führenden Kreise, besonders die, die die Schaffung einer Volkshcimstättc ablchncn, werden zu der Einsicht kommen müssen, dal! weder vvirtschaftliehe Maßnahmen noch politisch-diplomatische Schritte das Unglück erfassen. Auch unter jenen, die dem Schicksal des jiidisehen Volkes aus geistiger Ferne zuzuschauen pflcgen, gibt es wohl nur wenige, die da glauben״ nach dem Kriege werde die jüdische Wandcrbcwcgung auch nur in den gewohnten Bahnen weitergehen, und wir hätten nichts weiter zu tun als das, was wir bisher getan haben. Wir jedenfalls müssen uns klar darüber sein, daß dieser gewaltigste Krieg der Ocschichtc auch die gewaltigsten Erschütterungen des jüdischen Volkskörpers nach sich ziehen wird und deshalb auch die gewaltigsten Anstrengungen von uns verlangt. Wir durchleben jetzt eine Zeit der Superlative. Die Anstrengungen, die die organisierten Nationen zu ihrer Erhaltung und Verteidigung machen, sind von ungekanntcr Größe. Es bedarf nur eines Aufrufes, eines Befehls oder einer Verordnung, um das ganze Volk zu Taten unvergleichlicher Kraft und Ausdauer zu veranlassen. Wir wollen demgegenüber nicht vergessen, daß wir nicht die Macht haben, unsere Volksgliedcr zu größten Kraftanstrcngiingcn zu bewegen, besonders nidit jene, die abseits jüdischen Geschehens stehen. Was ich daher als unserc Aufgabe, als zionistische Aufgabe, betrachte, ist Vorbereitung au! die Oröße der Pflichten, die bcsonders uns deutsche Juden nach dem Krieg« erwarten. Wir müssen In allen Formen dem deutschen Judentum sagen! die Judennot ist so groß, daß alle bisherigen Beispiele von Opfersinn und Wohltätigkeit nicht ausreichen werden, um ihr zu steuern. Die Judennot ist so groß, daß alle bisherigen Formen jüdischer Wohlfahrtsbestrebüngen das Unglück gar nicht erfassen. Die Judennot ist so groß, daß nur die größten Anstrengungen des gesamten Volkes Ab- Hilfe zu leisten vermögen. Das ist die Aufgabe, die zionistische Aufgabe der Gegenwart. Georg Herz. Brief aus Holland (Von unserem Berichterstatter.) Mitte Juli 1015. 111 meinem früheren Brief erwähnte ich bereits den vom Niederländischen Zionistischen Studentenbund vorbereiteten F e r i e 11 k u r s 11 s. Sein Beginn ist nunmehr auf Sonntag, den 25. Juli, festgesetzt Schluß am 'JO. Juli. Anfangs dieses Monats halten sich 72 Teilnehmer, darunter 4!) Studenten, zum Kursus aiigcmelilct. Das Programm hat noch eine Acnocrtiug erfahren, insofern, als Fräulein Sclinc I I e r t z ־ b e r g e r über ״Die jüdische W a 11 d c r b c w e - g 1111 g“ und I ferr L. C 11 n s a 11 o vv i t s c 11 über ״G e - schichte u ml E 111 w i c k I u 11 g des j ti - d i s c 11 e 11 S o /. i n I i s m u s“ und ״G e s c 11 i c 11! e und E 111 w icklungdcrj ti d i s c h e 11 0 e w e r ks c 11 a f t s h c w e g u 11 g“ Vorfragen werden, l’rofessor Om st ei 11 hat die enzyklopädische Eiiitührimg und ein resümierendes Schlußwort übernommen. Es finden auch gemeinsame Exkursionen der Kursteilnehmer statt. Sicherlieh wird der Ferienkursus zur Vertiefung des zionistischen Wissens beitragen und 11er niederländischen Organisation neue fällige Kräfte für die Belehrung im Innern und die Propaganda nach außen gewinnen. Daneben kann der Kursus für die geplante wissenschaftliche Zeitsdirift des Zionismus eine gute Grundlage schaffen. Der Besuch des Ferienktirstis ist übrigens auch Nichtzionisten freigcstcllt. Schade, daß die deutschen Zionisten voraiissichtlich ״infolge Unabkömmlichkeit“ überhaupt nicht vertreten sein werden, Um den Mitgliedern des belgischen Zionisten ve rbandes (die Bezeichnung gefällt allerdings nicht allgemein) Gelegenheit zu einer Aussprache über die Enge unserer Bewegung zu geben, berief die Leitung der Föderation Mitte Juni in Sclicveningcn eine Versammlung ein, die recht gut besucht war. Herr Josef Cohen aus Antwerpen gab eine übersichtliche Schilderung der vom zionistischen Standpunkte interessierenden Begebenheiten seit Ausbruch des Krieges und mahnte vor allem zur Einigkeit. Die Versammlung wurde auch zur Schekels a m m - 11111 g benutzt. Mau nahm in Aussicht, regelmäßig alle 2 bis 3 Wochen Vorträge abzuhaltcn, Am 20. Tnmus veranstalteten die Antwerpcncr Zionisten eine würdige 11 e r z I - G e d e n k f e i e r. Redner wann die Herren Jcau Fischer und S. K a p I a n s k y. Eine außerordentliche Versammlung der holländischen M i s r a c 11 i s t c 11 fand am 4. Juli in Amsterdam statt. Hauptredner der Tagung war Herr Ruhen Colin aus Antwerpen, der an die Erschiencnon die Aufforderung richtete, unter den orthodoxen Juden Hollands fiir die Misracliibcwcgung eifriger als bisher zu wirken, zu diesem Zwecke und behufs Vereinigung der isoliert wohnenden Misrncliistcn eine Zentrale des Misrnchi in Holland in Vorschlag brächte, die Bedeutung der jüdischen Presse beivorhob und die Begründung von Kursen für die Jugend anregte. Es schloß sich dann an das Referat eine länger« Diskussion an, die erkennen ließ, daß die Teilnehmer mit Begeisterung lind Energie alle Mittel;uizuwenden bemüht sein werden, die einer Reorganisation der m Israeli ist isclien Bewegung in Holland dienlich sein können. Besondere Erwiihnting verdienen die Ausführungen von Rabbiner de V r i e s (Haarlem), der in beredten Worten darlegte, warum er im Gallith das Grab des Judentums erblickt, wie es das größte Unglück des orthodoxen Judentums sei, daß es unbewußt ein Opfer der Assimilation werde. Aufgabe des Misraclii sei cs, die orthodoxen Juden zu nationalisieren. Es ist schon früher in der ״Jüdischen Rundschau" über das internationale Jüdische E m i g r a t i o 11 s - K o m i t e c berichtet worden, das sich vor einigen Monaten in Holland gebildet hat und kürzlich - wenn auch inoffiziell — zum ersten Male an das Licht der Oeffentliclikcit trat. Das Komitee setzt sich aus Angehörigen wohl aller jüdischen Richtungen und großen jüdischen Organisationen in Holland zusammen, mul wenn Namen für die Hüte einer Sach« bürgen können, so scheint hier in Anbetracht der Mitwirkung einer Reihe wirklich hervorragender und einflußreicher Persönlichkeiten in der Tat Gewähr vorhanden, daß ein wahrhaft bedeutendes, segensreiches Werk zuin Wohlc der jüdischen Allgcmeuihiit im Entstehen begriffen ist. Die Initiative des Emigrations-Komitees, das dem Vernehmen nach die Begründung ähnlicher Komitees Im Auslände veranlasscn und sieh mit diesen vereinigen will, hat sich mit dem Programm, eine Reg 11 Her 1111 g der jüdischen Masse 11 Wanderung herbeizuführen, eine Aufgabe gestellt, wie sic kaum großzügiger, aber auch schwieriger gedacht werden kann. Selbstverständlich soll die Tätigkeit der auf dem Gebiete des Etnigratiouswescns bereits tätigen Körperschäften respektiert und möglichst gemeinsam mit ihnen vorgegangen werden. Ob die Leiter der großen jüdischen Hilfsorganisationen zu dem beabsichtigten Zusammenwirken geneigt sein werden? Im Interesse der Hundorttausende unserer Brüder, die das Elend des Krieges zum Wanderstab greifen lassen wird, wäre dies wahrlich zn wünschen. Da könnte eine Berufsgliederung und •Verteilung über die aufnahme- 1 ׳ fälligen Länder, in denen nach dem betreffenden Meiischeiunaterial Nachfrage herrscht, vorgenoninicn werden. (Hierbei ließe sich vielleicht ritte engere Verbindung der luden mit der Landwirtschaft erreichen.) Die Auswanderer könnten beizeiten durch Sprachunterricht auf ihr künftiges Wohnl.ind vorbereitet werden. Ls ließen sieh unter Ausnutzung vor" hnmk-ncr wertvoller Beziehungen Widerstande bei stimmtcr Kreise gegen die jüdische Einwanderung leichter überwinden tisv. Vor allem kann hier durch planmäßiges Handeln einer beispiellosen Kata. Strophe vorgebeugt werden, an deren Folgen auch die westeuropäische Judenlieit schwer zu leiden haben würde. Es versteht sich von seihst, daß sieh die führenden niederländischen (iesinnungsgenossen der Beteiligung an den Vorarbeiten des Eipigrations. Komitees nicht entzogen haben. Auf der jüngst »!)gehaltenen holländischen l.andcs• konteren/, der Alliance Israel ite Uni vorseile wurde im Anschluß an ein Referat über die Jmlcnfrage im Zusammenhänge mit dem Weltkrieg( eine Resolution angenommen, in der u. a. die Bereit-, sebaft der Abteilung der A. I. U. fiir Holland aus■ gedrückt wird, daselbst als in einem neutralen Lande mit Genehmigung des Zentralkomitees die Vorbereitungei! für eine unter äußerster Kraft.-msp.nimmg zu entfaltende Aktion zu übernehmen, die, gelreu der Tradition der A. 1, U. und im Zusammenwirken mit anderen Organisationen, auf die Beseitigung jeder Rechtsiingleichlieit der Juden in den kriegführende» Eämlerii nach eingetretenem Frieden hinwirken soll, lin ״J 0 o d s c 11 e W a c h t e r" widerrät ein Ci(! siimungsgeuosse, der die ״Gegeinvartsarheit‘1 bckämpft und um die ״Sauberkeit“ des zionistischen Programms besorgt ist, einer Beteiligung von zi«. nisiiscber Seite an den skizzierten Bestrebungen der A. I. U. Wir müßten uns auf die Verwirklichung des Basler Programms konzentrieren unU dürften unsere Kräfte nicht zersplittern. lin Zionistischen Hroschiirenverlag zu Arnheim ist eine Schrift ״Das jüdische Volk und der K r i e g" von Henri t d e r s 11 c i m erschienen. Eine Natioiialfoiulshroscliiirc ״Palästina und der Krieg“ wird von Alfred Polak, dem rührigen Leiter der J. N. F. - Saminelstelle fiir Holland, vorbereitet und demnächst hernusgegehen werden. Der ״Nieuwe Rotterdamer Courant1' berichtet, daß unter den jüdischen Studenten Hollands eine Bcwegiing entstanden ist, um in erster Linie den vom Kriege betroffenen studierenden Stammcsgcnnsscn Unterstützung zu gewähren. Im September soll eine Versammlung zwecks Gründung einer Vereinigung stattfinden, welche die Unterstützung jüdischer■Stndeuten in den kriegführenden Ländern zur Aulgäbe hat. Das l eben in den K 111111 s g e in e i ״ d u 11 nimmt einen höchst friedlichen Verlauf. Die Bedeutung der Spaniolen geht immer mehr zurück. Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß ich im vorigen Briefe bei Kennzeichnung der Verdienste des Jiigcmlvcrcins ״H a s c 11 a e h a r“ in Seheveiiingen die [) n in e 11 a b t e i I u 11 g dieses Vcreins unerwähnt ließ. Ich hole das Versäumnis um so lieber nach, als die weibliche Gruppe des ״ll.iscliacliar“, die unter der Leitung von Erl. Bala Hirnha um steht (diese Dame batte mit Erfolg beim Internationalen l'rmieiikongiell im Haag als N itionaljiidi 11 das Wort ergriffen), tatsächlich treffliche zionistisclu■ Arbeit leistet. Wenn auch das jüdische Leben in Holland keine weiten Kreise zieht, was vielleicht mit der Ablehnung der ,,Gegenwartsarbeit“ zionistischerscits zusammenbängt, so pulsiert doch, wie ich auch schon früher gezeigt zu haben glaube, wenigstens in den Reihen der Zionisten ernstes Streben und löbliche Schaffen1»• frei ule. Vom Jüdischen Nationalfonds (Spcndcncingängc im I. Halbjahr 1015. — Wirksamkeit In Palästina.) Im Juni dieses Jahres haben die Eingänge an Spenden insgesamt 55,203 M. betragen. Davon entfallen auf: Nordamerika 41,505 M,, Deutschland 1245 M., Rußland -1050 M., Oesterreich 350t M., Holland 404 M., Dänemark 343 M., Italien 202 M.. Schweiz 229 M., Australien 204 M״ Bulgarien 102 M. und Schweden 84 M. Die Einkünfte des Natioualfonds im 1. Halb• j a 11 r 1015 haben nunmehr die Höhe von 21I,8-W1 M. (I. Halbjahr!914: 1306,958 M.) erreicht; gewiß ein befriedigendes Ergebnis angesichts der durch den Weltkrieg entstandenen Schwierigkeiten. Es ist bcgreiflich, daß die Nationnlfonds-Eingängc in den unmittelbar vom Kriege berührten Ländern eine EinbtiBe erlitten haben. Es ist aber bezeichnend, daß fast nirgends die Sainmelarbeit unterbrochen wurde. In den Vereinigten Staaten ist ein erfreuliehet Zuwachs von 50 ״> gegenüber dem Vorjahre fcstzustellcn. Auf die einzelnen Landcssammelstellcn des Natioualfonds verteilen sich die Halbjahrcscingängc folgendermaßen: Nordamerika 412,152 M-, Deutschland 24,014 M., Oesterreich 19,813 M״ Rußland 17,971 M., Rumänien 8548 M., Caitada 7742 M., Holland 6773 M., England 5302 M., Argentinien 1759 M., Griechenland 1747 M״ Italien 1509 M., Schweiz 1382 M., Frankreich inkl, Tunis 673 M.׳ Australien 466 M., Südslavische Länder 429 M., N*