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Jüdische Rundschau · 1915-07-31 · Heft 31 (31.7.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 31 (31.7.1915)
Date
1915-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 248 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Nr. 3t werden wir marschieren und werden sterben für Frankreich, für die Juden, für die Befreiung aller Juden, Es lebe die Freiheit, es lebe die Republik, es lebe das freie, edle und demokratische Frankreich. Ich umarme Euch Euer Litwak , , . ״Liebe Freunde 1 Ich schreibe nach der Schlacht. Ich und Brascr sind unverwundet geblieben. D o s i k ist schwer verletzt, Litwak ist tot. Wir haben eine grolle Anzahl von Gefangenen gemacht, haben Maschinengewehre und Kanonen erobert. Die Deutschen sind 8 Kilometer zurückgeworfen worden. Ich sah Fisch mann mitten im Kampf, wie er den Verwundeten zu Hilfe kam. Alle unsere Freunde, die russischen Juden, sind tot oder schwer verwundet. Von den 4000 Juden unserer Brigade leben noch IW. Gott schütze uns! Heute werden wir zum zweitenmal in den Kampf gehen , . .״ Durch diese Veröffentlichungen in der ״Ouerre sociale“ erfuhr man also zum ersten Male näheres von der jüdischen Lcgion, die bisher als ״slawische“ Abteilung in der Fremdenlegion figuriert hatte. Der Vorwarf des Schmarotzertums, den man den russisehen Juden machte, war nämlich nicht nur eine Verleumdung niedrigster Art, sondern auch die größte Undankbarkeit. In Wahrheit hatten nämlieh gleich Wi Beginn des Krieges mehr als 4000 russische Juden, in dem begreiflichen Wunsche, dem Lande, das ihnen einst ein Asyl gewährt hatte, in der Stunde der Gefahr mit ihren Kräften beizustchen, sich zu den französischen Fahnen gemeldet. Das Schicksal dieser 4000 hat sich erfüllt — sie sind nicht mehr. Die Fremdenlegion, von deren furchtbarem Todessturm bei Carency der deutsche Gcneralstabsbcricht erzählt, ist keine andere als die jüdische. Die gewaltige Tragik ihres Enthusiasmus, ihrer Enttäuschung, ihrer Qualen lind ihres traurigen Endes dokumentieren in erschütternd beredter Weise die drei oben wiedergegebenen von Herv6 publizierten Briefe jüdischer Soldaten von der Schlachtfront bei Arras. Während auf den Schlachtfeldern die jüdische Legion verblutete, erhoben sich immer lauter in Paris die Schmähungen gegen die Zurückgebliebenen. Eines Tages wurde eine große Zähl von Juden vor die Kommissariate zitiert, wo man ihnen in kategorischer Form die Alter-' native stellte: Einreihung in die Fremdenlegioh oder Ausweisung. Der Betroffenen, die von der schmählichen Behandlung und dem trostlosen Ende, das die jüdische Legion betroffen hatte — und noch mehr — wußten, bc-!nächtigte sich eine Panik, Wieder fand sich außer H e rv 6 niemand, der gegen diese Polizei- Willkür protestierte, die natürlich von den antisemitischen Blättern lebhaft begründet wurde. Ein Artikel Hervds in der ״Gucrrc sociale“ registriert die Tatsachen und versucht, mit den Hetzern abzUrcchnen, Wir geben diesen Artikel wieder, von dem bisher nur Auszüge bekannt geworden sind; er lautet: Für die Ehre Frankreichs Sind das irokesische oder pangcrmanistische Sitten? Was bedeuten diese Vorladungen aller in Paris ansässigen russischen Juden zu den Polizcikommissariaten, und diese Drohungen, die man gegen sic losläßt, daß sic, wofern sic nicht in der russischen Armee dienen oder sich in die Fremdenlegion einreihen lassen wollen, an einem der nächsten vier Tage als verdächtig in die Konzentrationslager abgelührt werden sollen? Welcher verantwortliche Minister hat den Polizeiprafekten bevollmächtigt, derartige Aufträge seinen Kommissariaten weitcr/.ugchcn? Und wenn die Kommissariate diese traurigen Aufträge nicht erhalten haben, was ist das für ein. Und, wo PolizeikoinmisSäre sieh hcrausnclnncil dürfen, derartige Erpressungen . auszuübcn gegen politischc Flüchtlinge, ohne daß sie innerhalb 24 Stunden ihres Amtes entsetzt und ins Oefängnis gesperrt werden? Die russischen Juden, die in Paris sich aufhalten, sind Flüchtlinge und Militärpflichtige. Es paßt mir nicht in diesem Augenblicke, wo das befreundete und verbündete Rußland schmerzvolle Stunden durchlebt, zu erzählen, wie es pur allzulange die Juden behandelt* hat. Es hat sie behandelt, wie unsere Vorfahren sie im Mittelalter behandelten und wie das revolutionäre Frankreich erklärt hat, daß sie nicht mehr so welterbehandelt werden dürften im Lande der Mcnsdicnrcchte. Zu Tausenden sind sic aus Rußland geflohen, so wie einst die französischen Protestanten im siebzehnten Jahrhundert Frankreich verließen, um den ״Dragonnadcn" zu entgehen. Dieser jammervolle Auszug begann im Jahre 1882. Zu Tausenden, zu Hunderttausenden sind diese Unglücklichen geflüchtet. \^ohin flüchten, wenn nicht in die Lander, die so weit entwickelt sind, daß man cs einem Menschen nicht mehr zum Verbrechen anrechnet, als Jude geborc« zu sein, das heißt, einer der Rasscn| anzugehören, die durch ihre Intelligenz, durch ihre hohen sittlichen Eigenschaften der Menschheit die größte Ehre gcbraebt haben? Sic sind nach Amerika geflohen, wo sic heute 21/2 Millionen ausmnehen und wo sic sich Allmählich in dem großen amerikanischen Schmelztlcgcl amalgarnieren. Sic sind nach׳ dem freien England geflohen. Sic haben uns die Ehre erwiesen, hierher zu kommen, um auf dem Boden der französischen Rcpublik ein Asyl zu suchen. Die ersten Ankömmlinge, um 1882 herum, sind heute größtenteils mit jhren Söhnen naturalisiert und letztere, französische Bürger, cingcfügt in die übrige Bürgerschaft jeder Abstammung und jeder* Religion, die das französische Heer bilden, opfern ihr Blut seit elf Monaten, wie die übrigen Franzosen für das gemeinsame Vaterland. Aber diejenigen, die nach den Pogromen kamen, von denen die russische Revolution von 1906 begleitet war — schlaget in eurem Larousse nach, was ein Pogrom ist, wenn ihr's nicht wißt — sic mußten, da sic die fiir die Naturalisation notwendigen 10 Jahre des Aufenthaltes in Frankreich noch nicht hinter sich hatten, vorläufig Fremde bleiben. Diese nun sind cs, die man die Schamlosigkeit hat, vorzuladen, um ihnen zu sagen: ״Entweder kehrt ihr nach Rußland zurück, um in der russischen Armee zu dienen, oder ihr laßt euch In unsere Fremdenlegion cinrcihcn, sonst: nfarsch ins Konzentrationslager!" Nach Rußland! Aber selbst wenn sic den Wunsch hätten, in dieses Rußland zurückzukehren, das sic geflohen haben wegen der Verfolgungen und das sic sieh weigern, als ihr Vaterland anzuschcn, sic würden dort gleich nach der Ankunft als säumige Militärpflichtige eingesteckt werden. In unsere Fremdenlegion? Tausende haben cs getan, freiwillig, zu Beginn des Krieges. Als die deutsche Armee gegen Paris losinarschicrte, im August, haben sic sich in Nancy anwerben lassen. Ab! Man bat cs ihnen schön gedanktI Eine Administration ohne Herz und ohne Hirn — deren einzige Entschuldigung war — im August —, daß sie den Kopf verloren hatte —, hat sic nicht die Ungcheucrlichkeit begangen, für diese Geschöpfe voll Oefühl und Empfindsamkeit, die sich zusammengetan hatten, ohne je Soldaten gewesen zu sein, um eine Dankesschuld an das republikanische Frankreich zu zahlen, als Instrukteure und als Caders, — wen zu bestimmen? Korporale und Unteroffiziere der Fremdenlegion, von Algerien und Marokko 11er, an die Art der Behandlung gewöhnt, wie man sie den Bataillonen von Afrika, den Disziplinarsoldaten, den irgendwie Bemakelten und Entwurzelten aus all den Völkern zuteil werden läßt, die sich in Friedensräten als Söldlinge in unsere Legion cinrcihcn lassen. Heldenmütiger Litwak, dessen letzter Brief, gcschrieben am Vorabend seines ruhmvollen Todes in der Schlacht von Carency an der Seite von zweitausend anderen Juden wie du, ich hier veröffentlicht habe, verzeiht diesen armen Unteroffizieren, die cudi seit Monaten als ״jüdische Schweinehunde“ und ״Suppenfresser“ behandelten, euch, die ihr, ohne dazu verpflichtet zu sein, gekommen seid, in einer Stunde eines edlen Enthusiasmus, um euer adeliges Blut Frankreich zu schenken, das in euren Augen das Sytnbol aller Freiheiten und aller moralischen Größe war! Verzeiht ihnen — sie wußten nicht, was sic tun. Und man wollte nun wünschen, daß die russischen Juden, die wissen, wie man die ersten Freiwilligen ihrer Rasse behandelt hat, und die das schreckliehe I) r n m a kennen, das eben, vorgestern, die jüdische Legion so blutig hcimgcsucht hat, nicht weit von Carency — ein Drama, von dem ich aus patriotischer Scham nicht sprechen will, aber das bereits die ganze jüdische Kolonie kennt — man kann wünschen, daß diese russischen Juden sich in die Fremdenlegion cinrcihcn lassen? Wir suchen überall Sympathie: wahrhaftig, diese infame Drohung, die man gegen die jüdischen Flücht-!Inge aus Rußland losläßt, wird uns viel Sympathien verschaffen unter den zweieinhalb Millionen amerikanischer Juden, die in New York so einflußreich sindl . . . Was war das besondere Drama von Carency, von dem Hervö aus patriotischer Scham nicht sprechen will? Die jüdischen Soldaten hatten Protest eingelegt gegen die schmäh• liehe Behandlung und als Antwort darauf waren neun h i n g e r i cli t e t, achtzehn zu Zwangsarbeit verurteilt worden. Wir sind in der Lage, im nachfolgenden einen zuverlässigen Bericht über diese Vorgängc zur Kenntnis der Ocffcntlichkeit zu bringen, der eine Vorstellung von der verzweifelten Aufregung der durch die Polizei-Verordnung Betroffenen vermittelt, die ihr Heil in der Flucht nach Amerika suchen. Die Hetze der Antisemiten Gaue, Gali und Konsorten hat bittere Früchte getragen. Eine Ver- Ordnung der französischen Administration ruft russi• sehe Staatsangehörige unter die Fahnen, die Poh/cl überliißt ihnen nur die Wahl, entweder sich nach Rußland zu begeben, oder in die Fremden, legion einzutreten, oder dann Paris zu verlassen. Die Bedingungen in der Fremdenlegion sind schreckliche. In den letzten Kämpfen bei Arras-Carency sind Tausende von Frei, willigen gefallen oder verwundet. Offener Antisemitismus, unmenschliche Behandlung! A m 22, J ti n i ha~tdas׳Kricgsgc rieht neun Todesstrafeil volfzogcn, achtzehn Freiwillige sind zu Zwangsarbeit verurteilt wor• den wegen ihrer Proteste gegen die Bc• handlung und ihrer Forderung, in die reguläre Armee übergeführt zu werden. Die Maßregeln betreffen viele Tausende, sic verkaufen ihr Hab und Gut und greifen zum Wandcrstab. Die Schweiz und England sind abgesperrt. Hunderte fahren mit den nächsten Schiffen nach Amerika. Die Bemühungen des jüdisch-polnisch• russischen Komitees, vermittelst der sozialistischen Parlnmentsfraktion die Verfügung rückgängig zu machen, sind vorläufig rcsultattos geblieben. Die Stimmung ist sehr gedrückt. Keine Unterstützung der Pariser Presse, außer der ״Bataille syndlcaliste“ und dem mutigen Qustavc Herv(\ Ihre moralische Unterstützung tut not. Im Namen der interessierten Bevölkerung bitte ich fiir die Gast• (Kundschaft des freien Amerika zu sorgen. Die Pariser Hetzprcssc hörte nicht auf, ihr schmähliches Werk fortzusetzen. Und die französischcn Behörden kamen den chauvinistischen Neigungen der ״öffentlichen Meinung“ ohne viel Widerstand, ja mit Bereitwilligkeit entgegen. Gustave Hcrv.e blieb der einzige, der seine Stimme gegen das Unrecht und die Gewalttat erhob, als deren mitschuldige Zeugen alle anderen Faktoren des öffentlichen Lebens Frankreichs an- Zusehen sind. Wir geben aus der ״Gucrre sociale“ vom 28. Juni 1915 einen weiteren Artikel Gustave Hcrvös wieder: Der Kampf gegen die russischen Juden Der Kampf gegen die russischen Juden, die in Paris wohnen, dauert an. Der ״P e t j t P a r i s i e n“ teilt mit, daß er auf dein Polizeipräsidium und im Ministerium des Innern, wo er sich über diese Frage erkundigt hat, folgende denkwürdige Antwort erhalten hat: ״Die israelitischen Russen sind in keiner Weise Gegenstand irgendwelcher Ausnahmebestimmungen. Gesetz ist Gesetz; sie müssen sicli ihm unterwerfen, wie alle guten Bürger. Es geht nicht an, daß sic ihre militärischen Verpflichtungen nicht erfüllen. Wenn sic sich auf ihre russische Nationalität berufen, so sollen sic in Rußland dienen. Um den Fall des Ungehorsams zu vermeiden, hätten sic dorthin schon vor der Kriegserklärung zurückzukommen sich bcmühen müssen. Wollen sic in Frankreich dienen, so können sic nur in die Fremdenlegion gehen. Und, nebenbei bemerkt, wenn eine gewisse Anzahl von ihnen nach Algier geschickt worden ist, wo die gcwohnlichen Rckrutcn-Depots (der Fremdenlegion) sich befinden, so dienen doch so viele andere, b/w. haben gedient, in Orleans und in Sütlfr;inkreich in den Kricgsrckrutcndcpots. Wenn sic durchaus nicht Soldaten sein wollen, so gehören sie, wie andere Ausländer, in die Konzentrationslagcr. Jetzt, wo jeder in Frankreich seine Schuldigkeit tut, darf es für die russischen Juden keine Privilegien geben, so interessant sie sonst auch sein mögen.“ Wie, Gesetz ist Gesetz? Aber auf Grund von welchem französischen Oesetz — ich bitte den Minister des Innern und den Polizeipräfekten, sich daran zu erinnern, daß wir uns in Frankreich befinden und daß in Frankreich ausschließlich französische Gesetze gelten — nach welclicm Gesetz zwingt man die russischen Juden, die vor der Verfolgung in ׳Rußland geflohen sind, die in Frankreich als politische Flüchtlinge sich aufhaltcn und die man, wenn sie nach Rußland zurückkämen, einsperren würde, wie irgendeinen Burzef, wieso zwingt man die zum Dienst im französischen Heer?

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