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Jüdische Rundschau · 1915-07-31 · Heft 31 (31.7.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 31 (31.7.1915)
Date
1915-07-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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f Abonnement• I I a«f die wöchentlich •m Freitng er* | ■ ,rficlnende ״JBdlech« Rundachau"! I (,״.,),״ bei der Eipedltlon und bei! I eilen Poitömtern vierteljährlich M. 1,00 I I innerhalb Deutecblande, in Oeeterreich-! I Ungarn M. 2,50, im Aueland M. 8,—. י I Jlldledia Rondachan, O. m. b. H. | I III.RI.IN V. iS, SBcheieche StraBe 8. j I Telephon 1 Amt Uhland 845, 846, | | Poataohedrkontoc Scrlia Nr, 17392. | דיי r I I Anzeigen kotUa för di• nwlufw1p«IUn• Paki(• teil« oder d«1׳en Ratim 40 Pf.| SUtWa* AnfeWot« und -G«»ttch« •״wie Verein•* Mitteilung־«• und ״Klein• Aozeig«•* O O O O aar 30 Pfennig. O O O O Manuskript« werden» wenn Porto 1>«4ן»1!ז» •teti *unjckffnaddL Redaktioaiackdait MtttwoA *onnitUg•. Kadakti«n Jtldladb• Raadiflti■ BERLIN Wo 15, Slch«Ucb• Straft••. Te!«pk«n1 Amt Ukiand •43, 146» Pestachackkontoi BovUn Nr• 17 393. 'M I u Nummer 31 XX. Jahrgang. D>. r/tonlamua eratrebt für da■ jödlsclie Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimatfitte In Pal&sttna. ״Baseler Programm" Die Tragödie der russischen Juden in Frankreich ln den letzten Monaten machte sich in Paris jiniiH i lauter und immer deutlicher eine Hetze gegen die dort in beträchtlicher Anzahl lebenden russischen Juden bemerkbar. Nicht nur die ausgesprochen antisemitischen' Blätter, auch eine Anzahl der führenden Zeitungen machten sich, tun chauvinistischen Gefühlen zu schmeichelii, über die russischen Juden her, die, nebenbei bemerkt, sich zum allergrößten Teile aus pogroinfliielitigcn Proletariern rekrutieren. Man warf ihnen in unzweideutiger Weise vor, daß sie, während Frankreichs Söhne sich verbluten, ein Sclnnarotzcrdascin führten, daß sic sich dem russischen Heeresdienste entzögen, damit die Kraft der Alliierten schmälerten und sozusagen als ״innerer Feind“ die Gelegenheit benutzten, um Frankreich auszubcuteii. Dabei wurden alle dunklen Abenteurer aus aller Herren Länder, die Paris heute beherbergt, skrupellos diesen russischeu Juden zugezählt. In der gesamten frnnzösisehen Presse fand diese Hetze, die sich immer mehr Steigerte und in der Forderung gipfelte, diese Juden nach Rußland zurückzuschicken, keinen Versuch einer Abwehr. Bis eines Tages Gustave Hcrve in seiner ״Oucrre sociale" vom 20. Juni 1015 das Wort zum Protest ergriff. In dieser Nummer zitierte Herv c eine der hetzerischen Glossen des ״Petit Parisien", erwiderte in kurzen Worten und veröffentlichte drei Briefe. Wir geben die ganze Publikation wieder, überschrieben: Zur Beschämung der Antisemiten ״Diese Leute die jüdischen Vcrkäufer auf dem enrreau du Tcmplc sind eine wahre Plage; sie haben sieh erst hei uns schüchtern hincingcschUeheu und nun wimmelt es von ihnen. Welches ist ihre Nationalität? Ich rate es Euch nicht, es zu wissen: sic behaupten, sie seien alle Russen. Sind es polnische Juden? das ist möglich; Österreicher, Türken? das ist wahrscheinlich. Keine Papiere können ihre Identität beweisen. Diejenigen von ihnen, die jung sind und voll von Kraft und Gesumllieil, sind nicht mobilisiert worden mul werden es auch nicht. Also, unsere Leute müssen sich töten lassen, damit Ausländer, wie diese, es sich bei uns behaglich machen und Geld verdienen.“ (״Petit Parisien“ vom II. Juni.) Bei der ersten Schlacht bei Ar ras, die die glän/emtste Waffentat in den letzten drei Kriegsinonatcn darstellt, hat die Unerschrockenheit der F1 e in d c 111 e g i 0 n den Offizieren, die diese Tapfereu befehligen durften, Rufe der Bewunderung entleckt. Diese Legion, die man mit Unrecht die sin- "‘ischc. nennt, war zu ihrem größten Teil aus fus8l8c 11 •jüdischen Kriegsfreiwilligen zusammengesetzt. Es ist unbedingt erforderlich, daß die öffentliche Meinung in Frankreich über diese binge informiert wird, und zwar aus vielen Gründen, die alle bald genau verstehen werden. Ich gebe Im folgenden die Uebersetzung der, bemerkenswertesten Stellen aus zwei' Briefen, die von der Front her an Freunde nach Paris geschickt worden sind. Der eine «t nach der Schlacht geschrieben worden, und der «ndere, viel wichtigere, stammt von einem jungen Manne namens Litwak, der in der Schlacht getötet wurde und diesen Brief einige Stunden vor dem Kampf schrieb. .den 16. Mai. Outen Tag, liebe Freunde! Ich habe Euch traurige Nachrichten zu geben. Wir waren IOOO Manu, die in den Kampf zogen; es sind kaum <)00 wietlcrgckomtnen. Wir bildeten einen Teil der marokkanischen Division, im ganzen 28000 Mann (Zuaven, Schützen und wir), es war schrecklich; von (1 Haupttcutcn unserer Legion sind drei tot, auch der Brigailegeiicral ist tot; alle unsere Freunde sind tot oilcr schwer verletzt. Litwak ist tot, Dossik ist schwer verwundet und so noch viele andere. Unsere Leute sind tapfer gefallen, die Hrnst nach vorn (ein russischer Ausdruck). Wir haben drei Reihen von Schützengräben erobert, einen Hügel, ein Dorf. Ihr könnt die Einzel- I heilen in den Zeitungen nachlcscn. 111 r fragt nach 1 dem Oiunile von so viel Tapferkeit? Nun denn, I das Leben ist uns eine Last geworden. Sechs Monate schwerer körperlicher Entbehrungen in den Schützengräben und dann als Dank dafür von den französischen Kameraden zu hören: ״Ihr seid mir wegen des gefüllten Koehfopfes gekommen.“ Und nun hallen wir den Kochtupf ne/nhlt und den Preis dafür geben müssen! Die Schlacht war entsctzlich! Wenn ich jetzt noch daran denke, so scheint es mir, als ob ich wahnsinnig werde. Wir haben 2000 Gefangene gemacht. Viele töteten sie, aber ich kann Eticli schwören, daß ich keinen einzjgen von ihnen berührt habe und daß ich die anderen daran hinderte, ihnen etwas zuleide zu tun. Man kann nicht alles erzählen. Der kleine Michel wurde von "drei Kugeln getroffen, als er ' dabei war, den Verwundeten zu helfen, der brave Kerl! Ich fürchte nicht den Tod; was mich in diesem Augenblick atn meisten «!nält, das ist die Frage, wie ich den Tod von Litwak seiner armen Frau liiitlcileii soll. Er hat mich, im Falle seines Todes diese traurige Sache zu erledigen, aber icli bringe es nicht iilicrs Herz. Schreibt mir recht viel, ich fühle mich hier so einsam. Ich umarme Euch Euer .... Brief von Litwak (gefallen). Dieser Brief ist an einen Landsmann gerichtet, den er nicht persönlich gekannt, aber durch Briefe kennen gelernt hat, welche an Kameraden an der Front gerichtet worden waren, die dort einen kleinen Freundeskreis bildeten. ״Guten Tag, imhekanntc Freunde! Am Vorabend einer Schlacht, wo mich Gefühle erfüllen, die ich kaum erklären kann, fühle ich das Bedürfnis, Euch einige Worte zu schreiben. Ich empfinde instinktiv, uaß ich auf dem Felde bleiben werde und daß icii niemals die schöne Erde, die Sonne und den blauen Himmel Wiedersehen'werde; meine Seele ist voll Angst. Nein, ich werde weder meine Frau, noch mein Kind, noch meine Freunde Wiedersehen und wenn es mir in diesem Augenblick unmöglich ist, den fernen Lieben zu schreiben, so genügt die Feder doeli für Worte an Freunde, die ich zwar nicht kenne, aber die mir doch lieb sind. Ich werde Euch alles sagen, was die Seele erfüllt, wenn mau weiß, daß man seine letzten Stunden lebt, während die Kanonen dröhnen, inmitten aller Schrecken . des Krieges, Und je ängstlicher die Seele ist, um so stärker Ist der Wille, daß alle Welt sehen soll, wie 'Juden für die Freiheit, für ihr Ideal zu sterben verstehen. Wenn wir, die jüdischen Kriegsfreiwilligen, hcrbeiciltcn in jenen Tagen, da die Republik von Gefahren mndroht war, Seite an Seite mit den anderen Bürgern, da hofften wir, hei den militärischen Behörden dieses Landes eine Aufnahme zu finden, die den Gefühlen entsprach, die, uns gefülirt hatten. Wie bitter war unsere , Ent-, täiischung! Während des ganzen Winters, während des langen und qualvollen Aufenthaltes in den Schützengräben, waren die Qualen der Seele in jedem Augenblick unsere Begleitung. Bei jedem Schritt überlegte man argwöhnisch den Beweggrund unseres Handelns und unser brennender Wunsch, unser Blut für Frankreich hin zugeben, wurde'mit unserem Wunsche erklärt, die Soldatenkost zu essen. OI1, dieser verfluchte Koehtopf! Wie oft hat er uns schon nngewidert und wie teuer müssen wir ihn jetzt bezahlen. Was konnten wir in der ganzen Zeit antworten? Hört man denn liier auf Worte? Gab es denn hier einen einzigen Menschen, der sich die Mühe gab, unsere Seele zu erforschen, um uns zu verstehen? Nein, man betrachtete uns argwöhnisch, man mißtraut uns vielleicht! Und wir stellen nun vor Arras: in einigen Stunden werden wir in den Kampf gehen, zu aem wir den Befehl erhallen haben: Sternen, aber nicht zurückgehen! Ich weiß, «laß wir uns gut schlagen werden, daß Wir mit freier Brust sterben werden (russischer Ausdruck) und daß wir aller Welt zeigen werden, daß die Juden stolz zu sterben verstehen. Aber ich habe an diesem schönen, vielleicht letzten Abend einen Wunsch: Euch meinen Seelenzr.stand zu schildern, den eines Juden, den man hier nicht verstellt und den man nicht lieht. Wenn Ihr wüßtet, Ihr lieben unbekannten Freunde, wie oft ich Euch im Geiste für Eure Freundlichkeit gedankt habe, mir russische Zeitungen zu schicken. Und doch muß ich Euch gestehen, daß meine Dankbarkeit mit etwas Bitterkeit gegen Euch gemischt war, gerade wegen dieser russischen Zeitungen; denn teilen sic uns nicht die Schrecknisse mit, deren Opfer unsere Brüder sind, die dort in dem fernen Vaterland zurückgeblieben sind? Alles, was Ihr in diesen Zeitungen freundlicherweise angcstrichcn habt, ließ uns geradezu das Herz erzittern und rief in uns den Wunsch nach Rache wach gegen ich weift nicht gegen wen , jedenfalls gegen den, der diese furchtbare Ungerechtigkeit crlundeu hat. Oh, wie wären wir glücklich, wenn wir in einer französischen Zeitung ein Wort der MiB- Billigung gegen so viel Ungerechtigkeit finden würden! Niemand, mit einer Ausnahme, wenn diese Stimme des einsamen, mutigen Mannes überhaupt gehört wird. Italien wir nicht alte unsere Pflicht getan, unsere ganze Pflicht? Und während der jüdische Soldat sein Blut auf den Schlachtfeldern daliingibt, werden seine F'rait, seine Schwester, seine kleinen Kinder, bedeckt mit Schmach und Schande, von Haus und Hof vertrieben und füllen alle Straßen an mit ihrem Elend und ihrer Not. Diese Stellen, die Ihr mit «lern Rotstift unterstrichen habt, scheinen mir, als seien sic mit dem Blute des jüdischen Soldaten unterstrichen .... Der Tod flößt uns keine Furcht ein, wenn wir daran denken, daß er nicht unbemerkt vorübergehen wird, daß für die verfolgte jüdische Rasse irgend etwas Gutes daraus folgen wird. Wir werden Frankreich zeigen, daß die Juden für ein Vaterland zu sterben verstehen, das keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen macht. Entschuldigt diese Gemeinplätze, aber ich schreibe meine Gedanken aufs Papier, so wie sie kommen. Was mögen in diesem Augenblick meine Frau und mein Kind machen? Wissen sie, daß ich in diesem Augenblick noch lebe un<f doch glücklich bin, fiir das edle, republikanische Frankreich sterben zu dürfen, das aller Opfer würdig ist; denn es wird meine Frau und mein Kind nicht im Stich lassen, mein Kind, das ich selbst nicht mehr kenne. Mein teueres Kind, Dein Vater geht in den Tod für eine große Idee und er hofft, daß dieselbe Flamme auch in Deinem Herzen lodern wird. Ihr werdet meine Kinder küssen und meine Frau trösten und ihr sagen, daß ihnen bei meinem Tode mein letzter Gedanke galt. Wie erscheint mir mein früheres Leben so fern! Wie viel Sentimentalitäten! Ich fühle mich nur noch als Jude und als Soldat. In einer Stunde

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