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Jüdische Rundschau · 1915-07-23 · Heft 30 (23.7.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 30 (23.7.1915)
Date
1915-07-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 241 jüdischen Vertreter aus Moskau, Petersbürg und der P r o v i n z hat abermals einstimmig beschlossen, diesen die Ehre des Judentums verletzenden Vorschlag der mssisehen Regierung abzulehnen. Die Ueberfüllung der Orte durch die Evakuierten nimmt schreckliche Dimensionen an. Allein in Wilna sind 28 evakuierte Juden irrsinnig geworden. In verschiedenen Orten wüten Epidemien, besonders der Flecktyphus. Laut den neuesten Nachrichten stehen aber noch fürchterlichere Dinge bevor. Aus Warschau werden nämlich 100 000 jüdische Flüchtlinge zwangsweise nach bestimmten Orten der üouvernements Pensa und Woronesch verschickt werden. Die verbannten Juden sollen ihrer Bewegungsfreiheit wie Verbrecher vollkommen beraubt werden. Für ihren Lebensunterhalt sollen sie, wie Verbrecher, acht Kopeken pro Tag bekommen. Die Not unter den Vertriebenen ist unbeschreiblich. Trotz der beschlossenen und teilweise bereits durchgeführten Selbstbe- Steuerung der russischen Juden und trotz der amerikanischen Hilfe werden die Mittel nur noch für eine ganz kurze Zeit ausreichen. Eine schwere Depression herrscht unter den russischen Juden wegen des böswillig tendenziösen Geh eimerlasses des Generalstabs. In einem Erlaß sub Nr. 1193 befiehlt der Generalstab allen Abteilungs-Chefs, antisemitisches Material gegen jüdische Soldaten zu sammein und es an die höheren Instanzen weiterzugeben. Der raffinierte Erlaß schließt mit der Aufforderung, einige Fälle würdigen Betragens der jüdischen Soldaten ebenfalls zu registrieren, damit, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, die oppositionellen Elemente nicht auf die Tendenziösität hinweisen können. Durch einen öffentlichen Anschlag in allen Städten des russisehen Reiches verkündet der G e n e r a 1 s t a b die Aufhängung von Aaron und Sc hl io ma Salzmann sowie Boris Freidberg, der angeblichen Komplizen des wegen Landesverrats hingerichteten russischen Oberst Mjassojedow. Vergebens erwartete die Bevölkerung eine Begründung für die Verurteilung dieser ganz offenbar unschuldigen Menschen. Alle Welt weiß in Rußland, daß die unglücklichen Hingerichteten nie etwas mit Spionage zu tun hatten. Sie waren' Emigrations-Agenten und als solche gaben sie dem hingerichteten Oberst M j a s s o j e d o w , der als Chef der Grenz-Gendarmerie die Emigration zu überwachen hatte, mehrfach Bestechungen. Aber die russische Regierung brauchte eine J u d e n h i n r i c h t u n g. Die Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten (Bericht über die ״Conventio n“ in Boston) Am 27. Juni, genÄu 10 Uhr 30 Minuten vormittags, erhob sich auf der Tribüne, die von einer Reihe der hervorragendsten Juden Amerikas besetzt war, der bekannte Zionist Jakob de Haas und eröffnete die Convention der amerikanischen Zionisten mit einer kurzen Begrüßungsrede im Namen der B o s t o 11 e r Zionisten. In seiner Rede sagte Herr de Haas 11. a. folgendes: ״Ihr seid hierher gekommen, weil llir Eure verfolgten europäischen Brüder liebt und ihnen ein Heim in unserem alten heiligen Lande schaffen wollt. Ihr werdet um so bessere amerikanische Bürger sein, wenn Ihr Euere armen Brüder der alten "Welt nicht vergeßt und ihnen die Möglichkeit gebt, auf dem Boden unserer Väter Eijtwicklungsfreiheit zu erlangen. Hier in Neu-EnJSnd haben sich die hervorragendsten Traditionen Amerikas gebildet. Hier sind sie zum Leben erwacht, hier sind sie stark geworden und deshalb ist gerade hier der passende Ort für eine solche Convention wie diese." Es dauerte eine Weile, bis es dem Vorsitzenden gelungen war, den Enthusiasmus des Publikums zu beruhigen. Als es endlich im Saale ruhig־ geworden war, begann man nacheinander die Führer der verschiedenen jüdischen Organisationen vorzustellen, die in letzter Zeit das zionistische Programm angenommen haben. George Leon Sanders, der Großmeister des .,UnabhängigenOrdensBeritAbraha m‘‘, erklärte, endlich sei die Zeit gekommen, in der die jüdischen Orden eingesehen hätten, daß allein der Zionismus zur Lösung der jüdischen Frage beitragen Könne. Nach ihm kamen Herr L e w e ת s 0 11 n, Großmeister des Ordens ״Sons of I s r a e 1", und Dr. Rubinsohn vom Orden ״Berit S c h a I o rn“. Sie alle wurden stürmisch begrüßt und jedesmal, wenn ein Redner den Namen eines hervorragenden amerikanisehen Zionisten nannte, gab sich die allgemeine Begeisterung kund. Begeistert wurden die Begrüßungstelegramme aufgenommen, die der Vorsitzende vorlas, vor allem das Begrüßungsschreiben des Engeren A c t i o n s - Comites/ Auch die Begrüßungsschreiben von jacobus Kann, Jean Fischer, Josef C o w e n, Dr. ßodenheitner und anderen wurden mit Beifall begrüßt. Sehr warm wurde Herr Ben Jehuda aus Jerusalem aufgenommen. In hebräischer Sprache erzählte er, wieviel die amerikanische Regierung und besonders ihr Konstantinopeler Botschafter Morgenthau für die Juden in dieser schweren Zeit getan haben. Die Juden des heiligen Landes seien ihren amerikanischen Brüdern dafür dankbar, daß sie sie nicht vergessen haben. Ben Jehiida erklärte ferner, in den letzten Jahren hätten die Kolonien einen solchen Aufschwung genommen, daß auch die jetzige Krisis sie nicht vernichten könnte. Hiermit schloß die Begrüßung der Gäste und das Wort erhielten die amerikanischen Zionisten. Als!erster der Delegierten sprach Herr Harry Frieden wald aus Baltimore, Ehrenpräsident der amerikanischen zionistischen Föderation. Eine herzliche Ovation ward ihm dargebracht, ln einer kurzen, schönen Rede legte er dar, daß ein feuriger Zionist ein besserer amerikanischer Patriot sein kann, als ein Jude, der sich um sein eigenes Volk nicht kümmert. Der Nationaljude kann weit besser sein amerikanisches Vaterland schützen und ihm mit viel größerer Ergebenheit dienen. Der Redner lehnte den Vorwurf ab, die Zionisten beachteten nur den nationalen Gedanken, mn über ihm den religiösen völlig zu vergessen. Darauf sprach Herr Louis L i p s k i, Vorsitzender des Exekutivkomitees der Föderation der amerikanischen Zionisten. Er wies auf den riesigen Aufschwung hin, den die Föderation in der Propaganda wie auch in der Mitgiiederzahl genommen hat. Die Unterbilanz von 6800 Dollars ist ganz unwesentlich im Vergleich zu der hervorragenden Arbeit, die die Föderation geleistet hat. Im vergangenen Jahr sind die Leistungen des amerikanischen Zionismus in ungeheurer Weise gewachsen. Für die zionistischen Institutionen in Palästina und die Organisationszwecke sind im Laufe des letzten Jahres etwa 80000 Dollars gesammelt worden, und große Geldsummen sind zur Unter- Stützung der notleidenden Juden nach Palästina abgesandt worden. Die Föderation umfaßt jetzt 270 Vereine, während sie bei der vorigen Jahres-Convention nur 108 hatte. Die Mitgliederzahl der alten Vereine ist erheblich gestiegen. Die Föderation hat in 100 verschiedenen Städten 294 Massenversammlungen abgehalten, davon 72 allein in New York. Die Einkiinfte des Nationalfonds ־wuchsen von 37 000 Doll, im Vorjahre auf 50000 Doll, und die Einnahme an Schekeln von kaum 4000 auf über 5000 Doll. Im Namen des Frauenverbandes ״Hadassah“ begrüßte Fräulein Henriette Szold die Convention. Sic dankte für die Ovation, die ihr dargebracht worden ist, und berichtete über die Leistungen ihrer Organisation für die jüdische Frau und das jüdische Kind. Namentlich in Palästina hat die ״H a d a s s a h“ Schulen und andere Einrichtungen geschaffen oder an ihrer Schaffung mitgevvirkt. Beifall folgte dem Bericht. Hierauf wurde Herr Josef Baron dess, der Vorsitzende des Ordens ״Bne-Zion“, warm begrüßt. Er gab einen kurzen IJeberblick über die Tätigkeit des Ordens und berichtete über die großen Summen, die der Orden für den Nationalfonds, für die hebräischen Schulen und andere Institutionen aufgewandt hat. Herr D. Kaplan berichtete über die Organisation der ״K n i g h t s o f Z i o n“. Auch hier ist eine intensivere und fruchtbarere zionistische Tätigkeit im Verlauf des letzten Jahres zu bemerken. Der Orden, der 2250 Mitglieder zählt, hat im Jahre 1914 über 61000 Doll, gesammelt. Darauf sprach Herr Meyer Berlin im Namen des Misraclii in hebräischer und in jiddischer Sprache und erntete lebhaften Beifall. Im Namen der ״Zion Common W e a! t h“ und der ״A chusa h“ begrüßte Herr Roscnblatt die Versammelten. Er wies darauf hin, daß die Föderation bisher der A c h u s a h - Bewegung nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat, und (loch ist es gerade sie, die lebendige und fruchtbare praktische Arbeit in Palästina selbst schafft. Nach ihm betonte Herr David Schneeberg, der Vertreter des ״J u 11 g - J u d a“, wie wichtig es ist, der Jugend eine nationale Erziehung zu geben. Er gab einen IJeberblick über die Tätigkeit des ״Jung-Juda“ und verlangte für das nächste Jahr 5000 Doll, zur Fortführung der Arbeit. Eine der besten und interessantesten Reden war die von Dr. S y r k i n , dem Führer der P o a 1 e Zion. Dieser Redner legte dar, daß der Zionismus in hohem Maße auf die jüdische Arbeiterklasse angewiesen ist. Der Zionismus müsse die Frage des ganze n jüdischen Volkes, mit Einschluß des Proletariats, lösen. Wir dürften deshalb keinen Klassenkämpf in den zu bildenden jüdischen Ansiedlungen gestatten. Der jüdische Arbeiter müsse im Zionismus soziale Gerechtigkeit finden, dann würde der Zionismus Bestand lind Erfolg haben. Jetzt sei die richtige Zeit, um den Versuch zu machen, die jüdischen Arbeiter heranzuziehen. Gerade der Krieg hat gezeigt. um wieviel stärker der Nationalismus ist als der Internationalismus. Die Sozialisten in ganz Europa haben sich ar! die Armeen ihres Volkes angeschlossen. Diejenigen jüdischen Arbeiter, die in diesem Moment ihrem Volke gleichgültig gegenüberstehen, würden dies noch bereuen. Deshalb mögen sich alle Schichten des jüdischen Volkes Zusammenschlüßen. Die Rede wurde mit donnerndem Beifall .aufgenommen. Hierauf sollte Herr Louis Brandeis, der Vorsitzende des ״P rovisional Executiv Committee for General Zionist Affairs“ die Convention begrüßen. Da ereignete sich im Saale etwas Außergewöhnliches: wie ein Mann sind sämtliche Anwesende von ihren Plätzen aufgesprungen, winken Herrn Brandeis zu, der eine mit seinem Hut, der andere mit einem Fähnchen; unter ungeheurem Beifallssturm wird von allen die Hatikwa h gesungen. Herr Brandeis hielt eine kurze Rede und sagte u. a. folgendes: ״Der Weg des Zionismus ist gerade in diesem schweren Jahr viel leichter geworden. Zionismus ist Demokratie, ist soziale Gerechtigkeit. Der Zionismus vertritt die Idee vollständiger Freiheit, er gleicht in jeder Hinsicht dem Ideal Amerikas im 20. Jahrhundert. Als Amerikaner und als Zionisten können wir die Unterstützung der weitaus meisten Juden Amerikas erhoffen.! Dankbaren Herzens erkennen wir die Hilfe, die uns die Vereinigten Staaten in Palästina geleistet haben, an. Besonderer Dank gebührt Herrn Morgenthau. Er und andere Vertreter unserer Regierung in der Türkei haben dazu mitgewirkt, die jüdischen Institutionen Palästinas zu erhalten.“ Begeisterte Aufnahme wurde dem letzten Redner zuteil, Herr Dr. Schmarja L e v i n , Mitglied des Engeren Actions-Comitcs. Er hielt eine äußerst warme Rede, in der er ausführte, daß jetzt gerade die Zeit gekommen sei, die für den Aufbau des jüdischen Volkes entscheidend werde. Die Sitzung schloß mit einer gewaltigen Demonstration. Am Abend des 27. Juni wurde eine zionistische Massenversammlung abgehalten. Der Riesensaal, der über 7000 Köpfe faßt, war bis aufs letzte Plätzchen voll. Unzählige aber mußten vor dem Eingänge zurückkehren, weil sie im Saale keinen Platz fanden. Auf dieser Versammlung begrüßten auch der Massachusetts- Staat und die Stadt Boston die zionistische Convention durch persönliehe Vertreter des Gouverneurs und des Bürgermeiste rs. Vorsitzender cier Versammlung war der Rabbiner H. H. R a b b i n o w i t s c h. Eine gewaltige lang anhaltende Ovation ward auf dieser historischen Massenversammlung Herrn Louis D. Brandeis zuteil, der unter rauschenden Beifallskundgebungen darlegte, der Zionismus sei die beste, ja die einzige Lösung der Judenfrage und die gegenwärtigen Zeitumstände seien besonders geeignet, diese Lösung durchzuführen. Außer Brandeis sprachen vor allem Herr George Julian W. Mac, einer der hervorragendsten Männer Bostons, der sicl'1 vor kurzer Zeit der zionistischen Bewegung angeschlossen hat, und Herr Dr. Schmarja Lev in, dein begeisterte Ovationen dargebracht wurden. Weitere Redner waren die Herren Rabbiner Stephan W i s 1•, Ben J c h u d a , der in hebräischer Sprache einen Gruß an die Juden in Amerika aus Palästina überbrachte, Hon. Josef Barondess, dessen Rede zu den besten gehört, die dieser bekannte Volksredner je gehalten hat. Zum Schluß sprachen die Herren Dr. H. Frieden w a 1 d , Louis L i p s k i, Fräulein Henriette Szold, Herr Rcv. Zewi, sowie Herr M a s 1 i a n s k i. * Während die erste Sitzung für alle zionistischen Organisationen gemeinsam war, begann am 28. Juni um 10 Uhr 45 Minuten vormittags die erste o f f i - zielle Sitzung der 18. Convention der Amerikanischen zionistischen Föderation. Herr Louis Lipski, der Vorsitzende, hielt eine kurze Rede über den ungeheuren Erfolg der Massenversammlung am vorhergehenden Tage und stellte als erster Redner Herrn Ben Jehuda aus Jerusalem vor, der in beredten Worten die schwierige Lage der Juden in Palästina schilderte und zur Hilfeleistung aufrief. Es wurden darauf die Begrüßungsbriefe der Mitglieder des E. A, C. Prof. Warbürg und Dr. T s c h 1 e n o w verlesen und warm aufgenommen. Hierauf begrüßte Herr Bernhard Semmel die Convention im Namen des Galizischcn Verband es. Seine Mitteilung von dem Beschluß, für jedes Mitglied des Galizischen Verbandes die Zahlung des Schekels obligatorisch zu machen, wurde mit starkem Beifall äufgenommen. Darauf begrüßte die Convention Herr Scharfstein, der Vertreter der ״A g u d a t Hamori m" (Lehrerverein). Damit wurden die Begrüßungsreden geschlossen und der Vorsitzende schritt zur Tagesordnung. Verhandelt wurde zunächst die Frage des jüd i s c h e n Kongresses. Herr Lipski teilte den Delegierten den Beschluß des ״P r o v i s i o n a I Committee“ mit, einen amerikanischen jüdischen Kongreß einzuberufen, und las darauf einen Brief des ״American Jewish Committe e“ vor, in dem dieses die z i o - n i s t i s c h e Föderation und das ״P r o v i s i o - n a 1 Committe e“ auffordert, zu der von ihm

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