Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2651922-2651951--10217-2667616- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
- Riga 1× ep/1000826
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
Seite 240 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30 kann auch niemand aufbringen, dem der Mut zu seinem Judentum fehlt. Was hat es nun in Wahrheit mit diesem Antisemitismus für eine Bewandtnis? Beruht er vv!rklieh auf Gründen und ist er demnach durch Gründe zu widerlegen, ist er nur eine vorübergehende Welle? Wird er durch die fortschreitende Kultur und Gesittung beseitigt, ist er vielleicht nur eine spezifische Erscheinung gewisser europäischer Länder, während andere von ihm frei sind? Zunächst sei wiederum daran erinnert, daß der Antisemitismus uralt ist, so alt wie das jüdische Volk. Seine Gründe waren zu allen Zeiten andere. Anders wurde die Judenfeindschaft irn Altertum, anders im 19. Jahrhundert begründet. Die Christen meinten, man müsse an den Juden den Tod des Stifters des Christentums rachen, die Juden erklärten, daß diese Begründung der Berechtigung entbehre, und führten Beweise, daß sie an jenem Tode unschuldig seien. Aber ehe es ein Christentum gab, regte sich aus verschiedenen Gründen im römischen Imperium die Judenfeindschaft. Heute suchen die jüdischen Assimilanten die Gründe des Antisemitismus in kulturellen und vornehmlich in wirtschaftlichen Erscheinungen und bieten alles auf, die neu erkannten Gründe zu entkräften. Sie reden von der Ents t e hu ng des Antisemitismus, von seinem Schwächerwerden und sind davon überzeugt, daß einmal eine Zeit kommen wird, wo die Grundlosigkeit der Abneigung gegen die Juden allgemein erkannt sein wird; denn alle Gründe der Antisemiten beruhen auf Böswilligkeit oder Unwissenheit. Keiner «1er Gründe für den Antisemitismus, nicht einmal alle denkbaren Gründe zusammengenommen machen aber sein Wesen aus. Niemals hassen Menschen aus Gründen. Die instinktive Abneigung ist das Primäre und alle Begründüngen stellen sich je nach den Umständen ein. Der überzeugende Nachweis von der Grundlosigkeit des Judenhasses bewiese nur, daß der Haß echt ist. ln Zeiten starker religiöser Erregung gibt es religiösen Antisemitismus, in Zeiten starker wirtschaftlicher Spannung wirtschaftlichen Antisemitismus und so fort. Es ist aber immer dasselbe Gefühl, das nur eine andere Ausdrucksform gewinnt. ,Woher kommt nun diese Abneigung gegen die Juden? Ist wirklich das Entsetzliche wahr, daß es sich hier um eine Erscheinung handelt, die ihresgleichen in der Geschichte der Menschheit nicht findet, daß nur die Juden von diesem ewigen unerträglichen Haß verfolgt werden? Das ist gewiß nicht der Fall. Zwischen Menschen verschiedener Art gibt es überall in der Welt Spannungen; zwischen allen Völkern herrscht ein Fremdheitsgefühl, das unter gewissen Bedingungen zur Abneigung wird. In normalen Zeiten wird die Spannung zwischen den Nationen deutlich nur an den nationalen Grenzen empfunden, wo die dauernde menschliche Berührung verschiedener Volkselemente den nationalen Kampf immer aufs neue erzeugt. Der Gegensatz der Nationen äußert sich vornehmlich als Randspanmingsgcfühl. Die nationalen Z e n t r a bleiben unberührt. Die Nationen verstehen und würdigen sich in der Fülle ihrer Leistung. Sie hassen sich an der Peripherie ihrer Territorien. Auch der Antisemitismus ist nichts anderes als ein höchst intensives Raiidspannungsgefühl. Ueherall bilden die Juden Grenzen, überall berühren sie sieh mit den anderen, nirgends gibt cs einen Ort, wo jüdisches Leben in unberührter Kraft .sich entwickelt, wo die Fülle der Leistung entsteht, die auch vom Fremdesten gewürdigt werden kann. Deshalb ist der Antisemitismus so allgemein und so stark und so schmerzlich für Uns. Furchtbar und unerträglich wird im Antisemitismus für uns nicht der Flaß, sondern die Verachtung, die unzweifelhaft in ihm liegt. Daß wir allzu fremdartig sind, daß wir dem Orient entstammen, und durch ilm zu einer mit keiner europäischen zu vergleichenden religiös-nationalen Kultur gebildet worden sind, hat ferner mit dazu beigetragen, daß das antijüdische Randspannungsgefühl sieh mit Verachtung mischte. Für den europäischen Antisemitismus ist es charakteristisch, daß jede unangenehme Erscheinung des öffentlichen Lebens auf das Konto der Juden gesetzt wird. So sollen die Juden die Intervention Italiens verschuldet haben, so wird man vielleicht noch einmal behaupten, daß sie die wahren Schuldigen am Weltkrieg sind, so werden alle peinlichen Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens ausschließlich dem jüdischen Einfluß zur Last gelegt. Die antisemitische Stimmung ist in allen Ländern der Welt die gleiche. Nur der Ausdruck dieser Stimmung ist verschieden. Die Stärke des Antisemitismus ist zunächst von der Zahl der Juden in einem Lande abhängig. Je mehr Juden vorhanden sind, desto deutlicher ist er. In dem einen Lande schlägt man uns tot, in einem anderen kränkt man uns an der Ehre. In einem versagt man uns die formelle tileichberechtigung oder schließt uns tatsächlich von zahlreichen Berufen aus, in einem anderen, wo Juden jede Staatsstellung erreichen können, sind sie gesellschaftlieh boykottiert. Ob man den Antisemitismus spürt, ist immer nur eine Frage des Feingefühls der Juden. Nicht auf die Aeußerungen des Antisemitismus kommt es an, sondern auf die innere Stimmung der Umgehung. Der nicht ״geradezu lebensgefährliche“, taktvoll verborge ne Antisemitismus, den wir nur zu gut kennen, ist nicht weniger schlimm als der laut lärmende, uns körperlich vernichtende. - Mie ist ein Kampf mit schlechteren Mitteln geführt worden, als der sogenannte Kampf gegen den Antisemitismus. Er ist in Wahrheit nichts anderes als ein Kampf gegen den Semitismus, gegen die jüdische Eigenart der Juden selbst. Man unterschied berechtigten und unberechtigten Antisemitismus. Berechtigt schien der Antisemitismus gegen die schlechten jüdischen Eigenschäften, und man hielt, in Uebereinstimmung mit den Antisemiten, jüdisches Wesen überhaupt für eine schlechte Eigenschaft. Durch dauernde Kapitulation vor dem Antisemitismus suchte man ,ihn zu besiegen. Feige Mimikry war die erprobteste Waffe in diesem Kampfe. Daß die geistigen Führer des deutschen Volkes größtenteils judenfeindlich empfunden haben, wurde ängstlich bestritten. Der Antisemitismus mußte als eine Seuche dargestellt werden, von der nur anrüchige Elemente befallen werden können. Dennoch aber durfte man sich auch den ״vorurteilslosen“ Nichtjnden gegenüber, mit denen man zusammenkam, nicht in prononcierter Weise zu erkennen geben. Auch den Namen Jude legte man ab und empfand es als einen Beweis von Respekt, wenn man schonend als ein Mit- Bürger mosaischer Konfession bezeichnet wurde. Daß die Juden ein Volk sind, durfte beileibe niemand erfahren. Als vor wenigen Wochen eine Broschüre von ßinjamin Segel erschien: ״Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes“, da wurde auf die Intervention israelitischer ״Größen“ hin der Titel der schon crschieneneu Schrift in folgender Weise geändert: ״Der Weltkrieg und das Schicksal der Juden“. Dieser kluge Schachzug kennzeichnet die Methode des Kampfes gegen den Antisemitismus. Wie kann jemand die Stirn haben, sieh über Verachtung zu beklagen, der sieh selbst so verachtlieh ist, daß er seinen Namen und sein Volk verleugnet! Wen will man übrigens täuschen? Sogar die Selbsttäuschung dürfte nur den Diiminsten gelingen. Die Wirklichkeit unserer jüdischen Sonderart ist der wahre Grund des Antisemitismus. Der Antisemitismus ist ein Zeichen dafür, daß wir noch immer eine wirkende Gemeinschaft sind. Unsere Sonderart wird von den anderen empfunden. Somit gibt es auch nur eine Form des Kampfes gegen den Antisemitismus: Uns denen, die uns hassen und verachten, mit unserer jüdischen Eigenart entgegenstellen. Bitte um Schonung wird uns noch verachtlieber machen. Die Garantie, daß man uns in unserer Würde nicht antastet, können nur war uns durch leidenschaftliches Betonen unserer jüdischen Persönlichkeit schaffen. Auch im Kampfe gegen den Antisemitismus haben wir die große Lehre des Krieges zu beherzigen, daß es nur darauf ankoimnt, sich durchzusetzen. Das siegende Deutschland wird von niemand in Zukunft ein Barbarenland genannt werden. Das beste Argument gegen alle Verleumdungen sind die aus innerer unbesiegbarer Kraft geborenen Erfolge. Also gibt es gegen den Antisemitismus nur eine Waffe, das Judentum selbst. In dieser Waffe müssen wir Meister werden, mit ihr bewehrt, vermessen wir uns, sogar des jüdischen Antisemitismus Herr zu werden. Zu Liebe kann man niemand zwingen, am wenigsten durch Bitten und Entschuldigungen, aber Respekt kann der Mutige, Selbstsichere jedem anderen abzwingen. Wir Zionisten können täglich feststellen, daß wir uns, gerade weil wir mit jüdischer Offenheit den anderen gegenübertreten, aufrichtige Freunde erwerben und dem jüdischen Namen Achtung verschaffen. Tief deutsch empfindende Männer fühlen, daß wir die ersten Juden sind, mit denen sie aufrichtig und männlich sprechen können. Die wahre Achtung für unsere Gemeinschaft werden wir uns allerdings erst dann erringen können, wenn wir wiederum zu eigener Leistung gelangen. Der Schaffende kann gehaßt, aber niemals verachtet werden. Das Zusammenfassen aller jüdischen Kräfte zur großen Tat des neuen jüdischen Lebens in Palästina, an dessen Glanz und iebendigern Schaffen ein jeder Jude sein Teil hat׳, das bedeutet die Ueberwindung der furchtbaren Verachtung der Jahrtausende. M a a r a b i. Die Leiden der russischen Juden Wir haben kürzlich eine authentische \ Mitteilung über die Vertreibung von 280 000 russischen Juden bringen können. Von der gleichen gut unterrichteten Seite erhalten wir jetzt den nachfolgenden Bericht. Die andauernde Evakuierung der zu Hunderttausenden ausgewiesenen Juden der Gouvernements Kurland und Kovvno hat im gesamten russischen Judentum eine ungeheuere Panik hervorgerufen. Die zur Herstellung einer Uebersicht begonnene Feststellung der unglücklichen Vertriebenen, für die eine Reihe von jüdischen Komitees zur Linderung der furchtbaren Not ihr Möglichstes tut, hat erschütternde Formen angenommen. Tausende von Familien vermissen ihre Angehörigen, Kinder, Frauen, in vielen Fällen auch Säuglinge. Um eine Auffindung der massenhaft verloren gegangenen Familienmitglieder möglich zu machen, mußte eine Reihe von Auskunftsbureaus eröffnet werden, die Tag und Nacht von den unglücklichen Eltern und Verwandten bestürmt werden. Solche Sonder-Bureaus wurden in Wilna, Minsk, Riga und Utjany gegründet. An! schwersten wird empfunden, daß es die lokalen Behörden vielfach ablelmen, die zugereisten Ausgewiesenen in die ihnen unterstellten Gouvernements hineinzulassen. Erschütternde Szenen spielten sich dabei ab. So kamen zweiundzwanzig ״Waggonladungen“ Ausgewiesener in einer Reihe von Bestimmungsorten des Gouvernements Poltawa an. Der Gouverneur aber verbot die ״Ausladung“ lind schickte die unglücklichen Passagiere nach Wilna zurück mit der Motivierung, er habe in seinem Gouvernement Juden genug. Als die gequälten Juden halbtot in Wilna anlangten, wurden sie abermals nach Poltawa zurückgeschickt mit dem Hinweise, die ״Ausladung“ müsse auf Grund einer Verordnung des Chefs des W i 1 n a e r Militärbezirks erfolgen. Aber auch diesmal vervveigerte der Gouverneur von Poltawa den Einlaß mit der Begründung, daß er dem W i 1 n a e r Militärbezirk überhaupt nicht unterstellt sei. Abermals wunderte der Zug nach Wilna und abermals wurden die Unglücklichen vor den Toren Wilnas zurückgewiesen. So wunderte der unglückselige Zug f ü n f Wochen lang hin und her, bis endlich der Gouverneur von Kiew sich bereit erklärte, die gequälten Passagiere hereinzulassen. Bekanntlich hat die russische Regierung sich bereit erklärt, die Rückkehr der ausgevviesenen Juden nach den Gouvernements Kurland und Kowno zu gestatten, falls die Juden aus ihrer eigenen Mitte Geiseln stellen würden, und zwar zehn Personen aus jedem Ort, Rabbiner und andere angesehene Personen. Die neulieh in Petersburg ahgehaltene Beratung der