Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2651922-2651951--10216-2667615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'} r-! I Abonnements I auf die wöchentlich am Freitag er- | scheinende ,,Jüdische Rundschau**! kosten hei der Expedition und bei 5 allen Postämtern vierteljährlich M. 1,60 I 1 innerhalb Deutschlands, in Oesterreich• I 1 Ungarn M. 2,50, im Ausland M. 3,—, ■ | J&dische Rundschau, G. m. b. H. | I BERLIN -W. 15, Sächsische Strafte 8. | | Telephon: Amt Uhland 845, 846. | L Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. | -1 OU6DISCH6 RUNDSCHAU ן Anzeigen I kosten für die sechsgespaltene Petit- | seile oder deren Raum 40 Pf.; Stellen- | Angebote und -Gesuche sowie Verein»־ | Mitteilungen und *Kleine Anzeigen** I O O O O nur 30 Pfennig. O O O O 5 Manuskripte werden, wenn Porto beilieft• ■ stets suruckgesandb Redaktionsschlafl: 1 Mittwoch vormittags.! Redaktion Jüdische RnndnrH— 2 BERLIN W. 15, Sächsische Straft« S. I Telephon: Amt Uhland 845, 846. § Postscheckkonto; Berlin Nr. 17392. ALLC6M6IN6 SUCDISCHC Z6ITUMC Nummer 30 Berlin, den 23. Juli 1915 — 12. Ab 5675 XX. Jahrgang. Ausweis der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Schekel: Darmstadt 3,—, Eschwege 1,—, Königsberg i. Pr. , München 1,—, Spandau 1,—, aus dem Felde 1,— Landesbeiträge: Berliner Zionistische Vereinigung (f. 1914) 6,—, Darmstadt 9,-י- Königsberg i. Pr. 4,~~, München 2,—, aus dem Felde 2,—. Propagandafonds: Berlin: J. Boschwitz und Frau, 4. Rate, 50, —; Chemnitz: Dr. Walter Fraenkel, 3. Rate, 12,50; Eschwege: Max Woiff, 5, : Königsberg i. Pr.: Dr. S. Rosenbaum, 10,—; Straßburg i. E.: Prof. Dreytuss (3. Quartal) 10,—; aus dem Felde: E. S.-Berltn 10,—, F.Q. JO- Eingang vom 13. bis 20.Juli 1915: Schekel 8,— M.; Landesbeiträge. 23. M.; Propagandafonds: 107,50 M. Gesamteingang: Schekel: 2069,— M.; Landesbeiträge: 2540,50M.; Propagandafonds: 6901,- M. Berichtigung. Im vorigen Answeis ist die Gesamtsumme durch Verschiebung der Zahlen falsch angegeben worden, ln den Zahlen des vorliegenden Ausweises ist der Irrtum berichtigt. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, B e r 1 i n W 15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin W56, Hinter der Katholischen Kirche 1. Antisemitismus Seit Beginn des Krieges wird in weiten jüdischen Kreisen leise, aber eindringlich die Frage diskutiert, welchen Einfluß der Krieg auf den Antisemitismus haben wird. Anfangs hörte man nur optimistische Meinungen. Zahlreiche Juden haben das Eiserne Kreuz erhalten, einige Dutzend sind zu Reserveoffizieren befördert worden und diese Tatsachen müssen doch zusammen mit dem überall bewiesenen Patriotismus der Juden ausreichen, dem Antisemitismus in Deutschland den Boden zu entziehen. Trotzdem aber inzwischen noch weit mehr jüdische Soldaten Inhaber des Eisernen Kreuzes geworden sind und es heute angeblich mehr als 150 jüdische Reserveoffiziere geben soll, ist die Stimmung zurzeit weit weniger hoffnungsfroh und die Optimisten der ersten Kriegsmonate sprechen vielfach die Befürchtung aus, daß nach dem Kriege der Antisemitismus weiter leben und noch stärker sein wird als vorher. Die Angst vor dem Antisemitismus ist groß, sie ist auch während des Krieges die bcherrsehende Macht des jüdischen Lebens aller der Kreise geblieben, deren jüdische Betätigung auch schon vor dem Kriege durch die Tatsache der Judenfeindschaft bestimmt wurde. Die frohe Selbstsicherheit, die im Kriege, wie niemals sonst, im Menschen erstehen kann, wird jenen durch das peinliche Gefühl gestört, daß die anderen das Verhalten der Juden lauernd beobachlen. Alles müsse der Jude tun, um die Behauptungen der Antisemiten zu widerlegen. Der Jude ist feige, ln dieser Meinung liegt ein Grund des Antisemitismus. Also müssen die Juden ״mehr als ihre Pflicht tun“, wie es in einem Aufruf hieß, und durch dieses durch apologetische Tendenzen erhöhte Pflichtgefühl den Beweis für die Grundlosigkeit des Antisemitismus erbringen. Die Juden sind eine internationale Gesellschaft. Die Behauptung von der Internationalität der Juden gehöre zu den Gründen des Antiseinitismus. Also müssen die Zusammenhänge zwischen ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. deutschen und nichtdeutschen Juden geleugnet oder wenigstens abgeschwächt werden, ln der Mai/Juni-Nummer der K. C.-Blätter findet sich hei der Besprechung der ״Kriegsbriefe deutscher und österreichischer Juden“ folgende kennzeichnende Stelle: . . es sei nur noch eia Wort über das Verhältnis der jüdischen Soldaten zu den jüdischen Einwohnern des okkupierten Feindesgebietes gestattet, das unsere Antisemiten, so klar ihre Böswilligkeit hierbei auch zutage treten würde, als Fraternisieren mit dem Feinde und als Zeichen der Intcrnationalität des Judentums auszulcgen sich nicht entgehen lassen werden. Der unbefangene Beurteiler dieser Briefe wird es jedoch nur als natürlich empfinden, daß in den russisch-polnischen Landesteilen um diese handelt es sich durchwegs die meist streng religiöse jüdische Bevölkerung, die, unter amtlicher Förderung der deutschen und österreichischen Heeresleitung, die einrückendeii Deutschen und Oesterreicher nicht als Feinde, sondern als Befreier von dem schmachvollen russischen Joch begrüßt, nun die jüdischen Soldaten unter ihnen besonders liebevoll aufniuirt; betrachtet doch der orthodoxe Jude es gerade -y als eia Gott wc/ldgclällige־• Wetk, sciitcn fu.i der Vieimat weitenden Glaubensgenossen, besonders an den Feiertagen, durch Gewährung der Gastfreundschaft die Innehaltung der Religionsvorschriften zu ermöglichet!. Daß dann unseren wackeren Feldgrauen jüdischen Glaubens, besonders soweit sie selbst noch orthodox gesinnt oder erzogen sind, diese gastliche, von Herzen kommende Aufnahme mitten in Feindesland ein Stück heimatlichen Herdes zu bereiten scheint, ist eine so natürliche und harmlose Erscheinung, daß es keiner weiteren Verwahrung (!) bedarf.“ Während die jüdischen Zusammenhänge ängstlich entschuldigt werden, fürchtet inan doch, daß sogar aus der politischen Haltung der außerhalb Deutschlands lebenden Juden dem deutschen Judentum von Antisemiten ein Vorwurf gemacht werden könne, und so wird der krampfhafte Versuch gemacht, den Nachweis zu erbringen, daß der Gesinnung nach die Juden der ganzen Welt deutsch seien. Während die deutsche Regierung den politischen Takt' hat, nicht einmal von den Juden in den okkupierten Gebieten die politische Betätigung deutsch-freundlicher Gesinnung zu verlangen, sondern wohl weiß, weleben Gefahren sie Millionen von Juden durch ein solches Verlangen aussetzt, könnet! sich jüdische Kreise Deutschlands gar nicht genug daran tun, die russischen Juden in ihrer Gesamtheit für die deutsche Sache öffentlich in Anspruch zu nehmen. Die Furcht vor dem Antisemitismus hat sogar Worte der Anerkennung für den von unseren jüdischen Assimilantcn bis zum Ausbruch des Krieges über alles verachteten und geschmähten Juden des Ostens geprägt. Wenn es sich aber darum handelt, ob polnischen Juden gegebenenfalls die Freizügigkeit nach Deutschland gewährt werden soll, dann betonen die Verkünder der Deutschfrcundüchkeit des östliehen Judentums mit eindeutiger Klarheit, daß ״niemand Grund zu der Besorgnis hätte, mit der möglichen Entwicklung der Dinge könnte bei uns ein jähes Hereinfluten so gemischter Eiemente zu erwarten sein. Alle vernünftigen Mensehen würden sich diesen Bedenken anschließen und die wirksamen Gegenmittel gutheißen, natürlieh im Rahmen der allgemeinen Gesetzlichkeit.“ Als Selbstverständlichkeit wird hier in einem Leitartikel einer großen liberalen Zeitung von jüdischer Seite die bereitwillige Zustimmung zu Maßnahmen gegen die Einwanderung östlicher Juden erklärt, denn sonst könnte doch der Antisernitisrnus wieder in hellen Flammen emporlodern und darauf muß selbstverständlich mehr Rücksicht genommen werden als auf das Schicksal der polnischen Juden. Die Furcht vor dem Antisemitismus ruft je rach den Umständen einen schnellen Wandel der jüdischen Anschauungen hervor. Ehe der Krieg kam, waren Italien und England die für die Lösung der Judenfrage vorbildlichen Länder. Da gäbe es gar keinen Antisemitismus, wurde immer wieder versichert, dort könne ein Jude sogar Minister werden. Die Lage der Juden in diesen Ländern müsse auch dem Böswilligen den Beweis erbringen, daß der Antisemitismus nur eine vorübergehende Erscheinung ist, die durch geeignetes Verhalten der Juden, durch eine zielbewußte, unermüdliche Aufklärungsarbeit zu überwinden sei. Mit don Verhältnissen in Deutschland war man bekanntlich nicht so zufrieden, aber warum sollte nicht Deutschland auch einmal sich seinen Juden gegenüber so benehmen, wie das vorbildliche England? Wir Zionisten wurden mit unserer Behauptung, daß auch in England eine starke instinktive Judenfeindschab herrsche, •wie überall au' der Welt, und daß aus allgemeinen Gründen diese Judenfeindschaff nur weniger fühlbare Formen habe und dort nur dem feiner Empfindenden erkennbar wäre, während sie hier gröber aufträte, als böswillige Störenfriede empfunden, denen der rechte Glaube an den Fortschritt der menschlichen Kultur fehlt. Heute ist mit einem Male alles vertauscht. Daß es in Deutschland Antisemitismus gäbe, wird ge-!eigentlich zugegeben, aber da er ״nicht geradezu lebensgefährlich;sei“, findet man sich mit ihm ab. Der ganze Antisemitismus stellt siclj in der Kriegszeit den jüdischen Assimilantcn etwa nur als eine Taktlosigkeit der ״Deutschen Tageszeitung“ und sogenannter reaktionärer Blätter dar. Die öffentlich ausgesprochene Ansicht ist die, hauptsächlich gäbe es Antisemitismus im Ausland und hei deri sogenannten Erzreaktionären. Der Antisemitismus im liberalen Englaml wird mit eineiimial geglaubt. Jetzt wird die Plünderung jüdischer Läden in London und Mailaud registiert, die Tatsache, daß die Berichte über russische Judengreuel in englischen Zeitungen unterdrückt werden, als charakteristisches Symptom aufgenommen und heute wird man sogar uns glauben, daß es in England antisemitische Hetzblätter gibt und daß die Unruhen in Wales, 'von denen wir vor einigen Jahren berichteten, in Wahrheit Judenpogrome waren. Die jüdischen Presseäußerungen der verschiedenen Länder sind etwa auf den Ton gestimmt: ״schlägst Du meinen Antisemiten, schlage ich Deinen Antisemiten“ und jeder tut so, als ob er der Meinung ist, daß es in seinem Lande diese Art von Antisemitismus gar nicht geben könne, ln großen deutschen Zeitungen regt man sich interessanterweise sogar darüber auf, daß im neuen englischen Kabinett keine Juden sitzen . . . Die jüdischen Kreise, die sich vornehmlich mit der Bekämpfung des Antisemitismus beschäftigen, haben niemals den ernsthaften Versuch gemacht, die inneren Gründe des Antisemitismus zu begreifen. Den Mut zu der Erkenntnis, daß Antisemitismus nicht nur ein Mißverständnis, nicht nur eine zufällige, zeitliche Strömung ist,