Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 232 J C E DI SCHL: RUNDSCHAU Nr. 20 Russische Dementis Eine Kundgebung von 300 000 organisierten jüdischen Arbeitern in Amerika (JAK.) Die russische Regierung׳ unterhält in den Vereinigten Staaten seit Beginn des Krieges ein Heer von Prcßagenten, die die Aufgabe haben, die öffentliehe Meinung der großen Republik zugunsten Ruß- Lands zu bearbeiten. Einerseits wird dem amerikanisehen Handel in Aussicht gestellt, Deutschland vom russischen Absatzmärkte zu verdrängen und die Milliarden-Einfuhr nach Rußland an sich zu reihen. So wird die Stimmung für einen Neuabschluß des wegen der jüdischen Paßfrage gekündigten Handels- Vertrages gemacht. Mit der Spekulation auf die Profitsucht allein kann man jedoch die (.)Öffentlichkeit Amerikas nicht gewinnen, die durch die Nachrichten über den unaufhörlichen Kampf der russischen Regierung gegen die inneren Feinde — gegen Arbeiter, Finnen, Ukrainer - und insbesondere durch die Schandtaten gegen die Juden, beunruhigt ist. So erscheinen denn andererseits in der amerikanischen Presse von Zeit zu Zeit Abieugmtngen der Berichte in der allgemeinen und jüdischen Presse Amerikas, wobei die Nachrichten über die militärischen Pogrome, die unerhörten Demütigungei! und Leiden der russischen Judenhcit als böswillige Verleumdungen und ״made in Germany“ hingestcllt werden. Diesel systematischen Irreführung der öffentliehen Meinung durch das russische Preßbiiro trat die organisierte jüdische Arbeiterschaft mit einer Kundgebung entgegen, die, trotz der relativen Russenfreundlichkeit der englischen Presse Amerikas, in sämtlichen großen Tageszeitungen der Vereinigten Staaten zum Abdruck gelangte. Die Erklärung ist gezeichnet von den Ve r - einigten jüdischen Gewerkschaften, von dem Jüdischen Nationalen Arbeiterverband, der Jüdischen sozialistischen Partei ״Poale Zion“, der Jüdischen Sozialistischen Federation und dem A r ־ beiter-Ring, die insgesamt mehr als 300000 organisierte jüdische Arbeiter Amerikas umfassen. Es heißt in der Kundgebung: ״Die Unterzeichneten Vertreter großer jüdischer Organisationen der Vereinigten Staaten betrachten es als ihre. Pflicht, die Falschheit der offiziellen russisehen Erklärung nachzuweisen, indem sie dem Publikum Tatsachen und Daten unterbreiten. Diese Tatsachen sind in russischen, polnischen und russischjüdischen Zeitungen in Rußland erschienen, unter der strengsten russischen Zensur . . . T Juden, die ihre Wohnsitze in der Nähe der Kriegszone flüchtend verließen und außerhalb des Ansiedlungsrayons Zuflucht suchten, wurden von der Polizei zurückgetriehen und gezwungen, in ihre vom Kriege heimgesuchten Wohnsitze zurückzukehren. 2. Auf dem Schlachtfelde verwundete jüdische Soldaten, die in Krankenhäuser außerhalb des Rayons ebracht wurden, müssen in die ״Tscherta“ zurückehren, sobald sie sich halbwegs bewegen können. In vielen Fällen wurden sie drei Tage nach der Amputation von Körperteilen zurücktransportiert. (Die Erklärung beruft sich auf einen Aufsatz dus bekannten judenfeindlichen Publizisten Herrn Stolypin, eines Bruders des verstorbenen Premiers, in dem führenden Organ der Reaktionäre ״Nowoje Wremja“.) 3. Die Zeitungen bestätigen nunmehr, daß die russische Heeresleitung alle Juden aus den Ortschaften innerhalb einer 40 Meilen-Zone hinter der Schlachtfront vertrieben hat. Hunderttausende von Juden wurden völlig ruiniert und Hunderte jüdischer Gemeinden zerstört. Der Grund dieser Massen verbaunungen ist die schreckliche allgemeine Beschuldigung, daß die Juden deutsch-österreichische Spione seien. Diese von den russischen Behörden publizierten unbegründeten Anschuldigungen haben zur Folge, daß die russischen Volksmassen und die Soldateska gegen die Juden aufgereizt werden. 4. Das russische Preßbiiro beruft sich in seinem Dementi auf den Bericht einer russisch-jüdischen Zeitung . . ., aber das Preßbüro unterläßt zu erwähnen, daß die jüdischen Blätter in Rußland der allerstrengsten Zensur unterworfen sind und die volle Wahrheit nicht sagen können . . . So wurde ihnen verboten, die Namen der Juden zu nennen, die das Georgiuskreuz auf den! Schlachtfelde erhielten oder gefallen sind. 5. Die russische Zensur macht es der jüdischen Presse unmöglich, über Judenpogrome und Verfolgungen in Rußland zu berichten. Hingegen sind die ■*׳allgemeine amerikanische Presse und sogar manche französischen und englischen Blätter darüber gut informiert, was in Russisch-Polen und Galizien vorgeht, und bis zu welchem Grade die Juden “von russischer Grausamkeit und Barbarei leiden. Diese Preßberichte geben Tatsachen, Zahlen, Zeitangaben und Namen mit einer Genauigkeit an . . ., so daß jeder Zweifel über ihre Richtigkeit und Verläßlichkeit ausgeschlossen ist. Die erwähnte Presse berichtet ferner über Massenhinrichtungen von Juden in Galizien, Russisch-Polen und der Bukowina durch russisches Militär, was zun! Teil auf die infame Politik gewisser Teile der polnischen Bevölkerung znrückzuführen ist, die die Juden als deutsche und österreichische Spione denunziert. Es ist zu ersehen, daß die russische Soldateska im eigenen Lande wie im Feindesland haust. Die Unterzeichneten Vertreter der jüdischen öffentliehen Meinung Amerikas sind weit davon entfernt, das russische Volk für diese Ungeheuerlichkeiten und Barbareien anzuklagen. Sie machen jedoch die russische Regierung für das teuflische Werk verantwörtlich und verlangen von der zivilisierten Welt, gegen die Politik der russischen Regierung Protest zu erheben, die nur ein Ziel hat - die Ausrottung des jüdischen Stammes.“ 600 000 Juden in Rußland obdachlos gemacht (JAK.) Infolge der von den Militärbehörden angeordneten neuen Massenvertreibungen hat die Zahl der obdachlos gewordenen Juden in Rußland nach einer vorsichtigen Berechnung des Petersburger jiidisehen Zentralhilfskomitees bereits die ungeheuerliche Ziffer von 600 000 überschritten. Das Massenelend dieser Opfer der russischen Schreckensherrschaft hat so fürchterliche Dimensionen angenommen, daß das erwähnte Komitee auf seiner letzten Sitzung den Beschluß fassen mußte, eine allgemeine Selbstbestellerung der russischen Juden zugunsten der Unglückliehen durchzuführen, und zwar derart, daß jedermann 5 ״:״ seiner täglichen Ausgaben an die Hilfskasse abführt, abgesehen von besonderen höheren Spenden der vermögenden Schichten. Das Petersburger jüdische Zentralhilfskomitee war auch infolge seiner übermäßigen Inanspruchnahme gezwungen, den Heimatlosen in Warschau die bisher geleistete Unterstützung zu entziehen. Die Warschauer jüdische Gemeinde erwägt den Plan einer speziellen zwangsweisen Besteuerung ihrer Mitglieder zugunsten der Heimatlosen. Die russischen Greueltaten in Galizien (JAK.) Nachdem der größte Teil von Galizien von den Russen geräumt ist, ist man in der Lage, sich wenigstens eine ungefähre Vorstellung von der zarischcn ,,Kulturarbeit“ in diesem ״alten Russenlande“, der ״einzigen noch fehlenden Perle“ in der Krone des Zaren, zu machen. Die Berichte von Augenzeugen bestätigen die allerbösesten Ahnungen, von denen insbesondere die jüdische Bevölkerung beim Anmarsche der russischen Truppen befallen war. Galizien bietet heute ein Bild der furchtbarsten Ver- Wüstung. Während man sich in Lemberg, der Landeshauptstadt, einen gewissen Zwang auf erlegte und sich mit einem Blutbad begnügte, wurde in den kleineren Orten, vornehmlich gegen die Juden, auf eine so entsetzliche Weise gehaust, wie ihrer nur die wilden Kosakenhorden fähig sind. Wir haben es bei der Beurteilung der russischen Schreckensherrschaft in Galizien und der Bukowina nicht bloß mit Ausschreitungen und Disziplinwidrigkeiten der Truppen zu tun. Nein, mit wüster Ahsicht ließen die verantwortlichen Befehlshaber die entmenschte Soldateska gewähren, ja, nach einem teuflisch überlegten Plane hetzte die russische Heeresleitung gegen die wehrlose jüdische Bevolkerung. Um den finsteren polnischen und ruthenischen Massen die Wohltaten des russischen Regimes so recht deutlich vor Augen zu führen, wurden• die Juden auf die brutalste Weise terrorisiert und wurde dem Mob gestattet, sein Mütchen an den Juden zu kühlen. Ungeachtet der mit brutaler Offenheit und gewalttätig betriebenen Russifizierungspolitik wollte man die Polen doch nicht zu sehr provozieren, um der allpolnischen Partei, die mit der russischen Reaktion unter einer Decke steckt, ihre ״slawische Verbrüderungsarbeit“ nicht zu erschweren. Was die Ruthenen betrifft, so war man ja gekommen, um sie zu ״befreien“. Die Juden und die ukrainische Partei hingegen wurden als der Feind angesehen, dessen Ausrottung unverzüglich nach der Besetzung Lernbergs in Angriff genommen wurde. Davon legen die offiziellen Verlautbarungen der russischen Heeresleitung beredtes Zeugnis ab. In einem Erlaß des Höehstkommandierenden Nikolaj N i ko 1 a j e w i t s c h an die Militärgouvemeure werden die Juden sowohl Oesterreichs als Rußlands beschuldigt, ״Verrat die ganze Front entlang“ zu üben, gegen die galizischen und bukowinisehen Juden ward die Beschuldigung erhoben, daß sie die ״loyale, uns treu ergebene nichtjüdische Be!• völkerung“ bei den österreichischen Behörden de nunzieren. Aus diesem Grunde wird die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung und die Gefangennahme von einflußreichen Juden und Rabbinern angeordnet, die ״für jede strenge Maßregel, die vom Feinde der uns treu ergebenen loyalen Bevölkerung gegenüber ergriffen wird, verantwortlich gemacht werden“ sollen. ״Die uns ergebene nichtjüdische Bevölkerung“ soll darauf aufmerksam gemacht werden, daß diese Maßnahmen ״zu ihrem Schutze ergriffen werden, nachdem die sechsmonatige Kriegsführung uns überzeugt hat, daß die jüdische Bevölkerung uns gegenüber illoyal und verräterisch aufgetreten ist und für die Mitbevölkerung keinerlei Sympathien hat“. Dieser Erlaß bezweckte offenbar, nicht nur die schärfsten Maßnahmen gegen die ruhige, friedliche, eingeschüchterle jüdische Bevölkerung zu rechtfertigen, sondern war gleichzeitig eine unverhüllte Einladung an die Truppen und die nichtjüdische Bevölkerung, mit den Juden keine Umstände zu machen. Die Juden wurden als vogelfrei erklärt und der Wut der Soldateska und der Plünderungslust des ortseingesessenen Mobs preisgegeben. Allseits wird denn auch über Plünderungen, Brandlegungen, Frauenschändiingen, Auferlegung von unerschwinglichen Kontributionen, mutwilligen Totschlag, grausame Hinrichtungen berichtet. Die jiidische Bevölkerung mußte sich häufig in den Kellern verkriechen, vor allem mußten jüdische Mädchen und Frauen allerlei Verstecke aufsuchcn, wo sie zusammengekauert an vielen Orten Wochen- und monatelang zubrachten und aus denen sie sich ans Tageslicht nicht wagen durften. In! (leiste des großfürstlichen Oberkommandierenden gingen natürlich auch die einzelnen Armeer kominandanten vor. Die Gesamtheit der Juden wurde für jedes Mißgeschick haftbar gemacht, das dem russischen Heere zustoßen könnte. So verordnete der russische Befehlshaber in Kolonien, Fürst L 11 b a וו o w Rostovski, daß, ״wenn die Eisenbahn, die Telegraphen- oder Telephonleitung im Rayon der Ortschäften Delatyn, Kolomea, Sniatvn auch nur im geringsten beschädigt werden sollten, der gesamten jüdischen Bevölkerung der Stadt Kolomea eine bedeutende Kontribution auferlegt werden wird und wenn diese nicht binnen drei Tragen bezahlt ist, die ganze jüdische Bevölkerung aus den vom Heere besetzten Teilen des Landes vertrieben wird.“ Tatsächlich wurden unzählige Juden nach Rußland verschleppt. An einem Tage blos, am 23. Mai, wurden, der russischen Presse zufolge, über 2000 Personen, darunter 300 Kinder, aus Galizien nach Kiew gebracht. Es wird über zahlreiche Fälle berichtet, w׳o Entführte vor Erschöpfung und infolge von Mißhandlungen der eskortierenden Kosaken tot zusammenbrachen. Rußland bereitet neue Judenpogrome vor Dem ״B e r 1 i n e r T a g e b I a 11“ wird aus Stockholm vom 13. Juli telegraphiert: In Moskau ist eine neue Vatcrlandspartei“, die aus Mitgliedern der früheren Schwarzhundert-Organisationen besteht, gegründet ־worden. Sie hat in ihren Statuten eine Bestimmung, wonach auch Nichtslawen in die Partei aufgenommen werden. Das Hauptorgan der Schwarzhundert in Petersburg, das ״R u s s k o j e Snamj a“, richtet giftigste Pfeile gegen die neue Partei, die Juden a 11 f 11 e h m c n will, obwohl ganz Rußland aus den Bekanntmachungen des Höchstkommandierenden wisse, daß die Juden Verräter seien. Auch die ״Semschtschina“ hetzt aufs neue gegen die Juden. P 11 r i s c 11 k e vv i t s c h richtete an die Filialen seiner Organisationen ein Rundschreiben, in dem er andeutete, daß in seiner Filialorganisation ein Redner auftrat, der zugunsten der Juden sprach. Er ordnete die Ausschließung dieses Redners an und drohte, daß jeder aus der Partei fliegt, der mit den Juden sympathisiert. Während seiner Anwesenheit in Petersburg sagte Purischkew'ifsch, er habe an der Front vieles gelernt, vor allem die Polen zu achte 11, die treue Söhne Rußlands seien. ״Meine rechte Hand soll verdorren“, rief Purischkew'itsch in der Mitte der Reichsdumamitglieder aus, ״wenn ich gegen die Polen stimmen werde.“ Großes Aufsehen verursachte in Petersburg ein Polen und Juden gewidmeter Artikel i!1 dem kleinen Volksblatt ״S w j e t“. Das Blatt ist eine Schöpfung des berühmten Panslawisten Komarow, der den Aufstand der Serben gegen die Türkei 1876 unter General Tschcrnajew hervorrief und zum Obersten avancierte. Nach dem Tode Komarovvs verlor der ״Swjet“ jede Bedeutung, erhielt aber von der Regierung eine erhebliehe Subvention, und Wird in vielen tausenden Exemplaren an die Bauern verschickt. Der Inhalt des sensationellen und in diesem Blatte unerwarteten Artikels ist folgender: Die Polen hätten sich als treue Söhne Rußlands erwiesen, während alle Juden ohne Ausnahme Verräter wären. Wenn man die deutsche Presse verfolge, ersehe man leicht, daß die Juden überall für das Deutschtum kämpfen. Die deutsche Regierung hätte selbst zugegeben, daß die Juden deutsche Vorposten seien. Die Polen hätten dies früher entdeckt als die Russen, sie hätten den gewaltigen Kampf gegen die Juden schon vor Jahren begonnen. 23 Millionen Polen seien in einem Wunsch einig, die Juden wirtschaftlich überall zu verdrängen und unschädlich zu machen. Diese 23 Millionen Polen als treue Böhne Rußlands zu besitzen, bedeute neue 23 Millionen Kämpfer gegen Juden und Deutsche. T>er Tag werde kommen, wo alle Teile Polens zu Rußland gehören und alle 23 Millionen