Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2Q JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 231 Tisch’ah b’aw Im jüdischen Volk ist die Erinnerung an den Untergang Jerusalems immer auch als eine Hoffnuug lebendig geblieben. So wechselvoll sich sein Schicksal im Galut gestaltete, der 9. Ab blieb das Symbol einer verlorenen, freien und fruchtbaren Vergangenheit und zugleich ein Stachel, die Erlösung von der trostlosen Gegenwart immer wieder dort zu suchen, wo die Väter ein wirkliches Volksdasein geführt hatten. Aber die Sehnsucht nach Palästina entsprang nicht immer dem gleichen inneren Erlebnis; in ihr fanden verschiedene seelische Tendenzen ihren Ausdruck und gaben ihr wechselnde Form und Farbe. Diese Wandlungen der Liebe zu Zion beruhen nicht auf der zufälligen Stimmung kleiner Epochen, sondern auf der jeweiligen Anschauung der Juden von ihrer nationalen Bestimmung, sie sind ein Abbild der wechselnden jüdischen Auffassting von jüdischer Geschichte. Für einen großen Teil bildete Jahrhunderte lang die Religion den einzigen lebendigen Inhalt ihres Volkstums, sie sahen in Palästina weniger das Land ihrer Väter, als das Land ihres Gottes und ersehnten es mit der ganzen Inbrunst ihrer Fröntmigkeit, weil dort allein ein Leben aller Volksgenossen im Dienste Gottes, frei von den Hemmungen des Galut möglich war. Daneben gab es ebenso tiefe Regungen nationalen Bewulitseins, die das Volk um des Volkes willen bejahten und seine Kraft nicht in jenem religiösen Ideal erschöpft glaubten. Ihnen erschien Palästina als liebende Mutter Erde, die ihr Volk aus dem Galut erlösen und es zu neuem Leben bei sich empfangen werde. Beiden gemeinsam aber war mit wenigen Ausnahmen, daß ihr Hoffen eigentlich nur ein Hoffen in der Idee blieb, ein zaghafter Traum vom Ende aller Tage, der vor der grausamen Wirklichkeit des Ghettos immer wieder in unendliche Ferne rückte. . Es entsprach der Passivität ihres ganzen Lebens, in Palästina nicht so den Aufgang eines neuen Morgens als die Stätte versunkener Herrlichkeiten zu sehen, die nur der Messias wieder erstehen lassen könne. Und wenn wirklich den einzelnen die glühende Sehnsucht nach Erez Israel trieb, so war es doch immer der Einzelne, der hier für sich persönlich eine vorübergehende Befreiung suchte; denn er wußte wohl, daß sein Volk unerlöst zurückblieb, and schwermütigen Herzens begnügte er sich damit, den heiligen Boden zu küssen und, wenn es ihm vergönnt war, dort zu sterben. Die Sehnsucht nach Palästina hat in unseren Tagen eine Erneuerung erfahren, die sich wesentlieh von solchen Empfindungen unterscheidet, Sie ist durch Herzl der Ausdruck hoher Aktivitni, ihr Inhalt aus einem fernen Traum ein konkretes Ziel geworden. Es spricht für die Größe und Lebendigkeit einer Idee, daß jedes neue Zeitalter seine Gedanken in sie hineinträgt und sie so immer wieder in anderem Sinne wahr wird. In der Sehnsucht nach Palästina vereinigt sich alles, was das neunzehnte Jahrhundert an nationaljüdischen Instinkten wiedergeboren hat. In ihr finden so entfernte Dinge, wie der Drang zu politischer Betätigung und das Suchen nach einem ästhetischen Ideal ihre Erfüllung. Der westeuropäische Jude, der schon den Stil seines Lebens im Schatten der Emanzipation gefunden zu haben glaubte, lernt arn Palästinaideal die Weisheit seiner Zeit erkennen: daß Volkstum und Volkskraft nur auf eigenem Boden schöpferisch werden können. Die Erinnerung an den 0. Ab läßt uns mit neuer Liebe dessen gedenken, was in Palästina heute wieder erstanden ist, und diese Liebe gibt zurück, was ihr der Einzelne entgegenbringt. Je inniger wir uns mit Palästina verbunden fühlen, um so unerschütterlicher wird unsere Hoffnung, das freie nationale Leben, das durch die Zerstörung Jerusalems aufgehoben wurde, wieder zu gewannen. Der 9. Ab verliert den schwermütigen Glanz des Ghettos, und die Zukunft wird stärker ais die Vergangenheit. Jeder Einzelne, der hinüberzieht, fühlt sich als einen Vorposten seines Volkes, und er faßt diesen Entschluß nicht, um seine Tage dort zu beschließen, sondern um dort zu leben. Oer Herzlwald I Von Otto Eberhard Schulrat Otto Eberhard, ein treuer Freund der zionistischen Arbeit in Palästina, veröffentlicht in der ״Deutschen Evangelisehen Kirchenzeitung Die Reformation“* vom 11. Juli d. J. den folgenden Aufsatz. Wir geben ihn hier wieder, weil er zeigt, mit welch innigem Verständnis das hohe Ziel unserer Oelbaumspende für den Herzlwald auch außerhalb unserer eigenen Reihen verstanden wird. Sollte uns nicht auch dies ein Ansporn und eine Ermutigung sein? Hat jeder Zionist am 20. Tammus der Jahrzeitspende gedacht? Im fernen Palästina, auf einem fast unberührten Boden, wächst seit Jahren ein Wald, der eines ganzen Volkes Wallfahrtsstätte und Hoffrumgszeichen bildet, es ist der Herzlwald, den der von nationalem Schwung ergriffene Jungjude seinem Heerkönig als lebendes Denkmal und wertschaffendes Kapitel gewidmet hat. Theodor Herzl ist der Begründer und Organisator der zionistischen Volksbewegung. Er war als Sohn eines reichen Kaufmanns in Budapest geboren und wurde, als er vor elf Jahren starb, seinem Wunsche gemäß in einem Armensarge auf dem hochgelegenen Wiener Friedhof bestattet. Zehntausend seiner Volksgenossen geleiteten ihn zur letzten Ruhe, und nun wartet er, im ״Golus“ schlummernd, bis eines fernen Tages das Ziel der Bewegung erreicht und seine Leiche, dem letzten Willen zufolge, in das Land seiner Liebe und Sehnsucht, das Land der Väter und der Enkelkinder, überführt sein wird. Herzl wollte, seitdem der Feuilletonist in ihm erstarb und der Jude erwachte, sein Volk von zweitausendjährigem Leiden in der Fremde erlösen helfen. Er war ein herrlicher Idealist von reinstem Streben, aber er verrechnete sich in seinen Ikarusplänen, wie manch edler Träumer vor ihm und nach ihm. Sein Volk glaubte er hinter sich zu haben, aber die Masse versagte sich seinem Zionsruf, die Finanzmacht weigerte ihn! das Geld, das Gesetzes tum nutzte seinen Einfluß, ihn zu hemmen — er hatte immer nur ein Sechzigstel der Judenheit hinter sich, nicht zwölf Millionen ideal gesinnter Volksgenossen, wie er träumte. Dieser Traum war die Tragik seines Lebens; aber alle Enttäuschung erschütterte nicht die Zuversicht, die bis zum letzten Atemzuge in ihm lebte: ״Wenn ihr wollt — ist es kein Märchen“ — nämlich die Schaffung einer ״öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“. Für ein jüdisches Volk — nicht für den ״Mauschel“, den er selber einmal in seinen Schriften so wundervoll travestiert hat — verzehrte sich Herzl, und wenigstens in einem Bruchteil des Volkes lebt er bewußt fort. Nicht als eine verblassende Erinnerung, nicht als mythische Gestalt, um die die Legende den Glorienschein aus Strahlen webt, sondern in seinem sittlichen Ernst, in seiner opferfreudigen Begeisterung, in seiner grenzenlosen Selbstlosigkeit, in seiner charaktervollen Entschlossenheit und Tatkraft. Er hat den Willen vieler junger Juden aus Verzweiflung und müdem Verzicht, aus Mammonsdienst und Materialismus zu tatfroher Arbeit und hohen Idealen erlöst, in diesem Willen lebt Flerzl fort. Dem lebenden Herzl aber haben nach seinem Tode die Volks- und Gesinnungsgenossen ein Denkmal gesetzt in dem lebenden Walde. Wenn man von Jaffa mit der französischen Bahn nach Jerusalem hinauffährt, dann schaut man unfern vom alten Lydda auf einem Gebiet, das der jüdische Nationalfonds zum Eigentum erworben hat, einen Olivenhain. Das Silbergrün der Oelbäume paßt wunderschön zum Landschaftsbilde, den flachen Kuppeln des Städtchens und dem Turm, der Kirche und Moschee einschließt, zumal, wenn bläulicher Rauch das Ganze in einen duftigen Schleier hüllt. Vor zehn Jahren war das Grundstück noch völlig kahl. Kein Baum, kein Schatten, ja, fast kein Wasser. Da senkten die Zionisten in den für das jüdische Volk erworbenen Grund und Boden zwei Zukunftsreiser: eine Landwirtschaftsschule, die heute in eine Musterfarm umgewandelt ist, und eine kleine Oelfabrik. Und daneben pflanzte man die Baumschule des ״Jaar-Herzl“, des Herzlwaldes. Ursprünglich plante die Organisation nur 10000 Bäume auf Herzls Namen zu pflanzen, aber nach Ankauf des benachbarten Hulda im Frühling 1009 konnte die ״Oelbaumspende“, die die nutzbringende Bebauung der erworbenen Ländereien in die Hand genommen hatte, ihren Plan erheblich erweitern: der Oelbaumwald zu Ehren Theodor Herzls sollte 15 000 Oelbäume und einige tausend andere Fruchtbäume umfassen. Am 3. Juli 1914, am zehnjährigen Todestage des großen Geistesjuden, waren bereits 90000 Bäume für den Herzlwald gespendet worden, und ein Brunnen lebendigen Wassers von 180 m Tiefe, der erste seiner Art im ganzen Palästina, bewässert heute die Baumgärten. Das ist viel und scheint den Seinen doch noch viel zu wenig, gemessen an der Größe des Mannes. Denn sein Hochziel, das Land der Väter neu erblühen zu lassen, soll in der Pflanzung von Fruchtbäumen in Erez Israel schöne Wirklichkeit werden; die Keimkraft Herzischen Geistes, die schon eine Fülle schlummernder Kräfte im jüdischen 'Volke wachgerufen, finden sie versinnbildlicht in der Keimkraft des Baumes, die nur von Zukunft weiß. Und schon wird der Grundgedanke Herzlscher Politik, daß ein Volk nicht durch Almosen, sondern durch Arbeit erhalten werden müsse, sieghaft in dieser Baumspende. Denn die Anpflanzung und Unterhaltung dieser Oelbaumhaine bietet bereits heute einer großen Zahl aus dem Kaukasus eingewanderter jüdischer Arbeiter und ihren Familien einen lohnenden und gesunden Erwerb, und in der Berührpng mit der Muttererde findet ein neues, aufrechtes Geschlecht die Freude des Daseins und seinen Lebenszweck. Wenn aber erst die Bäume in unermüdlicher Gabenfreude zu ihrer Zeit ihre Früchte geben werden — das Oel als eines der Haupternährungs- und Industriemittel des Landes, und daneben Feige und Mandel, Pfirsich und Wein —, dann wird man nicht mehr auf dem weiten Erdenrund für die Werke der Gesittung und Kultur im jüdischen Palästina betteln gehen, dann reifen die Erträge dieser Pflanzungen in Schulen und in anderen Bildungsstatten der jüdischen Bevölkerung zum Segen. Die Spende eines Oelbaumes beträgt, den Pflanzungskosten entsprechend, nicht mehr als 6 Mark; Wenn aber der Herzlwald demnächst die Zahl von 100 000 Bäumen erreicht hat, dann soll er bereits nach zehn Jahren eine dauernde, auf Jahrhunderte währende Jahresrente von etwa einer halben Million Franken jährlich ergeben, und dieser Betrag würde beispielsweise ausreichen, um die Unterhaltungskosten der geplanten jüdischen Hochschule in Palästina zu bestreiten. Und dazu käme noch als zukunftssicheres Kapitel die Aufforstung des ausgerodeten Landes, die Einführung neuer Baumkulturen und der klimatische Einfluß dieser Pflanzungen auf das Land, Der Gedanke der Olivenkultur in Erez Israel stammt von dem Universitätsprofessor der Botanik Dr. Warburg in Berlin und ist von ihm mit unermüdlicher Tatkraft gepflegt und gefördert worden; die vielseitige Nützlichkeit des Planes hat bereits zu dessen Erweiterung geführt; ״aus der Idee des Herzlwaldes ist die der Herzlwäider entstanden“. In dem nahen Betli Arif ist seit Jahren ein zweiter Wald in Pflege, und auf der Musterwirtschaft Kinereth in Galiläa ist wenigstens die Baumschule schon gepflanzt, die einen dritten Herzlwald!!ergeben wird. Alljährlieh, wenn um die Höhe des Jahres die ״Jahrzeit“ Theodor Herzls vviederkchrt und das jüdische Volk zugleich nach frommem Brauch die Zeit der ״Trauerwochen“ begeht, übt es sich in der Kunst des* Verzichts und der Entsagung, und dann häufen sich aus den zionstreuen Kreisen die Bausteine zu dem Denkmal, und die Getreuen feiern ihres Führers Andenken durch eine sinnvolle Tat. Und so wächst in jenem fernen Erdenwinkel ein Heldenhain heran, der Herzlwald: ein Denkmal pietätvoller Erinnerung, ein Werk lebenspendenden Segens und ein Grundstein einer schaffensfrohen Zukunft.