Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 230 JU EDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20 nischen Bevölkerung fehlte und sie der nationalen Kultur ganz fremd waren. Hierzu gesellte sich die politische Agitation einer rührigen und wohlorganisierten polnischen Partei, welche die Bevölkerung zur russischen Orientierung zu bewegen suchte. In Anlehnung an die russische judenfeindliche Politik hat diese Partei das antisemitische Programm sich zu eigen gemacht und fand zu dessen Durchführung wirkungsvolle Mittel in der Rüstkammer der westeuropäischen Reaktion. Nach bewährten Mustern wurden mit aller Wucht der modernen Presse die Juden selbst Opfer autokratischer Unterdrückung, für die Folgen dieser Unterdrückung .verantwortlich gemacht. Alles Fremdartige der russischen jüdischen Einwanderer wurde benützt, um den Haß gegen sie aufzustacheln und dem Volke die Opfer statt der Urheber preiszugeben. Wie gewohnlich machte emporlodernde Leidenschaft nicht Halt an der Grenze zwischen russischen und polnischen Juden. Es entstand eine dem polnischen Geistesleben bisher wesensfremde antisemitische Bewegung in Russisch-Polen, — eine Bewegung, deren Ursprung und deren Grund erst in den durch die Unterjochung entstandenen abnormalen politischen Verhältnissen dieses Landes zu finden sind. Aber auch die antisemitische Partei hat weder nach ihrem Programme noch in ihrer politischen und agitatorischen Wirksamkeit Exzesse des Pöbels gegen die Juden zu provozieren gesucht, und es ist uns kein einziger Fall bekannt, in welchem selbst nur der polnische Pöbel in Russisch-Polen sich Pogrome gegen die Juden zuschulden kommen ließ. Im Rahmen dieser Erklärung ist es nicht möglieh, alle Umstände zu beleuchten, welche auf das Entstehen und die Ausdehnung der bekannten Boykottbewegung gegen die Juden im Kongreß-Polen entscheidenden Einfluß genommen haben. Mit Bestimmtheit kann jedoch behauptet werden, aaß mit der Herrschaft Rußlands auch dieser Antisemitismus spurlos verschwinden muß. Der Befreiungskampf, den das polnische Volk jetzt führt, dem seine besten Geister dienen und seine heißesten Herzen schlagen, ist nicht nur gegen Rußland, er ist auch gegen die Vergiftung des polnischen Geistes gerichtet. Eingedenk des großen Momentes der Welteschichte, dessen Zeugen wir sind, und durchrungen von dem historischen Bewußtsein der Vergangenheit des polnischen Volkes, hegen wir die feste Zuversicht, daß (in einem freien)*) Polen für die politischen Verirrungen, wie sie in Russisch-Polen vorkamen, kein Platz sein wird. Wir Juden O e s t e r r e i c h i s c h-Po 1 e n s sehen in der Befreiung Polens von der russischen Herrschaft den einzigen Weg zu einer gerechten und gedeihliehen Lösung der Judenfrage in Polen. Die Gewährleistung einer normalen, sozialen und litischen Entwicklung erachten wir für den einzigen eg zur restlosen Lösung der Judenfrage in Polen, zu einer Lösung fm Sinne der Einräumung und Sicherung der vollen bürgerlichen, nicht nur gesetzliehen, sondern auch faktischen Gleichberechtigung, einer gleichmäßig der jüdischen, wie der christlichen Bevölkerung gewidmeten wirtschaftlichen und kulturellen Fürsorge, einer Förderung der Bestrebungen, welche dahin gehen, die einseitige wirtschaftliche Betätigung der Juden durch Eröffnung neuer Arbeitsgebiete im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung der Gesamtwirtschaft zu beseitigen, einer Lösung im Sinne wohlwollenden Erziehens und gesellschaftlichen Heranziehens der Juden zu gleichwertigen Mitarbeitern auf allen Gebieten der nationalen Kultur und des allgemeinen Wohles. Die Judenfrage in Polen ist ein Teil der polnischen Frage. (Polens Freiheit ist die Freiheit seiner Juden.)‘*) Wien, im April 1915. Dr. Tobias Aschkenase, Präsident der Advokatenkammer und ehern. Vizepriisident der Stadt Lemberg, ehern. Landtagsabgeordneter. Dr. Herman Di am and, Reiclisratsabgeordneter. Dr. Henryk Kolischer, Reichsratsabgeordnetc-r. Dr Herman Liebermann, Reichsratsabgeordneter. Dr. Natan v. Loewenstein, Landtags- und 'Reichsratsabgeordneter. Dr. Jözef Micha! Rosenblatt, o. ö. Professor der Jagiellonischen Universität in Krakau und Vizepräsident der westgalizischen Advokatenkammer. Ing. Jözef Sare, Vizepräsident der Stadt Krakau, cliem. Landtagsabg. Dr. Ignacy Steinhaus, Reichsratsabgeorclneter, Mitglied des Bezirksausschusses Jaslo. Dr. Jaköb Glanz, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde der Stadt Przemysl. Dr. Szymon Schaff, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde der Stadt Lemberg׳. Dr. Samuel Tilles, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde der Stadt Krakau. *) Das Eingeklammerte ist von der österreichisehen Zensur gestrichen. Die Bedeutung dieser Erklärung wird aber erst vollständig klar, wenn man sie mit* der von uns am 18. Juni gebrachten Meldung zusammenhält, wonach der Präsident des osterreichischen Polenklubs, Exzellenz Dr. von Bilinskv, mit den israelitischen Mitgliedern des Polenkiubs Dr. Löwenstei’n, Dr. Steinhaus, Dr. Groß, Dr. Kolischer und Rauch über einen von den israelitischen Herren zu zeichnenden Protest gegen die Anklagen von Georg Brandes unterhandelt habe. Der Plan des Protestes soll von dem israelitisch-polnischen Sozialisten Abg. Dr. Herman Diamand ausgegangen sein. Die ״W iener Jüdische Zeitung“ vom 9. Juli meldet nun, daß diese Aktion trotz großen Energieaufwandes der israelitischen Mitglieder des Polenklubs gescheitert sei. An die Stelle dieses mißlungenen Protestes ist nun aber die obige ״Erklärung“ unterschrieben. Aber diese Erklärung trägt nur die Unterschrift der israelitisch-sozialistischen Abgeordneten Dr. Liebermann und Dr. Diamand und anderer n e u n israelitischer Polen. Die Abgeordneten Dr. Groß (Krakau) und Rauch (Stanislau) haben den Aufruf nicht gefertigt. Keinesfalls kann behauptet werden, daß er von Vertretern aller Parteien der Juden Galiziens gezeichnet und damit gebilligt sei. Die große Majorität der Juden Galiziens wird es im Gegenteil energisch ablehnen, sich von den Polen zur Unter- Stützung ihrer Aspirationen benützen zu lassen, die sich weder mit den Staatsbürgerliehen Pflichten der österreichischen Juden, noch mit ihren jüdischen Interessen vertragen. Es ist notwendig gewesen, die Geschichte und den Zweck dieser ״Erklärung“ in aller Oeffentlichkeit festzustellen, zumal sie als eine Parallelaktion zu den in Warschau eingeleiteten Abwehrprotesten einer gewissen polnischen Gruppe gegen die erschütternden Anklagen eines Georg Brandes und anderer Kenner des polnischen Antisemitismus gedacht ist, über die noch, zu sprechen sein wird. Daß sich Herr Dr. Löwenstein zum Helfershelfer der Warschauer Gruppe eines Dmowski und N i e m o j e w s k i macht, ist allerdings tief bedauerlich und beschämend — aber begreiflich. L. H. Die Heuschreckenkatastrophe in Palästina Der Jaffaer ״H a p o e 1 H a z a i r“ vom 2. Juni bringt den folgenden Bericht: Der Kampf gegen die Heuschreckenbrut wird in ganz Palästina geführt. Die Anstrengung, die Pflanzungen vor diesem Verderben zu retten, ist ganz ungewöhnlich. Alles ist rastlos bemüht, dem Verderben vorzubeugen. Das Unglück ist weit größer, als man es zu Anfang gedacht hat. Ls ist freilich an einzelnen Stellen gelungen, die Weinberge und Plantagen zu retten, aber an anderen Stellen arbeitet man nur noch aus Verzweiflung und die mühevolle Arbeit ist offenbar zwecklos. Der Schaden ist sehr groß, an manchen Stellen erreicht er 50 01 der Gesamtpflanzung. Aus Be 11- Schemen wird geschrieben: ״Was wir gefürchtet haben, ist eingetroffen. Vergangenen Dienstag abend (es handelt sieh um die letzte Maiwoche), begann die Heuschreckenbrut das Land zu überschwemmen. Die ganze Nacht arbeitete man daran, sie nicht in die Olivcnpflanzungen gelangen zu lassen. Am Mittwoch ging die Flut zurück und es war möglich, auch alle Gemüsefelder zu retten. Aber Mittwoch abend kam von der anderen Seite ein ganz ungeheurer Schwarm und in einer halben Stunde traß er sämtliche Maiidclpilan/ungen ab. Am Morgen des Donnerstag vernichtete er in einer knappen Stunde alles. Sämtliche Olivenpflanzungen, den Weinberg, die Mandeln und die Waldpflanzim״. Grün sind nur der Eucalyptushain und einige einzelne Bäume in der Kolonie geblieben. Unsere ganze Arbeit war also nutzlos. Im Laufe der letzten drei Wochen vermochten wir sämtliche Heuschreckensehwärme abzuwehren und selbst die Mandeln vor Vernichtung zu bewahren, aber was hätten wir gegen einen solch ungeheuren Schwarm tun können, der weit, weit größer war, als selbst der in Huldah, ein •Schwarm, der nicht eine Eile unseres Landes verschont ließ. Auch jetzt noch gibt es Heuschrecken in großer Menge. Sie bedecken nachts die Außenmauern der Höfe so, daß man von der eigentlichen Mauer nichts sieht. Ja, sie dringen selbst in die Höfe ein und fallen wie große Regentropfen auf die Erde. Sie erfüllen die Stuben und häufig sieht man sich gezwungen, vor ihnen ins Freie zu flüchten. Wir stehen vor einem völligen Ruin. Bei vielen Bäumen fressen sie die Rinde ab; die Zweige fressen sie stets ab. Sollte es uns gelungen, die Stämme zu retten, so könnte man vielleicht hoffen, die Oliven vor dem Verderben zu bewahren. Die Oliven können wieder aufsprossen, auch wynn sie ein halbes Jahr ohne Blätter bleiben, aber die dreihundert Dunam Mandelpflanzungen sind völlig vernichtet, man wird neue anbauen müssen. Mail muß die Erde fortwährend umgraben, damit sie ihre Feuchtigkeit bewahre. Auch wird es nötig sein, das Land mehrfach zu bewässern. Vom Federvieh sind plötzlich 50 Stück־ verendet, weil sie zu viele Heuschrecken gefressen hatten, und infolge der Hitze. 111 den umliegenden arabischen Dörfern herrscht Rinderpest. In einem der Dörfer sind bisher 20 Stück Vieh dieser Seuche zum Opfer gefallen. Eine von uns aufs strengste durchgeführte Absperrung verhindert eine Verschleppung auf unser Gebiet, doch gegen die Heuschrecken nützen keine Absperrungstnaßregeln und sie können die Seuche hinüberschleppen. Man muß auf alles gefaßt sein. InPetach-Tikwa h ist die Lage sehr schlecht. Alle Anstrengungen, die Heuschreckensehwärme fernzuhalten, haben nichts genützt. In den ersten Tagen hatte man noch die Hoffnung, sie zu überwinden, und in der Tat gelang es ohne große Schwierigkeiten, die Heuschreckensehwärme in der Kolonie zu vertilgen. Aber gegen die unendlichen Schwärme, die täglich aus der Umgegend hincinkommen, ist es unmöglich, ein ausreichendes Mittel zu finden. Die ganze Arbeit ist nutzlos aufgewandt worden. Täglich werden immer mehr Bäume abgefressen, das Gemüse leidet, auch die Gärtchen um die Häuser werden kahl gefressen. Die Einwohnerschaft ist sehr niedergeschlagen. Die Kommission der Agronotne, die vor einigen Tagen in Petach-Tikwah war, hat beschlossen, um die Bäume vor den Heuschrecken zu schützen, sie mit Erdaufhäufungen von 30 bis 40 cm Höhe zu umgeben und, soweit es möglich ist, namentlich die jungen Bäume mit Tüchern, Pappe und dergl. zu umwickeln. ln En-G an im ist es geglückt, bis zu einem gewissen Grade die Pflanzungen zu retten• Während!die Arbeit am Anfang langsam und ahne n-*te Lust vor sich ging, herrscht jetzt die entgegengesetzte Stimmung. Man hofft, das meiste retten zu können. Bisher ist jedenfalls der Schaden nicht allzu groß. ln Rechohot, wo man zuerst gehofft hatte, die Heuschrecken vernichten zu können, hat sich die Lage in der letzten Zeit sehr verschlimmert. Sehr viel ist vernichtet. Täglich kommen neue Heuschreckenschvärme aus der Umgegend und es ist nicht möglich, irgendwie gegen sie aufzukommen. Man hat die Hoffnung aufgegeben, irgend etwas zu retten und der Kampf wird fortgeführt, ohne daß inan irgendwie auf Erfolg rechnet. ln Rjschon-lc-Zion steht es ein wenig besser als in den übrigen judäischen Kolonien. Der Schaden ist zwar groß genug, aber immerhin geringer als wo anders. Der Kampf gegen die Heuschrecken hat so gut wie aufgehört, denn jeder Kampf ist nutzlos, solange stets neue Schwärme ans der Um- ״egend kommen. Aehnlich ist die Lage auch in den übrigen Kolonien in Judäa und Samaria. Aus Chedcra wird von völliger Vernichtung berichtet. Im allgemeinen schätzt man den Schaden auf 50 bis 70 «,!. Es ist vorläufig noch nicht zu ersehen, ob cs sich nur um die Ernte handelt, oder ob die Baumpflanzungen völlig vernichtet sind, ןן> daß eine Neupflanzung erforderlich wird. Aber die*’Heuschrecken fressen immer mehr ab, und wenn es noch lange anhält, so werden die Bäume völlig absterben. An manchen Orten ist in den letzten Tagen schon die dritte Brut aus den Eiern gekrochen. Die erste hat schon Flügel bekommen und in einigen Tagen wird sie wohl flügge werden. Es steht dann zu erwarten, daß sic das Land verläßt. An die Leser der Jüdischen Rundschau in Wien. Wir haben dem Verlag R. Löwit, Wien, I. Rotenturmstr. 22, den Einzelverkauf der Jüdisch er» Rundschau für Wien übertragen. Der Preis der Nummer beträgt im Einzelverkauf 25 11. Verla T dar Jüdischen Rundschau. . 1,11 1 1 1 n iii—iuji——■»1»W(■