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Jüdische Rundschau · 1915-07-09 · Heft 28 (9.7.1915) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 28 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 28 J IJ E DI SC H E RUNDSCHA U Sette 225 Die jüdischen Flüchtlinge in Oesterreich-Ungarn Ein Brief des k. u. k. Botschafters in Washington JAK. Die Beschwerden des jiddischen New Yorker Tageblattes ״W a h r h e i t“ über die schlechte Behandlung der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukow i n a haben den österreichisch-ungarisehen Gesandten in Washington, Dr. Dumba, veranlaßt, an dieses Blatt einen Brief zu richten, in dem er einerseits die Maßnahmen seiner Regierung zu rechtfertigen sucht, und andererseits verspricht, sich für die Abstellung der Mißstiinde mit aller Energie einzusetzen. Der Gesandte behauptet, daß nur ״unwissende Bauern“ gegen die ״Invasion der unglücklichen Flüchtlinge protestiert“ hätten. Diese Behauptung steht im Widerspruch zu den Tatsachen. Ist etwa Weißkirchner, der Bürgermeister der Stadt Wien, ein ״unwissender Bauer“? Nun, Weißkirchner und Konsorten betrieben seit Monaten eine scharfe Hetze gegen die Flüchtlinge, indem sie sie fälschlicherweise des ״Brotwucliers“ beschuldigten und ihnen die Schuld an der Lebensmittelteuerung zur Last legten, weil sielt ein paar Dutzend Händler unter den Flüchtlingen erkühnt haben, sich am Getreidehandel zu beteiligen und den Wiener christlich-sozialen Krämern Konkurrenz zu machen. Das antisemitische Verfahren ist zunt Handgreifen einfach. Gewöhnlicher kaufmännischer Wettbewerb wird zuin ,,Brotwucher“ gestempelt, und dieser der Masse der Flüchtlinge in die Schuht• geschoben. Wenn einige galizischc Händler noch dazu auf ״unkonzessioniertem Gewerbebetriebe“ ertappt werden, so ist ja damit die große Schuld des Judentums an der Teuerung und allem, was damit Zusammenhänge einwandfrei erwiesen. Die christlich-soziale ״Reichspost“ und die anderen antisemitischen Brunnenvergifter in Oesterreich legen sich auch während des Krieges ungeachtet der großen, von allen kompetenten Faktoren anerkannten patriotischen Opferwilligkeit der Juden Galiziens und des ganzen Reiches und ungeachtet des auch in Oesterreich proklamierten Burgfriedens keinen Zwang auf. ln einer offiziellen Weihnachtsrede im Wiener Rathause hat, wie wir seinerzeit berichtet haben, Weillkirchner seinen Getreuen versprachen, für die Abschiebung sämtlicher Flüchtlinge einzutreten, ein Wunsch, dem seitens der Regierung allerdings nur zum Teil entsprochen worden ist. Der auf die Verordnung des Justizministeriums betreffend die galizischen Rechtsanwälte bezügliche Passus des in englischer Sprache verfaßten Briefes lies Dr. Dumba verdient wörtlich wieuergegeben zu werden. Er lautet in der Uebersefzung wie folgt: ״Die Verordnung, die die Ausübung des Advokatenberufes seitens der jüdischen Rechtsanwälte aus Galizien und der Bukowina begrenzt, ist auf Wunsch vieler in Wien etablierter Advokaten erlassen worden, die in der Mehrheit, wie ich glaube, der jüdischen Konfession angehören. Eine Minderheit der Wiener Rechtsanwälte hat allerdings gegen diese Maßnahme protestiert, und ich hoff«?, daß sie demnächst zurückgezogen werden wird.“ Hier ist dem Gesandten eine Reihe von Irrtümern unterlaufen. Daß die Verordnung offiziell nicht bloß gegen die jüdischen Rechtsanwälte gerichtet ist, ist belanglos, da ja hier nur Juden in Frage kommen. Falsch ist die Behauptung, daß Juden die Beschränkung verlangt hätten und daß nur eine .Minorität protestiert hätte. Die Verordnung wurde vielmehr g e g ende n v o r a 11 f g e g a n g e n e n a 11 s d r it c k - lieh e n Bes c h I u ß de r großen Mehrheit der Wiener A d v o k a t e 11 k a m m e r, der berufenen Vertretung• des Advokatenstandes, erlassen, die aus Sympathie mit den Kriegsopfern und weil sie wußte, daß den Wiener Rechtsanwälten vonseiten ihrer galizischen Kollegen keinerlei Gefahr drohe (insgesamt hatten 8'.) Advokaten den Wunsch geäußert, zur Ab- Wicklung alter Prozesse ihre Kanzleien provisorisch nacli Wien zu verlegen), von keinen verfassnngswidrigen Beschränkungen wissen wollte. Die engherzige antisemitische Minderheit hat natürlich über ihren Sieg gefrohlockt. Die große Mehrheit der Wiener Rechtsanwälte verurteilte den Eingriff der Regierung, und die angesehenen ״Juristischen Blätter“ schlossen ihre kritische Beleuchtung der Regierungsmaßnahme mit der folgenden, vielsagenden Frage: ״Hätte die Staatsverwaltung die gleiche Maßregel für nötig gefunden, wenn etwa Steiermark das Unglück gehabt hätte, von dem Feinde besetzt zu werden?“ ״Die zionistische Bewegung“ Im ״Archiv für Rassen - und Gesell- $ ch a f ts b iolog i e“ (Verlag B. G. Teubner, Leipzig, Heft 3/4, 1915) veröffentlicht Paul Kaznels o n - Prag einen orientierenden Ueberblick über ״Die zionistische Bewegung“. Er beginnt seine Ausfiihrungen folgendermaßen: ״Gerade der Rassenh vgieniker, dessen Arbeit und Ziel ja die Erbwerte des Menschen betreffen, der sein Wesen mir als Glied in der Kette der Generationen versteht, wird immer ein Freund des nationalen Gedankens sein. Demi national sein heißt, sich eins fühlen mit der Reihe der Vorfahren, welche Geschichte (Hier Blut zu einer Einheit verschmolz, aber auch: diese Einheit, veredelt in ihren Erbschätzen und Kulturgütern, weiterführen wollen in die Zukunft.“ Im übrigen wird in diesem ״Ueberblick“ des ״Archivs für Rassen- und Gesellschaftsbiologie“ gesagt, ״daß in der meisten Zionisten Auffassung die Entscheidung des sogenannten jüdischen Rassen- Problems (ob die Juden während ihrer Wanderung durch Europa fremde Elemente in sich aufnahnien oder nicht) von ganz untergeordneter Bedeutung ist gegenüber der Tatsache, daß die Juden durch historische Gemeinschaft, trotz des Mangels einer gemeinsamen Sprache, ein Volk bilden. Es gibt keinen Soziologen, der nicht ganz, spontan Juden und jüdisches Volk identifiziert. — Das jtijdische Volk steht heute vor einer schweren Ent- Scheidung: Untergang oder Weiterleben. Der Zionismus ist der Wille zum Weiterleben.“ Hierauf folgt der kurze Ueberblick über die Ikgründung und Geschichte der zionistischen Bewegung. ״Der größte Erfolg des Zionismus bleibt die Schaffung eines freien, nationalen Geistes in Palästina, der fähig ist. neue Blüten zu treiben.“ ״Der Zionismus“ Int Juliheft der von Professor Hans Delbrück herausgegebenen ״Preußischen Jahrbücher“ ist eine umfangreiche Abhandlung von Kurt Binm e n f e 1 d über den Zionismus erschienen. Bit!־ menfeld versucht i!1 diesem Aufsatz, wie uns scheint mit Glück, ״der deutschen Oeffentlichkeit einen riehtigen Begriff von dem Wesen, dem Umfang und der politischen Bedeutung der zionistischen Bewegung zu geben“. Er , stellt zunächst die inneren Voraus- Setzungen der Bewegung des modernen Judentums dar, die sich im Zionismus als eine kraftvolle idealistische Reaktion gegen den Typ des Assimilationsjudentums auf lehnte. ״Eine Untersuchung der historischen Grundlagen des Zionismus führt zu dem Ergebnis, daß es sich um keine willkürliche Konstruktion handelt, sondern daß die gleichen Kräfte, die heute an der Erneuerung des Judentums tätig sind, in allen Zeiten der jüdischen Geschichte wirksam gewesen sind. Der Lebenswille der jüdischen Nation fand seinen Ausdruck in dem Gefühl der Auserwähltheit, der untrennbaren Schicksalsgemeinschaft und dem Glauben an eine gemeinsame Zukunft des jüdischen Volkes. Durch diesen Lebenswillen sind die Juden auch nach dem Verlust ihres Staates ein Volk geblieben. Sie haben sich selbst immer dafür gehalten und sind niemals von der Umgebung für etwas anderes angesehen worden. Blutsmäßig sind sie vermutlich einheitlicher als die meisten Nationen Europas. Wesentlich war aber das Gefühl des menschlichen Zusammenhanges und der Glaube an eine gemeinsame Zukunft. Wenn Nation ein lebendig sich entwickelnder Organismus ist, dessen Glieder sich als historische Einheit mit gemeinsamen Zukunftshoffnungen fühlen, so Waren die Juden immer eine Nation. Auch für jeden Nichtjuden war jeder Jude trotz zahlreicher Differenzierungen innerhalb der Judenheit ein charakteristischer, anders gearteter menschlicher Typus und ist es heute, wo das Urteil über den Stil, über die Geheimnisse der schöpferischen Fähigkeiten feiner und klarer geworden ist, mehr als jemals in früherer Zeit. Die Entnationalisierung*versuche des neunzehnten Jahrhunderts haben nur zu einer Maskierung geführt, durch die sieh die Nichtjudeii im allgemeinen nicht haben täuschen lassen. Das Eindringen in die tieferen Schichten des deutschen Geisteslebens brachte allmählich auch einer neuen Generation, deren schlummernde jüdische Instinkte erwachten, zum Bewußtsein, daß Kultur mehr ist als etwas Gedrucktes, mehr als eine Summe fertiger geistiger Leistungen, daß nicht der Literat, sondern der lebendig schaffende Mensch der Träger echter Volkskultur ist. Die Ahnung vorn wahren Sinn des nationalen Lehens schuf eine Bewegung, die das jüdische Volk zu neuem Leben erwecken wollte. Diese Bewegung ist der Zionismus. Die Assimilation hatte die Juden zu einem von Unaufrichtigkeit und Kraftlosigkeit angefiillteii Leben geführt. Trotzdem sie die geistigen Schätze Europas kennen gelernt hatten, waren sie doch Mensclicn ihrer Art gehlieben, und das dauernde Bestreben, diese Wahrheit vor den anderen und vor sich selbst zu verbergen, hat in ihnen alle Schäden einer liebergangsmoral hervorgebracht. Der Zionismus kam aus 'ähnlichen Empfindungen und Ueberlegtingen, aus denen sich das deutsche Volk erneuert hat, zu der Ueberzeugung, daß es für die Juden ein würdiges Leben nur geben könne, wenn sie ihren sittlichen Halt und ihre innere Befriedigung in der Betätigung der Wahrheit ihres jüdischen Wesens finden.“ Ausführlich wird hierauf der Wert der zionistisehen Juden für den Staat, die Bedeutung der Palästina-Hoffnung für das jüdische Leben und die Entstehung und Gliederung der Zionistischen Organisation behandelt. Den Hauptteil bildet die L)ar- Stellung der palästinensischen Kolonisationsgeschichte und der Bedeutung der jüdischen Siedlung in Palästina für die Türkei und Deutschland als ihren Bundesgenossen. Auch die Voraussetzungen, von deren Schaffung ein schnelleres Tempo der jüdischen Ein- Wanderung abhängig ist, werden formuliert. Es ist eine Arbeit, die ihren informatorischen Zweck sicherlich erfüllt. Mitteilungen des jüdischen Verlags Die Kriegszeit hat uns gezwungen, unsere Verlagstätigkeit nach außenhin zu unterbrechen. Vor dem Kriege waren einige neue Werke fast fertig. So der II. Band von Ach ad Haam, die Kreuzzugsbe richte, ein O h a n 11 k a h - B u c h in der Art des Chad Gadja, eine neue Auflage der G 1 ü c k e I v o n H a m e I 11 und a. m. Dies alles muß jetzt bis zum Eintritt normaler Verhältnisse zurückgestellt werden. Unsere Verlagstätigkeit hat eigentlieh nur in der Herausgabe zweier H e r 7.1 b i 1 d - nisse bestanden, beide von Hermann Struck ausgeführt. Wir haben uns aber bemüht, die Beziehungen zu unseren Freundeskreisen hauptsächlich durch einen ausgedehnten Informationsdienst aufrecht zu erhalten und haben zu diesem Zweck eine größere Anzahl von Verzeichnissen und Sonderprospekten herausgegeben. Im folgenden führen wir die wichtigsten an: 1. Antiquariats Verzeichnis. Unser erster, im Februar 1014 herausgegebener Antiquar riatskatalog, enthielt 545 Nummern, — der neue ist auf 247 Nummern zusammengeschmolze«. 2. ״Jüdische Bücher fürs Feld“. Ein kurzer Auszug aus unserem Verlags- und Lagerkatalog, dazu die wichtigsten Neuerscheinungen der jüdischen Literatur. Das Verzeichnis besteht aus den vier Abteilungen: Belletristik, Allgemeines über Juden und Judentum, Zoinismus, hebräische Lehrbücher. — Als Anhang und Ergänzung dazu sind die folgenden vier selbständigen Verzeichnisse gedacht: 3. ״P a 1 ä s t i n a vor dem Kriege und währenddes Kriege s“. Fünfzehn selbständige Schriften und Zeitschriftenaufsätze über verschiedeZne Probleme und Vorgänge, die mit dem gegenwärtigen Stand unseres Siedlungswerkes zusammenhängen. Einige Schriften sind rein weltpolitisch orientiert wie die Schriften von Tri et sch, Qu es sei und Bürger. Andere sind kolonialpolitisch und nationalökonomisch, so N a w r a t z k i und Oppenh e i in t r. Ganz für sich steht da Alfons Paquets ״In Palästina“. 4. Zimt kleinen Teil enthält das Verzeichnis ,,Die Juden im Weltkrieg“ mit seinen 19 Nummern dieselben Schriften wie das vorhergehende. Es handelt sich eben um Grenzgebiete. Nur ganz wenige Nummern sind ver detn Kriege erschienen, darunter die Judenpogrome in Rußland, das leider viel zu wenig bekannte Quelle 11 werk zur Kenntnis der russischen Pogrornpolitik. Die letzten Monate haben übrigens eine ganze Anzahl von neuen Werken zum Thema gebracht, unter denen wir außer dem Z u c k e r m a n n - Gedenkheft und den ״K r i e g s b r i e f e 11 deutscher und osterreichiseher Juden“ besonders die umfangreiche Abhandltmg ״De r Z i o n i s in u s“ von Kurt BI um e 11 f e I d in den P 1־ e u Bischen J a h r b ü c 11 e r n erwähnen möchten. 5. Zu Her/ls Todestag haben wir ein Verzeichnis von H e r z 1 5 z i o n i s t i s c h e n u 11 d!! i c 111 z i o - 11 i s 11 s e 11 e 11 Sc h ritt e 11 zusainmengestellt. Nur eine von den elf Schriften ist nicht von Herzl, sondern über Herzl, nämlich friede m a 11 11 s Herzlbiog raphie. (1. Diesem Verzeichnis schließt sich endlich das Verzeichnis ״Herzl im Bild“ an. Aus der großen Anzahl ton Herzlbildnissen wurde eine Auswahl ton sieben Nummern getroffen, darunter die drei Bildnisse von Struck. 7. H e b r ä i s c h - j i d ei i s c h e r K a t a 1 o g. Enthält vorwiegend belletristische Werke, auch einige Gesamtausgaben, darunter .VI e 11 111■ I t• M o e 11 e r S f o r i m, P c r e z, L i I i e 11 b 111 m. Die Schul- und Jugendbücher sind bereits meist vergriffen, wie auch sonst ein großer Teil der 203 Nummern des Ver- /.eich msses. AUS ALLER WELT Aus Amerika. Ein Komitee der H ehre w S h e 11 e r 1 11 g a n d 1 m!11 i g rant Ai d S o c i e t y o f A tmri c;» (Hebräische Obdachs- und Einwandcrungs-Hilfsgesellschaft in Amerika), bestehend aus dem Präsidenten Richter Leon Sanders, Isidore Hershfield, einem Mitgliede des Law Comitee, Herrn Louis S. G o 111 i e b , einem seiner Vertreter in Washington, und Herrn Samuel Littmann, der die Geesllschat't in Ellis Island vertritt, hatten eine Audienz beim Sekretär Wilson vorn Arbeitsdepartement, tun gegen die Verschickung v on Ei n w a n d e r e r!1 via Archangelsk zu protestieren. Seit Beginn des Krieges wurden mehrere hundert Einwanderer, die für die Zulassung nicht geeignet erschienen, gegen Unterzeichnung einer Erklärung freigelassen, die ihre Rückkehr aus den Vereinigten Staaten in ihr Heimatland garantiert, sobald die lieber-

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