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Jüdische Rundschau · 1915-07-09 · Heft 28 (9.7.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 28 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 224 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 28 asten sehen alle sehr gut aus. Der Direktor der Schule ist jetzt in der Schweiz. Auch gibt cs eine Haupt- und Nebenscltule für Knaben, die nicht schlecht ist, aber jetzt unter vermindertem Besuch und vermindertem Einkommen leidet. Andererseits sab ich einen sephardischen Cheder, in dem ein alter Mann sich bemühte, zwanzig widerspenstige zerlumpte Knaben zu unterrichten, die unsere Gegenwart zu allerhand Radau ausnutzten. Man sagte uns, daß die Kinder hier ihre Gebete und spater die Bibel lernten, auch ein bisdien Arabisch und etwas Zeichnen. Ist es nicht eine Schande, daß diese armen Kinder in dieser Weise gehemmt werden? Die Kinder selbst scheinen das nicht zu bedauern, denn sie spielten dem alten Herrn soviel Schabernack wie nur möglich. Ich vergaß zu erwähnen, daß in der Mädchenschule eine ständige Behandlung gegen Augenkrankheiten eingerichtet ist. In den unteren Klassen bedürfen ca. 25 ״« der Kinder der Behandlung. In den höheren Klassen haben alle gesunde Augen. Int Gymnasium sind drei arabische Kinder, die Hebräisch lernen, um eine gute Erziehung zu erhalten, und in der Mädchenschule ist eine kleine Christin, die zu dem ״!eichen Zweck Hebräisch lernt. Ich war mit Dr. R u p p i n und anderen angesehenen Leuten dort zusammen, die mir alle sehr gut gefallen haben. Sie haben mich mit der gleichen Freundlichkeit wie meine Freunde in Baltimore aufgenommen. Wir haben unsere Ladung noch nicht gelöscht und das Schiff wird nach Beirut zuriiekgehen, ohne auszuladen, um das amerikanische Kriegsschiff ״North- Carolina“ mit Kohlen zu versehen. Die Vorbereitungen sind noch nicht beendet und das Kriegsschiff braucht dringend Kohlen. Wir hoffen, daß wir, sobald es zurückkenrt, imstande sein werden, auszuladen. Morgen früh werde ich mit dem amerikanischen Konsul im Wagen nach Jerusalem fahren. Vielleicht wird es uns dort gelingen, die erforderlichen Arrangements zu treffen. Ich hoffe, in einigen Tagen zurückzukommen und dann unsere Lebensmittel ausladen zu können. Inzwischen werde ich die Heilige Stadt sehen, wo, wie man mir sagt, infolge des Ausbleibens der Spenden aus Galizien und Rußland die Chalukahleute in großer Not sind. Es herrscht dort wirklich großes Elend. Ich hoffe, wir werden imstande sein, dem ein wenig abzuhelfen. Unser Konsul, Herr Dr. Blazebrook, ist stets bereit, uns beizustehen, und er tut wirklich alles, was in seinen Kräften steht. Wir könnten uns keinen besseren Mann hierfür wünschen, und diese Tatsache verdient bekanntgegeben zu werden. Die Heuschreckenplage Wir lassen im nachfolgenden Einzelheiten über die Verwüstungen folgen, die die Heuschrecken in den verschiedenen jüdischen Kolonien Palästinas angerichtet haben. Diese Nachrichten sind von Mitte Mai datiert: Petach Tikwah und En Gani m. In Petacli Tikwah sind die Verluste nicht sehr bedeutend, die Mandelpflanzungen haben arn meisten gelitten. Wie überall, sind die Gemüse- und Futter- Pflanzungen fast vollständig vernichtet, während die Orangenpflanzungen bisher nur unbedeutend gelitten haben. Dagegen ist En üanim mehr betroffen, ein Teil der Pflanzungen hat sehr stark gelitten. Auch hier sind die Gemüse- und Futterkulturen teilweise vernichtet. Kfar Saba u n d K f a r M a 1 a 1. Diese beiden Kolonien, die inmitten arabischer Terrains liegen, waren irielir als die großen Kolonien den von außen her eine!ringenden Hetischreckenschwärmen ausgesetzt. Die in diesem Jahre angelegten .Mandelpflanzungen haben sehr gelitten, aber da das darin investierte Kapital nicht groß ist, so sind die Schäden Verhältnismäßig unbedeutend. (ihedera. Nur 1 '2 der Mandelpfianzungen sind betroffen wurden, Ke 1׳ k u r 11 n d B e d u s. In Kerkur auf dem Besitztum des Herrn Schlesinger sind rund 50 Dunam einer jungen Eukalyptuspflanzimg vernichtet. Dngefahr 250 Dmiani Getreide und ungefähr 10 0״ Gerste und Hafer können als verloren betrachtet werden. 8 i e h 1 ״ n J a c o b 11 11 d N' e b e n k o I o n i e n. Diese Koloiiiegruppe hat wenig gelitten. Einige Weinstocke haben gelitten, aber vor allem ist viel Gemüse verloren, B e 11 s c 11 e 111 e 11 u n d H u I d a. ln Benschemen sind die Schäden unbedeutend. In Hulda dringen ständig so große neue Schwärme ein, daß eine erfolgreiche Bekämpfung fast unmöglich scheint. Kfar Uri eh. Aut den Terrains der ״Bialystojjkcr I.anderwerhs-(icsellschaft“ sind ungefähr 1Ö0 in diesem Jahre angelegte Mandelpflanzungen zerstört. Ebenso sind infolge dieser Plage ungefähr 5 "0 der Getreideernte vernichtet. A r t 11 f. Die Kolonisten von Artuf sind fast gar nicht geschädigt. Allerdings haben die Mandelpflan- Zungen auf der Farm des Herrn J. L. Goldberg stark gelitten, I )er Mais und die So.va sind vollständig abgefressen und der Sesam ist etwas angefressen. M ik w e 11 •1 s r a e 1. ln der Schule haben nur die Weinpflanznngen leichte Schäden erlitten. R i s c 11 0 n -1 e^ Z 1 ״ n. Hier sind die Beschädigungeii an einigen Stellen recht bedeutend. Der größte Teil der Weinpflaiizungen ist stark mitgenommen und im übrigen sind zwei dem Herrn j. L. Goldberg aus Wilna gehörige Weinberge völlig vernichtet. Diese Weinberge werden innerhalb der nächsten zwei Jahre weder Blätter noch Früchte haben, denn selbst die Knospen <jrul abgefressen. Nachlath Jehuda. Dies hat keine großen Beschädigungen zu beklagen. Nur das grüne Gemüse ist zum größten Teil zerstört. Wadi el Chan in. Hier ist die Bekämpfung von Anfang an energisch geführt worden. Die Resultate sind noch nicht bekannt. Man macht sich aber trotz so vieler Arbeit auf große Beschädigungen der Orangerien gefaßt, da immer neue Schwärme *1us den Nachbardörfern in die Kolonie eindringen. Re chobot. Die Kolonisten von Rechobot haben seit einigen Tagen die Bekämpfung der Heuschrecken völlig aufgegeben, da ihre Zahl durch Zuzug von außen täglich wächst und es keine tMöglichkeite 11 mehr gibt, ihrer Herr zu werden. B’er Jakob. Ungefähr 10 «0 der Mandelpflanzungen sind ziemlich stark beschädigt. E k r o n und Ged era. ln Ekron sind die ganzen Futterpflanzungcn und das Gemüse vernichtet. Die Kolonisten sind infolgedessen in großer Bedrängnis, da es nur wenig Futter für die Versorgung ihrer Milchwirtschaften gibt. Dagegen hat die Getreideernte in Ekron nicht gelitten. In Gedera sind die Weinpflanzungen ziemlich betroffen, während die Mandelpflanzungen nur wenig beschädigt sind. Kastinieh und Ruchamah. Die Beschädigungen in Kastinieh sind sehr geringe, da cs gelungen ist, die Getreideernte zu günstiger Zeit ohne Be- Schädigungen einzubringen, Ebenso haben in Ruchamah nur die in diesem Jahre angelegten Mandelpflanzungen gelitten. Infolge ihrer isolierten Lage mitten in arabischem Gebiet ist diese Besitzung dem Eindringen der Heuschreckenschwärme in besonders hohem Maße ausgesetzt. Galiläa. Die bisherigen Schäden in Galiläa sind bisher im ganzen nicht beträchtlich. Die in diesem Jahre sehr gute Ernte kann im Augenblick schon eingebracht sein. In einigen Gegenden ist höchstens 10—15 ״<> des Wintergetreides vernichtet. Dennoch muß man mit der Möglichkeit rechnen, daß die Sommerernte völlig verdirbt, da die Pflanzen noch zart und infolgedessen der Gefräßigkeit der Heuschrecken \tark ausgesetzt sind. Die Schulen, insbesondere das Jaffaer Gymnasium, haben schon seit mehreren Wochen ihre Schüler in die Kolonien geschickt, wo sie den Kolonisten sehr gute Dienste leisten. Ausweis der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Schekel 1913/14: Nürnberg-Fürth 30, . Schekel 1914/15: Berlin, Jung-Juda 16, , Briesen 6,—,' Dresden 12,--, Duisburg 11,—, Kattowitz 1,—, Messingwerk 2, , Rvbnik 20,—, aus dem Felde 2,—. Landesbeiträge: Berliner Zion. Vereinigung (f. 1914) 27,— , Briesen 30,--. Duisburg 11,- , Messingwerk 5,' , Stettin 15, -aus dem Felde 2, . Propagandafonds: Berlin: Dr. Cassierer 5,--, Leo Klauber 20,; Cöln: Hedwig Bäh 12) ־. Rate 5,; Erfurt: Dipl.-Ing. Ladyjenski (3. Rate) 6,; Hohetisalza: Dr. Dresel und Frau 10, . Eingang vom 1. bis 7. Juli 1915: Schekel 1913/1 -1: 30, M.: Schekel 1914/15: 70, M.; Landesbeit r ä g e: <0, M.; P r o p a g a ndaf o n d s: 40, M. Gesamteingang: Schekel 1913 14: 5469,-- M.; Schekel 1914,15: '2058, "M.; Landesbcitrag e: 2418 50 M.; P r 0 p a g an d a fon d s: 6670, Mark. Der Festzug der jüdischen Flüchtlinge in Wien Durch viele Kundgebungen, durch manchen Festzug ist in Wien die WiederEroberung Lembergs gefeiert worden. Und gewiß war es allen, die diese Feiern veranstalteten, mit ihrer Sache ernst; aber ebenso gewiß ist es, daß keinem damit so ernst war, wie den jüdischen Flüchtlingen in Wien, die Mittwoch, den 30. Juni, abends, durch einen H u I d i g u 11 g s f 0 s t z u g ihre Freude über das!gewonnene Lemberg bekundeten. Ja, keinem war es damit so ernst; denn sie sind cs ja, die dieser Krieg so getroffen hat, wie niemand sonst, sie sind es ja, die Haus lind Heim verloren haben, die ihre Brüder und Schwestern lange, ach so lange Zeit in der Gewalt der russischen Blutgier wußten. Und dazu ihre eigene Notlage m der Fremde . . . Und nun, in diese Ueberfülle von Schmerz und Trauer plötzlich ein lichter Punkt: Tarnrtw ist genominell . . . Und dann weiter: Przemysl . . . Und noch weiter: Stryj. Und Ja roslau. Und schließlich die Krone des Ganzen, die Hauptstadt Galiziens — Lemberg. I)ic Freude war z.n groß, um im Herzen eines jeden verschlossen zu bleiben; sie war zu groß, um nicht hervorzuquelleu und sich Luft zu machen in einer grandiosen, überwältigenden Demonstration. Die äußere Anregung dazu gab, wie immer, wenn es sich um die Bekundung der Gefühle handelt, die die Seele des Volkes füllen, die österreichische Leitung der zionistischen Partei, die nicht Fraktion ist, sondern Volkswille. Um 6 Uhr sollte sich der Festzug vom ־ Karmeliterplatz aus in Bewegung setzen. Schon lange vor 6 Uhr waren die festlich geschmückten Straßen um den Karmeliterplatz dicht besetzt. Eine unüberseh:- bare Menschenmenge strömte herbei, und immer neue und neue Scharen kamen. An alle Teilnehmer wurden Fähnchen verteilt, und kurz nach ö Uhr setzte sich der Z1!g in Bewegung. Voran trug ein Mann eine schwarz-gelbe Fahne, an deren oberem Ende ein Plakat mit einen! hebräisdhen Segensspruchc befestigt war. Dann kam eine Musikkapelle. Hinter ihr schritten ungefähr fünfzig jüdische verwundete Soldaten und die jüdischen Pfadfinder in ihren schmucken Uniformen, der jüd. yVanderbund ״Blau-Weiß“, sowie die Fahnenträger. Zwei blau-weiße Fahnen, zu deren beiden Seiten die Fahnen der verbündeten Kaiserreiche, und in der Mitte ein Zweikaiserbild. Ihnen folgten die Reichstagsabgeordneten Dr. S t r a uc h e r und Dr. Reizes, Oberingen ieur Stricker, Adolf Stand und Dr. Karl Pollak, ferner der Präsident der humanitären Vereinigungen, Dr. Jak o b sehn, Oberrabbiner Karo und Rabbiner Outmann aus Lemberg u. v. a. Ihnen schloß sich eine unübersehbare Menschenmenge mit Fahnen in den Reichsfarben und in den zionistischen Farben, Enblemen und Transparenten an. Unter den Klängen patriotischer Märsche, sowie unter fonwährenden Hochrufen auf die beiden Kaiser, die verbündeten Armeen und die Heerführer bewegte sich der Zug über die Taborstraße, Ferdinandsbrücke und den Kai zum Kriegsministerium. Hier hielt zunächst Abgeordneter Dr. Straucher vom Radetzky-Menument aus eine zündende Ansprache. Er gedachte der ruchlosen Taten, die die Russen in Galizien und in der Bukowina an der jüdischen Bevölkerung begangen haben, und sagte heißen Dank der Armee, auf die alle österreichischen Juden mit Verehrung und Stolz blicken. Adolf Stand aus Lemberg feierte hierauf in beredten Worten den Siegesz.ug der verbündeten Armeen. Nach dem Abspielen der beiden Hymnen setzte sich der Zug in Bewegung. Die ungeheuere Menschenmenge bewegte sich über den Ring nach dem Schillerplatz zur Babenberger Straße und hielt vor dem Landesverteidigungs-Ministerium. Die Straßen waren überall zu beiden Seiten dicht besetzt und die Menge jubelte den Demonstranten zu. Aus den Fenstern der Häuser, sowie aus den Kaffeehäusern wurden Fahnen und Tücher geschwenkt und ununterbrochen erschollen Hoch- und Hurrarufe neben dem Gesänge patriotischer und z i o n i s t i - scher Liede r. Vor dem Landesverteidigungs-Ministerium hieR Abgeordneter Dr. Straucher neuerdings eine ztindende Ansprache, während der Landesverteidigungs- Minister v. G e 0 r g i am Fenster stand und mit einein Tuche der jubelnden Menge zuwinkte. Nach dein Absingen der Volkshymne erschien der Landesverteidigungs-Minister auf dem festlich dekorierten Balkon und brachte ein Hoch auf Kaiser Franz Josef, auf den deutschen Kaiser, auf die ruhmreichen Armeen und auf die verwundeten Kameraden aus, die für das Vaterland geblutet. Die Menge stimmte begeistert ein. Es war eine Demonstration, nein, es war die Demonstration der galizischen Juden in Wien. Aber zugleich war es die Dokumentation eines lebendigen Judentums, eines Judentums, das seinen Feind keimt und in einer gewaltigen Kundgebung gegen ihn und seine unmenschlichen Verfolgungen protestiert. Und es war eine Demonstration von Menschen, die sich als Juden zusammenschließen mul ihre Zusammengehörigkeit als eine Selbstverständlichkeit empfinden. Der Zug der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien durch die Straßen der österreichischen Hauptstadt war ein Zeugnis ebenso des jüdischen Volksbewußtseins wie der patriotischen Gesinnung. Bewußte Irreführung Für die Art, wie führende polnische Kreise alles für ihre Interessen auszuschiachten suchen, ist eine Notiz in der Wochenschrift ״Polen“, dem Organ des polnischen Nationalkomitees in Oesterreich, sehr charakteristisch. Unter dem Stichwort ״Protest der Warschauer Zionisten gegen .die L i t \v a k e n“ wird in der Nr. 27 der Zeitschrift über die in letzter Zeit hervorgetretenen Gegensätze und Mißhelligkeiten zwischen gewissen Petersburger jüdischen Kreisen und den führenden zionistischen Kreisen Warschaus berichtet. Diese Gegensätze betreffen eine rein innerjüdische Angelegenheit — die Propagierung oder Bekämpfung des ״J i d i s c h i s - m ־u s“ — und haben mit der polnischen Litwaki- Theorie und sonstigen polnischen Interessen nichts zu tun. ln der erwähnten Notiz wird aber die Sache dein unbefangenen Leser so hingestellt, als wären die vielgeschmähten ״Litwaki“ endlich auch ihren zionistischen Gesinnungsgenossen in Polen unerträglieh geworden. Die Absicht ist klar. .. ■—r

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