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Jüdische Rundschau · 1915-07-09 · Heft 28 (9.7.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 28 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 222 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 28 Hugo Zuckermann In den ״Deutsch-Evangelischen Monatsblättern für den gesamten deutschen Protestantismus“ veröffentlicht Schulrat Otto Eberhard einen Aufsatz über unseren gefallenen Freund und Oesinnungsgenossen Dr. Hugo Zuckermann. Wir geben dieses herzliche Oedenkwort hier wieder: zeigt es doch, vvie das zionistische Feuer Zuckermanns und seine edle Männlichkeit auf Menschen wirkte, die von außen her in den zionistischen Kreis traten, dem Hugo Zuckermann so lange der Mittelpunkt war. Ich lernte ihn im Februar 1909 auf der Kneipe des ״Vereins zionistischer Hochschüler ,Theodor Herzl‘ in Wien“ kennen. Zum erstenmal hatte der Verein einen Palästinakurs an der Universität veranstaltet, um die zionistische Praxis für weitere Kreise Studierender durch eine wissenschaftliche Palästinakunde, die sich namentlich dem modernen Kulturzustand des Landes zuwenden sollte, zu begründen. Man hatte mich gebeten, über palästinische Schulverhält־ nisse zu sprechen, die ich an Ort und Stelle studiert hatte, und am Abend luden mich die Veranstalter, da ich in Wien und in den Wiener jüdischen Kreisen ganz fremd war, in ihr Vereinslokal. Wir verlebten angenehme Stunden in dem kleinen Kreise, und ich hatte Gelegenheit, in manchem Bonmot und in flüssigen Gelegenheitsreden den Geist dieser jungjüdischen Intelligenz blitzen zu sehen. Aber das Geistesfeuer hatte nicht die Art der Leuchtkugeln und Raketen: es wärmte und drang bis ans Herz, denn es loderte auf dem Altar der Palästinaliebe, die mich mit jenen verband, und wurde genährt durch reiche Oemütswerte, die schließlich immer wieder in dem Entschluß sich fanden: wir müssen das Land unserer Sehnsucht nicht bloß lieben, sondern studieren und seine verborgenen Quellen anstechen, damit wir hernach als Pioniere neujüdischer Kultur ein Neues im alten Heimatlande bauen können. Und unter all den reinen, begeisterten Akademikern war der gewinnendste, der liebenswürdigste und geistvollste, der ernsteste und besinnlichste ein junger Rechtskandidat, der vor wenigen Tagen sich den Doktorhut errungen hatte: Hugo Zuckermann. Er ist der einzige aus jenem Kreise, dessen männlich schönes Bild, dessen kraftvolle, von natürlichem Anstand getragene Haltung mir im Gedächtnis geblieben ist. Es glühte ein seltenes Feuer in dem verschieierten Auge, er war, das fühlte und erlebte man, der geistige Mittelpunkt des ganzen Kreises. Er ist mir dann noch öfter begegnet. Der Verein sandte mir hernach sein erstes» Jahrbuch ״Jüdische Fragen“, in dem eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten aus dem Vereinsseminar vereinigt war, und das Geleitwort dazu schrieb Dr. Hugo Zuckermann. Er hatte, vvie ich aus dem Anhang sah, im Winter 1904/05 den ״Verein zionistischer Hochschüler in Wien : Theodor Herzl“ mitbegründet, er hatte dann auf die Schaffung eines Seminars zwecks wissenschaftlicher Bearbeitung aller jüdischen Fragen und genauer Kenntnis der zionistischen Angelegenheiten hingevvirkt. ״Der junge Verein fühlte bald, wo es fehlte, denn seine Gründer kanten gerade aus der Mittelschule und waren gewöhnt, aus Quellen zu schöpfen. Und da sie keine fanden, so machten sie es wie die Wüstensöhne und gruben. Manches gelang uns zu heben, viel Terrain blieb unserer künftigen Arbeit zu gewinnen übrig. Was wir aber fanden, gehört unserem Volke. Das Volk, dem wir mit ganzem Herzen ergeben'sind, müssen wir kennen in den tiefsten Regungen seines Empfindens, in den stärksten Akkorden seiner singenden Seele . . .“ Das Vorwort ist, vvie die ganze Bewegung, von dem stolzen Bewußtsein getragen, daß die Vertreter des Zionsgedankens ihrem Volke etwas zu geben haben aus heißem Herzen und ernstlichem Studium. ״Wenn das Buch ein Motto bürge, so möchte ich vorschlagen: ,Etwas zum Nachdenken‘.“ Hugo Zuckermann aber war mehr als ein Intellektueller, er war ein Künstler. Dieser Eindruck seiner Person ward mir zur Gewißheit, als ich die Monatsschrift ״Unsere Hoffnung“ durchblätterte. Sie will ein nationaler Bildungsfaktor für die jüdische Jugend sein und ihr erzählen von dem großen Weh, das der Juden Herz bedrückt, und von dem starken Ringen der Besten, die die ferne Heimat längst mit der Seele suchen. Sie atmet Heldenmut lind Ahnenstolz und weist die Jungen Wege zur jüdischen Wiedergeburt. Ganz so, wie sich jene jungen Idealisten gaben. Und in diesem Blatt fand ich des jungen Freundes Leier, gestimmt zur Totenklage und Verherrlichung dessen, den er im Sommer 1904 auf dem Döblinger Friedhofe mit zur Ruhe bestattet hatte — Theodor Herzl. Hier eine Probe seiner Liedkunst: Zum Herzitag. (Rhapsodie 1910.) Noch können wir uns des Tages nicht freuen, Noch ist zu frisch dein Grab, das wir mit scheuen Schritten besuchen, als wärest du eben entschlafen —- Noch steht ein marmorkalter Stein Vor dem lockenden Hafen Und muß in den lenzjungen Sonnenschein Tiefernste Schatten gespensterhaft streuen. — Nicht dem heute Geborenen, Nein, dem gestern Verlorenen Gilt unser treues Gedenken. — Noch können wir dem Leben nicht danken Für sein fürstlich verschwenderisches Schenken, Das dich uns gab. All unser Sehnen, all unsere Gedanken, Klammern sich vvie Efeuranken Ans frühe Grab. Aber einst vvird’s ein großer Festtag sein,, Dann flammen die Berge im Feuerschein, Und alle Täler hallen von Liedern, Und buschumlaubte Gipfel erwidern Den frohen Sang, Dann bist du wieder geboren.!! Prolog zur Herzlfeier der zionistischen Studentenkorporation ״Bethulia“ n Riga (1908)• Ein Sommer war’s, wie dieser, sonnenhell. Der alle Frühlingsträume reifen ließ Und Segen streute auf die Ackerfluren, Und alles war beglückt und hoffnungsfroh. Der Tag stieg auf, wie eine junge Braut, Die Arme neuem Glück entgegenbreitend, Und alle Kranken, die ein Sonnengruß Am Lager koste, hofften zu genesen. Doch als der Abend von den Bergen kroch, Wo er verborgen, vvie ein böser Feind gelauert, Stand still ein Herz, das sich nach Sonne sehnte. Seit jenem Tag schien uns der Himmel schwarz, Die Welt erstorben und die Sonn’ erloschen, Der Sommer welk und alle Freude tot. Die andern harrten einer reichen Ernte Und tanzten lachend auf den fetten Schollen. Wir fühlten herb des Winters kalte Oede, Und in die Erde, die für, uns nicht grünte, Versenkten wir den Sämann statt der Saat. Das ist das Los der Großen Israels, Daß sie am Wege sterben, vvie einst Rachel, Die ungeborene Hoffnung trug im Schoß, Wie Moses, der die letzten Blicke tauchte Ins nahe Land, das ihm doch unerreichbar. Was ahnend längst der wache Geist geschaut, Was formend bildete des Meisters Hand, Was jubelnd lebte in des Sängers Lied, Blieb ihm allein verschlossen — übers Grab hinaus Rankt seine Sehnsucht glühend — so starb Herzl! Und Herzl starb, als fahl der Tag verblaßte. Er hatte stets die Finsternis gehaßt Und wollte Licht dem armen Volke geben. Drum waren ihm die dunklen Mächte feind, Die Maulwurfsbrut, die nur im Dunkeln tappt Und keinen Ausweg wollte aus dern Golus. Feind war ihm, was sich scheu im Schatten barg Und was der Sonne klare Wahrheit scheute. Doch lieb und traut war ihm der helle Schein, Der von den sieben Armen der Menorah Des Juden stilles Haus zum Tempel weihte, Und teuer war ihm Judas Sonnenland, Das Licht des Orients: Jerusalem! 'Und wieder ist es Sommer worden — wieder Schmückt sich die Welt mit Blumen und mit Farben, Und in Rechobot reiten unsere Garben. Und unsere Schnitter singen Erntelieder. Wir aber wollen, da der Tag sich jährte, ln tiefer Wehmut unsere Herzen einen: Theodor Herzl! Blicke auf die Deinen! Du warst’s, der uns den Sang der Freiheit lehrte, Den Traum vom Rauschen in den Zedernhainen, Wir aber gruben dich in fremde Erde Und weinen — ~ — — Und noch ein kleines Lied, das er 1910 seiner Freundin Irma Goldberger widmete und das ein Freund von der ״Bar Kochba“ vertont hat: Einst. Einst, — einst, wenn du wieder scheinst, Segnende Sonne, auf unser Gestade, Dann steh’n taufrische, kerzengrade Halme und harren, daß du sie bräunst. Einst! Einst! Einst, — einst, wenn du nimmer weinst, Mutter Rachel, in nächtlicher Stunde, Dann zieh’n kräftige Burschen die Runde, Die du mit sehnenden Mädchen vereinst. Einst! Einst! Dann habe ich ihn aus den Augen verloren, bis mir sein Name in Verbindung mit dem schlichten ״R e i t e r 1 i e d e“ jüngst wieder aufstieß. Ich wähnte ihn längst in dem Lande seiner Liebe als Pionier einer jüdischen Zukunftskultur, aber keinen Augenblick war es mir zweifelhaft, daß dieses Lied des jungen Rechtsanwalts und österreichischen Reiterleutnants aus der Feder und dem Herzen jenes liebenswerten Zionisten geflossen sei, und weitere Nachforschungen erhoben meine Annahme zur Gewißheit. So schlicht und echt, so voller Empfindung und voller Töne, so entschlossen und opferbereit für hohe Ziele war er vvie dieses Lied. Es ist die singende Seele des Volks, die hier spricht und Gemütstöne anschlägt, denen nur noch der rechte Sänger fehlt, um wiedererklingen zu lassen, was in sie hineingelegt ist. Aber wie es scheint, fehlt es unserer Zeit an solchen Meistern der Tonkunst, vvie Silcher einer war. Schon haben Dutzende versucht, dies wunderbare Reiterlied zu vertonen, unter ihnen der Jenenser Musikdirektor Hermann Poppe und Hannes Ruch, das frühere Mitglied der ״Münchener elf Scharfrichter“. Aber noch keinem ist es geglückt, die Seele des Liedes wirklich volkstümlich aus den Strophen herauszuholen und nachempfindend erklingen zu lassen. Das Reiterlied hat dem Dichter, dessen Liedkunst vor der Oeffentlichkeit bis dahin völlig unbekannt war, viele Freunde erworben und herzlichen Dank gebracht. Nur eine der Zu- Schriften mag um ihres herzlichen Tones wie um des Verfassers willen wiedergegeben sein: ״Sehr verehrter Herr Kamerad! Lassen Sie mich Ihnen herzlich die Hand drücken für Ihr herrliches Reiterlied: Drüben am Wiesenrand hocken zwei Dohlen . . . Das ist echte Kriegsposie! Ihre Verse werden tausend Reiterherzen höher schlagen lassen und fortreißen zu unsterblichen Taten. Ich kann gar nicht sagen, wie Ihre Worte mich gepackt haben. Wie wundervoll haben Sie Ton und Klang der alten Landsknechtsgesänge getroffen. Der Krieg läßt die Soldatenlieder hervorsprießen vvie wilde Blumen. Die meisten wird der Wind bald verwehen, aber Ihr Lied wird bleiben und wird Ihnen zu dem Siegeskranze auch den Lorbeer des Dichters um die Schläfe winden. Gott sei mit Ihnen und führe Sie gnädig wieder heim. In treuer Waffenbrüderschaft Ihr aufrichtig ergebener Dr. jur. v. Diekhuth-Harraeh, Generalleutnant, Gouverneur v on Tliorn.“ Leider hat sich der Wunsch des deutschen ״Waffenbruders“ nicht erfüllen sollen, Dr. Zuckermann hat sich vorahnend in dem bereits vor Ausbruch des Krieges gedichteten Liede seine Zukunft gemalt. Er focht in den Karpathen und wurde in den letzten Novembertagen bei einem Sturm auf feindliche Schützengräben schwer vervvundet; den Verletzungen ist er im Lazarett zu Eger erlegen. Wenn seine Hingabe nun auch nicht dem Lande der Zukunft zugute kommt, in dem seine Seele lebte, 1 er hat auch sein großes deutsches Vaterland geliebt, vvie nur einer es lieben kann, der tief innerlich durchkostet hat, was es heißt: um die Heimat mit der Seele ringen. Für die Freiheit, die seines Lebens Traum und Wachen war, hat er doch gekämpft und geblutet; und den Russen hat er gehaßt, wie sie alle ihn hassen, ,,seine lieben Juden“, die er mit der Knute zu Paaren treibt und in den ״Pogromen“ aller Menschlichkeit zum Hohn vernichtet . . , Schulrat Otto Eberhard.

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