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Jüdische Rundschau · 1915-07-09 · Heft 28 (9.7.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 28 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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r I I I Abonnements I auf die wöchentlich am Freitag erscheinende ״Jüdische Rundschau“ kosten bei der Expedition und bei allen Postämtern vierteljährlich M. 1,60 innerhalb Deutschlands, in Oesterreich- Ungarn M. 2,50, im Ausland M. 8,—־. | Jüdische Rundschau, G. xn. b. H. j | BERLIN W. 15, Sächsische Strafe 8. | | Telephon: Amt UhUnd 845, 846. | | Postscheckkonto: Berlin Nr. 17 392. | /_ז JucDISCH€ RUNDSCHAU Anzeigen kosten für die techsgesp&itene Petitseile oder deren Raum 40 Pf.; Stellen- Angebote und - Gesuche sowie Verein»• Mitteilungen und »Kleine Anzeigen״ O O O O nur 30 Pfennig. O O 0 O Manuskripte werden, wenn Porto bei liegt, stets zurückgesandt. Kedaktionssdblufi: Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdische Rundschau BERLIN W, 15, Sächsische Strafte 8. Telephon: Amt Uh Und 845, 816. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. ALL06M6IN6 9U6BISCH6 ZCITUNC Nummer 28 Berlin, den 9. Juli 1915 — 27. Tammus 5675 XX. jahrgang. An die deutschen Zionisten! Der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ist als der Organisation der deutschen Zionisten in dieser Zeit eine ganz besondere Aufgabe zugeteilt. Auf den Schultern unserer deutschen Organisation ruht eine große Verantwortung. ־ Nur wenn wir unsere Organisation aufrechterhalten und stärken und ihre volle Arbeitsfähigkeit sichern, kann sie ihren Platz in der zionistischen Gesamt- Organisation ausfüllen. Kein Zionist aber kann über die entscheidende Bedeutung der zionistischen Arbeit gerade in diesenTagen politischer Umwälzungen im Zweifel sein. Darum fordern wir von allen unseren Gruppen, von jedem einzelnen Zionisten die Einsetzung aller organisatorischen Energie für die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit der Zionistischen Vereinigung für Deutschland! Zahlet den Landesbeitrag, zahlet den Beitrag zum Propagandafonds der Z. V. f. D. Ernst Goitein Die das größte Anrecht hätten von ihm zu reden, seine Jugendfreunde, sind im Krieg. Einer, gleich ihm, seiner Kompagnie vorausstürmend, gefallen; die andern pflichtbewußt an der Front. So können nur wir Zurückgebliebenen von ihm erzählen. Es gibt zwei Arten von Menschen, die das Dasein schöpferisch beleben: Künstler und Tatmaischen. Die einen entlocken den Steinen und Farben, den Saiten und Worten ihre Geheimnisse, um sie für die Ewigkeit festzuhatten; die andern befruchten das Leben selbst durch ihr Tun. Ihr Dasein wird durch eine reine und große Idee emporgehoben, ihre Arbeit führt oftmals Generationen weiter. Sie sind's, für die die Künstler schaffen und dte Frauen ihr stolzestes Lächeln und ihre heißesten Tränen haben. Zu diesen tüchtigen, zumeist stillen, oft nüchternen Idealisten, die fern von Fanatismus und Ideologie unerschütterlich fest ihr Ziel im Auge haben, gehörte unser Freund. Das Kenn- Zeichen solcher Naturen ist Klarheit des Geistes und Bescheidenheit des Wesens, und zwar eine Bescheidenheit, unter deren Schutz sie alles Gute, Tüchtige, Mühevolle spielend, wie Künstler und Kinder als etwas ganz Selbstverständliches vollbringen. So war Ernst Goitein. Von Kind auf. Als Primus in der Schule, als Erster in! juristischen Examen, als Lebensretter das war alles nicht der Rede wert. Er unterschätzte sich immer: darum ist er auch in der zionistischen Bewegung, der er von seinen Jugendtagen angehörte, so wenig bekannt geworden. Wer hat ihn, der ein vorzüglicher Rechtsanwalt war, je öffentlich reden hören״ Er haßte ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenilieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. unnötige Worte und meinte zumeist, ein anderer könne das alles viel besser. Ich erinnere mich an eine zionistische Versammlung hier, in seinem geliebten Heidelberg, bei der der Redner des Abends mißverstanden wurde, wie er auf unser Drängen aufstand, mit ein paar klaren, kernigen Worten einen gestikulierenden Gegner ruhig aus dein Sattel hob und die Situation mit einem Schlage klärte. Er redete nur, wenn es sehr nötig schien, und darum können wir’s nie vergessen, wie er im Frühling vor einem Jahre, in Palästina, einmal stundenlang heftig debattierte. Wer hätte ihn je heftig gesehen 'J Hier aber saß ein lieber Freund, der erst einige Wochen im Land war und schon anfing ,,Schlüsse“ zu ziehen, nach sehr einseitigem Betrachten der Dinge und d׳er Menschen. Die Sonne ging gerade auf, als unser Wagen aus Jaffa rollte, Wind und Regen kamen, der Tag ging zur Neige und noch sprach Ernst Goitein. Immer badischer im Dialekt, immer palästinensischer 111! Herzen, bis wir alle aus dem Wagen kriechen mußten, denn wir waren kurz vor Sichrem Jakob in einen Sumpf geraten und ׳mußten dem Arabandi helfen, die Karre wieder ■flott zu machen. ... O unvergeßliche Tage in Palästina! O Blick aus ,Seinem Jaffa-Stübchen auf das blaue, leuchtende Meer! O Tage tiefster Freude und harrnloser Fröhlichkeit! Er hatte uns vom Schiff abgeholt und war unser Begleiter auf der Reise. Er kannte ja schon Land und Leute, Vorzüge und Schwächen, und so konnten wir uns durch ihn schneller über alles unterrichten. Hier ist nicht Platz noch Zeit, 'jene Wandertage wieder im Glanz ihrer sonnigen Fülle aufleben zu lassen. . . . Ernst Goitein blieb ein halbes Jahr in Palästina; er wollte sehen, lernen, prüfen, ehe er Hand anlegte und sein Leben ganz seinen Idealen hingeben wollte. Aber auch hier stand ihm seine große Bescheidenheit im Wege. Er fand kein Amt drüben, das ihn gerade brauchte; er fand, daß jeder sein Möglichstes tat, und daß er nicht mehr und nicht Besseres leisten könne. Zu dieser Meinung kam noch dazu, daß er als geschulter, disziplinierter deutscher Beamter, der er nach Anlage und Bildung war, sich mehr das Verwalten des schon Geordneten zutraute, als das Attfbaueti und Organisieren des Werdenden. Aber er glaubte an die Möglichkeiten Palästinas.!Dieser Glaube eines klaren, kritischen, erdenfesten Menschen wiegt mehr, als die Schwärmerei aufbrausender Temperamente. ״Noch fand ich meinen Posten nicht“, sagte er uns beim Abschied, ״aber das wird noch kommen. Ich bin bereit, wenn der rechte Augenblick und die rechte Aufgabe kommt,“ Am Tage aber, da er Europas Boden wieder betrat, wurde der Krieg erklärt. Es blieb keine Zeit, von der Zukunft zu reden; jetzt gehörte er der Gegenwart. Und wie gehörte er ihr! Freudig ging’s in die Vogesen. Vom Oberelsaß, das ihm die Verdienstmedaille brachte, zog er nach einem halben Jahre als Leutnant in die Karpathen. Der letzte Brief, den uns seine Mutter zu lesen gab (deren starke, gütige Heldenseele er erbte), war der fröhlichste Soldatenbrief, den wir je gelesen. Für ihn, den breiten, blonden, kräftigen Mann, gab es keine Strapazen. Er, der keine Krankheiten kannte, der mittlerer Größe, aber von Riesenkraft war, genoß die Tag- und Naehtmärsche, Bivakieren im rauhen Gebirge, Ruhen im mittäglichen Felde, wie ein waghalsiges Sonunerabenteuer. Auch nach ernsten Gefahren und Schlachten, die er wunderbar lebendig beschrieb, blieb er von gesunder Zuversicht und Heiterkeit erfüllt. So schrieb er an seine Mutter: ״Ich bin, weiß Gott, nicht abgestumpft gegen all das Leiden um mich her; doch muß ich Dir sagen, daß ich mich niemals körperlich und seelisch so wohl gefühlt habe, wie eben jetzt.“ Und ein andermal: ,,Mein Leben ist eben richtiges Zigeunerdasein. Mail schläft, ißt, wohnt im Freien, im Waldesgrün; dort wird abgekocht, gelesen. ... Ich scheine etwas Zigeunerblut in mir zu haben, wie wohl die meisten Juden: jedenfalls sagt mir dies Leben eigentlich sehr zu. Wenn man so im Wald auf dem Rücken liegt und in die Wolken schaut, dann glaubt man seinen Daseinszweck am reinsten zu yrfüllen. (Ganz so schlimm, geliebte Mama, ist’s doch nicht; Du brauchst nicht ängstlich zu sein.)“ Und dann folgte eine anschauliche Schilderung von Sturin, Besetzen Feindlicher Hügel, Befehlen und raschen Ent- Schlüssen. Im Lesen dieser spannenden Schilderungen, die wie immer sachlich und bescheiden gehalten waren, ahnte man nicht, daß er sich gerade dabei das Eiserne Kreuz geholt. Man fühlte nur: dieser prächtige Mensch kennt den Sinn des Lebens, er bekommt es täglich neu geschenkt, genießt es lächelnd und beAvingt es kämpfend. Aber in jenen großen Schlachten in Galizien kam der Tod und bezwang ihn. Ein Kamerad, kein Jude, schrieb ergreifend an die Mutter: er habe gehofft, Ernst Goitein werde im Frieden sein Freund werden, denn er habe ihn in seiner stillen, festen Art liebge- Wonnen. Er kenne aus seinen Erzählungen seine sommerliche Liebe zu den Dolomiten, aber auch zum Land seiner Sehnsucht, za Palästina, und er trauere um ihn ״wie Saul um Jonathan . . .“ Kein Wort bitterer Klage komme über unsere Lippen. Seine heitere Tapferkeit soll auch unsere traurigen Seelen tapfer und heiter machen. Sein Andenken beseele uns und sporne uns an, solange wi r leben. . . . H e i d e 1 b e r g, im Juni 1015. J o h a n na S i m o 11 - F r i e d b e r g. Elija Goitein-Stiftung Die Zionistische Ortsgruppe Mannheim, deren Vorsitzender Elija Goitein war, hat die Gründung einer Elija Goitein-Stiftung beschlossen, um ihrem Vorsitzenden an der Stätte seines letzten Wirkens vor dem Krieg, in Palästina, ein bleibendes Denkmal zu errichten. Die Mitglieder der Ortsgruppe haben bereits einen Betrag von rund 2000 Mk. aufgebracht. An alle Freunde des Gefallenen ergeht hiermit die Aufforderung, sich an dieser Stiftung durch Zeichnungen zu beteiligen. Mitteilungen an Julius Simon, Mannheim C. 49 b.

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