Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 •J U E DI S C H E RUNDS C HAU Seite 217 erwähnt lassen, daß die seit Kriegsausbruch in Holland etablierte Kolonie Antwerpen er üesinnungsgenossen dem zionistischen Leben hierzulande starke Impulse gegeben hat. Dies gilt insbesondere für die Ortsgruppe Haag-Scheve ningen, wo den Winter liindurch bis ins Frühjahr hinein eine überaus lebhafte zionistische Tätigkeit entfaltet wurde. Die einheimischen Zionisten haben hier für die Antwerpener Flüchtlinge, solange und soweit diese der Hilfe bedurften, geradezu aufopfernd gesorgt, wobei in erster Linie die Bemühungen der Sekretärin Frl. Ooudsmidt rühmende Anerkennung verdienen. Die von derselben Ortsgruppe begründete Lesehalle wurde bald der Mittelpunkt zahlreicher Veranstaltungcn zur Pflege nationaljüdischer Fortbildung und edler Geselligkeit, und ein enges Band gemeinsamer ideeller Interessen umschloß Einheimische und Neuankömmlinge. So entsprang denn auch die Gründüng der Zionistischen Vereinigung ״Haschachar“ zu Haag-Schcveningen keineswegs partikularistischen Motiven, sondern einzig und allein dem bewundernswerten Eifer der Antwcrpener Freunde, die unter der Leitung des Herrn F. Froh mann vom Hauptbureau des Nationalfonds Referate erstatteten, Kurse in jüdischer Geschichte und hebräischer Sprache einrichteten und die j ü - d i s c h e Kunst pflegten. Am Lagbeomer veranstaltcte der ,,Haschachar“ zusammen mit der Haag-Seheveninger Ortsgruppe einen jüdischen Kunst abend, bei dem nach einer Begrüßungsansprach e des Ortsgruppen-Vorsitzenden, Dr. L>. C o h e n , eine Auswahl schönster jüdischer Lieder von Fräulein Helene Pohl und Deklamationen von Mitgliedern des ״Haschachar“ vielen Erfolg hatten. Die Tendenzrede hielt Herr Dr, A. van R a a 11 e. Erwähnung verdient noch das aus Vereinsmitgliedern bestehende Orchester, das u. a. den ,,H e r z 1 - Marse 11‘‘ wirkungsvoll zu Gehör brachte. Der Ertrag des Kunstabends floß dem ״N o t f 0 n d 8“ zu. Zugunsten des Palästina-Notfonds, dessen Verwendung dem Bundesvorstände überlassen bleibt, wurde während der verflossenen Monate in allen zionistischen Ortsgruppen Hollands energisch agitiert. Die Sammlungen haben jetzt ungefähr die Höhe von 10 000 Gulden erreicht. Auch für den jüdischen Nationalfonds wird in den Niederlanden tatkräftig gearbeitet, ln Amste rdam hat man im Anschluß an die Peftach- Leerung der Nationalfonds-Büchsen, die wohl das aussichtsreichste Sammelmittel des Fonds darstellen, umfassende organisatorische Maßnahmen zur Hebung der Nationalfonds-Einkünfte getroffen. Holland ist bekanntlich das Land, wo am frühesten Blurnentage zugunsten des Nationalfonds organisiert wurden, und so verstand es sich von selbst, daß auch in diesem Jahre in allen Ortsgruppen vor Schebouoth ein B 1 u - mentag stattfand, der sogar noch bessere Ergebnisse als im Vorjahre (ca. 2000 Gulden Nettoertrag) einbrachte. Daß sich seit November v. J. das Hauptbureaudes jüdischen N a t i o n a 1 f o n d s im Hau g befindet, darf als bekannt angenommen werden. Seit einigen Wochen hat in derselben Stadt das Verbandsbureau d 0 r ,,P o a l e Zion“ seinen Sitz. Gegen Mitte Juli wird der N i e d e r 1 ä n 11 i s ch - Zionistische Studentenbund einen, jedem Zionisten zugänglichen Ferien kursus in Amsterdam abhalten, der auf eine Woche berechnet ist. Folgende Vorlesungen und Dozenten sind für den Kursus in Aussicht genommen: Einleitung: Professor Ornstein; Vorgeschichte des Zionismus: R. J. Spitz; Kongreßgeschichte: Henri Edersheim; Strömungen im Zionismus. Frau Orastein-Hoofien; Jüdischnationale Strömungen außerhalb des Zionismus: Caroline Franken; Palästinaarheit: Kaplausky; Emigration: noch unbestimmt; Arbeiterbewegung: Cliassaiiöwitz. - Man sieht: die holländischen Zionisten haben sich durch den Weltkrieg, dessen Begleiterscheinungen auch an Holland nicht spurlos vorübergehen, in ihrer hingebungsvollen Arbeit für die Renaissance des jüdisclien Volkes in Erez-lsrael nicht beirren lassen, sondern sie sind bemüht, im vollen Bewußtsein der Verantwortung, die heute gerade auf unseren Gesinmmgsgeriossen in den neutralen Ländern ruht, in jeder Beziehung ihre Pflichten zu erfüllen. Versammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung Am Montag, den 5. Juli, abends 8(1׳ Uhr, findet in den Prachtsälen des Westens, Spiche:nstraße 3, eine Versammlung statt, in der Herr Dr. Hantke einen weiteren Bericht über uie Lage der Bewegung geben wird. Der Eintritt ist nur gegen Vorzeigung der Einladung, die an die Mitglieder der B. Z. V. ergehen wird, gestattet. Das Hilfswerk für Palästina Die Arbeit des Hilfswerkes für Palästina schreitet fort, ln immer weitere Kreise auch des deutschen Judentums dringt die Erkenntnis, daß die palästinensischen Brüder, daß das jüdische Werk Palästinas in dieser kritischen Zeit nicht preisgegeben werden dürfen. Die genauen Nachrichten über den von den drei Heuschreckenschwärmen angericliteten Schaden zeigen, daß Hilfe dringend Not tut. Das Hilfswerk für Palästina ist in der glücklichen Lage, mit seiner Aktion das ja immer vorhandene Interesse für das Schicksal unserer palästinensischen Brüder wieder gestärkt zu haben. Demnächst erscheint in der allgemeinen und jüdischen Presse Deutschlands der erste A u s w eis des H i I f s w e r k e s f ü 1־ Palästina, der über einen Spendeneingang von 40 000 Mark berichtet. Zahlreiche Syna g o g e n g e m e i n d e n in Deutschland haben gröbere Summen für das Hilfswerk für Palästina beigetragen, teils aus Gemeindemittein. teils aus den Ergebnissen besonderer Sammlungen. Die Teilnahme an dein Schicksal unserer Brüder in Erez Israel darf nicht erkalten. Wir bitten um weitere, reichliche Beiträge zu *unserer Hilfsaktion, an das Hilfswerk für Palästina, Postscheckkonto 4192, Berlin. AUS ALLER WELT Aus Amerika. Das Amcric a 11 J e w i s h Reif e t C o m - tn i t t e e (Amerikanisch-Jüdische Hilfskomitee) hat vom Staatssekretär B r y a 11 im Mai folgende Nachrieht erhalten: ,,Der amerikanische G c s a 11 c! t e i 11 Konstantinopel telegraphiert wie folgt: ״Ungefahr 1500 Juden aus Gallipoli und den Dardanellen sind gezwungen worden, ihre Heimat zu verlassen. Sie sind nach Paudernie, Rodosto 11..11 Konstantinopel vertrieben und sind aller Mittel entblößt. Der .Großrabbiner und das Komitee bitten um sofortige Hilfe für diese und für die bedürftigen Juden iri Konstantinopel, deren Zahl ca. 5000 beträgt.“ Der Groß rabbiner schreibt in einem gerade von Konstantinopel eingetroffenen Briefe: ״Fast 5000 Menschen sind ohne jede Mittel, und ihre Zahl nimmt täglich zu. Es ist meine letzte Zuflucht, Sie anzuflehen, zu unseren Gunsten bei den Juden Amerikas zu intervenieren, sie mögen uns sofortige Hilfe senden, die uns in den ,Stand setzt, wenigstens zwei oder drei Monate lang die Bitten urn Unterstützung befriedigen zu können.“ Aus Jerusalem bringen die amerikanischen Zeitungen folgenden Bericht von David Je!!in: ,,Während der beiden letzten Wochen ist Palästina von den Heuschrecken heimgesucht worden, einer Plage, die die ganze zukünftige Ernte ver-!lichten wird. Wir fürchten, in diesem Sommer eine Hungersnot zu bekommen. Wir brauchen Ge• treide, aber noch mehr Petroleum, nicht nur zu Beleuchtimgs- und Küchenzwecken, sondern auch zum Antrieb der Motoren in den Orangciigärteii Jaffas und der Umgegend. Die Lieferung von Petroleum bedeutet die Rettung der ürangenpilanziingen des Landes und eine große Hilfe für die Bevölkerung. Auch Zucker fehlt sehr.“ . . . Die Petroleumlieferung von Amerika nach Palästina ist vorläufig an dem Widerstand der englischen und französischen Regierung gescheitert. . . * Das Amerikanisch-Jüdische Komitee hat einen besonderen Appell zur Unterstützung der p o 111 i s e h e n Juden erlassen. Die Rockfeiler-(Mindutig erhielt vor einigen Tagen ein Telegramm von seinen .Vertretern in Polen, in dem gesagt wurde, daß dort die bitterste Not herrsche und daß die Zustände schlimmer seien als jemals in Belgien und Nordfrank reich. Ein Volk von 3 Millionen, sagen die־ Vertrauensmänner des Komitees, stirbt tatsächlich Hungers. Bereits 800 000 Dollar hat man gesandt, aber, wie es in dem Appell heißt, ,diese Summe kann kaum eitlen Bruchteil der Not lindem“. Aus England. Das russische Kabinett und die Judena u s vv visu 11 g e n. Die letzten Ntitnmern der jüdischen Zeitungen Englands enthalten noch keine Nachrichten über die gewaltigen Austreibungen der Juden in den russischen Gouvernements Kurland, Kowno und Suwalki. Dagegen berichten sie über ernste Vorstellungen, die wegen dieser Austreibungen von jüdischer und nichtjüdischer Seite dem Petersburger Kabinett gemacht worden seien. Selbst einige antisemitische Polen hätten die durch die Austreibungen geschaffenen Mißstände zugegeben. Das Kabinett wurde auch ersucht, das Eigentum sicherzustellen, das die vertriebenen Juden in den Häusern, aus denen sie vertrieben wurden, zurücklassen mußten. ״Der Handel s minister teilte“, wie ״J e w־ i s 11 Uh r o nie! r“ schreibt, ״einer der jüdischen Deputationen mit, daß er hierfür nicht zuständig wäre, da dies Sache der Nt i 1 i t ii r - b e h ö r d e n sei, aber das Kabinett beschloß, die Aufmerksamkeit der Ict/Icrcn auf die Tatsache zu lenken, daß die gänzliche Vertreibung der Juden in den betreffenden Distrikten nicht nur wartschädliches Elend hervorrufen, sondern auch die Wohltätigkeitsaiistalteii in den Städten und Dörfern, die die Vertriebenen aiif/.tinehinen haben, überlasten und dort eine unliebsame l lebenölkening zur Folge haben würde." Dos ist, wie man wohl sagen kann, eine sehr euphemistische Darstellung der furchtbaren Katastmphe, die über die russischen Juden in den westliehen Gouvernements htTcingebrochen ist * Das Schauspiel Israel Z a 11 g w i 11 s ״Der Schmelztiegel“, das im Lyceumtlicalcr in Edinburgh kürzlieh aufgcfulirt werden sollte, wurde kurz vorher in i t Rücksicht a u f d i e W ü!1 s e 11 c de s A u s - w ä r t i g e 11 Amtes vom Spielplaii abgesetzt. Das Stück wurde־ jedoch 1 1 Tage später doch aufgefülirt. im Unterhausc wurde der Unterstaats- Sekretär d e s A u s w ä r t i g e n A m t e s deswegen interpelliert. Herr A 11 d e r s o 11 (Sheffield Attercliffe, Lab.) fragte den Unterstaatssekretär, ob das Schauspiel des Herrn Z a n g vv i 11 ״Der Schmelztiegel“ auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes verboten worden sei und aus welchen Gründen. Lord Robert Cecil (Hitcliin, U.) erklärte: Oie Aufführung des fraglichen Stückes wurde nicht verb o t e ri, aber a u f E r s u c 11 e 11 d e s A u s w ä r t i - g e n A in t e s wurde durch die schottische Regierung den Vorführern des Stückes nicht formell vorges c 11 I a g e 11 , es durch ein anderes zu ersetze n. Diese waren so liebensw ürdig, dies zu tun.“ Es ist iin übrigen nicht klar, warum das Auswärtige Amt die Aufführung des ״Schmel/tiegels“ hintertreiben wollte. Sollte die zarte Rücksichtnahme auf die russische Regierung schon so weit gehen? Ans Frankreich. Die Zeitung ״L ihre Pa r o I e“ hat den Großr a b b i 11 c r von Fraukr e i e 11 einer scharfen Kritik unterworfen, weil er sich bemüht, Gottesdienste für die jüdischen G e f a n ״ e n e n a u s I > euts c!1 - I a n d zu arrangieren, während die ,,A c t i o n F ranyaise“ die Pariser Familie Rothschild angriffghndem sie behauptete, daß sie Geschäfte mit ihren deutscheu Verwandten macht, und die Familie als eine deutsche hinstellte. Dieselbe Zeitung greift auch Gustav Herve an, weil er versucht, die Sache der russisehen Juden zu vertreten. Aus Rußland. (K o 11 f i s k a t i o 11 e!1 11 n d U n t e r d r ü c k u 11 g d e s ״R a s s w j e t“) Vieles kann die russische Regierung vertragen, nur eines nicht: die Wahrheit. So oft sich eine Zeitung dazu aufrafft, der Wahrheit ihr Recht zu geben, wird sie entweder konfisziert, oder wenn das aus irgend welchen Gründen nicht angängig ist, auf andere Weise kalt gestellt. Sehr lehrreich in dieser Beziehung ist die Geschichte des in russischer Sprache in Petersburg erscheinenden zionistischen Blattes ״R a s s vv j e t“ in den letzten Wochen. Als die Austreibungen der Juden aus Polen, Littau und Kurland begannen, wollte das Blatt es nicht so ruhig und schweigsam ertragen, wie es der russischen Regierung genehm war aus wohl begreiflichen Gründen. Doch es halte nicht mit der russischen Praventiv/erisur gerechnet. Als die Nummer vom (). Juni erschien, waren etwa {>0 Prozent des Blattes weil’. Außerdem hat cs die russische Zensur für erforderlich gehalten, in dem am Kopfe des Blattes abgedrtickten Baseler Programm die Worte ,,der Zionisimis erstrebt" wegzustreichen. Der übrige Teil des Baseler Programms ist stehen geblieben. Besonders komisch wirkt diese Verordnung dadurch, daß der Umschlag des Blattes, der ja nicht zensuriert wird, das Baseler Programm vollständig enthält. Schließlich hat dies böse Blatt Vernunft äugenomine!!: in der nächsten Woelle erschien es in stark verringertem Umfange. Anstatt der üblichen 24 Seiten enthält es mir S Seiten. Doch auch das genügte nicht der Zensur; etwa eine Seite ist gestrichen worden. An der Spitze steht folgende Bemerkung: ״Aus ürümlen, für die die Redakfion nicht verantwortlich zu machen ist, kounten folgende Artikel in der vorigen Nummer nicht veröffentlicht werden.“ (Folgen die Titel mehrerer Artikel, die hauptsächlich die Judeitaiisweisuiigeii behandeln.) Die darauf folgende Nummer wurde wieder im alten Umfang (von 24 Seiten) veröffentlicht und in der Tat zeigt sie ein Bild, das zwar nicht ganz so schlimm ist, wie das vor zwei Wochen, aber auch nicht viel besser: etwa 4 bis 5 Seiten sind weiß geblieben. Aber das ist ja nur die verdiente Strafe, weshalb muß man auch immer die Wahrheit sagen? — -■ — Soeben erhalten wir die uns nicht mehr überraschende Nachricht, daß der ״R a s s vv j e t“ eingestellt worden ist. Die Behandlung des zionistisehen Blattes durch die Zensur in den letzte« Wochen hat auf das r;1 d i k a I e Vorgehen der russischen Beborde gegen das Blatt, das zu den Verfolgungen der Juden nicht schweigen wollte, genügend vorbereitet. Die Artikel, die der ״R a $ s \v j e t“ über die Leiden der Ausgewiesenen brachte, haben schließlieh die Unterdrückung bewirkt, die auf eine strenge H a u s s u e 11 u n g folgte.