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Jüdische Rundschau · 1915-07-02 · Heft 27 (2.7.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 27 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 27 J U E DISCHE RUN DSC H A U Seite 215 des Judentums in den einzelnen Ländern müssen sich, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, in i t ihrenrespektivenRegier ungen in Verbindung setzen, um gemeinsam mit diesen auch die etwa zu lösenden jüdischen Fragen zu erörtern. Ist damit eine feste Basis gewonnen, so kann in Betracht kommen, daß die Juden der verschiedenen Ländergruppen sich aucli unteremander, aber streng vertraulich, in Verbindung setzen . . Ein Erfolgt läßt sich dabei, wie das Familienblatt des weiteren sagt, ״nur durch eine sehr vorsichtige und taktvolle Behändlung der Angelegenheit erzielen.“ Darin stimmen wir mit dem Familienblatt vollkommen überein. Wir können aber andererseits seine Uebcrzeugung von dem unschuldigeren Charakter der ״vertraulich geführt e n Verhandlungen zwischen den Juden verschiedener Länder“ nicht teilen. Eine schöne Vertraulichkeit ist das aber jedenfalls, die das Hamburger Familienblatt schon jetzt im gesperrten Druck urbi et orbi ankündigt! Eine wahrhaft vorsichtige und taktvolle Behandlung der Angelege n h e i t seitens des Hamburger Blattes und der ihm nahestehenden repräsentativen Persönlichkeiten! Wird ״ein jeder Versuch der Juden, unbeschadet der politischen Gegensätze, international auf politischem Gebiete zusammenzuarbeiten, ihnen als Landesverrat angerechnet“, wie das Hamburger Familienbiatt es behauptet, so ändert daran wohl der Umstand nichts, daß, dieses Zusammenarbeiten auf dem — durch das Hamburger Familienblatt jetzt schon angekündigten — vertraulichen Wege geschieht. Darum müßte die Aktion doch im Empfinden unserer nichtjüdischen Mitbürger eine landesverräterische bleiben, wenn man auch durch gewisse Vorsichtsmaßregeln dem Eingreifen des Staatsanwalts vorgebeugt hat. Ja, dieser landesverräterische Charakter dieser Aktion würde gerade durch die streng vertrauliche Behandlung der Sache noch gesteigert! Pflegen doch gerade landesverräterische Aktionen vorzugsweise nicht coram publico, nicht in der öffentlichen Erörterung auf Ko.ngreßtribünen vor sich zu gehen. Und damit würden wirklich dem A n t is e m i - tismus von neuem in gefährlichster Weise Tür und Tor geöffnet sein. Dieses Argument der Furcht vor einer Entfesselung des Antisemitismus ist aber das letzte Argument in der Polemik des Ham¬ Bereits seit mehreren Jahren versammelt sich die Jugend von Galiläa am 2t). Tamus in Kineret, um hier Herzls Andenken zu feiern. Der Monat Tamus ist der fröhlichste und schönste im Jahr. Von den Getreidescheuern klingt von frühmorgens bis in die späte Nacht hinein der Sang der Kolonisten, die beiin Dresehen und Reinigen des Korns beschäftigt sind. Die Kolonistenfrauen eilen mit dem Mittagbrot herbei und die ganze Familie versammelt sich im Schatten eines Heuschobers, um gemeinschaftlich das Essen einzunelrmen. Darauf ruht der Kolonist ein wenig und geht dann daran, die Aufstellung seiner Ausgaben im Laufe des Jahres zu machen. Kaum ist er mit der Abrechnung fertig, da hört man schon das Zeichen: der Nachmittagswind ist gekommen — an die Arbeit! Die Kinder schirren eilig die Pferde an, Lieder werden angestimmt und in wenigen Minuten ist die Arbeit in vollem Gange. Die Jüngsten drehen die Kurbel des Dreschflegels und helfen auf diese Weise bei der Arbeit mit. Peitschenknall erfüllt die Luft, mit lustig strahlenden Augen blickt der Nachbar auf den Nachbar, doch die Arbeit ruht, sofort verschwindet der Angekommene wieder. Erst gegen Abend, wenn die Sonne in den Tiberias-See sinkt, hört man mit der Arbeit auf, die ganze Gegend erklingt in den Liedern: ״Am (israel Chaj!“ V. In dieser Stimmung versammelt sich die jüdische Jugend am 20. Tamus in Kineret. Das Gesamtbild macht den Eindruck des Vorabends burger Familienblattes, das wir wohl nicht ־weiter zu beachten brauchen. Wir sind überzeugt, nicht zum geringsten Teile gerade durch die Argumente des Hamburger Familienblattes selbst, daß ein Zusammenarbeiten der Juden auch auf diesem politischen Gebiet, selbstverständlich in einer klugen und taktvollen Form, geschehen kann und geschehen wird, eben weil es geschehen muß. Wir glauben aber allerdings nicht, daß die Klugheit und der Takt darin bestehen, eine vertrauliche Form der gegenseitigen Verständigung der Juden der verschiedenen Länder zu wählen und diese vertraulich-geheime Verständigung vorher recht laut zu verkünden. Wir vermögen nicht einzusehen, inwiefern eine geheime Zusammenarbeit gewisser ״repräsentativer“ Persönlichkeiten Schutz gegen jene Gefahren bieten soll, denen angeblich die vor aller Welt erfolgende freie Verständigung der Juden über ihre Wünsche ausgesetzt wäre? Wenn eine Zusammenarbeit wünschenswert und möglich ist, wird sie durch die vorn Hamburger Familienblatt, vorläufig anscheinend doch noch auf eigene Faust, propagierte Form der vertrauliehen Verständigung der Notabein wohl am wenigsten gefördert. Wir bezweifeln, daß diesmal einige ״repräsentative Persönlichkeiten“ ohne Mandat, nur auf eigene Verantwortung hin in vertraulichen Konferenzen das Schicksal großer jüdischer Massen zu bestimmen wagen werden. Es ist übrigens bezeichnend, daß die Propaganda für diese Notabclnvertretung mit folgender Betrachtung verbunden wird: ״Der Gedanke der Ge- Samtvertretung der Judenheit bei dem künftigen Friedenskongreß kann nur innerhalb jener Kreise und Glaubensgenossen auftauchen, die ihre Be- Ziehungen zum eigenen Vaterland haben lösen müssen. Das sind, wie die eingangs erwähnte zionistische Initiative in Amerika erweist, jene russischen, zionistischen Juden, die kein russisches Vaterland haben, weil sie von der Regieamg zu schlecht behandelt werden, und die sich daher nur als Juden fühlen.“ Während des Sprachenkampfes hat dasselbe Blatt — in seiner Nummer vom 18. Dezember 1913 — die russisehen Zionisten als Vertreter der russischen Gesinnung hingestellt, heute sind sie vaterlandslose Gesellen. Herr Mars ha 11 dürfte sich freuen, wenn er von der Kampfgenossenschaft erfährt, die ihm unerwartetervveise in Deutschland zuteil geworden ist. Aber die russischen Juden, um deren Lage es sich hauptsächlich handelt, dürften ihr Schicksal nur mit halbem Vertrauen in der eines Kongreßtages. Die Arbeiterküche öffnet sich einem jeden. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sind beschäftigt, die Gäste zu empfangen und zu bewirten. Freunde und Genossen, die einander schon lange nicht mehr gesehen haben, begrüßen sich aufs herzlichste. Die jungen Kolonisten der verschiedenen Ansiedlungen erzählen einander vom Ertrage der letzten Ernte. Die Vorsteher der Arbeiterschaften disputieren über das Ergebnis ihrer Arbeit in Galiläa. Die Lehrer haben ihre pädagogischen Themen, die Kinder plätschern im See. Die Arbeiterinnen aus anderen Kolonien lassen sich zeigen, was von der Frauenfarm geleistet worden ist. Ein lautes Signal versammelt alle in der Küche. Die Arbeiter aus Migdal sitzen in einer Reihe, als wollten sie sagen: ״Seht, wir bilden hier die Mehrheit.“ Nach dem Essen trinkt man wie gewöhnlich ein wenig Wein, tanzt und fährt dann zur Insel Kerak hinüber. Wie die meisten derartigen Festlichkeiten hat auch diese kein festes Programm. Pärchen scherzen miteinander, die Kinder schichten Steine auf und bilden einen Steinhügel, der den Namen Herzl- Hügel trägt. Die Reiter treffen ihre Vorbereitungen, Phantastenköpfe bauen gewaltige Pläne, errichten und zerstören Luftschlösser. Allmählich erwacht jedoch eine gehobene, ja ekstatische Stimmung. Revolverschüsse fallen und alle Anwesenden versammeln sich, um das Rennen zu beobachten. Die arabischen Rassepferde nicken mit dem Kopfe, als wollten sie sich darüber beschw׳eren, daß man sie so lange gelangweilt hat. Die Masse teilt sich in zwei Gruppen, um den Reitern Durchlaß z!u gewähren. Unter der! Teilnehmern sieht unkontrollierten Hand sehen, in die das Hamburger Familienblatt die Entscheidung spielen möchte. Trotz aller dieser Argumente gegen den Kongreß, der in Amerika propagiert wird, — es handelt sich, wie gesagt, im Grunde um einen amerikanischjüdischen Kongreß —- und für eine Notabein Vertretung des Judentums halten wir diese letztere weder für praktisch, noch den erforderlichen Dimensionen der Aktion genügend adäquat. Eine in dieser Form geplante und ausgeführte Aktion müßte scheitern. Auf geheimen Schleichwegen lassen sich solche Fragen nach einem solchen Kriege nicht erledigen. Andererseits sind wir davon überzeugt, daß eine gemeinsame Aktion in diesem großen, auch für die weitere Entwicklung des Judentums entscheidenden Moment notw endig ist, und daß sie deshalb auch kommen wirb. Wir sind uns weiter auch dessen bewußt, daß diese Aktion nur dann auf Erfolg rechnen kann, wenn sie sich auf eine in passender Form organisierte legitime Vertretung des jüdischen Volkes stützen kann. In welcher Form diese Vertretung auftreten wird, darüber zu entscheiden ist heute noch nicht möglich. Aber sicher ist, daß man heute schon diese passenden Formen suchen muß. Mag man vielleicht auch gegen den Kongreßplan Bedenken haben: zu der von dem Hamburger Blatt gewünschten Form werden sich die in Frage kommenden jüdischen Faktoren sicher nicht entschließen. Die Schulen in Jerusalem Die in Jaffa erscheinende hebräische Zeitschrift ״Hapoel Hazair“ vom 3. Mai veröffentlicht folgenden, aus Jerusalem vom Anfang Mai 1915 datierten Bericht. Wir bringen die wichtigsten Teile des Berichtes in Uebersetzung, weil sie einige interessante Zahlen enthalten. Die Schulen sind die einzigen jüdischen Institute, die sich durch den Krieg in ihrer Arbeit nicht im geringsten stören ließen. Trotz ihrer schwierigen materiellen Lage haben die meisten von ihnen — hauptsächlich die, die auswärtige Schüler hatten — diese, soweit sie durch den Krieg in eine vorübergehende Notlage versetzt waren, auch materiell unterstützt. Am Anfang des Krieges, als jeder Verkehr mit der Außenman auch einige arabische Gesichter. Die Neugierde hat sie hergetrieben: Wer wird siegen? ln Gedenken versunken steht neben mir der alte Abdala. Wieviel Erinnerungen, wieviel Legenderi knüpfen sich ihm an jeden Felsen! Wo sind die großen Scheichs, deren Namen das ganze Land mit Schrecken erfüllt hat! Weit nach Osten wichen die Beduinenstämme; wo sie sich früher ihren Ruhm erwarben, da arbeiten jetzt die modernen Maschinen. Weithin strecken sich jetzt die jüdischen Dörfer übers Land. Wer wird siegen? Gespannt folgen die Blicke aller den Reitem. Man raunt einander leise Worte zu. Sekünden werden zu Minuten, mit dämonischer Eile jagen einander die edlen Berber-Rosse. Die Spannung wächst mehr und mehr, ln den heißen Sonnenstrahlen blitzen die Augen der Kinder des Ostens. Die weite Entfernung und der aufgewirbelte Staub lassen die einzelnen Reiter nicht erkennen. Ein Revolverschuß kündigt das Ende, den Sieg an. Stimmengewirr klingt durch die Luft, alle sammeln sich an dem Ort, wo der jüdische Wächter Sch. den Namen des Siegers verkündet. Die Sonne nähert sich dem Horizonte. Die Gäste teilen sich in Gruppen, die Gruppen zerstreuen sich und bis zur Kolonie klingen ihre Stimmen aus den Bergen: "פה נהיה ופד. נצור חיי אושד, היי דרור!" Menachem C11 ס n , z. Zt. Dortmund.

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