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Jüdische Rundschau · 1915-07-02 · Heft 27 (2.7.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 27 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 214 J U E D1 SC H E RUNDSCHAU Nr. 27 der Gedanke ״einer legitimen V e r - tretung des Judentums“ ist ihm aufs äußerste unsympathisch. Es propagiert dagegen den nicht neuen Gedanken der Vertretung des Judentums durch einzelne ״repräsentative Persönlichkeiten“. Gegen die ״zionistisehen Aspirationen und Pläne“, welche sich in dem amerikanischen Kongreliplan erkennen ließen, wendet sich das ״Hamburger Israelitische Familienblatt“, weil ״auch nach dem Kriege jede internationale Aktion zunächst außerordentlich erschwert sein wird“. Hierfür führt es drei Gründe an. Der erste Grund sei der H a ß zwischen den kriegführenden Völkern und die durch ihn bedingte Schwierigkeit einer gemeinsamen Arbeit. Man kann leider nicht in Abrede stellen, daß der Paroxysmus des Hasses, der im Anfang des Krieges mit solcher Brutalität losgebrochen ist, auch in jüdischen Kreisen in Erscheinung getreten ist; aber er ist seither auch in der nichtjüdischen Welt immer schwächer geworden. Das eines Kulturmenschen unwürdige und ganz sinnlose Gefühl des Hasses gegen die Bevölkerung der feindlichen Länder ist in Deutschland nicht eingebürgert und wird auch in allen anderen Ländern, wo es durch die natürliche Erbitterung der Besiegten vorderhand noch aufrecht erhalten wird, nach dem Kriege mehr menschlichen und mehr kulturellen Impulsen und Stimmungen Platz machen. Gerade nach dem Kriege werden Fragen entstehen, die nur durch eine produktive Arbeit der ganzen Menschheit gelöst werden können und die mit eiserner Notwendigkeit eine neue Annäherung der Nationen erheischen und erreichen werden. Und das Ges a in t j u d e n t u m wird auf jeden Fall vor eine Reihe von Aufgaben gestellt werden, die die . Judenheit eines einzelnen Landes allein unter keinen Umständen zu lösen imstande sein wird. Es werden Fragen zu lösen sein, die viel ernsterer Natur sein dürften als alle diejenigen, die die ״repräsentativen Persönlichkeiten“ im Judentum bis jetzt mit mehr oder weniger Miß- ״erfolg zu lösen versucht haben. Die Fragen der vollständigen Zertrümmerung des russisehen, der wirtschaftlichen Vernichtung des galizischen Judentums werden eine so unbeschreibliche Tragödie darstellen, daß es nicht nur als eine Verunglimpfung des jüdischen Volkes, sondern auch dieser ״repräsentativen Perf sönlichkeiten des Judentums“ erscheint, wenn selbst angesichts dieser tragischen Perspektiven Der Herzl-Hfigel Erinnerungen aus Palästina Herzls Andenken gewidmet l. Etwa zehn Minuten von der Nationalfonds- Farm Kineret entfernt, an der Stelle, wo der Jordan den Tiberias-See verläßt, liegt genau in der Mitte zwischen den beiden Ufern eine kleine Insel mit dem Namen Kerak. [>ie Insel gilt stets als Wegweiser für die vorbeiziehenden Beduinen, die ihre Kamele nach Aegypten treiben. Hunderte von Jahren war dies Inselchen das Nest samtlicher Zusammenkünfte der arabischen Horden. Hier w urden die grausamsten Mord- und Raubplane beschworen, hier stand die Wiege des ersten Kampfes gegen die von Tag zu Tag wachsende jüdische Kolonisation. Jahre vergingen. Ein neues Lied klang durch da^ Land. Der Scheid! Issa, der lange Zeit die ganze Umgegend durch seine wilden Horden in Schach gehalten und bedroht hatte, madite den letzten Versuch, die neue Farm anzugreifen. Doch alt und verrostet war sein Degen, die junge jüdische Kraft konnte ihm widerstehen. Mutlos steckte der Scheich sein Schwert in die Scheide. Neugierig schwieg dazu der Jordan. Es schien, als nähme auch er Anteil an all den Ereignissen. Der hellblaue Himmel hatte den Tiberias-See in einen herrlichen Spiegel verwandelt. Ein Siegeslied im Munde verließ unsere Jugend die Insel, die Stätte des erfolgreichen Kampfes. das Hamburger Familienblatt behauptet, daß ״die feindlichen Gefühle so tief eingewurzelt sind, daß ... sie ein internationales Zusammenarbeiten ausschließen“. Wir zweifeln unsererseits keinen Augenblick daran, daß vor solchen Schicksalsfragen des Judentums die Flammen des Hasses, selbst wenn sie, was wir aufs entschiedenste bestreiten, in den Seelen der deutschen, englischen und russischen Juden loderten, verlöschen würden. Uns scheint kein Zweifel erlaubt, daß die menschlicheren Gefühle der Solidarität wenigstens im Unglück und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit siegen und diese sich angeblieh ״tief hassenden“ russischen, englischen und deutschen Juden zu einer gemeinsamen Aktion führen werden. Das erscheint uns um so sicherer, als wir Juden ja immer auf solche ״internationale“ Betätigung angewiesen waren und an die Form der internationalen Assoziationen gewöhnt sind. Um nur ein Beispiel zu zitieren: Gehören nicht einige von den bekannten repräsentativen Persönlichkeiten des deutschen Judentums, gehört nicht z. B. der Vorsitzende des H i 1 f s - Vereins der deutschen Juden, Dr. James Simon, der J ewjsh Colonisation A s s o c i a t i o n an, jener englischen Gesellschaft, in der neben ihm so repräsentative Persönlichkeiten des englischen und französischen Judentums, wie Claude M o n t e f i o r e und Salomon R e i n a c h sitzen? Diese Persönlichkeiten sollen nicht ihren gegenseitigen ״Haß“ überwinden können, um sich gerade in einer für die Zukunft des Judentums so entscheidenden Zeit zur Fort- Setzung der durch den Krieg unterbrochenen Arbeit zusammenzufinden? Aber, sagt das Familienblatt weiter, w׳enn schon nicht dieser Haß, so wird ein anderes Hindernis wirksam gegen eine internationale Tätigkeit aufgerichtet sein. ״Jeden Versuch der Juden, international auf politischem Gebiete zusammenzuarbeiten, wird man ihnen als Landesverrat anrechnen.“ Auch dieses Argument erscheint uns nicht stichhaltiger als das erste. Betrachten war etwas näher, w'orin der Inhalt und die Aufgabe einer eventuellen gemeinsamen internationalen Aktion auf politischem Gebiete bestehen würde. Diese Aufgaben scheinen schon jetzt in ganz bestimmter Form — und zwar "bei allen möglichen Eventualitäten des Kriegsausganges — vor uns zu stehen: die Vertreter des Judentums sollten für seine entrechteten Teile eintreten, gegen die unmenschlichen und unwürdigen Verfolgungen protestieren und für die Juden die Menschenrechte verlangen; sie Der Agronom B., der Leiter der Farin, stimmte das Lied ״Poh be’etez“ an und alle Genossen stimmten begeistert ein. II. Einer der ersten Pioniere, die Judäa verließen und nach Galiläa gingen, um hier den wahren jüdischen Umdarbeiter zu schaffen, war der junge Mamaschi. In Judäa herrschte damals noch die Ansicht, Galiläa sei für jüdische Arbeit noch nicht geeignet. Die niedrigen Löhne, die für Landarbeit gezahlt wurden, die Gepflogenheit der Kolonisten, vorzugsweise Araber zu beschäftigen, und die unsicheren Verhältnisse in den Kolonien hielten die Juden davon ab, nach Galiläa zu gehen. Außerdem war es der Mangel an Bibliotheken, Zeitungen und dergl., was den intelligenten jüdischen Arbeiter veranlaßte, lieber in Judäa zu bleiben. Mamaschi ist das Widerspiel seiner Gefährten. Sie alle sind körperlich und geistig gesünd und finden Befriedigung in der schönen Natur und in dem Bewußtsein, daß ihre Arbeit Früchte trägt. Mamaschi dagegen ist zu intelligent; er ist für geistiges Schaffen geboren. Sein Körper ist schwach gebaut, für schwere Arbeit kaum geeignet, und es ist ihm nicht leicht, so viel zu leisten, daß er als Muster für alle seine judäischen Genossen gilt, noch schwerer, sie davon zu überzeugen, wie sehr Galiläa auch für jüdische Arbeiter geeignet ist. Doch seine unerschöpfliehe Energie überwindet alle diese Schw ierigkeiten,. von Jahr zu Jahr kommen mehr Arbeiter nach Galiläa. Er ist an der Gründung des .,Haschoiner“ und ״Hachoresch“ beteiligt. Dank sollten bestimmte Vorschläge zur Regelung der jüdischen Auswanderung formulieren, die nach dem Kriege ein Probleim von bisher unerhörter Größe und Schwierigkeit bilden dürfte, auf neue Gebiete für solche Auswanderung hinvveisen und für die Schaffung der notwendigen Vorbedingungen für die Einwanderung sorgen. In den Rahmen dieses Programmes fallen die Fragen der russischen Judenheit und das Problem Palästinas und des nahen O r i e n t s im allgemeinen. Welche krankhafte Phantasie könnte in dem Entschluß der deutschen, französischen und englischen Juden, unter der Führung der amerikanischen Stammesgenossen, die die Initiative ergreifen wollen, zusammenzukommen und eine entsprechende Aktion ins Leben zu rufen, ein landesverräterisches Vorgehen erblicken? Nur die russischen Juden könnten Bedenken tragen, nur sie könnten vielleicht verhindert sein, sich an einer Aktion zu beteiligen, aus der ein Aufschrei der Entrüstung gegen die russische Barbarei klingen müßte. Eine Entscheidung darüber muß aber für das russische Judentum seinen legitimen und autorisierten Vertretern überlassen, nicht aber von sich selber bestimmenden ״repräsentativen Persönlichkeiten“ ursurpiert werden. Vielleicht werden sich die russischen Juden sagen, daß ein Protest, wenn er auch manchmal praktisch nutzlos, ja in gewisser Hinsicht schädlich sein kann, moralisch immer notwendig ist. Vielleicht werden sie es gerade als moralische Notwendigkeit und als historische Pflicht empfinden, sich gegen die organisierte Brutalität und Grausamkeit in einem männlichen Protest aufzulehnen. Vielleicht w׳erden sie glauben und hoffen, daß ein lauter Aufschrei von sechs Millionen entrechteter und vogelfreier Menschen seine Wirkung nicht verfehlen kann, nicht verfehlen darf, wenn das menschliche Gefühl nicht gänzlich ausgestorben ist. Wie dem auch sei: wenn man, wie cs notwendig ist, die Situation des russischen Judentums als den Sonderfall ansieht, scheinen die Gefahren, die dem Familienblatt vorschweben, für einen gesunden Menschen nicht zu existieren. Und für Böswillige gilt ja ohnedies der Erfahrungssatz: ״Der Jude wird verbrannt . . .“ Die Wahrheit dieser Ausführungen wird übrigens von einem in diesem Fall wirklich glaubwürdigen Zeugen, dem Hamburger Familienblatt selbst, bezeugt. Das Familienblatt tritt ja auch füreinesolcheinternationaleAktion ein, verlangt für sie aber nur eine besondere Form: ״die repräsentativen Persönlichkeiten seiner großen Intelligenz, studiert Mamaschi das Kolonisationsproblem und die Arbeiterfrage, durch seine Artikel im ״Hapoel Hazair“ wird er der Lehrer der Kolonisten und Arbeiter. Er selbst hat keine Zeit, an seinen Artikeln zu bessern und zu feilen, und so bittet er der! Redakteur, die» für ihn zu tun; denn er ist kein Mann dt* Wortes, er ist ein Mann der Tat. 111. Die Hauptschwierigkeit für die Entwicklung der jüdischen Kolonisation sieht Mamaschi im Fehlen der jüdischen Bauernfrau und in seinem letzten Artikel im ״Hapoel Hazair“ weist er auf die Möglichkeit der Gründung einer Frauenfarm in dem dem Nationalfonds gehörenden Nachbarboden von Kineret hin; die Farm selbst hatte damals unter dem gelben Fieber, Dysenterie und anderen Krankheiten zu leiden. Sogleich bildet Mamaschi einen Arbeiterausschuß, der für die Austrocknung der Sümpfe, des Herdes aller dieser Krankheiten, sorgen und das auf diese Weise trocken gelegte Land in geeigneter Weise für die zukünftige Frauenfarm bebauen soll. Die schwere Arbeit, die der Ausschuß zu leisten hatte, hat Mainaschi das Leben gekostet. Auf der Jordan-Insel, auf der er so viele seiner Pläne ausgearbeitet hat, liegt er begraben. Mamaschi ist tot, aber seine Ideale leben Kerak ist nicht mehr das Nest der Beduinen-t häuptlinge, es ist jetzt die Mitte des .Weges zwischen Kinert• und Daganjah und auf ihr arbeiten heute viele jüdische Mädchen, d#en Lieder weit über das Land hin schallen.

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