Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 208 JUEDISCtfB RUNDSCHAU Nr. 26 in Kongreß-Polen in die Erscheinung trat, waren auch in Q a I i z i e n vorhanden, was in der Gleichartigkeit der sozialen und wirtschaftlichen Struktur beider Länder seine Erklärung findet. Der Vernichtungskampf gegen die Juden war auch in Galizien in den letzten Jahren permanent geworden. Die jüdischen Wähler wurden jahrein, jahraus aufs Schändlichste vergewaltigt; es wurden gegen sie Mittel aufgeboten, die in der parlamentarischen Geschichte ohne Beispiel sind. Bei offiziellen statistischen Erhebungen wurden Juden, die wahrheitsgemäß die jüdischdeutsche als ihre Mutter- und Umgangssprache angaben, mit hohen Geldstrafen belegt. Alle Bestrebungen der Polen gingen dahin, die Juden zu Parias herabzudrücken. Die ״Liga zur Polonisierung der Städte“, die in gleicher Weise einen wirtschaftlichen Vernichtungskampf gegen die Juden predigte wie die Boykottliga im Kongreßlande, war gerade in der letzten Zeit auf dem besten Wege, die bewährten Dmowskischtn Praktiken auch in Galizien einzuführen. Der Krieg hat die Ausführung dieser Absicht wohl aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Noch in den von den Russen besetzten Städten Galiziens wird der Kampf gegen die Juden fortgesetzt. Und zwar spielt auch hier die Denunzierung der Juden als deutscher Spione eine große Rolle.' So schrieb, um einen Fall anzuführen, der polnische Professor St. Grabowski, einer der Säulen der allpolnischen Partei, in einer in dem von den Russen besetzten Lemberg erscheinenden Zeitung, nachdem er in langen Ausführungen festgestellt hat, daß die polnischen Bauern nur eine Sehnsucht kennen, nämlich das ganze polnische Land unter Rußlands Zepter vereinigt zu sehen, folgendes: ״Niemand besitzt in gleichem Maße die Fähigkeit, sich den Ereignissen anzupassen wie die Juden. Und doch kämpfen die Juden überall auf polnischem Boden mit größtem Eifer und mit allen Mitteln gegen Rußland; siebringen ihre Freiheit, ihr Vermögen und sogar ihr Leben in Gefahr, s i e spionieren unaufhörlich zugunsten Deutschlands und Oesterreichs; wie und wo sie es vermögen, fügen sie der russischen Verwaltung und dem russischen Heer Schaden zu. Denn so gebietet ihnen ihr nationaler lnstinkt.“ Daß es aber in Galizien nicht zu jenem Ausbruch ungehemmten Haßgefühls einerseits und zu elementarer Reaktion der sich in der Notwehr Befindenden andererseits kam, der polnisch-jüdische Antagonismus hier vielmehr scheinbar in ruhigeren Formen in die Erscheinung trat, ist wohl in erster Reihe der etwas sanfteren und geduldigeren Gemütsart unserer galizischen Brüder und dem Umstand zuzusehreiben, daß die Polen drüben schließlich einige Rücksicht auf die österreichische Verfassung nehmen mußten. Es geht ja wirklich nichts über die Geduld unserer galizischen Volksgenossen. Sie dulden es seit Jahr und Tag, daß ihre ״Wunderrabbis“ im Nebenberuf polnische Wahlmacher, ihre ״Vertreter“ im Reichsrat Polenknechte sind, die, wie der famose Herr Loew׳ enstein, den Weg zu ihrer neuen Würde über die Leichen ihrer Brüder nehmen müssen. Bei uns in Kongreß-Polen wäre ja so was unmöglich. Höchstens daß hier einige verblendete Chassidim-Aristokraten den Assimilanten bei den Gemeindewählen Vorschub leisten, und zwar mit der schmunzelnden Begründung, daß ihnen ganze Gojim — die Assimilanten immer noch lieber sind als halbe, die Zionisten nämlich. Die Wortführer dieses österreichischen Polentums versuchen es nun, ihre Konnationalen im Kongreßlande vor den ״Verleumdungen“ in Schutz zu nehmen. Wie sie den ״Vorwurf“ der Russenliebe ihrer entarteten Brüder zu entkräften suchen, ist merkwürdig genug, interessiert uns aber schließlich als Juden nicht. Diesen Vorwurf glauben sie dadurch abzuschwächen, daß sie das ״N a t i o n a I k o m i t e e“ des Herrn D rn o w s k i und Genossen als eine vereinzelte Erscheinung hinstellen, der ein revolutionäres, ״unterirdisches Polen“ entgegengestellt wird. Das beweist allerdings nur, daß die Herren über die gegenwärtigen und die in den letzten Jahren in Polen herrschenden Zustände sehr schlecht informiert sind, oder daß der Wunsch der Vater ihrer Gedanken ist. Aber, wie gesagt, für uns als Juden mag dieser Punkt dahingestellt bleiben*). Wenn man aber in analoger Weise versucht, die Anklagen wegen des nichtswürdigen Verhaltens des russischen Polentums gegen die Juden vor dem Kriege und während desselben dadurch zu entkräften, daß man die unerhörten judenfeindlichen Orgien einigen entarteten Kreaturen, wie Dmowski und Genossen, in die Schuhe schiebt, während die Massen des Bürgertums und die Intellektuellen keine Schuld treffen soll, andererseits aber die Verbrechen, die die Polen an den Juden während des Krieges begangen haben, als ״Verleumdungen“ brandmarken möchte, obgleich doch der vv a h r e Sachverhalt aller Welt hinlänglich bekannt ist und feststeht, so müssen wir doch diesen Herren zurufen: Lassen Sie die Wahrheit Wahrheit sein! Ihr werdet Polens Schmach mit Euren Tintenströmen nicht reinwaschen. Dazu hat die Weichsel nicht Wasser genug**). *) Sehr Bemerkenswertes über diesen Punkt wird der interessierte Leser in den ,,D okuni e n ten des Russophilismu s“, heravtsgegeben vom A 11 g e - meinen Ukrainischen N a t i o n a 1 r a t in Oesterreich (Carl Kroll, Berlin 1915) finden. **) Meine Veröffentlichungen zur Judenfrage Polens haben in polnischen Kreisen merkwürdigerweise sowohl lebhafte Anerkennung wie auch schärfsten Widerspruch und Zurückweisung gefunden. Das aber, was die Herren als ein günstiges Zeugnis für sich in Anspruch nehmen zu können glaubten, beruht auf einem fundamentalen Mißverständnis ihrerseits, das ״Ungünstige“ aber wird von ihnen mit einem geradezu imponierenden Anstand völlig totgeschwiegen. So wird die erste Hälfte meines dritten Artikels über die Judenfrage Polens in der ״J ü d. Rundschau“ (Nr. 16 d. J.) in der vom polnischen ״Nationalkomitee“ in Oesterreich herausgegebenen Wochenschrift ״Pole n“ (Nr. 19, vom 7. Mai d. J.) wörtlich zitiert, um durch das ״Zeugnis eines zionistischen Juden“ darzutun, daß der Antisemitismus den Polen bis zum zweiten Dezennium dieses Jahrhunderts fremd geblieben ist. Die Anführungen werden aber auffallendervveise dort abgebrochen, wo festgestellt wird, was die Polen in dem darauffolgenden Zeitabschnitt geworden sind, worüber allerdings wenig Schmeichelhaftes gesagt wird. In ungefähr gleicher Weise verfährt auch Herr W a s i 1 e w s k i in seiner Erwiderung auf meine ״Erklärung“ in der Nr. 24 (11. Juni) der Zeitschrift ״Polen“. Was nun meine Erörterung des wirtschaftlichen Entwicklungs- Prozesses in Polen betrifft, die Herr W a s i 1 e w s k i in derselben Zeitschrift wiederholt gegen Brandes ins Feld führt, so brauche ich nicht erst zu betonen, daß es mir mit denselben, einer wissenschaftlichen Intension nachgehend, auf die Feststellung der primären, nicht der mittelbaren Ursachen ankam. Eine Entschuldigung des Boykottreibens und anderer Erscheinungen des Judenhasses ist in ihnen ebensow enig enthalten, wie etwa im berühmten Hegelschen Satze von der ״Vernünftigkeit a 11 e s S e i e n d e n“ eine Rechtfertigung des Verbrechertums. In Anknüpfung an das in meiner Erklärung Hervorgehohene, daß nämlich ״Brandes von polnischer Seite Dinge unterschoben werden, die er niemals behauptet hat, um darin um so kecker an den! vorbeizureden, auf dessen Festnagelung es ihm vor allem ankam“, worauf Herr Wasilewski nicht einzugehen scheint, möchte ich hier mit größerer Deutlichkeit nochmals feststellen, daß Brandes meines Wissens niemals behauptet hat, die polnische Bevölkerung hätte sich während des Krieges unmittelbar an Pogromen gegen die Juden beteiligt, vielmehr sind die letzteren durch polnische Denunziationen veranlaßt worden, wobei ihre ״praktische“ Ausführung den Russen überlassen wurde. Durch diese Feststellung wird die ganze Kampagne gegen Brandes in der Zeitschrift ״Polen“ gegenstandslos. Tätigkeitsbericht des Armen-Ambulatoriums des Zionis tischen Ze n t r a 1 - K 0 tu i t e e s für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, Wien II, Taborstr. 20a. , In den Monaten März und April 1015 wurden behandelt in der Ambulanz für: Augenkrauke 1223; Brillenbestimmungen 36; Chirurgie 1058; Frauenkrankheiten 225; Haut- und Geschlechtskranke 842; 1. Interne 537; 2. Interne 616; 3. Interne 668; Kinder 701; Nasen und Kehlköpf 832; Nerven 122; Ohren 657; Orthopädie 331; Sprachstörungen 7; Zahnheilkunde und Zahnersatz 726; zusammen 8581 Patienten; seit dem Bestände des Ambulatoriums 17 692 Patienten. Dieses glänzende Resultat konnte nur erreicht w׳erden durch die außerordentliche Opfer- Willigkeit der an der Anstalt tätigen Aerzte, durch das Entgegenkommen des hohen k. k. Ministeriums des Innern und durch den Wohltätigkeitssinn weiter Bevölkerungskreise. Die Bedeutung des Ambulatoriums für die öffentlich eSanitätspflcge erhellt nebst diesen Ziffern auch daraus deutlich, daß der Prozentsatz der Scabies (Hautkrätze)-L e i - denden, der anfangs 80 °0 der Hautkranken betrug, auf etwa 12״,״ zurückgegangen ist. Sämtliche Patienten des Ambulatoriums wurden gemäß der Weisung des Magistrats zur Impfung, respektive Wiederimpfung verhalten, ln den Ambulanzen für Innere, fÜT Kinder und für Hautkranke wurde je 1 Fall von Variola festgestellt, was die Eruierung und Unschädlichmachung bis dahin unbekannten Infektions-Herde ermöglichte. Der zahnärztlichen Ambulanz wurde Anfang März eine zahntechnische Abteilung angegliedert. Die infolge Einberufung des Ordinarius geschlossene Ambulanz für Nervenkranke konnte nach seiner Rückkehr wieder eröffnet werden. Primarius Dr. Ludwig Stricker* verantwortlicher Leiter. Dr. Karl Poll ak , Präsident des Kuratoriums, Leiter-Stellv. Ausweis der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Schekel: Breslau 25, , Dortmund 5, , Eschweiler (für 1913 14) 30,--, Freiburg i. Br. 13,—, Frankfurt a. M. (Jugendgruppe) 25, - , Qlogau 1,—, Göttingen 1,—, Halberstadt 20, ~ , Kempen 1,—, Messingwerk 4,— (davon 1, f. 1913/14), Neuwied 2,—, Posen 26,— (davon 25,— f. 1913/14), Saarbrücken 1,—, Zabrze 12, , Zwickau 23,--, aus dem Felde 7,—. Landesbeiträge.• Berliner Zionistische Vereinigung 15r (für 1911), Breslau 75,—, Dortmund 3,—, Eschweiler (für 1914) 50,—, Freiburg 11,—, Göttingen 1 —, Karlsruhe 49,50, Messingwerk 12, (davon 1.— f. 1914), Nürnberg (f. 1914) 12-, Neuwied 3,—, Posen (f. 1914) 75,—, Saarbrücken 2,—, Zabrze 39,—, Zwickau 46,— , aus dem Felde 2, ---. Propagandafonds: Berlin: San.-Rat Dr. Benno Lew (2. Rate) 20,—, J. Boschvvitz und Frau (3. Rate) 50,—, Dr. Julius Rosenfeld 10,; O.ü. Dortmund 2,—; Eschweiler: Moritz .Meyer 5, (f. 1914); Glogau: Dr. Grober 9,—; Kempen: Betty Saft 6,50; Ratibor: Einzelbeitrag 3,—; aus dem Felde: Unterarzt Georg Wey! 5,—, S. Haase-Berlin 8,—, San.-Kadett Abraham Lövv-Strallburg 8, , Ersatzres. Schiratzki- Marburg (z. Zt. Laz.-Krank. Hasenheide Berlin) 10,—; Königsberg: 251. (Sondersamtnlung f. 1914). Verschiedene Spenden: Prag 1,—, aus dem Felde 5,—. Eingang vom 9. bis 22. Juni 1915: Schekel 1913,14: 56,. M.; Schekel 1914/15: 140, - AL; Landesbeiträge: 395,50 M.; P r o p a g a nda■ fonds 1915: 396,50 M. Gesamteingang: Schekel 1913/14: 5439,— AL; S c h ekel 1914/15: 1937,— M.; Landesbeiträge 2186,50 M.; P r o p a g a n d a f 0 11 d s 6598,50 M. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W 15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin W56, Hinter der Katholischen Kirche 1. Palästina-Nachrichten (Lebensmittelfrage — Lage der Arbeiter — Far* men — Schulen —־ Anleihe) Jaffa, Mitte Mai. Der amerikanische Dampfer ״Vu I k a n“ hat Jaffa vor 14 Tagen verlassen. Die Erleichterung, die sein Lebensmitteltransport geschaffen hat, ist, daß er eine Herabminderung der Lebensmittelpreise gebracht hat. Im übrigen ist der größte Teil der neuen Getreideernte glücklich eingebracht worden. Infolgedessen sind die Getreidepreise andauernd niedrige. Ebenso befinden sich die anderen landwirtschaftlichen Produkte wie Milch, Eier, Fleisch usw. in ausreichenden Mengen im Lande. Die Vorräte an Zucker und allerlei Kolonialwaren nehmen immer mehr ab. Auf jeden Fall ist es nicht mehr praktisch, von neuem Lebensmittel von Amerika einzuführen. Die Zahl ' der Arbeitslosen hat in letzter Zeit abgenommen, weil viele Arbeiter in den Kolonien bei Bekämpfung der Heuschrecken helfen oder bei Erntearbeiten beschäftigt sind. Gegen hundert Arbeiter aus Jaffa arbeiten an einem von der Regierung unternommenen Bahnbatt. Nach Beendigung der Ernte