Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 26 IUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 207 wohnlich, und es ist zu hoffen, daß sie von der Heuschreckenplage wenig leiden. Ueberhaupt hat Oaliläa von Heuschrecken weit weniger zu leiden als Judäa. Zwar schätzt man den Schaden auf etwa 25 Prozent des Gesamtertrages, doch scheint dies doch übertrieben zu sein. Alles in allem geht das Leben in Oaliläa nicht viel anders als gewöhnlich. Trotz allen äußeren Schwierigkeiten hat jeder Betrachter durchaus den Eindruck, daß hier intensiv gearbeitet wird. Sollte selbst der Zufluß aus dem Auslande für eine gewisse Zeit aufhören und die Besiedlung auf diese Weise nicht vergrößert werden können, so wird man daran arbeiten müssen, die Grundlage der Ansiedlung zu befestigen und ihre Wurzeln zu vertiefen. Die Landbevölkerung zu stärken und die völlig unfruchtbaren, untätigen Städter zur Landarbeit heranzuziehen das ist die Hauptaufgabe, die sich uns während der gegenwärtigen Kriegszeit darbietet. Ein Widerspruch In den Zeitungen unserer jüdischen Gegner beobachten wir immer wicdcf den aussichtslosen Versuch, die Juden aller Staaten unter einen Hut zu bringen und sie als überwiegend deutschfreundlich oder, wo dies nicht angeht, nur als notgedrungen ententefreundlich hinzustellen. Die jüdischen Schweden, lesen wir im ״Hamburger Israelitischen Fami li e n bl a 11“, befleißigen sich zwar der strengsten Neutralität, aber ihr Herz gehört Deutschland, ja sie bedauern ihre Glaubensbrüder in Frankreich und England, weil diese auf die Seite Rußlands treten mußten und so in ihren ״vaterländischen und jüdischen Gefühlen einen schweren Zwiespalt erfahren“. Immer wieder wird freudig betont, daß die Juden Arnerikas sich mit aller Wärme für Deutschland eingesetzt haben und einsetzen, und wenn wirklieh einmal, wie bei den neutralisierten englischen Juden, die sich trotz deutscher Abkunft zu ihrer neuen Heimat bekennen, nichts mehr zu retten ist, dann werden diese Abtrünnigen als Verräter gebrandmarkt, für die die deutsehen Jude n niemand verantw ortlich' machen dürfe. An sich berühren uns solche Aeußerungen nicht unsympathisch. Sie zeigen immerhin, wie sehr auch unsere Gegner sich mit allen Juden verbunden fühlen und vielfach, ohne es zu wissen, einen starken Sinn für die Zugehörigkeit zu ihren Brüdern bekunden. Selbst die polnischen Juden werden eifervoll in Schutz genommen; man möchte zwar nicht mit ihnen verwechselt werden, aber man fühlt sich doch tief genug in ihnen getroffen, um sie alle, ob deutsch oder galizisch oder polnisch, gegen die antisemitischen Hetzer zu verteidigen. Der Weltkrieg hat unverkennbar allen deutschen Juden die Judenfragc in ihrer ganzen ungeheuren Größe wieder zum Bewußtsein gebracht, und auch sehr gesinnungstreue Assimilanten können sich dem beunruhigenden Eindruck solcher Erlebnisse nicht entziehen. Aber bei dem Versuch, die allseitig drohenden Angriffe abzuwehren, setzen sie sich mit ihrer bisherigen Auffassung von jüdischem Glauben und deutschem Staatsbürgertum bedenklich in Widerspruch. Wenn das Judentum wirklich nur ein Glaube ist und jeder Einzelne von dem Lande seiner Geburt auch dessen Nationalität empfängt und inner-!ich in Besitz nimmt, dann müßten gerade unsere Gegner das von Herzen wünschen, was sie jetzt ängstlich wegzubeweisen suchen. Denn ebenso wie sie für sich selbst beanspruchen, Deutsche und nur Deutsche zu sein, so müßten ן de es gerade als einen Beleg für ihre Auf- ־assung des nationalen Problems betrachten, venu der französische Jude ganz französisch and der englische ganz englisch dächte. Und vas jene abtrünnigen englischen Makler herifft. die ihr Deutschtum verraten hätten, so ■vollen wir uns nur daran erinnern, daß die Groß- | äier und vielfach auch die Väter vieler deutscher luden aus Polen oder Rußland stammen und daß ihr Deutschtum nicht gar so viel älter ist als jene englische Begeisterung. Ja selbst die atnerikanischen Juden täten im Sinne dieser Auffassung besser daran, ganz amerikanisch, d, h. im Sinne dieser Auffassung für England, und nicht deutsch - amerikanisch, d. h. für Deutschland zu sein, und man dürfte es nur als einen Zufall ansehen, wenn schwedische Juden feindlich gegen Rußland gestimmt sind, weil nämlich Schweden zufällig antirussische Tendenzen hat. Aber die deutschen Juden, die sich um diese ausländischen Staatsbürger jiidischen Glaubens ohne das richtige Verständnis für deren Art bemühen, setzen, wie wir sehen, bei diesen eine andere nationale Psychologie voraus, als sie seihst zu besitzen behaupten. Die ganze Schwäche ihrer Argumentation wird klar, wenn man ihnen die Nutzanwendung auf die Juden anderer Länder nahelegt und ihnen dadurch zeigt, in wie argen Widerspruch ihr jüdischer Instinkt, den der Weltkrieg ersiehtlieh wieder erweckt hat, mit ihren bisherigen Idealen geraten ist. Gerade der Weltkrieg hat mit ungewöhnlicher Deutlichkeit offenbart, daß die Judenfrage zu den schwierigsten Problemen der Gegenwart gehört und daß es keinem Juden erspart bleibt, sich mit ihr nach außen und innen auseinanderzusetzen. Und fraglos bleibt auch, daß nur die nationale Auffassung des Judentums jenem unwillkürlichen Bedürfnis gerecht wird, das auch den überzeugtesten Assimilanten dazu treibt, sich für die polnischen und galizischen Juden einzusetzen, nachdem er vorher viele Male erklärt hat, er hätte mit ihnen nichts gemeinsam als gewisse religiöse Zusammenhänge. Nur für den nationalempfindenden Juden, der sich als ein Glied des jüdischen Volkes und dessen Schicksal als sein eigenes empfindet, lösen sich jene verwirrenden Widersprüche. Er braucht keinen Weltkrieg, um zu erfahren, daß heute mehr als je das Leben der Völker von nationalen Tendenzen beherrscht wird; und ihm liegt es tern, alle Juden für einander zu retten und unter dem Schirm einer gemeinsamen Kriegsidee zu versammeln, nur damit seine eigene Stellung in seinem Staate gestärkt werde. Für ihn liegt das Problem gerade umgekehrt: er sieht ein einst geeintes Volk in alle Länder zerstreut, den verschiedenartigsten Einflüssen preisgegeben’ und doch im Innersten noch über alle Grenzen hinweg von dem Instinkt der Zusammengehörigkeit erfüllt. Auch der Krieg konnte die tragische Haltlosigkeit einer solchen Zersprengung nur wieder erneut zum Bewußtsein bringen und die Sehnsucht nach nationaler Einheit vertiefen. Das Nationale läßt sich nicht bew׳eisen, es läßt sich nur erleben. Wir wollen es dem Weltkrieg danken, daß er auch dem Losgelöstesten solches Erlebnis näher gebracht hat: schwedische und amerikanische, deutsche und polnische Juden als die Söhne eines Volkes •zu empfinden. W n. Polens Schmach Von Leo Rosenberg Man darf wohl sagen, daß kein anderes unter den unterdrückten und entrechteten Völkern des zarischen Unglücksreiches in diesen großen und schicksalsschweren Tagen ein so trauriges Bild moralischen Tiefstandes bietet wie das polnische Volk. Während in Galizien viele polnische Legionäre sich mit Todesverachtung dem moskowitisclien Erbfeind entgegenwerfen, wirbt das russische Polentum, von Demagogen geleitet, unablässig um die Gunst der Henker und leistet ihnen treue Gefolgschaft. Man wird, in der ganzen neuzeitlichen Geschichte vergebens nach einem ähnlichen Dokument moralischen Elends und der Nichtswürdigkeit suchen, wie es der russenfreundliche Aufruf des Warschauer polnischen ״N a t i 0 11 a I k o m i t e e s“ darstellt. Freilich, erstaunt über diese unerw artete Haltung des russischen Polentums konnte nur der sein, dem die zeitgenössische Geschichte dieses größten und wichtigsten Teiles der polnischen Nation und die politischen und kulturellen Richtungen, welche im öffentlichen Leben Kongreß-Polens in der dem Weltkriege unmittelbar vorangegangenen Epoche zur Herrschaft gelangt sind, unbekannt geblieben sind. Wer weiß, wie namenlos demoralisierend die seit einem halben Jahrzehnt anhaltende und sieb immer steigernde Tätigkeit der beiden führenden politischen Parteien Kongreß-Polens, der D111 o w s k i s c h e n ״N a t i o - n a I d e m o k r a t i e“ und des N i e m o j e w s k i - sehen ,,Fortschritts“, auf die Massen und noch mehr auf den Mittelstand gewirkt hat, der wird sich nicht mehr wundern. Die Liebe zu Rußland ist da nicht einmal eigennützig zu nennen; man würde diesen Herren unrecht tun, wollte man dies behaupten. Man fühlt sich vielmehr in diesen Kreisen zum judenfeindlichen Rußland hingezogen, weil man in dessen Regierung, wie D m o vv s k i aufrichtig bekannte, ״d i e einzige Gewähr für die Zukunft des Antisemitismus erblickt“. Ein Volk, dem man den Vernichtungskampf gegen die Juden als die höchste und dringendste nationale Pflicht gepredigt hat, dem man die Juden als den Feind hingestellt hat, ist für alle höheren nationalen Aufgaben tot und des Werkes der Selbstbefreiung nicht mehr fähig, noch würdig. Und wie schon in Friedenszeiten der Kampf gegen die Juden den ersten Platz in der jk>1nischen Politik einnahin, vor dem alle arideren nationalen Probleme in den Hintergrund gedrängt, ja dem die vitalsten nationalen Interessen geopfert wurden — man denke an die seinerzeitige Zurückweisung des städtischen Selbstverwaltungs-Statuts der Regierung, weil es auch den Juden einige Rechte gewährte — so ist es auch im Kriege geblieben. Die Polen haben ihren eigenen Krieg: gegen die Juden. Mit Boykott, Totschlag und Mordbrennerei ist es allerdings unter der Herrschaft der Kriegsgesetze und, da fast zwei Drittel Polens von den Verbündeten besetzt sind, vorläufig nichts. Da mußten sich die Herren Dmowski und N i e in o j e w s k i und S w i e n t o c h o w s k i etwas bescheiden. Die ״Umgruppierung“ war bald vollzogen, eine neue Taktik war gefunden. Die Parole wurde: Denunzierung der Juden als Spione*). Und wenn man die Fläufigkeit und Gleichartigkeit der Fälle in Betracht zieht, erkennt man gleich, daß der Wahnsinn Methode und System hat. Die neue vergiftete Waffe soll viel wirksamer werden als alle anderen vorangegangenen, die schließlich ja nur sozusagen ״Hausmittel“ waren. Und schließlieh sagt auch das neue Kampfmittel der polnischen Natur viel mehr zu als die anderen. Wirtschaftliche Kämpfe, Totschlag und Brand- Stiftung sind in Polen als politische Kampfmittel * nie geläufig gewesen, dagegen waren Verleuindüng und Angeberei immer echt polnische Kampfmethoden. Vor wenigen Tagen erst, am 20. Siwan, haben die jüdischen Gemeinden Rußlands der Märtyrer des ukrainischen Ko s a k e n aufs t a n d e s gedacht, in dem der Verrat der Polen ihre jüdischen Mitkämpfer den Kosakenborden und einem grausigen Tod auslieferte. 111 Warschau ist längst alle Scham gewichen, jedoch in K r a k a u und Wien empfindet man noch einige Scham. Statt aber, wie es einem I von Scham Erfüllten geziemt, zu schweigen, oder sich öffentlich von den entarteten Brüdern jenseilder Weichsel loszusageu, versucht man dort mit allen Mitteln, sie reinzuwascheii und zu rehabilitieren. Man verlegt sich aufs Leugnen. Jetzt haben sich bereits die Herren im Netze ihrer eigenen Unwahrhaftigkeit und Borniertheit so verwickelt, daß sie nunmehr weder ein noch aus wissen. Sie sind nahe ati dem Punkt ungelangt, wo der Schweigende zum Mitschul digen, der Entlastungszeuge zum Komplizen wird. Das ö ster r e i c h i s c h e Polentum bildet ein interessantes Kapitel für sich. An Bedrückung und Vergewaltigung der Juden hat man es auch da kaum fehlen lassen. Alle Ansätze zu einer politischen und sozialen Entwicklung, wie sie *) Neben der Deiiurizierung steht hier auch die Ritualmordhetze in voller Blüte. Die deutsehen Behörden haben Massen von Ritualmord-Ansichtskarten konfisziert und ähnliche Bilder aus den Kirchen entfernen lassen. Eine Wiedergabe einer solchen Ansichtskarte erschien vor kurzem im ״Hamburger Israelitischen Familtenblatt“. Sie ging diesem Blatte von einem im Felde stehenden jüdischen Sol-, daten zu.