Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 206 JUBD1SCHE RUNDSCHAU Nr. 26 Brief aus Galiläa Aus der letzten Nummer des Jaffaer ״Hapoel Hazair“ haben wir in unserer vorigen Nummer einen Brief aus R ec 110 bot veröffentlicht. Heute bringen wir die Uebersetzung eines vom An- Fang Mai datierten Berichtes aus Galiläa. Der Grundunterschied zwischen Galiläa und Judäa tritt in der gegenwärtigen Kriegszeit in ganz besonders scharfer Weise hervor. Jaffa, der Mittelpunkt des neuen Jischuw, ist, ebenso wie Jerusalem, vom Auslande abhängig, auch wenn es sich von Jerusalem in manchen anderen Dingen unterscheidet. Jaffa braucht — in normalen Zeiten wenigstens keine Unterstützung von außen her, es sind vielmehr die Zinsen ausländischen Kapitals, die das Leben in Jaffa regieren; selbst der Teil der Einwohner, der im Lande seinen Verdienst findet, ist nicht minder als die anderen auf das Ausland angewiesen. Denn der Handel der Hafenstadt Jaffa beruht hauptsächlich auf Export und Import: ihr Kaufmannstypus ist der Kommissionär; und sobald die Verbindung mit dem Auslande unterbrochen ist, ruht der ganze Handel und mit ihm zugleich hört die Arbeit auf, die infolge des mangelnden Zuflusses ausländischen Geldes kein Feld findet. Nirgends im ganzen Lande ist das Allgemeinbild so erschreckend wie in Jaffa, denn nirgends wird der Krieg mehr empfunden als gerade in Jaffa. Außer den wirtschaftlichen Gründen gibt es noch viele andere, warum gerade Jaffa iin Kriege besonders schwer leidet. Alle Gegner unseres Kolonisationsgedankens sehen in Tel Awiw sein Herz und suchen es zu treffen, um auf diese Weise den ganzen Körper abzutöten. Und in der Tat — das Herz ist erstarrt: wir sahen die Auswanderung von Hunderten von Juden, die wie verscheuchtes Wild flohen, und es schien, als wanke unser ganzer Bau. Auch in gewröhnliehen Jahren sind Jaffas Einwohner empfindsamer allen Ereignissen gegenüber, ihre Nerven sind aufgeregter, jedes Ereignis findet hier ein viel bewegteres Echo als irgendwo anders im Lande. Die Arbeitslosigkeit infolge des Stockens des wirtschaftlichen Lebens und der Schließung einiger wichtiger Institute haben weiter dazu beigetragen, einen mitunter geradezu krankhaft nervösen Zustand hervorzubringen. Aber, je weiter man sich von Jaffa entfernt, desto mehr fühlt man, daß man in eine kühlere Atmosphäre gerät, daß die Nerven sich beruhigen und ihr Gleichgewicht finden. Schon in Si thron Jakob trifft man Männer, die von den Ereignissen der letzten Wochen nichts zu wissen scheinen und wie die Vorboten des ersten Frühlings wirken. In Haifa herrscht völlige Ruhe. Selbst die Nachricht vom Technikum, das die Herren vom Berliner Hilfsverein zu einer bequemen Stunde, da allen Spendern die Hände gefesselt waren, geraubt haben — selbst diese aufregende Nachricht wurde in H aifa ruhig aufgenommen. Und vielleicht hat man Recht: noch liegt die Zeit vor uns, in der die Frage aufgeworfen wird, ob das Technikum leer bleibt oder die Anforderungen, die man an eine Hochschule in Palästina stellt, erfüllt werden. Vorläufig sind die Leiter und die wenigen Beamten von jeder Arbeit frei; der Bau ist noch nicht fertig, aber die Arbeit ruht schon seit Monaten und die Arbeiter sind aus Mangel an Geld entlassen. Die Zahl der Arbeitslosen ist in Haifa groß. Zur Peßachzeit betrug sie etwa 120 Mann, von ihnen 80 sephardische Juden, meist Familienvater. Zurzeit sind sie beim Bau von yWegen in der Gegend des Karmel beschäftigt, eine Arbeit, die der Ralästinaausschuß gleich zu Beginn des Krieges veranlaßt hatte, um eine gewisse Zahl von Arbeitern beschäftigen zu können. Früher war diese Arbeit dem Feldmesser ■ Herrn Krause übertragen worden, heute haben die Arbeiter selbst sie übernommen und Herr Krause hat nur die technische Leitung, wie auch die Uebervvachung der Ausführung in Händen. Hier sind zurzeit 120 Arbeiter beschäftigt und zwar in der Weise, daß eine Partie von 60 Mann eine Woche lang arbeitet, so daß jeder von den Arbeitern zwei Wochen im Monat beschäftigt ist und ungefähr 25 bis 30 Francs verdient. Der jüdisch-amerikanische Hilfsfonds gewährt den Arbeitgebern Anleihen in bestimmter Höhe. Die Lage der Arbeiter in Galiläa ist seit Anfang des Krieges ganz anders als in Judäa. Wieviel Arbeiter sich in Galiläa im letzten Halbjahr befanden, mag folgende Tabelle darlegen: September 1914. April 1915. Kineret, Terraingesellschaft 33 26 Kineret. Farm .... 27 16 Daganjah . 45 48 Betanjah. 30 23 Migdal . 47 56 Porijah ....... 46 51 Ramah. 24 .33 Mizpeh. 12 3 Tel-Adasch. 22 35 Merchawjah. 58 43 Merchawjah, Farm . . . 17 8 Jawnel . 40 36 Bet-Gan ....... 10 9 Milchamjah. 9 8 Maßjah. 1 3 Sigrah. 17 41 Metulah und Obergaliläa . 8 38 446 477 Außerdem wurden durch den Ausschuß beschäftigt (bei öffentlichen zwar im April 1915: Arbeiten usw.) und Kineret. . 46 Poriah. . . . 10 Ramah. . 9 Merchawqah. 8־1 . 83 Außer diesen in Kineret . 17 23 463 583 Alles in allem haben also zur P e ß a c 11 - zeit etwa 600 Arbeiter und Arbeiterinnen in Galiläa gearbeitet und zwar aschkenasische, sephardische und yemenitische. Während der Wintermonate sind etwa 120 Arbeiter aus Judäa nach Galiläa eingewandert und man sah sich gezwungen, eine weitere Einwanderung zu verhindern, da es nicht möglich gewesen wäre, für alle Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Mit Hilfe des Palästina-Aus- Schusses wurde von Herrn Elieser Jaffe die Verteilung von Arbeitsgelegenheit an Arbeitslose in Angriff genommen und auch in zufriedenstellender Weise durchgeführt. Die Hauptbeschäftigung fanden die Arbeiter beim Austrocknen des Sumpfes, der in Kineret am Jordanufer sieh hinstreckt und beim Bau von fünf Häusern f ü r y e m e n i t i s c h e Arbeiter. Außerdem gab es noch geringere Privatarbeiten. Die fünf Arbeiterhäuser in Kine ret wurden unter Aufsicht des Herrn Jaffe gebaut und sind in ausgezeichneter Weise gejungen. Jedes Haus hat eine geräumige Stube, eine Küche und einen nicht allzugroßen Stall. Sie sind voneinander etwa 40 Meter entfernt und zu einem jeden von ihnen gehören mehrere üunain Land, die bequem bewässert werden können. Die Yemeniten werden also die Möglichkeit haben, intensive üemüsewirtschaft zu betreiben. Es wird nötig sein, dazu noch zehn, mindestens aber fünf Häuser hinzuzufügen und auf diese Weise eine ganze Ansiedfung zu gründen. Durchaus wünschenswert wäre es auch, einige aschkenasische Arbeiter in der Nähe anzusiedeln, damit diese den Yemeniten helfend zur Seite stehen und gegebenenfalls die Initiative ergreifen können, die den Yemeniten meist noch abgeht. Die Häuser kosten etwa 8500 Francs, ungefähr 300 Francs mehr für das Haus als üblich. Diese Mehrausgabe ist begründet in der Unterbindung des Eisenbahnverkehrs und der damit verbundenen Schwierigkeit, das nötige Baumaterial heranzuschaffen, da die Wege für Reittiere kaum benutzbar sind. Den Sumpf, der das Wechselfieber in der Kolonie verursachte, auszutrocknen, war sehr wichtig. Die Arbeit hat etwa 5000 Francs gekostet; sie hat über 2000 Tage gedauert und wurde auf der Ausdehnung von 8U׳ Dunani ausgeführt. Aehnliehe Arbeiten, die in Mcrchawjah vorgenommen wurden, hatten ein weniger e,rfreuliches Ergebnis. Die Häuser, die als Experirnente einiger Ingenieure gebaut wurden, bringen keinen tatsächlichen Nutzen und auch die Austrocknung des Sumpfes ist nicht in der erwünschten Weise vonstatten gegangen. Alle diese Arbeiten wurden fast ohne Barbezahlung ausgeführt; man zahlte mit Weizen und anderen Lebensmitteln, die der Ausschuß in seinen Speichern hat. Der Lohn ist wie gewöhnlich, doch haben die Arbeiter ihn nicht vollständig ausgezahlt bekommen. Die Arbeitgeber haben sich stets Mühe gegeben, die Arbeitsmöglichkeit zu einer dauernden zu machen. In den Volksspeichern des Aus- Schusses gab es zu Anfang des Krieges für 120 000 Francs Weizen, wovon ein ziemlich bedeutender Teil nach Judäa ausgeführt wurde. Die Speicher haben überhaupt in diesem Kriege ihre hohe Wirtschaftliehe Bedeutung gezeigt und ihre Aufgabe durchaus erfüllt. Dagegen haben viele Kolonisten zu Beginn des Krieges ihren Weizen zu billigen Preisen verkauft. Die Arbeit im Lande ist trotz der vielen äußeren Stürme in diesem Jahre wohl gelungen. In Kineret, einer ganz jungen Kolonie, hat es in diesem Jahre einen sehr schönen Ertrag gegeben. Man kann schon heute mit Bestimmtheit Voraussagen, daß dieses Jahr keinen Verlust, wahrscheinlich sogar einen geringen Verdienst bringen wird. Es werden etwa 1500 Dunam bearbeitet. ln Daganjah werden etwa 3000 Dunani, d. 11. der ganze Besitz bearbeitet, davon 2200 Dunam Weizen, Gerste, Erbsen usw. Man könnte hier in diesem Jahre auf einen (Reinertrag von 10 000 Francs wie im Vorjahre rechnen, wenn die Heuschreckenplage nicht hier einen besonders großen Schaden angerichtet hätte, der sich ungefähr auf 7 bis 9000 Francs beläuft, Ein zu diesem Zwecke nach Damaskus gesandter Kolonist hat festgestellt, daß dort ein ausgezeichneter Markt für das Frühgemüse besteht, das im Jordantale ausgezeichnet gedeiht. Es werden dort Preise erzielt, die viermal so hoch sind wie in T i b e ־ rias. Zwar ist durch das Aufhören des Eisenbahnverkehrs auch die Verbindung mit Datnaskus unterbrochen, doch kann man für die Zukunft darauf zurückkommen. Viele haben es sogar für lohnend gehalten, das Gemüse auf Eseln hinzubefördern, uni es dort zu verkaufen. Mehr und mehr wird es als notwendig erkannt, einen bedeutenden Teil (etwa die Hälfte) des bebauten Bodens von D a g a n j a h ab/usondern und unter eigene Verwaltung zu stellen. Es geht jetzt sein־ viel Zeit und Arbeit unnütz durch die Zentralisation der Verwaltung verloren. Auch in Mcrchawjah läßt sich ein schöner Erfolg erwarten. Bebaut wurden 2300 Dunani. Aus Furcht vor den Heuschrecken wurden in diesem Jahre keine Oliven gepflanzt; an ihre Stelle trat Buchweizen, der auch von der Regierung als zur Volksernährung notwendig bezeichnet wurde. Trotzdem wird kein Oel fehlen, da die vorjährige Ernte ja nicht ausgeführt worden ist. Mcrchawjah hat in diesem Jahre stark an Arbeitermangel zu leiden. Wenn der Krieg nicht ausgebrochen wäre, dann hätte die Gesellschaft; ״Ha'achawäli“, die ihre groß angelegte Arbeit in diesem Jahre beginnen sollte, Leben in die Kolonie gebracht. Auch die Kolonisten selbst sind durch den Mangel an Vieh in ihrer Arbeit stark behindert worden. Am besten geht es den Handlern und Handwerkern, die zugleich ein kleines Stückchen Land besitzen und es bebauen können. In Tel-Adasch und in M i gd a 1 geht die Arbeit in befriedigender Weise wie im Vorjahre weiter. Die Gartenpflanzungen in Porijah haben gar nicht gelitten. Bebaut wurden hier 2700 Dunani, davon 500 mit Oliven und Mandeln, 2200 mit Mandeln allein. Mit größter Anstrengung wird hier gegen die Heuschrecken gekämpft, und falls nicht allzuviel Heuschrecken aus den umliegenden Dörfern hineinkomtnen, kann man wohl erwarten, daß die jungen Pflanzungen ohne jedeii Schaden davonkommen. ln Ra niali werden bereits 1700 Dunam angebaut, ln J a w n e I und M e r c 11 a w j a h entwickeln sich die jungen Pflanzungen wie ge-