Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 200 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 25 verschüttet sie dann; dies ist jedoch das einzige radikale Mittel, dessen Benutzung unter den herrschenden Verhältnissen möglich ist. Der Schaden, den die Brut verursacht, ist weit größer, als der der fliegenden Hcuschreckensdnviirme; wo sich diese Brut nur niederlälit, frißt sie den Boden völlig kahl. Die von ihr heimgesuchten Bäume sterben in kurzer Zeit ab, das Gemüse wird im Nu abgefressen. Die größten Verwüstungen richtet sie bei jungen Bäumen und in den Weinbergen an, der Schaden im Getreide ist dagegen geringer. In den Kolonien ist jetzt alle Welt mit dem Kampfe gegen diesen furchtbaren Feind beschäftigt. Die Schulen sind fast sämtlich ׳}geschlossen und Männer, Frauen und Kinder sind den ganzen Tag in den Gärten und Feldern und führen den Verriichtungskrieg gegen die Heuschrecken. Fast alle Schüler der jüdischen Schulen in Jaffa und Jerusalem befinden sich ebenfalls in den Kolonien, um dort zu helfen. Aus Jerusalem sind auch lausende von Privatpersonen zu dem gleichen Zwecke hinausgezogen; die Behörden haben ihnen dazu Fuhrwerk gratis zur Verfügung gesteilt. Auch aus Jaffa sind sehr viele ״Freiwillige‘‘ gekommen und kommen jetzt noch. Der Kampf geht ohne Aufhör, aber noch läßt sich sein Ergebnis nicht vorausseheti. 1!1 vielen Kolonien ist es gelungen, Weinberge und Gärten von der Brut des ersten Schwarmes zu befreien, in anderen aber ließ man den Mut sinken, da nach schweren Müllen und ungeheuren Anstrengungen täglich aus den arabischen Kolonien and dem umliegenden Brachland immer neue Scharen dieser Brut kommen und alles, was sich ihnen in den Weg stellt, abfressen. In Rcchobot ist der Kampf ganz besonders gut organisiert (wie cs aus dem in dieser Nummer veröffentlichtcn Brief aus Rcchobot licrvorgeht). Auch in N e ß - Z i o n a ist der Kampf gut organisiert. Bisher ist fast gar kein Schaden angerichtet worden. Durch tiefe und breite Gruben, die um die ganze Kolonie gezogen worden sind, ist ein Eindringen von Schwärmen von außerhalb unmöglich gemacht worden und die Brut in Gärten und Weinbergen ist so gut wie völlig vernichtet. Etwa 90 Schüler der Kunstgewerbeschult• ״Bezalel“ und eine Anzahl von Privatpersonen aus Jerusalem haben an dem Kampfe teilgenommen. ln Risch on-Ie Zion sind Gärten und Weinberge von der Brut frei, jedoch die Bewachung der Grenzen war nicht genügend organisiert und so sind neue Schwärme von der Umgegend hereingekommen. Am Kampfe gegen die Heuschreckengefahr nehmen viele Schüler des Gymnasiums und der Tachkemoni-Schule in Jaffa, sowie auch eine Anzahl von Privatpersonen aus Jaffa teil, im ganzen über 160 Personen. Von dieseii haben sich namentlich die Gymnasiasten durch besonders tatkräftige Arbeit ausgezeichnet. In B’er Jaakob wird der Kampf aufs Energischste geführt. Die Weinberge sind von Heuschrecken so gut wie frei, aber auch hier kommen neue Heuschreckenschwärme von außerhalb, da aus Mangel an Arbeitern der Grenzschutz nicht in der nötigen Weise organisiert werden konnte. Abgesehen von den Bauern und den ständig dort tätigen Arbeitern nehmen am Kampfe etwa 50 bis 60 Auswärtige teil, darunter Schüler ries Jaffaer Gymnasiums und Privatpersonen. ln Gedera ist der Kampf äußerst schwierig, da die Ausdehnungen sehr groß und die vorhandenen Kräfte sehr gering sind. Ein jeder arbeitet mit seiner Familie auf seinem Grundstück. Es sind auch etwa 60 bis 70 Schüler des Gymnasiums und der Alliance- Schule in Jurusalem zu Hilfe gekommen, cs ist jedoch bisher nicht gelungen, die Gärten und Wälder von Heuschrecken zu befreien, ln der letzten Zeit kommen auch neue Schwärme aus der Umgegend und die Bauern haben beinahe daran verzweifelt, den Feind zu besiegen. Gemeinsame Arbeit gibt es nicht in Gedera, ein jeder arbeitet in seinem Garten und so kommt es vor, daß die Heuschrecken von einem' Garten zum anderen übergehen. Die Arbeit erhält dadurch das Aussehen einer wahren Sysiplvusarbeit, die nicht den geringsten Nutzen bringt. Der Schaden wird vielleicht in Gedera von allen judäischen Kolonien der größte sein. ln B’er-Tobijah ist der Kampf gegen die Heuschreckenplage wohl organisiert. Man arbeitet gemeinsam ohne äußere Hilfe. Es wird gehofft, daß der Erfolg den Bemühungen entspricht. Von außen kommen keine flügellosen Heuschrecken und die Brut in der Kolonie ist so gut wie vernichtet. ln Petach-Tik w a h sind über 1000 Auswärtige an der Arbeit beteiligt, die sich hauptsächlich aus dem ״alten Jischub“ rekrutieren. Außerdem sind dort eine Anzahl von Zöglingen des hebräischen Seminars und des Seminars des ״Esra“, auch viele Männer aus Jaffa. Der Kampf ist sehr aussichtsreich, man hofft, in einiger Zeit die Brut in den Gärten völlig zu vernichten. Ganz anders ist die Lage in En-Ga 11 im. Hier war der Kampf von Anfang an kaum organisiert und deshalb ist die ganze Arbeit völlig erfolglos. Wenn man heute die Brut verjagt, so kommen morgen neue Schwärme und so geht es ohne Ende. Es herrscht auch Mangel an Arbeitskräften und so haben alle den Mut sinken lassen. Der bisher angerichtete Schaden ist außerordentlich groß} die meisten Bäume sind zerfressen und es ist sehr zweifelhaft, ob sie noch zu heilen sind. In den Petach-Tikwah benachbarten Farmen, wie E 11 - C h a j und K far-S a b a begnügt man sich damit, die Ausbreitung der Heuschrecken zu verhüten. Einen regelrechten Kampf kann man aus Mangel an Arbeitern nicht führen. Die Juden in Polen (S t i m m u n g s b i 1 d e t u n d B e 1־ i c h t e d e r c 11 g 1 i s e 11 e 11, p o 1 n i s c 11 e 11 u 11 d j ü d i - sehe n Press e.) Die p o 1 n i s c 11 e 11 Juden im Kriegsgebiet. ״J e w i s h C 11 r o n i cd e“ berichtet über die Verliältnisse in Russisch-Polen. Obwohl diese Berichte keine uns neuen Tatsachen enthalten, gehen wir einige Meldungen wieder, die deshalb charakteristisch sind, weil sie zeigen, daß selbst in E n g I a 11 d erscheinende Organe vor den Zuständen im Oste» nicht die Augen verschließen können. Es heißt im ״Jewish Gironicle“: ״Die Vertreibung der Juden in Polen aus Städten innerhalb der Kriegszone wird fortgesetzt. Alle jüdischen Bewohner von S i m 1 a 11ml Ö I i t a im Gouverncinent Suwalki wurden auf Befehl der Russen ausgewiesen. Nur durch die Intervention der Rabbiner wurde den Juden ein viertägiger Aufschub gewährt, um ihre Angelegenheiten zu ordnen. Tausende von Juden in (1 rodno stehen vor dem gleichen Schicksal. Die polnischen Antisemiten brachten die Klage vor, daß das Haus des dortigen Rabbiners in telephonischer Verbindung mit dm deutschen Posten stehe. Obwohl diese Verleumdung nicht bewiesen worden ist und der Rabbiner sie kategorisch bestritt, sind die Juden in größter Sorge vor den möglichen Folgen." Kapitän Hart, der Führer der Abordnung des englischen Roten Kreuzes, der augenblicklich in Warschau ist, veröffentlicht einen scharfen Artikel in einem polnischen Blatt, worin er die polnische Stellungnahme den Juden gegenüber verdammt. Die Abordnung richtet in der polnischen Hauptstadt Hilfsaktionen ein, bei denen zwischen Juden und Polen kein Unterschied gemacht werden soll. Auch Baron Günzburg und Advokat S1 ios - berg sind in Warschau, 11m dort die jüdischen Verliältniss'e keftne» z« Jörnen; י״• * Die Stimmung in Polen. Im ״D z i e n n i k P o 1 s k i“ vom 19. Mai findet sich folgende Notiz: ״Neue schreckliche Zornausbrüche gegen Juden gibt es wieder, es werden neue Beschuldigungen erhoben und Furcht ergreift uns: Wieder droht unserem Lande die Gefahr einer grausamen Hetze. — Mit Besorgnis blicken wir auf die stetig wachsende Feindschaft, gegen die wir in keiner Weise ankämpfen können, es sei denn durch die Versieherung, daß die polnische Gesellschaft mit dieser Hetzarbeit nichts gemein hat. — Möge jetzt die russische Presse an die Verteidigung der Juden gehen, denn sic kann jetzt mehr erreichen als wir. Sie ist imstande, unser Land von dem Schandfleckteines mittelalterlichen Barbarismus zu retten — es ist ihre Pflicht, dies zu tun.“ Darauf erwidert das bekannte Warschauer polnische Hetzblatt ״D vv a Grosze“ vom 20. Mai: ״Der blutjunge Redakteur des ״Dzienuik Polski“ hat ein sehr gefühlvolles Herz, daher nimmt er jeden Windhauch für einen gewaltigen Sturm, jede zuschlagende Tür für einen Kanonenschuß. — Als unser Blatt seinerzeit auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht hat, die Gesellschaft von u n w i II k om - menen Elementen zu begreifen, da hat der Redakteur des ״Dziennik Polski“ dies nicht auf seine Adresse bezogen. — Jetzt bedauert das furchtsame Menschlein im ״D z i e n n i k P o 1 s k i“ seine Ohnmacht in der polnischen Gesellschaft gegenüber der Gefahr einer ״grausamen Hetze, die unserm Laude droht“, und erklärt, daß ״die polnische Gesellschaft mit dieser Hetzarbeit nichts gemein hat“. So schreibt der Redakteur des ״Dziennik Polski“ und ruft die russische Press.e zu Hilfe, um ,,unser Land von dem Schandfleck eines mittelalterlichen Barbarismus zu retten“. Wahrlich, Flerr Straszewicz (der Redakteur des ״Dziennik Polski“ Anm. d. Red.) muß möglichst bald das allzu lange Hemd ausziehen, das er in seinen Jugendjahren erhalten hat, sonst wird er sich noch darin verstricken und das Hemd wird ihm zur — ״Zwangsjacke“ werden.“ Ein Kommentar ist wohl überflüssig. Höchstens ist noch zu bemerken, daß ״D z ie n n i k Pol ski“ nur von einem ganz kleinen Häuflein polnischer lntellektueller gelesen wird, während ״Dwa Grosze“ Polens gelesenste Zeitung ist. Es wäre verfehlt, sich darüber zu täuschen, wie fanatisch feindselig die große und maßgebende Majorität des [Klinischen Volkes zu der jüdischen Bevölkerung Polens steht. Jede Anklage wegen dieser erbitterten Bekämpfung der Juden durch die fanatischen Polen Rußlands muß sich aber auch gegen jene polnischen Kreise kehren, die einerseits zu den Schandtaten ihrer Volksgenossen■ schweigen, sie aber andererseits den Neutralen gegenüber ableugnen und Männer wie Georg Brandes und Hermann Bernstein der ״Verleumdung“ bezichtigen. * lieber die Methode, mit der die polnische Ge- Seilschaft gegen die Juden auf allen Gebieten arbeitet, orientiert u. a. der folgende dem Warschauer ״Hajnt“ entnommene Bericht: Alle, die in der ־Nähe der vom Warschauer Bürg erkom ite e eingerichteten G esc hä f t e wohnen, sehen jeden Tag verschiedene Szenen mit an. die deutlich, allzu deutlich zeigen, wieviel das Bürgerkomitce für die Juden tut. Die Verkäuferinnen in diesen Läden haben eigentlich die Pflicht, die Waren allen ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität zu verkaufen, um auf diese Weise die Teuerung zu bekämpfen, die in Privatläden herrscht. 111 der Tat hat aber die Sache ein anderes Gesicht. So werden z. B. in dem vom Komitee eingerichteten Laden, Zelesna 84, die jüdischen Frauen, so früh sie auch kommen mögen, erst zum Schluß, nach den christlichen Frauen, in den Laden hineingelassen. Die Verkäuferinnen gellen jedesmal aus dem Laden hinaus und lassen nur die christlichen Frauen hinein, indem sie die jüdischen Frauen, die seihst einige Stunden früher gekommen sind, unbeachtet lassen. Kommen trotzdem irgendwelche Juden in den Laden, so werden sie nicht bedient und dienen als Zielscheibe für Spott und Holm. Häufig kommt cs vor, daß die jüdischen Frauen so lauge vor dem Laden stehen, bis dieser geschlossen wird, so daß sie unverrichteter Dinge Weggehen müssen. Bleibt einmal Zeit, sogehen die Verkäuferinnen auf die Schwelle des Ladens und suchen sich die heraus, die ihnen am meisten gefallen. Wer ihnen nicht gefällt, bleibt draußen. Selbst wenn die ״Auserwählten“ endlich soweit sind, daß sie ihre Wünsche Vorbringen können, dann gehen die Verkäuferinnen gar nicht darauf ein und verkaufen ihnen nur eine ganz begrenzte Anzahl von Waren. Dasselbe gilt auch von der Altstadt. Im Laden Dielna '3 wird a n J 11 d c n ii b e r 11 a u p t nichts verkauft mit der Erklärung: ״Für Juden gibt es keine Ware“. tm ״Hajiit“ vom 26. Mai finden wir folgende Notiz: ״Das Warschauer Bürgerkomitee hat von der Regierung den Auftrag erhalten, 10 000 Arbeiter mit dem Tagesverdienst von 1,50—2 Rbl. zu!Erdarbeiten anzustellen. Obwohl sich jetzt in Warschau viel Flüchtlinge befinden, dürfte es doch schwierig sein, die geforderte Anzahl von Arbeitern zu finden. Da viele jüdische Arbeiter in unseren Redaktion anfragen, wo die Meldungen zu dieser Beschäftigung’ angenommen' werden, teilen wir Mit, daß das Bürgerkomitee nur polnische Arbeiter anstellt.“ ' * ' Interessante Tatsachen über den Anteil der Juden in den städtischen Komitees Polens teilt der neuerdings herausgegebene offizielle Bericht des polnischen Zentralkomitees mit. Der ״Raswjet“ entnimmt diesem Bericht, der allerdings zum Teil über Gegenden berichtet, die unterdessen der russischen Herrschaft entrissen worden sind, folgendes: Wie es im Zentralkomitee keinen einzigen Vertreterder zwei Millionen zählenden polnischen Judenheit gibt, so auch nicht in all den vielen Spezialkommissionen, die an dieses Komitee angegliedert sind. Sogar in solchen Kommissionen, die sich auschlicßlsich mit jüdisehen Fragen zu beschäftigen haben — zum Beispiel die Evakuierungskotnmission und Flüchtlingskommission — gibt es keine Juden. Was die Gouvernementskomitees anbelangt, so gibt es nur in dem L u b 1 i n e r einen Juden, der auf ausdrückliches Verlangen des Gouverneurs hineingewählt worden ist. Ebenso ״judenfrei“ sind auch die Kreiskomitees. Es kommen also nur noch die Komitees in den Städten in Betracht, deren Bevölkerung zu siebenzig bis achtzig Prozent aus Juden besteht. Und über diese Komitees bringt der obengenannte Bericht Aufschluß. Ausführlich sind dabei die Gouvernements Petrikau, Warschau und Radom behandelt, während die Berichte über die Gouvernements Kalisch, Kielce, Lublin, P I o z k und Suwalki so spärlich sind, daß man sich von den dort herrschenden Zuständen kein klares Bild machen kann. Unter den 10 Stadtkomitees im Gouvernement Petrikau, die im ganzen aus 117 Mitgliedern bestehen, gibt es nur in 5 jüdische Vertreter (im ganzen 17 Personen), in den übrigen 5 gibt es keine Juden. Bei 5 von 8 Stadtkomitees des Gouvernements Radom — zusammen 97 Mitglieder — wirken 8 jüdische Mitglieder mit. Die übrigen enthalten nur Polen. Die 25 Stadtkomitees des Gouvernements Warschau zählen 275 Mitglieder, davon 13 Juden in 8 Komitees. Ein gleiches Verhältnis herrscht in den anderen Gouvernements: auch hier sind die Juden g a r n i c h t oder fastgarnicht vertreten. Man sieht also, daß die Juden Polens' vollkommen der Möglichkeit beraubt sind, irgendwie ihre Interessen wahrzunehmen.