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Jüdische Rundschau · 1915-06-18 · Heft 25 (18.6.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 25 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 199 Francs: 15 000 Frcs. das nachträgliche Umgrüben und 10 000 Frcs. der Lohn für die Arbeiter. Die Verluste innerhalb der Pflanzungen, die etwa 20 ״״ des Bestandes betragen, sind nicht mit einberechnet. Wenn inan ferner bedenkt, daß die Hälfte der ausgegebenen Summe durch die aus Jaffa geholten Yemeniten und die Araber aus der Kolonie hiuausgeflosseu ist, und erwägt, wieviel Arbeit noch vor uns liegt, dann ist es selbstverständlich, daß die Geldnot nachher furchtbar sein wird. Auch die Lage aller Arbeiter wird sich durchaus nicht bessern, da die Lebensmittel wohl noch lange sehr teuer sein w erden, selbst wenn die Heuschrecken vollkommen vernichtet sind. Jetzt hat sich die Lage-ein wenig׳ gebessert, aber nicht für länge.! Der ' Ausschuß zur 1Bekämpfang der Heuschreckenplage ist damit beschädigt, alle Raupenreste, die noch vorhanden sind, zu vertilgen. Hier mul da zeigt sich schon d i e B r 111 des z w e i t e n S c h w a r in e s und auch die des dritten, die wohl noch viel zahlreicher ist als die erste, muß bald auskriechen. Wie lange werden wir noch damit zu kämpfen haben? ln diesem Schreckensjahr, da draußen das Schwert die besten unseres Volkes hinmordet und liier Hunger und Verderben droht; da alle Werte, die uns teuer sind, in denen wir aufwuchsen und die ein Teil unserer selbst geworden sind, aufs höchste gefährdet sind; da jede Freude, jedes Fest uns vergällt werden, ist es kein Wunder, wenn man selbst die liebsten Erinnerungen, die uns sogar in dieser schweren Zeit ein wenig trösten können, vergißt und sie mit Schweigen übergeht. So ist auch der 7. Adar, der Tag, an dem gerade 25 Jahre seit der Gründung von Recliobotli verflossen sind, spurlos vergangen, ohne daß man ihn nach Gebuhr gefeiert hätte, ln gewöhnlicher Zeit wäre das ein Ereignis, das unsere kleine Welt gewiß erschüttert hätte; denn in der Tat ist eine solche Tatsche, der 25jäf1rige B£$'tand einer palästitigpijigghen , ,Kolonie,, außeMrdenfieh ^erfreulich. Und' namehlllch' her' Rechößpth uns; das' besonders mit Freude erfüllen; denn in seiner Geschichte zeigt sich eine gesunde Entwicklung, die wohl geeignet ist, uns zu trösten und mit ösung, so stark, daß sie selbst erlösend wirkt. In der heiligen Glut der Sehnsucht schmelzen angsain der Seele Fesseln, geläutert und befreit;teigt sie zu den glückhaften Höhen der Frei- 1eit und des Lichtes empor. Ihre Schmerzen /verden so zu Geburtswehen eines neuen Lebens, I. i o 11 und das Licht — das sind die zw ei Grundnotive des dichterischen Erlebens Bialiks. ״Das Thema von Bialiks Verherrlichung“. Der Gott, ier cs ihm gegeben hat, die Leiden seines /olkcs zu erzählen, machte ihn auch zum stolzen /erkünder seiner unsterblichen Hoffnungen. So st das Zwiespältige, Geteilte des dichterischen :rlebens Bialiks charakterisiert. So hat Brandes Bialik erlebt. Was er sonst über Bialik (und die neu-hebräiche Lyrik überhaupt) zu sagen weiß, ist fein ind verständnisinnig, berührt aber den Kern hres innersten Wesens nicht. ״Ach! wie ist diese .yrik eine innere! Keine Plastik. Selten etwas ireifbares, Anschauliches aus der Außenwelt; irgends heitere und sich froh im Sonnenlicht es Lebens ergehende Gestalten. Und wie ernstaft schreitet diese Lyrik einher! Nirgends ein iild, nirgends ein kurzgefaßtes, sicher abge-, :indetes Lied, wie cs in Sprachen jüngeren )atums so natürlich ist, die nicht dem Wesen nd Empfinden des modernen Lebens angeaßt werden mußten, sondern zwitschern und ällern können.“ ״Es liegt hinter dem, was ier persönlich ist, gleichsam die Feierlichkeit ines Kirchenliedes und der Ernst eines Cieleindegebetes.“ Nun, die ״Innerlichkeit“, die!angelnde Plastik des dichterischen Fühlens ist ir den älteren Bialik wie für die ältere neuebräische Lyrik überhaupt wohl charaktestisch. Wie sollte nicht plastisches Empnden einem Volke fremd geblieben oder geerden sein, dessen ganzes Leben während der ilirtausende ein einziges Sichzurückziehen, Ein- Zum Todestag Theodor Herzls Elf Jahre sind am 20. Tammus vergangen, seit Theodor Herzl uns entrissen wurde. Aber die Erinnerung an den grossen Toten lebt in uns fort. Wir ehren sein Andenken durch treue Hingabe an sein Ideal, das er uns als teuerstes. Vermächtnis hinterliess. Unser ganzes Sinnen und Schaffen ist auf das eine hohe Ziel gerichtet, — das Werk der Befreiung unseres Volkes, das er begonnen, zu gutem Ende zu führen. Trotz aller Romantik seines Wesens war er ein Mann der Tat. Sein kühner Geist, sein scharfer Blick sahen alle Notwendigkeiten *nserer Organisation voraus! Jede bedeutungsvolle Einrichtung, die uns zu Erfolgen führte, hat er geschaffen oder angeregt. Er träumte von einem starken und freien Volk auf fruchtbarer Scholle. Er wies uns den Weg, den Traum der Verwirklichung nahezubringen. So trotzten Söhne unseres Volkes im Lande der Väter in heisser Heimatliebe allerorten dem so lange vernachlässigten Boden die alte Fruchtbarkeit ab. Sie schufen blühende Gärten und legten die Keime zu stolzen Wäldern. Sie pflanzten auf den Bergen Judas den Herzlwald, ein ragendes Denkmal ewigen Dankes, ein Zeugnis unvergänglicher Treue. Wir fühlen, zumal am Todestage Theodor Herzls, die Pflicht, dieses schöne Wjjrk der Treue und Dankbarkeit zu fördern. Auch wir wollen helfen, dass dieses Denkmal unseres Führers immer würdiger seiner Grösse werde. Der Weltkrieg hat uns in unserer unverbrüchliehen Treue zu Herzls Werk und unserem Gefühl der Verantwortung für die Zukunft unseres Volkes nur stärken können. Darum ergeht an alle Juden, die zu unserer Fahne stehen, die Aufforderung; Jeder pflanze zum 20. Tammus einen Baum Im Herzlwald! Bezeuget durch diese Spende die ewige Dankesschuld an den Mann, der euch das jüdische Lebensideal gegeben! 1 .. י•", jjjdisuher NatMMs Zentrale für Deutschland; Berlin Wt5. schrumpfen, Insichkehrcn war, das nur den Drang nach innen, aber nicht den nach außen kannte? Das einst mannhafte Judenvolk ist im Galuth zum Weibe geworden, dessen Lebenstrieb die Kontrektation nicht die Dctumescenz ist. Von so verschiedener Seite, wie Adolf Jellinek und Otto Weininger, ist auf den Feminismus der Juden hingewiesen worden. Nun, das Judenvolk ist.inzwischen gerade im Begriff, wieder männlich zu werden. Mit freudigem Staunen bewundern wir die Werke der Plastik jüdischer Künstler in Ost und West. Unjüdisch! schrie so mancher. B esse r־ jüdisch, w jederjüdisch, sagen wir beglückt. Der epische Bialik, der jüngere, von einer anderen Wurzel genährte, ist auch bilderschaffend und gestaltend. (״Der Weiher“, ״Die Toten der Wüste“! Und seine Erzählungen ״A r j e 11 B a a I - (i u f“ und das köstliche ״Hinter dem Zaun“! ) Vollends unsere jung-hebräische Dichtung auf der Höhe der Selbsterlösung, der inneren Befreiung! Der ״Grieche“ Tschcrniciiowsky, der verschwenderische, ungebrochene Schneur. Bialiks aussichtsreichster Rivale, den der Meister selbst einen simsn n nannte, ״dein die"sieben Locken über Nacht gewachst׳!! sind.*'־‘' Die ״B ergl i e d e r“ des Letzteren'! Welche Gestaltungskraft, C lestaltunjfswucht und Gewalt! Lind die große Schaar der Jüngeren! Sic alle sind glückliche Uebervvinder des ,,jaden- Schmerzes“, Erwecke!־ der jüdischen Kraft und Freude. Brandes kennt sie noch nicht, und kennt auch den ganzen Bialik nicht, und er kennt ihn nur aus Nachbildungen, von denen die beste Ja bot ins k!- russische Ucbersetzung (und in manchen Mücken auch Arinan do Sora- 11 i s italienische Ausgabe) ein matter Abglanz der Dichtersonne ist, die blässeste aber, Ernst Müllers deutsche Uebertragung, so ziemlich I alles vermissen läßt, besonders im lyrischen | den besten Hoffnungen für die Zukunft zu erfüllen. Jene Männer, die in unendlichem Idealisums vor 25 Jahren den ersten Grundstein für unsere Kolonie gelegt haben, haben gc\ ili die heutige Zeit voraiisgeselieu und ein besonders schönes Geschlecht erhofft. Aber wenn uns geratle in diesem Jahre beschieden ist, den bitteren Kelch bis zur Neige zu schlürfen, so wollen wir doch nicht jenen Gedanken vergessen, der es durchaus lohnend macht, was auch in den '25 Jahren an Opfern gebracht worden ist, jenen Gedanken, daß wir auf unserem Boden stehen. Vierund/wan/ig Jahre haben sich viele Menschen abgemüht und das fünfumlzwan/igste Jahr kam mit seinen Schrecken und seinem Unheil und zeigte, daß sie nicht umsonst diese Mühe verwandt haben: wir stehen auf unserem Boden! Der Boden, das ist der Grundstock jeden Gebäudes, das ist ein Ding, das ganz real und greifbar vor 1111s liegt. Wer an ihm hängt, den kann man sobald nicht von ihm losreißen und wahrlich, wir hängen an ihm und keine Kraft kann uns von ihm trennen. Bezeugen können das all die Ungliicksfälk־, die uns jetzt neun Monate lang bedrängen. Bezeugen kann uns das der Kampf gegen die Heuschreckenplage, den jetzt die gesamte Bevölkerung, Manner, Frauen und Kinder, geführt haben, uni das Gepflanzte zu erhalten. Diese Arbeit wird uns auch für die Zukunft mit der nötigen Kraft erfüllen. Und das ist der Preis aller Mühen, die nicht umsonst herrliche Idealisten auf sich genommen hatten. Recliobotli, den 25. Ijar (30. April). Der Kampf gegen die Heuschreckenplage in Palästina Jaffa, Anfang Mai 1915. Schon mehrere Wochen wird in den judäischen Kolonien ein schwerer Kampf gegen die Heuschrecken,- brut geführt, die bereits ausgekrochen ist und in ungeheuren Scharen das ganze Land überzieht. Es ist dies die Brut des ersten Heuschreckenschwarmes, der Palästina heimgesucht hat, und von den anderen IbeMcm >8*hwfe־n*es bähst»! wir.*noch־.das, Auskriecben der Brut in der nächsten Zeit zu erwarten. Der Kampf mit den flügellosen Heuschrecken ist sehr schwierig. Die Mittel sind durchaus primitiv: man gräbt Gruben, jagt in diese die junge Brut und Teile. Und die noch glücklicherweise unübersetzten (und unübersetzbaren) Volkslieder! Und doch ist die Sprache, in der alles das geschrieben ist, die jüngste und älteste zugleich, die ruhige Kraft der Reife und die gärenden Gewalten der Jugend jn sich vereinigend. Von Bialiks Liebesliedern sagt Brandes: ״Sie sind vom Hohen Liede beeinflußt, sie besitzen dessen Freude an der Natur im Frühling, aber keine Spur von dessen lebhafter und heißer Sinnlichkeit; sie sind, auch sie, von einer Religiosität geprägt, die dem Hohen Liede fremd ist.“ Dieses Urteil trifft nicht ganz zu, wenn auch Wesentliches in ihm enthalten ist. Sie sind in ihrer tiefen Innigkeit und Unmittelbarkeit von keiner literarischen Form beeinflußt; und doch lassen sie in ihrer unsagbaren Traurigkeit und traumhaften Seligkeit den Hauch vieler Jahrhunderte verspüren. Es ringt und verblutet in ihnen das Herz eines Juden, in dessen Liebe die Liebe zu seinem Volke, die höchste und mächtigste, mitscliwingt. Persönliche und nationale Schicksale fließen ineinander zu einer mächtigen und tiefen Flut des dichterischen Erlebeus. Wie anders bei Tscliernichovvski und Schneur, ja bei Perez! Und bei all den jüngeren! Der Mensch im Juden ist frei geworden. Es ist die erste und wohl noch flüchtig־ Bekanntschaft, die zuerst der Politiker unu dann der Aesthet Brandes mit einer Welt gemacht hat, die ihm viele, viele Jahre seines Lehens fremd geblieben ist. Der Jude Brandes wird bald folgen. Wir hoffen cs und in dieser Hoffnung strecken wir ihm schon jetzt die Hand entgegen und rufen ihm ein herzliches ״Achinu attä“ zu.

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