Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 198 Nr. 25 JUEDISCHE RUNDSCHAU ist geeignet, uns mit Freude zu erfüllen und uns den Bestand unseres Grundbesitzes zu verbürgen, welche Schwierigkeiten uns auch immer entgegentreten möchten. Am meisten gelitten haben die Handwerker, die ohne Arbeit geblieben sind und zum Teil beinahe in Hungersnot geraten wären. Zwar hat man sie vom jüdisch-amerikanischen Hilfsfonds aus mehrfach unterstützt, doch in völlig unzureichender Weise; und selbst als die allgemeine Lage sich sehr gebessert hatte, ging es ihnen durchaus nicht besser. Es war damals, als die Schecks von der Regierung verboten waren und wir auf diese Weise unser ganzes Wirtschaftsleben ruiniert glaubten. Doch das Gegenteil traf ja ein — anstatt des Papiergeldes kam das Bargeld ins Land. Den Schuhmachern ging es nun besser, denn das Peßachfest war nahe, doch di,e anderen Handwerker wären in die schwierigste Lage gekommen, wenn sic nicht den guten Einfall gehabt hätten, durch Backen von Mazzoth ihre Lage zu einer befriedigenden zu gestalten. Der Plan gelang und der Erfolg blieb nicht aus. Wie schon vorher angedeutet wurde, kam der Umschwung zum Besseren etwa im Februar; nach all den Schwierigkeiten, denen wir bisher aiusgesetzt gewesen waren, trat Ruhe ein. Es kam Geld ins Land, die Pferde konnten wieder zu den Landarbeiten herangezogen werden, alle i&rigen Arbeiten waren schon so gut wie gemacht. In den Gärten wuchs das Gemüse und War schon zum Teil sogar reif, auf den Feldern war Weizen und Gerste in bestem Gedeihen, die Mandeln blühten. Ein ganz besonderes Gefühl von Freude und Befriedigung empfanden wir alle, so oft wir an den Feldern und Gärten vorübergingen und alles in schönster Blüte sahen. Wir hofften alle auf eine ausgezeichnete Ernte. Doch da geschah etwas, was niemand erwartet hatte. Am 22. Adar (8. März) -~ es war ein Montag — kamen die Heuschrecken und bedeckten alle Felder und Gärten. Schon am Sonntag sahen wir, w elchen schaden sie an den jungen Mandel- Blüten abfraßen, und ganze drei Tage konnten wir keinerlei Maßnahmen dagegen ergreifen. Eret nachdem einige Bauern sahen, welche Gefahr dem ganzen Wohlstände der Kolonie drohte, wurde beschlossen, in die Gärten zu gehen und alle Mittel anzuwendgji, um die Heuschrecken zu vernichten. Doch ztf spät. Die Heuschrecken hatten sich bereits ejlgenistet, in den meisten Gärten hatten sie schon die Eier gelegt. Zehn Tage blieben hier di« Heuschrecken; als sie die Kolonie verlassen Iiatten, begann man alles umzupflügen, namentlich die Gärten mit größtem Fleiße von den Heuschreckeneiern zu reinigen. Aber schon die Wirkungen der vorübergezogenen Schwärme waren furentbar. Der ganze Wein, der noch jung war und noch keine festen Zweige hatte aussprießen können, ebenso der größte Teil der Mandeln erlitten schreckliche Einbuße durch die Heuschrecken. Ahar noch v»gl sch|imnjef war das Werk ,der beideiHeuschreckenschwärfflk, die später, in den letzten Tagen des Peßachfestes, Rechobot in noch größerer Anzahl als der erste überfielen. Gegen sie wurde nichts unternommen; nachdem sie* Eier in solcher Menge gelegt hatten, daß der Boden der Kolonie wie mit einem feinen Netz überdeckt schien, zogen sie nach zehn Tagen weiter und alle befiel die größte Sorge um unser* Pflanzungen. Aber wir wußten uns nicht zu halfen und griffen zu dem einzigen Hilfsmittel - wir gruben die ganze Erde um. Es wurde ein Ausschuß von fünf Kolonisten gebildet, der die Sorge für den Kampf gegen die Heuschrecfenbrut zu übernehmen hatte. Dank der Arbeit dieses Ausschusses sind wir heute in der Lag», die Hoffnung auszusprechen, daß es uns auch in der Zukunft gelingen wird, diesen Fend zu bekämpfen. Der Ausschuß verstand vollkommen die Aufgabe zu würdigen, die ihm übertragen war: er wußte wohl, daß er für den Bestand unserer Kolonie zu sorgen hatte und wandte die verschiedensten Mittel gegen die Plage an. Seine Arbeit war zwiefach: die Bauern jedesmal dazu anzuhalten, in ihren Gärten die notige Arbeit zu leisten, und zu verhüten, daß die Heuschrecken von der Umgegend zu uns herüberkämen. Er organisierte eine Schar von sechs jungen Leuten, die an der Spitze einer Anzahl von Arbeitern batte. 4»• der letzten Zeii, da die junge ,Brut aus den Eiern zu kriechen beginnt, wies er die Kolonisten an, täglich ihre Gärten zu inspizieren und jede neue Beobachtung unverzüglich dem Ausschuß mitzuteilen, der all- Brandes über Bialik Von Leo Rosenberg. Brande«, der Herausgeber einer ״Der Politiker“ benannten Zeitung und der Für- Sprecher und Vorkämpfer nationaler Rechte und Hoffnungen, ist doch ganz und gar kein Politiker. Er, der oft und nicht ohne Neigung das Gebiet der Politik hart gestreift hat, hat jedoch niemals die breite Grenze überschritten, die das Reich der äußeren Schicksale von dem der inneren trennt. Er ist der Innentnensch geblieben, der bei allem Wirkungsdrang und auf äußere Ziele gerichteten Tatwillen ein Künstler ist, der die Dinge von innen heraus wachsen und leben läßt. Er hat sich nie von äußeren Zeichen und Merkmalen leiten und irreleiten lassen. Immer war ihm die in sich schaffende und leidende Seele mehr als die ausdehnungssiiehtige Materie. Sie allein war ihm immer der Maßstah seines Wertens und Schätz»!1'-, si■ 1:11111־ war ihn! Offenbarung und Erfüllung alles huhm׳n Lehens. Er ist immer ihr Forsch»׳ und ihr Anwalt geblieben. Ihre s Rechte veito ׳ht er, ihre Würde schützte er, wo ״• für Volks!׳■ Me und Volkswürde eintrat. Wenn er für enterbt;, und entrechtete Völker das Won sprach, klänge: seine Worte immer wie eine ApotlU'Ose auf ■11t armen, verscheuchten, gebeugten Vollwseei׳;•!, deren Lieh!. er erglänzen «G'U seli׳•' li.Ti, deren nie gesv W< 11 aushreitete: C1!e; 1 tunke! mul etiu W diese Herriiehkeil wollte , zugrunde geben. Und er w; weil er es au eh im Fmpfa 1 -,r311 ״er -o war, Leiudis au d ‘10 weitem Ube Schätze er vor aller n diesen: Reichtum ist m vn 1 euere mes einer Volksseele, die die ärmste und schtnerzensreichste unter allen ihren Leidensgefährtinnen war, achtlos vorüber. Und doch war es die Seele seines eigenen Volkes. Nun hat er aufgemerkt. Das Leid ״das schnellste Tier, das zur Vollkomme n heit führt“ führt auch zu jiher Erkenntnis. Es hat ihm den Weg zu ihr gewiesen. Und er ist nicht auf halbem Wege stehen geblieben. Und dieser Umstand ist für ihn bezeichnend. Dies läßt keine innere Gemeinschaft entstehen zwischen ihm, dem Seelenkenner, und jener Menschenart, die Menschen liebt, ohne sie zu kennen. Zwischen dem, der gewähr e n d empfängt, und denen, die gewähren, ohne zu empfangen. Als er die tiefe Erniedrigung seines Volkes sah, begann er seine Höhen zu ahnen. Welche ungeahnten Reichtümer muß eine Volksseele in sich bergen, wenn es an solcher Armut, an solchem Elend nicht zugrunde geht! Von welchen stärkeren Mächten muß sie gespeist werden, wenn sie in unsäglicher Not der Jahrtausende nicht verdorrt ist! Als er ihre Leiden sih, .ahnte er ihre Freuden ihre unsterblichen, ewigen Freuden, I ';1,1 da er mitzuleiden be.- gann, ward ihn! auch die Freude zuteil. Vom Spender wurde er zum Empfangenden. Auf dem dornenvollen Pfade der Leiden seines Volkes gewahrte er die Spuren seines Schaffens. Und siehe, die verzerrten Märtyrerzüge verklärten sich, die düsteren Furchen glätteten sich, das von namenlosem Entsetzen erstarrte Auge blickte milde und beglückt. Es wurde Licht. So mußte es einem ergehen, der vom Tagesbefehl des russischen Großfürsten- Generalissimus zu Bialik geführt wurde. Sein Artikel: ״Die Juden Osteuropas und ihre Dichter“ ist wohl mehr als ein solcher. Er ist ein menschliches Dokument und Bekenntnis. 1 abendlich zusammentrat und jetzt noch zusammentritt. Doch wie wir uns auch darauf vorbereitet haben — an jenem Tage, an dem die jungen Heuschrecken sich an zwei Orten zeigten, in einem Garten und auf einem Gerstenfeld, erfaßte uns alle ungeheurer Schrecken; niemand wollt« es glauben, daß die Brut auskriechen werde, aber als wir sie selbst sahen, erschraken wir sein, ja wir waren der Verzweiflung nahe. Namentlich nachdem man den Rat von Fachmännern befolgt und einige chemische Mittel angewandt hatte, wie Petroleum, Arsenik usw,, ohne daß es geholfen hatte, ließen wir die Hände sinken. Doch der Ausschuß ließ es dabei nicht ^bewenden. Am nächsten Tage, als die Brut in Ungeheuren Mengen erschien, versuchten di« Mitglieder des Ausschusses und noch einige wenige das einfachste Mittel: sie trieben die Raupen, die sich zu größeren Gruppen zu scharen pflegen, mit einem Kleide oder einem Lappen zu einer vorher vorbereiteten Grube, die sie dann verschütteten. Der Versuch gelang. Da begannen alle auf diese Weise gegen die Heuschrecken zu kämpfen und durch di ese5־~Mittel gelang es uns, die Brut des ersten Heuschreckenschwarmes zu vernichten. Innerhalb dreier Tage zeigten sich die Raupen in sämtlichen Gärten und die Furcht und Sorge stieg von Tag zu Tag. Die Bemühungen aller Arbeiter reichten nicht aus, sie zu vertreiben. Schon krochen sie auf die Bäume und fraßen alles kahl und vernichteten einen Baum nach dem anderen. Da berief der Ausschuß eine allgemeine Versammlung und verlangte den Beschluß, jede Arbeit ruhen zu lassen, die Schulen zu schließen und einen jeden dazu zu verpflichten, die Gärten aufzusuchen und alle Kräfte zu dem Kampf gegen die Heuschrecken anzustrengen. Am nächsten Tage machten sich sämtliche Einwohner der Kolonie an die Arbeit und noch bevor Hilfe von außen kam, waren in den Gärten 650 Menschen tätig: Kolonisten mit Frau und Kind, die Arbeiter und die Yemeniten. Nach acht Tagen kamen außerdem noch Yemeniten aus Jaffa und Schüler aus Jerusalem, alles in allem 300 Personen, außer den Arabern und Araberin- י •«nt j<wkr4mifo#t»giand1still,- alle* kämpfte» gegen die Heuschrecken und nach zwei Wochen schwerster körperlicher und seelischer Anstrengungen gelang es uns, die erste Heuschreckenbrut m vernichten. Die Sache kostete uns etwa 25 000 Und ein merkwürdiges und ergreifendes für den, der dem Menschen und Juden Brandes jemals nähergetreten ist. ״Die Lektüre von Bialiks Gedichten, die jedoch keineswegs entmutigend wirken wird (im Gegenteil!) kann eine unermeßliche Melancholie wecken. Das ganze Elend der Menschheit ergreift den Leser, ein dreitausendjähriges Elend, destilliert, konzentriert, mit Hoffnungen, Aufruf und Schwung, göttlichen Illusionen, Sehnsucht und Gebeten versetzt; eine reichhaltige N i c h t vv i r k I i c h k e i t als Rahmen um eine einzige Wirklichkeit, die tausendjährige marternde Qual.“ Das sind seine ersten Eindrücke von B i a 1 i k , dem Sänger der Leiden und Freuden seines Volkes. Der Verständnisinnige Seelenkenner hat richtig gesehen. Eine unermeßliche Melancholie, die aber nicht entmutigend wirkt, sondern emporschwingend, erhebend, befreiend. Tausendjähriges Elend, Hoffnungen, Aufruf und Schwung, göttliche Illusionen, Sehnsucht und Gebete. Eine reichhaltige Nichtwirklichkeit und eine arme Wirklichkeit. Nichtwirklichkeit? Nein, U eb e r Wirklichkeit, Wirklichkeit höherer Ordnung. Das düstere Schattenreich der Gegenwart ist vom Lichte der Ewigkeit umspielt. Die höchste Not wird zur, höchsten Wonne. Die kümmerliche Saat der Wirklichkeit wird von den üppigen Wunderblumen der Sehnsucht überwuchert. Aus den Tiefen des Leids schwingt sich die Seele zu den lichten Höhen der Freude empor, in der Nacht und Finsternis steigt das inbrünstige Gebet um Sonne und Licht. Sonnej und Licht! ״Es wirkt wie ein Sinnbild, dan das Licht die Naturerscheinung ist, durch diJ Bialik fast ausschließlich entzückt wird und diJ er fortwährend besingt.“ Der Dichter ein® Volkes, das Jahrtausende bereits im DunkeAn wandelt. Und stark ist die Sehnsucht nach E*r- 1