Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kunde aus Palästina ן Brief ai s Rechobot Wir sind in der Lage, einen in dem Jaffaer Arbeiterorgan H a p 0 e ] H a z a i r am 7. Mai erschienenen Brief aus unserer judäischen Kolonie Rechobot in der Uebersctzung aus dem Hebräischen zu veröffentlichen, Während wir infolge der schwierigen Postverhiiitnisse sonst meist nur k tirzc tatsächliche M i 11 e i - 1 u n g e n aus Palästina unseren Lesern übermitteln können, wird ihnen - dieser lebendige Bericht endlich einmal auch klar machen, wie die Stimmung unserer palästinensischen Pioniere ist. jetzt während unseres Kampfes mit der Heuschreckenplage, da unser Grundbesitz.der Boden unserer Arbeit in Palästina ~ so sehr gefährdet ist, jetzt denken wir an die letzten Tage vor den! Erscheinen der Heuschrecken zurück, an eine Zeit, in der alles Unglück zu Ende war, in der sich unsere Lage günstiger gestaltete, die Arbeit in den Weinbergen den besten Erfolg gebracht hatte und alles aufs beste auszulaufen schien. Und wie häufig den- Ken wir: ״Wie schön wäre es doch, wenn wir von der Heuschreckenplage verschont geblieben, *dir" 1':atl,l:ä"ä1fe''' haben uns die ersten völlig vergessen gemacht.“ Und doch ist dein nicht so. Alle Ereignisse der letzten sechs Monate haben sich tief, tief in unsere Seele gegtabe^wul..wenn man nur , auf einen Augenblick die Gegenwart vergißt, dann erstehen sofort die Mühsale der Kriegszeit vor dem Auge eines jeden. Mit Schrecken und Trauer blickten wir in diesem Jahre dem ersten Frühregen entgegen. Sonst pflegten fröhliche Gesichter ihn zu erwarten und muntere Arbeit; anders diesmal, Das Nahen des Kriegsdämons hat uns erschreckt — wer könnte da noch an Arbeit denken! Nie werden wir unsere Stimmung am Tage der Kriegserklärung der Türkei vergessen. Mit einem Schlage brach der Lauf unserer Arbeit ab, alle Arbeit stand still. Selbst dort, wo gerade ge-• arbeitet wurde, hörten die Arbeiter mit ihrer Beschäftigung auf und vergrößerten die Zahl der Arbeitslosen. Etwa 80 Arbeiter blieben ohne Arbeit und die meisten von ihnen waren in größter Not. Bald begannen auch die Yemeniten den Druck des Kriegszustandes zu fühlen; man sah sie häufig mit sorgenschweren Mienen umhergehen; sie wußten nicht, wovon morgen zu leben. Beschäftigt waren nur die Pferde, die Kriegsmaterial zu befördern hatten. Es wurden jedoch auf diese Weise nur die Ausgaben der Bauern vergrößert, die auch so in Noi waren. Der immer mehr fallende Wert der Felder und die Sorge für die Zukunft brachten uns völlig zu Rande, ein jeder hatte jeglichen Halt, jegliche Stütze verloren und sann nur auf Mittel, wie er sich möglichst große Vorräte aufspeichern könnte. Denn gerade in jenen schweren Tagen veröffentlichte der geschäftsführende Ausschuß der Kolonie einen Aufruf an die Kolonisten, in dem er die Parole ausgab, ein jeder solle sich nach Möglichkeit versorgen, der Ausschuß sei nicht imstande, etwas zu tun. Der Speicher der Kolonie hat auch nicht die Hoffnungen erfüllt, die man in ihn gesetzt hatte. Gerade in der so schwieren Zeit der ersten Kriegsmonate fehlten in ihm, die wichtigsten Lebensmittel, Mehl, Zucker und dergl. gingen ״ «Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffent• lieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Aaseier Programm. —ו.— bald aus, die Krämer nutzten d^e schwierige Lage zu ihren Gunsten aus and steigerten'die Preise» Die einzige Nahrung, Ije uns der Speicher zur Verfügung stellen konnte, war Weiten,.(len wir mit Schecks und ähinchefn in seinem vollen Werte bezahlen mußten.’ Aber auch das brachte uns mir Ungclegenheitto, da es den Weizen preis drückte, ein Umstand,. .־on dem wir bi;s ,auf den heutigen Tag zu leide.*1 haben. Doch der Mensel!, , erstellt es, sich an alles, was auch kommen ms,, zu gewöhnen und auf bessere Tage zu hoffen, Auch wir gewöhnten uns bald an die .neuen Zi?:tande. Und sobald der erste Druck vorüber war, erwachte in uns das natürliche Streben, etwas zu tun, um der drohenden Hungersnot begegnen zu können; denn Nichtstun kann nie liehen. Da begann man in den Weinbergen und Gärten vvieder'zu arbeiten. Die Arbeit in dieser Zeit verdient einer besonderen Befrachtung; gerade jetzt kann man! für /die Zukunft sehrÄ);i$l vonijhmi nositiven heit behaupten, daß seit Gründung der Kolonie noch nie so gearbeitet wurde wie. diesmal. Es blieb kaum ein Stückchen unausgenutztes Land. Selbst, ,.,alle, die .DeberMugeu»,,.die,,,stets, .aachzu-». weisen suchten, wie wenig lohnend der Gemüsebau sei, selbst sie sahen auf diese Kleinigkeiten durchaus nicht mehr von oben herab, als hätte ein jeder das Gefühl, daß das Gemüse uns wieder mit neuer Lebenskraft erfüllen werde. Man eilte zu dem Garten, der ■־eit Jahr und Tag nicht mehr bearbeitet wurd׳!, man ackerte ihn und pflanzte . . . Und wie n der Kolonie, so wurde auch in der Umgegenc das Saatland weit mehr ausgenutzt als sonst, Weizen, Gerste usw. wurden angebaut. Eine wahre Arbeitsgier erfaßte alle Bauern und weit mein Zeit verwandten sie auf das Pflügen und Säen, als es sonst zu geschehen pflegte. Hoffen wir, daß dieser Krieg auch für die Zukunft die ghichen segensreichen Folgen haben wird. Auch in den Weinbergen, von denen wir mit Gewißheit glaubten, si: würden in diesem Jahre brach darnieder liege!, wurden sämtliche Arbeiten, wie sie die Jahteszeit erforderte, gemacht und zwar zum großen Teil dank der Bemühungen der Bauern, die meist selbst arbeiteten. Ein jeder erinnerte sich, daß schließlich sein Heind ihm am nächsten sei. Das Geld war alle geworden, die paar Pfennige, die der Weinkeller den Winizern auszahlt, reichten bei weitem nicht aus, namentlich da ja n׳w die Weinbauern dies Geld ausgezahlt bekommen, und so machte jeder selbst seine Arbeit, nur in besonderen Fällen mußten die jüdischen Arbeiter in der Kolonie aushelfen. Wer die Arbeit in den Weinbergen genau kennt und in jenen Tagen in unseren Weinbergen war, der hätte mit Freude dieses Schauspiel betrachtet, das mehr als jede Theorie ein Urteil über jiidische Arbeit gestattet. Da hat es sich gezeigt, wie sehr der Jude den Augenblick zu würdigen versteht und jederzeit dazu bereit ist, überall, wo nötig, Hand mit anzulegen. Trotz allen schweren Bedingungen, denen der Arbeiter in diesem Jahre in ganz besonders starkem Maße ausgesetzt war, wie z. B. die geringe Bezahlung und der vc iviangei an nargeia, tanu üocii uer Arbeiter um gefällt doppelt soviel Arbeit wie in einein gewohnlichen Jahr. Und dabei haben mir viele Bauern selbst erzählt, daß die Arbeiter in diesem »י Jahre wie ,,Teufel“ geschafft hätten. Und daher wurde alles Nötige von den bei uns sich aufhaltenden Arbeitern besorgt und erst später, als einige durch die Ausweisungen gezwungen wurden, uns zu verlassen, wurden Arbeiter von außerhalb geholt. Ein besonders hervorstechendes Beispiel ist die Pflanzungsgesellschaft: mit ihren paar jüdischen Arbeitern, im ganzen etwa 30, vermochte sie alles Notwendige zu machen und ihre Weinberge in Ausdehnung von über 3000 Ihm am zu bebauen. Und wie schwer mag die Arbeit geworden sein und wie sehr mag sie ermüdet haben, gerade in diesen trüben Zeiten, da die Prüfung, die uns auferlegt war, ihresgleichen kaum fand und ein Unglück das andere jagte — wissen das nicht alle? Doch während wir auf Seite der Arbeiter eine solche Arbeitsbegeisterung■ fanden, so fehlte sie bei den Arbeitgebern ihnen gegenüber vollständig; noch geringer war deren Anteilnahme gegenüber den aschkenasischen Arbeitern, ganz in Vergessenheit gerieten die Yemeniten. Nur der jüdisch-amerikanische Hilfsfonds vermochte Hilfe hat es nicht gegeben, und selbst als die Hilfsgelder ankamen, verwandte sie der ifetiaussebuß in durchaus Unzureichender Sfiisfe; denn als endlich der Ortsausschuß sieh dazu v€r^m3,' aen 'ÄrBltterh zu helfen, hielt er es für . richtig»..,,nur die _ (Hälfte der festgesÄztii! 1 SuijineS^lgin jttShG |j1sza!ltl%t, m lassen,* d&U zweite Hälfte sollte in Lebensmitteln zur Verteiiung gelangen. Aber an Lebensmitteln war ja im Gemeindespeicher nichts als Weizen und nur von ihm erhielten die Arbeiter. Woher sie die anderen notwendigen Mittel schaffen sollten, wußten sie nicht; denn alles war sehr teuer und für sie kaum zu erschwingen unc! das Uebermaß an Weizen konnten sie in keiner Weise ausnutzen. Doch das alles ist nicht neu, wozu darüber sprechen? Wer jedoch glaubt, diesen Umständen sei die Schuld an der Arbeiterflucht jener Tage zu zu- , schreiben, der irrt. Nein, damals, als alle voll von Furcht und Aufregung waren, als man vor jedem Geräusch zurückschreckte und sich verwaist und vereinsamt fühlte, als jeder Mensch uns so sehr wichtig und notwendig wurde, als jeder einzige, der wegging, eine schmerzliche Lücke liintcrließ, damals, als die Kolonisten in Rechobot Prüfungen zu bestellen hatten wie nie zuvor, da kam die grolle Arbeiterflucht. Ich will ihre Gründe nicht untersuchen: wenn der Friede kommt, dann wird es leicht sein, sie zu finden; ich Will nur die Tatsache festhalten, daß von den 80 aschkenasischen Arbeitern 35 die Kolonie verlassen hatten, während von den Bauern im ganzen 2 Familien, bestehend aus zusammen 6 Seelen, außer Landes gingen. Und auch das waren erst jüngst Hinzugekommene. Außerdem gingen noch 2 junge Leute weg, die ebenfalls vor kurzer Zc'■ zugewandert waren, im ganzen also 8 Personen. Das Schauspiel, daß dU וייי nicht Palästina verlassen haben, nicht et‘ *,ס ie an inrem Eigentum hängen — de! ja die Einwohner von jtrusalem uni entuni verlassen und sind in Sdia ’rt —, sondern weil sie wirkßch ..olle hängen, dieses Schauspiel