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Jüdische Rundschau · 1915-06-11 · Heft 24 (11.6.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 24 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 192 J U E DI SC H C RUNDSCHAU Nr. 24 ״Grundlagen deutscher Orientpolitik“ Die von Dr. Adolf Grabowsky herausgegebene Zeitschrift ״Das neue Deutschlanci, Wochenschrift für konservativen Fortschritt“ gibt soeben ihre zwölfte Kriegsnummer als eine besondere ü r i e n t - N u rn m e r heraus. Gediegene Artikel von Professor Dr. Martin H art m a n n , Dr. L. Freiherrn von M ac k ey , Dr. Paul Leutwein u. a. behandeln Fragen, die mit der politischen, kulturellen und religiösen Entwicklung der Türkei und des Ostens überhaupt Zusammenhängen. Der Herausgeber Adolf Grabowsky stellt an die Spitze der Nummer einen Leitartikel über ״Die Grundlagen der deutschen Orientpolitik“. Dieser Leitartikel behandelt in kenntnisreicher Weise die Voraus- Setzungen deutscher Politik der Türkei gegenüber, geht vor allem auf die Stellung der verschiedenen nationalen und religiösen Elemente des ottomanischen Reiches ein und erörtert die Bedeutung, die sie für die Stärkung der Türkei und damit auch für die konservative deutsche Orientpolitik haben. Ueber die ottomanischen Juden und die deutsche Politik ihnen gegenüber schreibt der Herausgeber: ״Noch wesentlich einfacher als eine gute Armenicrpolitik können wir eine gute Politik gegenüber den ottonianischen Juden machen. Die in der Türkei verstreuten Juden spielen als Juden politisch keine Rolle; sie haben eine tiefe Dankbarkeit zu den Türken, von denen sie immer Menschlichkeit erfahren haben, und denken nicht an separatistische Bestrebungen, Im übrigen sind diese ottomanischen Juden wirtschaftlich von keiner großen Bedeutung; mit Ausnähme vielleicht der Juden Konstautinopels und Bagdads leisten sie im Wirtschaftsleben, selbst im Handel, nur mittelmäßige Dienste und werden völlig zuriiekgedriingt vom Griechen und vom Armenier. Etwas anders steht es um die in kompakter Masse zusammenwohnenden palästinensischen J u - den. In Palästina haben zwar die längere oder!lange Zeit ansässigen Juden ebensowenig wirtschaftliche Bedeutung wie ihre schon genannten Glaubensgenossen, da sie nur von der Wohltätigkeit der arideren Juden auf der Welt leben; sie erhalten ihren Anteil an Stiftungen, die sogenannte Chalukah. Sehr viel wichtiger aber sind die neuerdings entstandenen zionistischen Siedlungen. Man könnte meinen und bat es auch anfangs, verführt durch den Herzischen Ausdruck vom Judenstaat, geglaubt, daß diese zionistischen Juden auf ein eigenes jüdisches Staatswesen hofften. Davon ist jedoch nicht die Rede, was ihre Führer genugsam betont haben. Diese Zionisten wollen sich nur in ihrem Sinne ausleben, ״nationaljüdisch ausleben“, wie sie es heißen, doch im übrigen treue Ottomanen sein. Da ihre Führer aber von deutscher Bildung erfüllt sind die Massen stammen fast durchweg aus Polen und Rußland so besteht daneben noch das Ziel, als Vermittler /wischen Deutschland und dem Orient aufzutreten. Hier haben wir also nur eine Förderung deutscher Interessen zu erwarten.“ Der antisemitische Charakter der polnischen Selbstverwaltung Der Berichterstatter des ״Petit Par i s i e n“, Claude A 11 e t, der noch kürzlich vom russischen Kriegsminister zu verschiedentliehen Veröffentlichungen ermächtigt war, schreibt im ״Petit Parisieu“ vom 2b. Mai folgendes aus Petersburg: ״Die Versprechungen, die hei Beginn des Krieges der Großfürst Nikolai Nikolajcwitsch den Polen gemacht hat, werden noch vor Beendigung des Krieges durch ein von der Duina zu beschließendes Gesetz eingelöst werden. In der Zwischenzeit sind jedoch bereits Maßnahmen getroffen, die den Uebcrgang in die neuen Verhältnisse erleichtern sollen. Vor allen Dingen ist der Gebrauch der polnischen Sprache amtlieh anerkannt worden, auch ׳sind polnische Schulen eröffnet. Ferner ist den Städten das Recht zuerkannt, ihre Magistrate zu wählen, wobei Vorsorge getroffen ist, daß eine polnische Mehrheit stets vo r h a n d en i s t. Hierbei ist die schwierige Judenfrage sehr geschickt gelöst. Bekanntlich sind in Polen zahlreiche Juden angesessen, die in den großen Städten, namentlich aber in Warschau, die Mehrheit besitzen. Die Polen sind jedocli nicht judenfreundlieh und sehen mit Mißvergnügen eine jüdische Mehrheit in den Magistraten der großen Städte. Die russische Regierung nun, die jedenfalls auch nicht in dem Verdacht steht, eine besondere Zärtlichkeit für die Juden zu ׳ empfinden, hat mit großer Geschicklieh keif es verstanden, ihre hergebrachte Judenpolitik mit den polnischen Sympathien in Einklang zu bringen. Sie hat nämlich entschieden, daß die Juden in den Städten, in denen sie die Mehrheit haben, nur zwei Fünftel der Stimmen, auf die sie sonst Anspruch hätten, haben sollen, und daß somit auf alle Fälle die polnische Mehrheit gesichert ist. Durch diesen geschickten Schachzug hat sich die Regierung unter Beiseitesetzung jeder Erwägung und der Gerechtigkeit die polnischen Sympathien erworben.“ Wir haben schon am 23. April und 7. Mai über diese ,,polnische S e I bs t v e r w a 1 - tung“ und die durch sie herbeigeführte neue gesetzliche Entrechtung der Juden berichtet. Daß auch ein Franzose die antiscmitische Tendenz der russischen Regierung riebtig erkennt und charakterisiert, ist bezeichnend. Im übrigen darf natürlich nicht vergessen werden, daß die russische Regierung damit den Wünsehen der Polen entgegenkommt. Daß die Polen andererseits den Wunsch haben, in der nichtrussischen Oeffentlichkeit den Anschein zu erwecken, als ob die antisemitische Form der neuen ״Selbstverwaltung“ nur russisches Produkt sei, nicht aber auch auf das Drängen der Polen entstanden ist, dem die russische Regierung nachgibt, ist ja bei dem Charakter der polnischen Politik nicht weiter verwunderlich. Aus der jüdischen Arbeiterbewegung JAK. Die organisierte jüdische Arbeiterschat't New Yorks feierte auch dieses Jahr den 1. Mai durch Arbeitsrulle und einengroßartigen Straßenurnzug, an dem sich die politischen Organisationen, die Gewerkschaften und die Ärbeiterversicherungsgesellschaften mit ihren Bannern beteiligten. Die Banner trugen Aufschriften, die den Krieg verdammten und den Völkerfrieden forderten. Nach der Durchschreitung einer Reihe von Straßen des jüdischen Viertels schmolz der Zug mit dein Zuge der anderen Stadtteile zusammen. Die Demonstration wurde mit einem gemeinsamen imposanten Meeting unter freiem Himmel beschlossen, ln London fanden nach dem Beispiele der englischen Genossen keine Umzüge, sondern nur Versammlungen statt. Dagegen wurde in Leeds, England, eine schöne Demonstration veraiislaltet. ln Wien verbreitete die Lokale Orgamsation der sozialistischen Partei Poale-Zion einen Maianfruf in mehreren tausenden von Exemplaren und hielt eine 'Maiversammlung ab, die mit Rücksicht auf den Kriegszustand nur von Mitgliedern besucht werden konnte. In Jassy fand einer Mitteilung der ״Internationalen Korrespondenz“ zufolge ,,außer der rumänischen auch eine jüdische Arbeiteiver- Sammlung statt, die von der neugegründeten Organisation ״Der jüdische Wecker“ einberufen wurde.“ * In der ersten Maiwoehe fand in Chicago die Jahresversammlung des j ii d i s c h e 11 Arbeiterringes statt, die von % Delegierten, 17 Mitgliedern der Leitung und zahlreichen Gästen besucht war. Der Arbeiterring ist eine Gesellschaft für gegenseitige Kranken- und Hiiiterbliehenen-Ver- Sicherung und die größte jüdische sozialistische Organisation dieser Art in Nordamerika. Er umfaßt gegenwärtig beinahe 50 000 Mitglieder, die sich auf 553 Zahlstellenit] 33 Provinzen der Vereinigten Staaten und Catiadas verteilen. Im Lauft* des Berichtsjahres hatte der Orden einen Mitglied cr/11 wachs von 2000 zu verzeichnen. An Kran-kenunf «,Stützungen wurden im verflossenen Jahre 150 000 Dollar ausgezahlt. Der Barbestand des Ordens ist verhältnismäßig gering, er beläuft sich auf 573 000 Dollar. Der Arbeiterring besitzt ein eigenes Sanatorium für lungenleidende Mitglieder. Er ist auch auf kulturellem Gebiete tätig. An jüdische sozialistische Parteien Rußlands gewährt er regelmäßig Unterstützungen. Der wichtigste Beschluß der diesjährigen Tagung betrifft eine Reform der Beitragszahlung und des Reservefonds. Bislang wurde diesbezüglich ganz unrationell verfahren. Die Mitgliedsbeiträge rchteten sich nach der Holte der Ausgaben und waren die gleichen für di« Mitglieder jeden Alters. Die Reserven des Ordens sind infolgedessen, wie gesagt, verhältnismäßig sehr gering. Mit einem Worte, das Ver- Sicherungssystem des Ordens entspricht keineswegs den Anforderungen der strengen amerikanischen Versächerungsgesetze, so daß ihm in einer Reihe von Staaten die Tätigkeit untersagt ist und die Gefahr der Auflösung droht. Mit dem alten Undageverfahren soll nunmehr aufgeräumt und zum vorscliriftsmäßigen wissenschaftlichen System der modernen Versicherungsgesellschaften übergegangen werden. Die Jahresversammlung faßte auch eine Resolution, die die Emanzipation der Juden der kregführenden Länder fordert. — In N e vv York wurden 31 jüdische Gewcrkschaftsbeamte verhaftet. Es wird gegen sie ein großer Prozeß angestrengt. Sie werden beschuldigt, sich der Terrors zur Einschüchterung und Beseitigung von Streikbrechern bedingt zu haben. Es handelt sich hierbei um Beamte des internationalcn Fraucnschneiderverbandes. Die Verhaftung hat eine große Bestürzung unter den jüdischen Arbeitern Amerikas verursacht. Der Prozeß ist, wie die ״JAK“ schreibt, eine ״M a c h i 11 a t i 0 n der Untern e h m e r o r g a 11 i s a t i o!1 e 11.“ ZIONISTISCHE BEWEGUNG Amerika. I (Ueberweisungen nach Palästina, 1 Alexandria u nd Oesterreich.) I Eine der ersten Folgen des Krieges war der voll-I ständige Zusammenbruch des G e 1 d v e 1־ k e h r s.l Darunter litt besonders I* a 1 ä s t i n a, da viele Jude!» in Palästina Geldmittel von ihren Verwandten inl Europa lind Amerika zu erhalten pflegten. Als diel üblichen Lieberweisungsmöglichkeiten aufhörten, trat! das die jüdische Bevölkerung aufs schwerste. In der! Annahme, daß die beste Form der Hilfe wirklicher! Beistand ist, und da die Familien der palästinen-l sischcn Juden in Europa und Amerika Liercit waren,I ihren Verwandten zu hellen, hat das Proviso-I rische Zionistische K o m i t c e , dessen Vor-I sitzender Louis D. Brandeis ist, alle Kräfte an-l gespannt, um Mittel und Wege zu finden, uml Geld nach Palästina zu übermitteln. I I gelang nach monatelangen Bemühungen eine■ s i c h e r e 11 n d s c h 11 e 11 e M e t h o d e z u r U c b e rl w e i s u n g von Geldern nach P a 1 ä s t i n a z ul schaffen. I Seit dem Beginn dieser Arbeit, vor etwa fünf■ Monaten, hat das Provisorische Komitee z1rk:!| 150 01)0 Dollar übermittelt, die Ueberweisungen an! 0000 verschiedene Personen darstellen und■ aus Beträgen von 2 Do 11 a r bis zu 5000 Do 11 a rl bestehen. Für die Uebenveisung hat das Komitee! nichts berechnet, sondern stets den vollen ihm■ übergebenen Betrag übermittelt. I Um die Verteilung dieser Spenden zu erleichtern! und es den Verwandten der Palästinenser in Amerika■ bequemer zu machen, ihren Familienmitgliedern regel-l mäßig Mittel zukommen zu lassen, hat das Provi-I s o r i s c 11 e Zionistische Komitee Vertreter■ in den größeren Städten des Landes ermächtigt, Spen-I den zur Uebermittelung nach Palästina in Empfang zu! nehmen. Ueberweisungen werden nach Palästina und! , Alexandrien vorgenommen. Zurzeit ist das Provi-1! sorische Zionistische Komitee in Amerika auch mit derl ' Einrichtung ähnlicher Geldüberweisungen für die jii-l dischen Flüchtlinge aus Galizien und der Buko-I w i 11 a bemüht. Das aus österreichischen Zionisten bc-| stehende, unter der Leitung des Herrn Ob.-ing. Rob.l Stricker in Wien organisierte Komitee, dessen■ finanzielle Gebarung Herr Ing. Job. K re mcnctzk y| in Wien übernehmen wird, wird die Auszahlung der! überwiesenen Beträge an die österreichischen! Jude 11 übernehmen, für die ihre amerikanischen Ver-1 wandten direkt sorgen wollen. ־ I Rußland. I Die hebräische Monatsschrift ״H as c 11 i 1 o a ch 'I in Odessa, das von Dr. Klausner redigierte Organ,! das auch während des Krieges den Ueberzeugungen! des nationalen und zionistischen Judentums mann-l haften Ausdruck gegeben bat, ist der russischen Zeii-1 sur zum Opfer gefallen und unterdrückt Worden.■ Ebenso ist die jiddische Zeitschrift ״Das Leben‘1■ in Wilna verboten worden. Die Unterdrückung des! Petersburger ״Nowij Wos’chod“ haben wir! schon in der letzten Nummer berichtet. Der! ״Rasswjet“, das offizielle Organ der Zionistischen! Organisation in Rußland, ist besonders in den letzten! Zeiten von der Zensur scharf bewacht; ganze Ar-I tikel, mehrere Seiten lang, sind gestrichen, in jedem! Artikel fehlen ganze Stellen, zaiilreiciie Sätze und! Worte und der weiße Fleck ist eine übliche Bel gleiterscheiining jeder wichtigeren Mitteilung und! Äeußerung. 1 AUS ALLER WELT Aus Holland. I Im Haag ist soeben die erste Nummer der J ü-I dischen Arbeiterkorresponde 11 z (JAK) ei l schienen. Ueber den Zweck dieser Korrespondenz! heißt es in ihrer ersten Nummer: ״Die jüdischeI Arbeiterkorrespondenz“, mit deren Lierausgabe wir! beginnen, bezweckt die internationale ArbeiterweltI über die Vorgänge im Leben des jüdische 11 P r o -I letariats aller Lander zu unterrichten. Wir giau-l ben damit eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. I Die jüdische Arbeiterschaft nimmt fortwährend! an Zahl und Bedeutung zu und wird zürn wichtigsten] Bestandteil des jüdischen Volkes, das sich immer mehr der produktiven Arbeit zuwendet Die jü dische Arbeiterbewegung weist eigenartige Erseheinungen auf, die im geschichtlichen Werden der jüdischen Arbeiterklasse begründet sind und die nur auf Grund eingehender Kenntnis der einschlägigen Tatsachen gewürdigt werden können. Man kennt ahgemein das jüdische Proletariat und dessen Bewegung viel zu wenig. Wir wollen diesem Mißstand naeä Kräften abhelfen. Das große Völkerringen hat die ' 11 a t i o n a 1 e Frage in den Vordergrund des Interesses gerück־. Der Krieg, der so viel Unheil über die Juden Os!■! europas gebracht hat, hat das intensive Interesse der jüdischen Arbeiterschaft aller Länder für die Judenfrage wachgerüttelt. Wir werden demgemäß den1 Kriegsereignissen und deren Rückwirkungen auf die Juden unsere vollste Aufmerksamkeit zuwendeu

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