Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 183 Polen und Juden (Bericht über amerikanische Versammlungen.) New York, 7. Mai. Am i". April wurde von einem Komitee in New York eine Versammlung einberufen, ,,um die Sympathie der New Yorker Judenlieit für die Polen zu gewinnen“. Die Versammlung fand im grollen Saale der C 0 o p e r - U n i o 11 statt, der zu drei Vierteln gefüllt war. Kurz vor '< Uhr wurde sie von Herrn J. H alpe rin durch eine kurze Rede eröffnet. Hierauf begann Herr Ingenieur Hausner aus (ializien, der als Delegierter eines Nationalkomitces österreichischer Polen in Amerika für den polnischen Unabhiingigkcitsgedanken Propaganda macht, seine Rede mit der Scfiilderimg der Leiden der Juden und Polen in den Landern, in denen sich heute der Krieg abspielt. Er leugnet kategorisch, daß die Polen irgendwie Antisemit e 11 wären, namentlich hätten sie n i e in als P o g 1־ o 111 e a n g e s t i f t e t. An all diesem sei nur der russische Zaristu us schuld, der mit allen Mitteln den polnischen Helden zu verleumden suche. Die Russen seien Mörder, seien Barbaren, die unschuldiges Blut vergießen, wohin sie nur kommen. ״U 11 d Pa d e r e ws k i!?“ ertönen Stimmen aus dein Publikum. ״Eure jüdische Presse -- fährt Hausner fort - ״hat mit Befriedigung gemeldet, Purischkewitsch küsse die Thora, lind daneben - die Polen hätten Pogrome veranstaltet. Aber zeigt mir Tatsachen! Paderewski und Dmowski sind ja Polens Schande! Ich, ein Pole, verwerfe alles, was in Polen geschehen ist, ich verwerfe den Boykott und versichere, daß in einem freien Polen auch die Juden frei sein werden.“ Der Redner schildert dann die Beziehungen dei Juden zu den besseren polnischen Elementen int rosigsten Lichte und schließt seine Rede mit den Worten: ״Zu euch bin ich gekommen, nicht um euch um eure Autorisation zu bitten, sondern damit ihr mit uns rufet: nieder Rußland, es lebe ein freies Dolen! Denn in einem freien Polen werden die Juden Gleichberechtigung haben.“ Darauf nahm Herr B. Feigenbaum das Wort, ein Redakteur des New Yorker ״Vorwärts“, indem er erklärte, er sei zur Versunimlung gekommen, um gegen den erbitterten Kampf zu protestieren, den die Juden gegen die Polen begonnen haben. ״E ine Lüge! E i n e L ü ge! D i e J u d e n haben nicht den K a m pfgegendie P o - len begonnen!“ riefen Stimmen aus dem Publikum. Es erhob sich ein ungeheurer Entrüstungsstu rm und der Redner konnte erst nach einiger Zeit zu sprechen fortfahren. Er suchte darailegeii, daß an den Judenverfolgungen in Polen nur der Krieg schuld sei und nicht die Polen. Wieder erhob sich ein Entrüstungssturm. ״Und der Boykott?! Und die Du m a - wählen!? Das alles war ja n o c h v o r dem Kriege!“, rief man. Inzwischen war es sehr spät geworden und der Redner sah ein, daß er die Versammlung nicht beeinflussen könne. So suchte er denn, sie zu überrumpeln und begann plötzlich eine Resolutioti zu verlesen, die angenommen werden sollte. Als er aber zu dem Satze kam: ״Die Juden drücken ihre Sympathie den Polen gegenüber aus, die den Juden vollständige bürge rliehe Gleichberechtigung in einem freien Polen versprechen“, da brach der Lärm von neuem aus und ließ sich nicht mehr beruhigen. Die Versammlung mußte ohne Ergebnis geschlossen werden. Einen Bericht über diese Versammlung brachten am 30. April alle New Yorker jiddischen Tageszeitungen — außer dem ״Vorwärts“. Darauf erschien am 3. Mai in all diesen Zeitungen eine Erklärung, die in wörtlicher Lfebersetzung lautet: ״fin New Yorker ״Vorwärts“ vom 30. April erschien ein Bericht über die Versammlung, die einige jüdische und christliche Polen nach der Cooper- Union zum 29. April einberufen habe«, ln diesem Bericht heißt es: 1. ״Im Publikum gab es ein paar Zionisten, die die Versammlung von Anfang an durch verschiedene Protestkundgebungen zu stören suchten.“ 2. ״Folgende Resolution wurde angenommen: Die jüdischen Bürger, die sielt am 29. April 1015 in Oxjper-Union versammelt haben, beschließen: Nachdem wir die Rede und die feierliche Lrklüruiig lies Herrn Arthur W. Hausner gehört haben, des Vorsitzenden des Zentralen Polnischen Nationalkoinitees, das augenblicklich die einzige pol- 11 i s e 11 e Regierung ist und in dessen Namen er den Boykott und seine betrübenden Folgen als ein politisches Mittel und Werkzeug in der Hand der russischen Regierung und der polnischen Reaktion verworfen hatte; nachdem wir die Erklärung gehört haben, in der er im Namen des Zentralen Polnischen Nationalkomitees versichert hatte, in einem zukünft i g e n u n a b h ä n g i g e 11 P o 1 e n dürften die Juden vollständige bürgerliche Gleichberechtigung ge- 11 ielk'11: beschließen wir, den Vertreter der kämpfenden Polen zu grüßen und zu erklären, daß wir mit allen Kräften und Mitteln den Kampf für Polens Uuabhiiugigkeit unterstützen wollen, um so die Forderung der europäischen Demokratie verwirklichen zu helfen, die allein imstande ist, volle Gleichberechtigung für die Juden zu erkämpfen.“ Wir Unterzeichnete, die wir von Anfang bis zu Finde an der Versammlung teiigeiimiinien haben, erklären: t. Die obige Resolution wurde nicht a 11 g e - 11 111 ס m e!1 , ja sie ist n i c 111 ei n m a 1 vorgtltscn worden. 2. Die Gegnerschaft gegen die vorgesehlageile Resolution bestand nicht in ״ein paar Zionisten“, sondern in einem großen Teil der A n w e s e n d e 11. 3. Ls ist schließlich falsch, daß man von Anfang an die Versammlung zu stören versucht habe; richtig ist, daß Herr Arthur Hausner aufmerksam angehört wurde und daß keinerlei Störungen vorgekommen sind, bis ״Genosse“ Feigenbaum das jüdische Volk zu verleumden begonnen hatte, indem er behauptete, ״das jüdische Volk hätte gegen das polnische gehetzt.“ Diese Erklärung geht gleichzeitig an ״Vorwärts“, ״Tag“, ״Wahrheit“, ״Tageblatt״ ,‘׳Morgenjournal“, ״Führer“ und an die New Yorker Wochenblätter. Die Provinzzeitungeil werden gebeten, sie nachzudnicken. J i z c h a k Reis, — J. S. S c h 11 b i 11 , ■ - B. F i n k e 1 , — M. L. Hai pern, -• ) n s c ן h Bank, — S. Mond, — Menachem, - M. Herbert, — M. Outman, — Grünhaus — A. Kretschmar-Israeli, — Joseph S a f, - - S. K a p! a 11 s k i , — Nina Zuckerm ann, - - B a r 11 c h Zuckerraa n 11, R. K a 11 j a 1־ s k i. Eine Antwort auf diese Ereignisse blieb nicht aus; am 6. Mai wurde in Cooper- Union auf Veranlassung einer Anzahl nationaler Juden eine Massenversa in nt I u 11 g abgehalten, um ״ihren nationalen Stolz und ihre Verachtung gegenüber jenen Elementen im jüdiselien Volke auszudriieken, die bereit sind, für ein huldvolles Lächeln von oben ihr Volk und seine Interessen zu verschachern.“ Die Halle war übervoll; alle Gänge, selbst die Bühne waren besetzt. Vor dein Eingang standen noch viele, viele Hunderte, die an der Versammlung tcilnehmen wollten, für die es aber im Saale keinen Platz mehr gab. Die Versammlung wurde durch Herrn Zuckermann eröffnet, der Herrn David Pinski, dein bekannten Schriftsteller, den Vorsitz übergab, Herr Pinski erklärte, die Ver- Sammlung solle nicht, wie vielfach angenommen wurde, ein Protest gegen die erste durch ein Häuflein Assimilanten einberufehe Versammlung sein, sondern sie solle nur die Beziehungen des jüdischen Volkes zu dem Freiheitskampfe der Itolen feststellen, und das könne man durch Annähme folgender Resolution: ״Die Massenversammlung der New Yorker Juden, die am 6. Mai 1915 im Saale der Cooper-Union stattfand, erklärt: Obwohl das feindliche Verhalten eines großen Teiles der Polen, der polnischen Organisationen und Zeitungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung in den polnischen Ländern, das seinen Ausdruck gefunden hat im Boykott, in Unterdrückungen, Angebereien und Verleumdungen auf den Kriegsschauplätzen, die zu russischen Militärpogromen und Metzeleien geführt haben, obwohl dies Verhalten tiefe Erbitterung bei den Juden der ganzen Welt gegen die polnische Gesell- Schaft hervorgerufen hat — so identifizieren wir trotzdem-das polnische Volk mit den dunkeln Kräften des polnischen Chauvinismus nicht und.ändern nicht unsere Ansieht über den Kampf des polnischen V'olkes um seine Befreiung, Einigung und Selbständigkeit. Aber zu gleicher Zeit müssen wir feststelieii, daß die polnischen Parteien der jüdischen Bevölkerung in einem zukünftigen Reiche Polen die rechtliche Garantie für ihre nationale Existenz versagen und die polnisch e F r e i h e i t auf 11 a t i o 11 a 1 c Rechtlosigkeit und A s s i 111 i 1 i c r u 11 g d e r j ii d i s eh e n M i 11 d e r 11 e i t aufbauen. Das Versagen der nationalen Rechte entwertet die Bereitschaft der!Allen, die bürgerliche Gleichberechtigung zu sichern; denn die systematische Agitation der polnischen Parteien gegen die 11 a»t i o 11 a I e Anerkennung der Juden hat viel dazu beigetragen, Half gegen die Juden zu erwecken und den Boden für den Vernichtungskainpf gegen die drei Millionen polnischer Juden zu schaffen. Fäll dauernder nationaler Friede zwischen Polen und Juden ist nur dann möglich, wenn im zukünftigen freien Polen der großen jüdischen Minderheit nicht nur h ü r g e r 1 i c 11 e G leichbcrcchtig u n g gesichert wird, sondern auch die national-politische O 1 e i c h b e r e c h t i g u n g bei Wahlen in die städtische und Landesverwaltung, wie auch natiotiale Rechte in Gemeinde, Schule und Sprache und die S e 1 b s t v e r \v a 11 tt n g in n atioiul e n 1) i 11 g e n.“ Mit einem donnernden ״Ja“ und mit rausehendem Beifall wurde diese Resolution eins t i 111 m i g angenommen. Nach Herrn David Pinski sprachen noch die Herren 111g. Kaplanski, Kretschmar- Israeli' Zucker mann, Prof. I. A. Hurw i t z, M. R e g a I s k i, Dr. S. L e v i n , alle in gleichem Sinne. Alle Reden wurden mit stürmischem Beifall aufgenommen. Zu gleicher Zeit hielt auch der Teil des Publikums, der wegen IJeberfüllung des Saales nicht an der Versammlung teilnehmen konnte, vor der Halle unter freiem Himmel eine Ver- Sammlung ab, in der Herr Zuckermann sprach. Auch hier wurde die gleiche Resolution mit stürmischem Beifall angenommen. Zentralfonds 1915 Ausweis der eingegangenen Beträge Deutschland Berlin: Dr. Schiffer . . . . t. . . .;. . M 50,— Max Wollsteiner.. ... 50 ״,— Dr. Ernst 1 y1!״.20, - R.-A. Aufrecht .21 ״), Siegbert Wolff .20 ״,- Dr. Alfred Wollstein, z. Zt. im Felde . 15 ״,— Dr. J. Münz.10 ״,— Bleicherodc: N. Michaelis . . . .,4 5,— Breslau: Justizrat Dr. Emanuel Cohn.11. 60,— Frau Hedwig Cohn-Vohsscn . . . .. 60 ״,— Referendar Berthold Cohn-Vohsscn . 60 ״,— Julius Sußinann.,, 25,— R. -A. Dr. Lasker.20 ״,— Zahnarzt Martin Falk.. 20,- Justizrat Schottländer.20 ״,— Redakteur S. Gottschalk (1. Rate) . 20 ״,— AI. Frühling, Dtsch. Lissa.20 ״,— S. Borger (1. Rate).15 ״,— Dr. H. Falk.10 ״,- Wilhelm Marcus. 10,— S. Silberberg.5 ״,— Frau Regina Danziger.5 ״,— S. Draier .5 ״,— Martin Friedländer.5 ״,— Fritz Huldschinsky. 5,— W. Löwenberg .5 ״ — Dr. Nathan Markus.5 ״,— Adolf Nelken. 5 ״,— Kleine Spenden: Ludwig Janower, Max Steif, Felix Hamburger, Sammlung K Klotz ..10 ״,- Chemnitz: Zahnarzt Schönberger (2. Rate) . . Jf. 20,— D a n / i g: Dr. 1s. Landau, z.. Zt. im Felde . . . Jf. 10,— Darm stadt: M. Rosenstock .... Jf. 10,— G 11 e s c n: Sanitätsrat Dr. Meyc-r aus dem Nachlaß seines Sohnes Ludwig Franz Meyer Hamburg: . Jf, 300- Dr. Nathan Nordegg. . Jf. 60,- Rabb. Dr. M. Schlössinger . . . —,25 ״ Heidelberg: Frau Lotte Herbst . . Jf, 30 — 1. e i p z i g: L. u. W. Fuchs .... . Jf. 15,— Lübeck: Frau Erna Adler . . . . . Jf, 10 — Lüneburg. Dr. A. Jacobsohn . . . Jf. 100,— München: Dr. Raphael Straus . . . Jk 100,— Nürnberg: K. R. . Jf. 20 — Schöiilanke: R.-A. Ascher u. Frau T a p i a u: . Jf, 20 — Siegfried Moses. . Jk 10 — Frau Johanna Moses. -5 ״ R a t i b o r: Max Pinczower. . Jf, 10- Zwickau: Leopold Wertheimer . . . . M. 20 —