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Jüdische Rundschau · 1915-06-04 · Heft 23 (4.6.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 23 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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JU EDISCHE RUNDSCHAU Nr. 23 Seite 182__ Selbst Rußland, das Ihrem Volke durch das Manifest des Großfürsten eine Autonomie nach dem Kriege verspricht, erinnert Sie daran, daß Sie die arideren Nationalitäten, mit denen Sie durch die Geschichte verbunden sind, als gleichberechtigt behandeln sollen. Rußland erinnert Sie daran, duldsam zu sein. Kann es eine grausaniere Ironie des Schicksals geben? Aber es war notwendig, Ihr Volk daran zu erinnern. Das, was Ihr Volk den Juden während der letzten Jahre angetan hat, erreicht den Rekord an O r a u s a m k e i t und Unterdrückung, der sogar die tyrannischen Methoden und barbarischen antisemitischen Devisen Rußlands übertrifft. Der Boykott gegen die Juden in den russisch-polnischen Provinzen war ein schämloses Komplott einer unterdrückten Nation gegen eine andere, eines Sklavenvolkes gegen das andere. Die Polen haben gegen die Juden während der Boykottzeit schwere Verbrechen begangen. Polnische Aerzte weigerten sich, jüdische Patienten zu behandeln, polnische Drogisten weigerten sich, jüdischen Kranken Medikamente zu verabfolgen, und es gibt Beispiele von Provokation, Plünderung!und Metzeleien, die von Polen als direktes Resultat der polnischen Boykott-Propaganda, an denen sich einige der Polenführer beteiligt haben, begangen wurden. Und jetzt, wo durch eine besondere Wendung des Schicksals Polen im Begriff ist, seine Autonomie zu sichern, hat Ihr Volk, am Vorabend seiner Befreiung, nicht nur seine a n t i s e m i t i - sehe J u d e n boy kot t- Politik vertieft, sondern auch neue Formen gefunden, um die Juden zu verfolgen. Die Polen versuchen, die Juden in den Augen Rußlands zu verdächtigen, wo es ja kaum noch nötig ist, sie anzuschwärzen. Die Polen haben ein förmliches Anklagesystem konstruiert. Sie beschuldigen die Juden der schrecklichsten Verbrechen, sie stellen sie als Spione, als Giftmischer hin und sie haben dadurch den Tod von Hunderten unscjmldi ger ,Juden ver- Ofsactn. Und was noch schlimmer ist: sie erfinden Gründe für Engros-Anklagen gegen die Juden nach Schluß des Krieges, damit sie selbst der Hoffnung beraubt werden sollen, jemals in Rußland Gleichberechtigung zu erlangen. Diese von den Polen begangenen Verbrechen sind abscheulicher als die Verbrechen Rußlands; denn ״Rußland“ ist die für die antisemitische Politik verantwortliche Regierung und nicht das Volk. Die Polen sind als freiheitsliebendes Volk bekannt und es ist schwer für Amerikaner, zu verstehen, wie die Polen in dieser Krisis in solche Abgründe von Verderbtheit sinken und ihre eigene Freiheit aufs Spiel setzen, indem sie ein anderes Volk seiner Menschenrechte berauben. Am Vorabend Ihrer Befreiung fordert Rußland Ihr Volk auf, andere Nationalitäten in Ihren Gebieten als gleichberechtigt zu behandeln — Rußland ermahnt Sie, tolerant zu sein! Das polnische Volk sucht jetzt die Sympathie der Welt. Solange diese a n t i j ü d i s c hen V e rbrechen von den Polen begangen werden, können sie nicht darauf rechnen, die Sympathie der Welt zu erlangen. Es ist Ihre Pflicht, als Polens litcrarischer Führer, Ihrem Volke zuzurufen, in sich zu gehen, bevor es zu spät ist, sich um Polens zukünftiger Sache willen auf seinen Menschenverstand zu besinnen. Es ist höchste Zeit für die polnischen Führer, gegen die Verbrechen zu protestieren, welche sie im Namen des j polnischen Volkes gegen die Juden begehen. In einem solchen Moment wie der gegenwärtige ist es ein Verbrechen für treue polnische Führer und Patrioten, zu schweigen. Wie können Sie schweigen? Der Schekel muf3 D0n jedem Zionisten bezahlt roerden. Die Zionistische Organisation mul) erhalten und gestärkt coerden. Zionistische Frauenarbeit Mit großem Interesse habe ich die Artikel von Dr. Nawratzki in Nr. 17 und 18 der ״Jüdischen Rundschau“ gelesen. Die Anregung, die Dr. Nawratzki liier gibt, wird nicht nur dem rechnenden Volkswirtschaftler als rationellste Verwendung der den Kriegsinvaliden vom Staate ausgesetzten Rente erscheinen, sondern muß auch jedem Laien in ihren einzelnen, in dem Artikel angeführten Ausführungsarten als durchführbar einleuchten. Ich verweise hierbei übrigens auf den Artikel von Hans Ostwald in Nr. 21 der ״Woche“ ״Kriegsinvaliden als Kleinsiedler“, in dem Ostwald das Siedelungsthema nochmals behandelt. Ich will mir aber hier als Laie durchaus keine Kritik, weder des Os tw a 1 d s c h c n, noch des Artikels von Dr. Nawratzki erlauben, sondern möchte nur auf einen Punkt eingehen, der mir als Vertreterin des weiblichen Geschlechtes besonders wichtig zu sein scheint. Dr. Nawratzki spricht im letzten Abschnitt seines Artikels von der Wichtigkeit der Mitarbeit der Frauen und Mädchen in unseren palästinensischen Kolonien. Er betont, daß eine lukrative Arbeit nur dann wirklich geleistet werden kann, wenn vor allein auf die ganze Familie als Mitarbeiter gerechnet werden darf. Da es sich aber gerade in der Landwirtschaff um Arbeiten handelt, die nur auf Grund praktischer Erfahrungen auszuführen sind, während aus Büchern erworbene theoretische Kenntnisse wenig nützen, ist es vor allen Dingen erforderlich, daß unsere Frauen und Mädchen, die die Absicht haben, eine landwirtschaftliclie Tätigkeit in Palästina auszuiiben, eine gründliche praktische Lehrzeit durchmachen. Man wird ohne Zweifel bei dieser Stelle sofort sagen: wozu erzählt man uns das alles, das sind doch Tatsachen, die schon von klügeren und einsichtsvolleren Menschen festgestellt worden sind und die man auch aus der Theorie bereits in die Praxis umgesetzt hat! Man denke nur,an die^Mädchonfarin in Kinereth! Zugegeben; ich bilde mir durchaus nicht ein, etwas neues entdeckt zu haben, ich möchte nur versuchen, meine Ansicht über diese Vorbildung unserer weiblichen Kolonisten darzulegen. Unter den jungen Mädchen, die behaupten, Zionistinnen zu sein, sind sicher auch einige, die es wirklich ernst mit ihrer Ueberzeugung meinen und die sich ihren Lebensplan mit Rücksicht auf ihr Ziel aufbauen. Nun kommt es aber oft genug vor (vielleicht sogar zumeist), daß die Ansichten von Eltern und Töchtern in dem Punkte ״Zionismus“ sehr weit auseinandergehen. Da ist es denn leicht erklärlich, wenn die Eltern der Tochter ihre Zustimmung zu einer Ausbildung in der Landwirtschaft in Palästina selbst verweigern. Und wenn nicht der prinzipielle Grund der Meinungsverschiedenheit allein ausschlaggebend ist, so gibt es doch noch eine ganze Reihe von leicht verständlichen Motiven, die es nicht als wünschenswert erscheinen lassen, die Mädchen zur Erwerbung 1 a n d w i r t - s c h a f 11 i c 11 e r Kenntnisse nach Palästina zu schicken. Nun kommt der Kernpunkt meiner Ausführungen. Um es diesen Mädchen zu ermöglichen, ihr Ziel zu erreichen und ihnen die Erfüllung dessen, was sie als Ideal ansehen, zu sichern, ist es ja nicht unbedingt nötig, gleich nach Palästina überzusiedeln. Es gibt ja auch bei uns — ich spreche hier ausschließlich von Deutschland -- genügend Gelegenheit, sich praktische Erfahrungen auf den! Gebiete der Landwirtschaft und des Gartenbaues zu erwerben. Ich selbst hatte kürzlich Gelegenheit, eine derartige G a rt c n b a u s c h u 1 e für Mädchen in unmittelbarer Nähe von Berlin zu besichtigen. Der Kursus auf dieser Schule dauert zwei Jahre und bietet neben der praktischen auch die notwendige theoretische Ausbildung. Ich möchte mich hier über den genauen Studiengang und die Arbeitseinteilung in dieser Anstalt nicht weiter auslassen, vielleicht ist eine der Besucherinnen -- ich kenne zwei Zionistinnen unter ihnen — so liebenswürdig, etwas Näheres zur Orientierung über diese Schule zu berichten. Ich möchte jedenfalls anregen, daß diejenigen, die wirklich die Absicht haben, ernsthaft zu arbeiten und ihren Zionismus betätigen wollen, nicht bloß durch Redensarten und manchmal doch wohl oberflächliche Vereinstätigkeit, sondern durch wirkliche konzentrierte Arbeit, die darauf ausgellt, sich ein Tätigkeitsgebiet in Palästina selbst zu schaffen, schon frühzeitig anfangen, sich nach Möglichkeit hierfür vorzubereiten. Ich glaube kaum, daß es heute noch Eltern gibt, die ihren Töchtern bei ihrer Berufswahl, soweit diese sich irgendwie in den Grenzen des Mögliehen und Ausführbaren hält, Schwierigkeiten in den Weg legen. Mit dem Beruf einer Gärtn e ri n gerade sind so viele Annehmlichkeiten verknüpft — ich erinnere nur an den ständigen Aufenthalt im Freien, an die körperliche Bewegung —, daß es hierbei ernstliche Schwierigkeiten vonseiten der Eltern bei einem ernsten Mädchen wohl kaum zu überwinden geben wird. Besondere gilt das hier Gesagte für diejenigen, die den an und für sich überfüllten kaufmännischen Beruf nur ergreifen, um in der Zwischenzeit zwischen Schule und Ehe nicht müßig zu gehen, und deren Berufswahl in falsch verstanderiem Betätigungsdrang sich meist auf das Erlernen von Stenographie und Schreibmaschine beschränkt, schnell erworbene Kenntnisse, die jetzt und noch mehr wohl in Zukunft auch entsprechend schlecht entlohnt werden. Das Verlangen, eine etwas länger dauernde und dafür auch zweckentsprechendere Berufsvorbildung, wie sie doch für Knaben selbstverständlich und üblich ist, auch für Mädchen zu gewähren, wird vielleicht gerade bei jüdischen Eltern auf Verständnis stoßen. Wenn auch auf eine bezahlte Stellung als Gärtnerin oder als Stütze in einem landwirtschaftlichen Haushalt für eine Jüdin in Deutschland schwerlich zu rechnen ist, so darf doch unter Voraussetzung selbst sehr kleiner Mittel an eine gewisse spätere Selbständigkeit, die doch sicher in jedem Falle einem Angestelltenverhältnis vorzuziehen ist, auf dem Gebiete des Gartenbaues gedacht werden. Vor allem aber, — und das ist der wichtigste Punkt, den übrigens auch Ostwald in seinem oben geitanuten Artikel betont, — brauchen diese Kenntnisse, falls die Mädchen ihre natürliche Bestimmung, nämlich die Ehe, erwählen, nicht etwa vergessen zu werden, wie das ja bei den kaufmännischen Kenntnissen meistens der Fall ist, sondern dürften im Gegenteil hier meistenteils von ebenso großem Nutzen für die Frau selbst wie für die ganze Familie sein. Ich möchte daher allen Eltern und Töchtern, die vor eine Berufswahl gestellt werden, dringend anraten, den Besuch einer Gärtnerinnenschule in Erwägung zu ziehen. Auch als Ersatz für eine Pensionszeit erscheint mir der Aufenthalt in einer solchen Anstalt durchaus geeignet, denn hier wie dort leben die Mädchen mit Altersgenossinnen zusammen, kräftigen ihre Gesundheit und erhalten eine gute Ausbildung, die ihnen auf jeden Fall ein auf beste soziale Basis gestelltes Auskommen sichert. Ich habe bei meinem Besuch in der Gärtnerinnenschule feststellen können, daß gerade Jüdinnen Verhältnismäßig wenig vertreten sind; und sie sollten — ich wende mich hier speziell an die junger! Zionistinnen -- vor allem darauf bedacht sein, sich eine praktische Ausbildung zu sichern: Buchhalterinnen und Stenotypistinnen, Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen haben wir genug für Palästina, Arbeiterinnen für die Kolonien kann es nie genug geben. Es sollte mich daher freuen, wenn meine Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen würden. Bis heute wird im Zionismus — und gerade von weiblicher Seite — noch viel zu viel gedacht und theoretisch erörtert und viel zu wenig praktisch gehandelt. Nur die Tat kann uns die Erfüllung unserer Sehnsucht und unseres Streben« bringen. — — Anna Salz. Der Zionistische Zentralfonds gibt dem Zionistischen Aktionskomitee die mittel für seine Arbeit. Zu diesem fonds mufj jeder Zionist seinen Beitrag leisten.

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