Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 22 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 177 Schule für galizische Flüchtlingskinder Von Max Brod, Sie strömen ein, sie sitzen hier, ln ihren Bänken vier und vier Und wiegen die sittigen Wangen, Ihr guten Mädchen, wißt ihr nicht, In euer Haus der Räuber bricht! Wie werdet ihr heinigelangen? -- Die braven Mädchen, es kümmert sie nicht. Dem Lehrer lauschen sie, dem Herrn. Von ernster Kunst erzählt er gern. Von Lustigem gibt er zu lachen. Vergaßt ihr euer fernes Land? Die Mauer wankt, es steigt der Brand. Die Dächer, die lieblichen, krachen. — Die frohen Mädchen, sie horchen gespannt. Groß wird die Karte aufgehängt, Ins Weiteste der Blick gelenkt Und bunte Erscheinungen schweben. Ihr Mädchenblumen, Mutter weint. Der sanfte Vater flucht dem Feind. Zum Bettler wurde er eben. — Die Mädchenblumen, sie lauschen vereint. Nein, Blumen wären längst verdorrt, Gepflückt von ihrem Wurzelort. Ihr blüht in Kräften und heiter. Wenn rings die Welt sich toll zerreißt. Von einer stärkern Macht gespeist Lebt ihr und rüstet euch weiter. — Ihr tapfern Mädchen: ihr seit der Geist. Unsere Flüchtlingsschule in Prag Von Prof. Dr. Alfred Engel (Prag) Unter Leitung unseres Gesinnungsgenossen Prof. Dr. Alfred Engel ist für die Kinder der jüdischen Flüchtlinge in Prag eine Schule gegründet worden, über deren Entwicklung die folgenden Ausfiihrungen orientieren. Da ich diese Zeilen niederschreibe, hat die Zahl ttnsefer Schüler und Schülerinnen das dreizehnte Hundert um ein Beträchtliches überschritten. Und noch immer will der Strom der Wißbegierigen und Lerneifrigen kein Ende nehmen. Ja es scheint, als ob die alte Gepflogenheit, nach Pessach die Kinder der Schule zuzuführen, noch weitere Glieder an den ohnedies gewaltigen Schulkörper anfügen wollte. Eine Mädchen- und Knaben Volksschule mit 16 Klassen und Abteilungen, 8 Fortbildungsschulen sind vor geraumer Zeit entstanden und haben kaum in drei Sch u 1 h ä u s e r n Platz gefunden. 5 Lehrzimmer stellte die Israelitische Kultusg e m e i n d e in der Talmud-Thoraschule, ebensoviel Herr Handelsschuldirektor W ertheimer zur Verfügung, dessen Selbstlosigkeit und nimmermüde Fürsorge das Schulwerk immer wieder förderte, und die nie genug gerühmte Hochherzigkeit der israelitischen Humanitätsvereine B'riai Brith ließ neue und schöne Lehrsäle in der Altstädter Passage erstehen. Heute wirken 51 Lehrer und L e h r e r i n 11en, darunter viele Mittelschulprofessoren, an der Schule, die trotz ihres kurzen Bestandes schon auf manchen schönen Erfolg Hinweisen kann. In kaum 21,2 Monaten haben Schulkinder den Lehrstoff eines ganzen Schulj all res gut absolvieren können und den Verlust reichlich wettgemacht, der ihnen durch die Eigenart galizischer Scliulverhältnisse und die Flucht aus dem Heimatlande sicher schien. Unsere Schule ist eine jüdische Schule. Das lebendige Empfinden der Stammesgemeinschaff, das gemeinsame unglückliche Schicksal hat die Schule zu einer wirklich jüdischen Schule gemacht, die uns in Böhmen schon wie ein Märchen aus alten Zeiten anmutete. Und sie ist es wahrlich nicht allein in den schönen Stunden, wo Kindermund hebräische Worte spricht und singt, sie ist es durch den Geist, der die ganze Schule unsichtbar durch waltet. Das fühlen auch die jüdischen Väter und Mütter, die mit unbegrenztem Vertrauen und rührender Liebe ihr Bestes der Schule anvertrauen, ihre Kinder. Man bleibe mir mit den Klagen von Bildungsfeindlichkeit lind selbstverschuldetem Obskurantismus fern. Knaben, die in Galizien niemals eine Schule besucht hatten, sind eifrige Zöglinge und die Eltern ans passiven Beobachtern längst interessierte Berater geworden. Sie quält gerade wie mich der Gedanke, daß die Schule nicht alle Lernbegierigen aufnehmen kann, da die Geldmittel hierzu noch fehlen. Wenn ich heute die lange Entwicklung überschaue, in der sich eine bescheidene Beschaftigungsanstalt zu einer festgefügten Schulorganisatiori umformtc, dann darf ich wohl alle an ihre heiligste Pflicht erinnern. Aus der Not des Krieges geboren, bedarf die junge Schöpfung nicht nur der Liebe, sondern auch der werktätigen Hilfe. Das jüdische Schulwerk hat von berufener Seite manche Anerkennung gehört, nun ist die Reihe an der großen jüdischen Oeffentlichkeit, das mühsam unter unsagbaren Hindernissen geschaffene Werk zu stützen und zu fördern. Dann wird das Sdiulwerk nicht allein die augenblickliche Not abgewehrt haben, sondern ein starkes Fundament für einen neuen Aufbau galizischen Judentums sein. Organisation der Kräfte Die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina haben sich in Prag eine Organisation geschaffen, die seit 1, April ein in deutscher und jüdischer Sprache crscheinendes Organ ״Prager Jüdische Zeitung“ herausgibt. Wir geben einen Artikel dieser Zeitung wieder, weil er eine Ahnung von den Kräften gibt, die selbst in dem wieder heimatlos gewordenen Judentum Galiziens der Organisation harren. Als die großen Massen der Flüchtlinge aus den östlichen Ländern unserer Monarchie unter dem Drucke der großen militärischen Ereignisse nach Prag kamen, da war ihr Wille gelähmt, es war unfaßbar, Heim und Heimat eiligst verlassen zu müssen. So waren sie dankbar, als sie gut empfangen wurden, so waren sie dankbar, ihren Willen für alles, was ihnen als Gästen dargeboten wurde. Man ließ sie nicht verhungern, man gab ihnen Schlafstätte. Die Organisation des Hilfswerks machte Fortschritte, die tätigen Kreise lernten bei der Arbeit, mit ihr wuchsen die Aufgaben, mit ihnen die Hilfsbereitschaft. Man glaube nicht, daß es jedem einzelnen der Flüchtlinge wohl tat, müßig sein zu müssen. Nehmen ist schwerer als geben, Wohltaten ernpfangen, nichts als Empfänger sein, ist bitter. Man besann sich. Viel Arbeitskraft lag brach. Viel Mitgefühl mit der Not der Brüder fand nicht die Wege, um helfen zu können, viel Qual der Untätigkeit nagte in den Hirnen. Man wachte auf. Warum die ganze Last der Arbeit auf den Schultern der Gastlichen ruhen lassen! Warum nicht selber versuchen zu helfen! Warum nicht zeigen, daß das galizische Judentum nicht bettelhaft schwach, nicht armselig, nicht ganz elend sei? Denen die materielle traurige Lage die Besinnung geraubt, muß gezeigt werden, daß es Zeit ist, sich aufztiraffen und gerade zu werden, die Not darf uns nicht gebückt machen, darf nicht unsere Zukunft gefährden. Und den anderen muß gezeigt werden, wie wir wirklich sind, nicht wie wir als Bürger sind, nicht als Besitzende, nein als Menschen, die sich auch in diese traurige Lage mit Stolz einstellen wollen, die den Glauben an die siegreiche Kraft unseres Vaterlandes Hochhalten wollen und damit den Glauben an die Heimkehr in die befreite Heimat. Wir müssen ein galizisches Judentum repräsentieren, das anders ist, als man es zu sehen gewohnt ist. Es gibt Stolze und Aufrechte und alle sollen so werden! Die Organisation der galizischen Flüchtlinge ist gegründet und will arbeiten. Sic will die vielen freien Kräfte bilden, sie will durch Zusammenschluß der vielen Einzelstehenden eine starke Gemeinschaft erstellen lassen. So werden sich wirtschaftliche Vorteile erreichen lassen, es gibt ein Organ, das befugt i:st, im Namen der Flüchtlinge zu sprechen. Die Arbeit wird nicht klein sein. Für 14 000 Menschen ist zu sorgen. An rein praktischer Arbeit kann viel geleistet werden. Einkaufsgenossenschaften können die Versorgung der Massen mit Lebensmittein zu billigem Preis erleichtern, die Einrichtung von gemeinnützigen Anstalten den Bezug von schwer erhältlichen Koiisunigegenständen ermöglichen. Aber auch sonst soll durch mancherlei Einriclitungen die Lage der Flüchtlinge gebessert werden. Eine Lesehalle ist errichtet, eine Bibliothek wird folgen, Vertrauensmänner aus unseren Reihen sollen mitarbeiten am Hilfswerk und die schwere Arbeit erleichtern. Und vielleicht wird es gelingen, die vielen Tausende in Böhmen befindlichen Flüchtlinge zusanimenzufassen zu einem großen Verband, der in kleine Ortsgruppen gegliedert, für die Hebung der traurigen Lage in manchen Orten wird arbeiten können. Ein Anfang ist gemacht. Das Schicksal galizischer Juden Wie es in Galizien gegenwärtig nufer der Russen- Herrschaft aussieht, das erfährt man aus den Berichten von galizischen Flüchtlingen, denen es gelungen ist, sich von ihren ״Befreiern“ zu retten. Als Mittel zur Befreiung dient gewöhnlich das Versprechen, daß sie den Patrouillenwachen aus dem nächsten Dorfe Wutki bringen würden. Die Aussicht auf den Genuß dieses, trotz des russischen Alkoholverbotes noch immer sehr beliebten Nationalgetränks veranlaßt die Kosakenposten, die Flüchtlinge unbehelligt weiterziehen zu lassen. Nach zuverlässigen Berichten solcher Flüchtlinge aus den von den Russen besetzten Gebieten Galiziens herrschen daselbst jammervolle Zustände. Häufig werden in zumeist von Juden bewohnten Häusern um 3 Uhr nachts Durchsuchungen nach ״Spionen“ veranstaltet, was jedoch nur als Vorwand zum Plündern und Rauben dient. Die zum Tode erschreckten Hausbewohner werden aus den Betten gejagt, sämtliche Gegenstände durcheinander geworfen, Geld und Wertsachen geraubt, kostbare Möbelstücke als Brennmaterial mitgeschleppt. Die mutigen Kosaken scheuen aber auch nicht das Tageslicht, ln Kolonien drangen, bevor dieser Ort von den Russen geräumt wurde, fünf Kosaken am helllichten Tage in das Haus des jüdischen Lehrers Salomon Schechter und verlangten von ihm, ihnen seine sechzehnjährige Tochter auszuliefern. Der unglückliche Vater flehte sie unter bitteren Tränen an, von ihrem Vorhaben abzulassen und bot ihnen sein ganzes Vermögen an Geld, Schmucksachen und Feiertagskleidern. Alles war vergeblich. Als Schechter den Versuch machte, seine Tochter vor Vergewaltigung zu schützen, stachen ihn die Kosaken nieder und legten die Leiche draußen vor das Haus als Warnungszeichen hin. Im [Torfe Mo ki schon! bei Tarnobzeg kamen früh am Morgen zehn Kosaken zum alten Juden Mendel Schiff m a 11 n und forderten die Auslieferung von angeblich bei ihm versteckten österreichisehen Soldaten. Vergebens beteuerte der gerade sein Morgengebet verrichtende Schiffmann, daß keine österreichischen Soldaten in seinem Hause weilten. Die Kosaken nannten ihn ״Verräter“ und erwürgten ihn mit seinem Gebetriemen. In gleicher Weise verfuhren sie auch mit Mendels Sohn, Fiirschl Schiffm a 1111, sowie mit den in demselben Hause wohnhaften Josef End, Leiser Perlmutter und dessen Schwiegersohn. Flüchtlinge Viel tausend Blicke greifen nach euch, Ist keiner von trostreicher Liebe feucht. Lästersucht, Dünkelmut, Unverstand Strecken geschäftig nach euch die Hand, Zerren euch, meistern auch, horchen euch aus, Stehlen sieh schamlos in euer Haus, Schüren und spüren — da gellt schon ihr Schrei: ״Hier ist das Wild gestellt, Jäger herbei!“ Wer stürzt dort hervor aus gesprengtem Gelaß? Das ist der uralte, lefzendc Haß. Wer schützt euch mit zornigem Angesicht? Die alte, befohlene Mitbürgerpflicht . . . Oh, wäre mein Arm wie der Himmel so weit, Ich zöge an mich euer stummes Leid. 011, wäre mein Herz wie der Frühling so reich, Ich bettete euch auf Blüten weich. Ich hüllte euch, Mütter, in laue Nacht, Daß ihr ungesehn weint und euch keiner verlacht Wien 1915. Otto Abe 1 es.