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Jüdische Rundschau · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 176 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 22 nen Lebens aiigepaßt werden müßte, sondern zwitschern und trällern können. Ls liegt hinter dem, was hier persönlich ist, gleichsam die Feierlichkeit eines Kirchenliedes und der Lrnst eines (iemciiulegehetes. Ergreifend ist das Gedicht, in dem Bialik erzählt, von wem er sein Singen geerbt: In der Hütte seines Vaters wohnte ein Sänger, der sich in düstern Spalten und Löchern hinter dem Hausgerät versteckt hielt. Dieser Sänger kennt nur einen metallenen Klang, den eintönigen Gesang der Leiden. Und so oft des Knaben Her/, still stand, sein Weinen erstickte und seine Zunge, stumm vor Kmnmcr, am Gaumen klebte, drang in seine öde Seele der Klang von jenem Musikanten, dem Heim ehe 11, dem Sänger der Not. Die Lampen waren versetzt worden; statt deren brannte ein mageres Lieht, im Lehm festgeklebt. Die Schatten tanzten, und sieben Kinder, alle hungrig und halb in Schlaf versunken, umgaben den Tisch, auf dem sich weder Brot noch Wein fand. Da zerteilte der Vater mit stumpfem Messer einem Heringsschwaiiz, und während die Kinder mit knurrigem Magen dem Vater das Sabbatlied nachsangen, ertönte aus der Ecke das Zirpen des Heimchens, als gehörte es mit zur Gemeinde und gäbe den Ton an. Es wirkt wie ein Sinnbild, daß das Licht die Naturerscheinung ist, durch die Bialik fast ausschließlich entzückt wird und die er fortwährend besingt. Ein schönes Gedieht von Bialik heißt ״M org engeist e r“. Es ist dem Erwachenden, als hätte seiner Mutter Kuß oder das Gezwitscher der Schwalben ihn aus einem süßen Schlaf erweckt. Es waren aber ganze Garbeu von Lichtstrahlen, die ihn trafen und sein Gesicht überfluteten. Die dtirchrissenen "Fäden des Traumes sind noch zu empfinden; es ist, als schlügen Fittiche gegen die Wände. Die Geister des Morgens klopfen wie Tauben an die Scheibe; sie streuen Licht aus, sprühen Licht, bringen das Licht, das dann auf schwankende Halme, auf kletternde Ranken, auf glitzernde »Wogen, auf den Morgentau, auf Kindlein und Mütter scheint, die seiner bedürfen. Dem Dichter zerschmilzt das Herz; er schließt in stiller Freude die Augen. .Wie hat ihn das Licht überwältigt! Durch zahlreiche Gedichte, wie das Gedicht an den Vogel, der von Süden her kommt und JYlyrrhaduft und ßalsamhauch aus Sarons Tälern mitbringt, und durch die vielen Gedichte an das jüdische Volk zieht sich die Zionsliebe, die Sehnsucht nach Zion, und fast gar zu häufig ist das Licht, halb buchstäblich gemeint, halb in übertragenem Sinne, das Thema von Bialiks Verherrlichung. Um die Sonne wird gebeten, nach ihr lechzt der Durst. Die wenigen in Bialiks Sammlung vorkommenden Liebeslieder sind vom Hohen Liede beeinflußt; sie besitzen dessen Freude an der Natur im Frühling, aber keine Spur von dessen lebhafter und heißer Sinnlichkeit; sie sind, auch sie, von einer Religiosität geprägt, die dem Hohen Liede fremd ist. 1 n dem Abschnitt Gesänge des Zorns offenhart Bialik das Selbstgefühl und die Strenge eines Propheten. Gott Fiat ihn gesandt; er verkünde( bald strafend, bald tröstend. Flier findet sich Kraft, Pathos, Festigkeit, aber kein bilde!•־ schaffendes und kein gestaltendes Vermögen. Der Stachel der Rede haftet daher nicht iin Gemüt des Lesers. Bezeichnenderweise fordert Bialiks Leserwelt von ihm nichts anderes als er eben gibt. Er ist der Geist, bei dem die Hoffnungen der neuhebräischen Leser Nahrung finden, der Dichter, der ihre Sorgen, ihre Demütigungen, ihre wünsche kennt und ihre Bedürfnisse befriedigt, indem er ihnen eine Zukunft im Morgenlicht, Frieden und Freiheit auf Zions Grund und Boden prophezeit. Erklärung Die auch in der ,,Jüdischen Rundschau“ wiedergegebenen Veröffentlichungen Georg Brandes’ im ״Politiken“ haben begreiflicherweise in manchen Kreisen des polnischen Volkes, vor allem innerhalb des österreichisehen Polentums, peinliches Aufsehen erregt und unangenehme Empfindungen ausgelöst. Man schämt sich, und man hat Grund dazu. Die Tat- Sachen, die Brandes einer weiten europäischen Üeffentlichkeit unterbreitet, sind nachgerade nicht danach angetan, der polnischen Sache Sympathien zu werben. In einer Zeit, wo ein großer Teil der polnischen Nation die Stunde der Erlösung kommen sieht und, aus eigener Kraft nichts vermögend, an der unangenehmen Lage ist, an ,das europäische Gewissen appellieren zu müssen, ist es mehr als unliebsam, wenn die Welt erfährt, wie das schwache und unterdrückte polnisclie Volk, ,gegen die Starken machtlos, den noch schwächeren Volksgruppen, die das Unglück haben, in seiner Mitte zu leben, das Leben zur Hölle macht. macht es genau so wie der Rabbiner. Ich habe genug gesehen und gehe wieder auf den Hof hinab, um mich unter die Tänzer zu mischen; wie ich später höre, gab es oben noch rüde Zänkereien zwischen einzelnen Sekten. Die Erregung *unten läßt nicht nach. Die Kinder zünden dazu bengalische Feuer ari oder lassen Feuerfrösche springen, aber wir sechs gehen gegen Mitternacht zu unserem Araber. Nach kurzer durch Ungeziefer gestörter Ruhe brachen wir gegen vier auf. Noch strahlte ein wundervoller südlicher Sternhimmel, der Mond war kurz vor Mitternacht aufgegaugen und beleuchtete •den ziemlich schwierigen Felsenweg. Bald wurde es glatter, allmählich auch hell. Auf der Höhe genossen wir einen schönen Blick über die ganze Breite Palästinas, vom Mittelländischen Meer bis zuin Tiberiassee. Zuerst stand unter uns über dem Meere noch eine dicke Wolkenmutier, die allmählich vor der Sonne verschwand und dem strahlenden Meere Platz machte. Als w ir wieder unten ankameu, raste auf dem Hoft>das Volk noch immer und hat wahrsclieinlieh die ganze Nacht gerast, mindestens die Chassidim unter ihnen, —- das dürften gegen tausend sein, die anderen sind mehr Zuschauer. An diesem Morgen findet die Hauptzeremonie statt. Man bringt nämlich zürn Lag beomer vor allem die Kinder von drei Jahren hierher, schneidet ihnen die Haare und läßt ihnen die Peies, die Schläfenlocken, stellen, die sie von da an immer tragen. Und jetzt spielen diese Kinder eine Hauptrolle, sie tragen prächtige, zum Teil silberbestickte Kleider und ebensolche Mützen. Der Vater nimmt sie auf den Arm, geht in die Mitte eines tanzenden Kreises, und der Wirbel der Tanzenden, Singenden, Klatschenden bewegt sich um sie herum. Der Uebermut hat allmählich auch die Frauen angesteckt. Ich sehe eine-Gruppe von ihnen, jede trägt eine dicke Kerze, brennend, mit Rosen umwickelt, sie bilden einen Kreis, wie die Männer, und eine wiegt sich in der Mitte in den Hüften, mit allen Zeichen der Ekstase. Alte Frauen stehen daneben, und kreischen ab und zu gellend in den Tumult hinein, ein wunderlicher Anblick. Natürlich können wir nicht bloß Zuschauer bleiben, sondern diskutieren unter uns viel über das Gesehene. Einige waren empört, leugneten die!Wahrheit dieser Empfindungen und lehnten das ganze als Humbug ab. Das war ungefähr die Vorstellung, mit der auch ich nach Merom gekommen war. Aber ich denke nicht mehr so. Mir scheint dieser Rausch mindestens so wahrhaftig wie der hebräische Rausch, den ich von Kairo bis Damaskus staunend erlebt habe, oder wie die nationale Begeisterung bei den großen Festspielen am Peßacli. Ich glaube nicht, daß er ebenso wertvoll ist, aber ebenso echt ist er. Man sagte mir, diese ganze Art der Begeisterung sei arabisch, orientalisch, ganz und gar auf unjüdischem Boden erwachsen, — gut, sei es so, ich weiß es nicht, aber ohne alle diese Unvernunft ist auch das Judentum ärmer. Ich wünsche nicht, daß diese Art Chassidismus bleibt, aber was wir diesen Leuten dafür zu geben pflegen, ist armselig und kein Ersatz. Nie und nimmer hat es einen Wert, einen Glauben einfach zu bestreiten, zu widerlegen, zu vernichten, es kann rutr gelten, seine lebendige Kraft umzuschaffen, ohne ihm sein Tiefstes, die zeugende Begeisterung, zu nehmen. die allein ein Leben lebenswert macht. Während nun die polnische Boykott- und Pogrompresse Warschaus, darunter auch das blutrünstige ״Dva Grosze“, Dmowskis Werkzeug, über die ״Verleumdungen“ der unschuldigen Polen zetert und ihrem Aerger in den unglaublichsten Beschimpfungen des Mannes Luft macht, der Jahrzehnte hindurch der pol-!lisch en Sa die ergebener war, als der seines eigenen Volkes, — versuchen es die Wortführer des ״liberalen“ österreichischen Polentu ms auf ,ihre Art, Brandes’ Anklagen zu ent* kräften. ln der von Prof. L. L. Ritter v. Jaworski in Wien .herausgegebenen Zeitschrift ״Polen“ (Nr. 13, ,26. März d. J.) unternimmt es Herr Leon W a s i I e w s k i, ein aus seinem Artikel über ״die Judenfrage in Russisch-Polen“ auch den Lesern dieses Blattes bekannt gewordener polnischer Schriftsteller, Brandes' Unkenntnis der polnischen Verhältnisse nachzuweisen, um so die Wirkung seiner Publikationen abzuschwächen. Ich habe nicht die Absicht, mich hier mit Herrn Wasilewski auseinanderzusetzen. Es genügt festzustellen, daß die Kampfweise des genannten Herrn von Anfang bis zu Ende auf Verdrehung der Tatsachen und Verschleierung des wahren Sach verhalts beruht, um sie als eine Spiegelfechterei schlimmster, aber auch naivster Art zu charakterisieren. Es werden Brandes Dinge unterschoben, die er gar nicht behauptet hat, damit dann um so kecker an dem vorbeigeredet werden kann, auf dessen Festnagelung es ihm vor allem ankain. Nun, Herr W as i - 1 e \vs k i und Genossen, die von Brandes angeführten Tatsachen sind authentisch verbürgt, und alles Leugnen oder vielmehr Vertuschen ist unnütz. Der gewissenhafte Geschichtsschreiber der polnischen Gesellschaft im zweiten Dezennium des 20. Jahrhunderts wird an den Verbrechen, die sie während des gegenwärtigen Krieges und in der ihm vorangegangenen Epoche an den Juden begangen hat, nicht achtlos vorübergehen. Was mich aber besonders zur Veröffentlichung dieser Zeilen veranlaßt, ist ein Umstand persönlicher Art. Herr Wasilewski scheut nicht den Versuch, meine Ausführungen über die ״Judenfrage .Polens״'in diesein Blatte gegen Brandes auszuspie- 1 e n. Um Brandes gleichsam desavouieren m lassen, beruft er sich auf meine Schilderung des polnisch-jüdischen Kampfes als auf ein ״Zeugnis eines zionistischen Juden, das nicht verdächtigt werden kan n“. Ohne nun auf die Unterstellungen dieses Herrn einztigehen —■ es ist für alle, die die Brandessehen und meine Ausführungen aufmerksam gelesen haben, überflüssig — möchte ich hier mit aller Entschiedenheit konstatieren, daß ich mich mit den Veröffentlichungen Brandes’ nicht nur völlig identifiziere, sondern auch in der Lage bin, das in diesen Veröffentlichungen enthaltene Tatsachenmaterial um Beträchtliches zu vermehren, u. a. Fälle eines beispiellosen Verrats an den Juden, die bereits nach der Brandesschen Publikation geschehen sind, und öffentliche Denunzierung der poln i s c 11 e n und g a 1 i z i s c 11 e n Juden als deutscher Spione in der polniscFien Presse der gegenwärtig von den Russen besetzten Gebiete Galiziens nachzuweisen. Ich darf wohl annehmen, daß Herr Wasi- 1 e w s k i, der sich auf mich beruft und mir einige Kenntnis der polnischen Verhältnisse nicht abzusprechen vermag, von dieser Feststellung Kenntnis nehmen und sie auch seinen Lesern unterbreiten ,verde, L e o R o s e n b c r g. ZIONISTISCHE BEWEGUNG Amerika. Der zweite amerikanische B1 u m e n t a g zugunsten des Jüdischen Nationalfonds hat Sonntag, den 16. Mai, stattgefunden. * An die Misrachi-Konferenz, von der wir vorige Woche berichtet haben, schlofl sich unmittelbar die Konferenz des Rabbiner-Vereins. Sie wurde eröffnet von Rabbiner M. S. Margolis. Unter anderem wurde ein Komitee gewählt, das untersuchen soll, auf welche Weise ein großer Hilfsfonds für die jüdischen O p f e r d e s K r i e - g e s zu sammeln sei.

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