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Jüdische Rundschau · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 175 Aiiiht, als derjenige überführt worden ist, der während des Krieges mit seinen Helfershelfern die Spionage betrieben und dem Feind alle Geheimnisse des Heeres hinterbracht hat. Er und die Mitschuldigen sind erhenkt worden. Der Oberbefehlshaber des Heeres gibt seine Freude darüber kund, daß der Schuldige entdeckt worden ist, und teilt mit, daß er ־es ist, der die Gerüchte von dem Verrat und der Spionage der Bevölkerung v e r b r e i - 1 e t e und die jüdische Bevölkerung i 11 Polen des Spionagedienstes in d e 111 - sclitm Solde a n k 1 a g t e. Das Blatt schreibt: 111<!״x11 den Verrat aufgeregt, den sie überall um sich schleichen fühlten und dessen Urheber sie nicht entdecken konnten, haben die russischen Generäle bisweilen bedauernswerte Maßregeln angewandt: sie ließen in einigen Stunden Städte und Dörfer von jüdischen Familien zu Taus e 11 d e n r ä u m e 11. K e i n e m wurde es gestattet zu bleiben, weder angesehenen Männern, noch Frauen im Kindbett, noch hundertjährigen Greisen. In einigen Tagen wurden in der Gegend von Warschau ungefähr 30 000 1$־ raeliten evakuiert . . . Der Verrat durch Miassojedoff und seine Mitschuldigen enthalt also eine Ehrenrettung für die jüdische Bevölkerung von Polen.“ Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß diese Ehrenrettung etwas spät kommt. Das Verfahren selbst veranschaulicht die Stärke des Rassenhasses. Was ich seinerzeit von dem immer feindseligeren Verhalten der Polen gegen das unglückliche, unter ihnen wohnhafte jüdische Proletariat und von dem grenzenlosen Elend schrieb, in dem dieses Proletariat lebt, war nur gar zu wahr. Es ist in Abrede gestellt worden teils von rechtschaffenen, aber schlecht unterrichteten Polen, die sich ihre Landsleute nicht als Teilnehmer an Pogromen denken können, wie der gebildete Deutsche sich keine von einem deutsehen Soldaten begangenen Roheiten vorstellen kann; teils ist es als unwahr bezeichnet worden von Leuten, die dafür bezahlt werden, überall die Sache ihrer Landsleute zu vertreten und jede Schreckenstat, deren sie sich schuldig machen, keck zu leugnen. Auf denjenigen, der ein umfassendes E2wei$־naterhl besitzt, macht das den Eindruck, daß es ihm seine Ansicht von der Menschheit bestätigt. Luigi Luzzatti, Italiens vieljähriger Finanzininister, hat sich ganz so geäußert wie ich. Der Korrespondent der ,,Vossischen Zeitu 11g“, der z. Zt. in Rußland auf Reisen ist, schreibt: ״An den Osterfeiertagen (die später kommen als Ostern in Dänemark), kamen für die Truppen in Polen große Ostereier an, an deren oberem Teil als Schmuck ein Bild angebracht war, das ein junges, auf mit einem Trommelfell bespannten Tonkrug. Das ist wenig Musik, überhaupt ist es in diesem Jahre Weniger lebhaft als früher, denn seit vor einigen Jahren einmal beim Fest ein Einsturz stattfand, haben die Rabbiner auf die Frauen und die Musiker (Klesmeriin) einen Cherem, einen Bann, getan. Es sind zwar immer noch Frauen da, aber eben nur ein Instrument, und während früher viele Tausende in Merom gewesen sein sollen, schätze ich die Menge jetzt auf höchstens dreitausend, vielleicht noch weniger. Neben der Gruppe mit dem Musiker ist eine andere, in der jemand in der Mitte eine Art Derwischtanz mit dem Bauche ausführt, anderswo gibt es einen Schwerttanz. Die Thora kommt immer näher, die Kinder werden hochgehalten, jeder küßt die Thora, sie wird in langsamem Zuge von Hand zu Hand gegeben, erst vier Ellen vor dem Tore hält sie still und es gibt einen Augenblick Ruhe, idie freilich gleich darauf wieder exzentrischen Tänzen und Gesängen Platz macht. Rings um den Hof ist eine Galerie, sie ist belagert von Frauen, die von oben dem Einzug der Thora und dem Treiben der Männer zusehen. Uns wird es schon zu viel, und wir machen einen kleinen Spaziergang. In der Nähe ist eine große Höhle mit vielen Felsengräbern, dreißig Schüler vom Hause Hillel sind hier angeblich begraben. Oben auf der Höhe noch ein Grab, Rabbi Jochanan, der Schuhmacher! Gott weiß, wer auf die Idee kam, alle diese Leute hier zu suchen! Und überall hin kommen die Pilger und stecken ihre Lichter an und beten oder sagen Kaddisch. Wir liegen auf der Höhe, bis es Abend wird. Wir wollen nicht die ganze Nacht zuschauen einem Tisch festgesehraubtes Weib darstellt. Um sie sitzeii vier polnische Juden, die ihr mit Sauggeraten das Blut abzapfen, das zum jüdischen Osterbrot verwendet werden soll. Auf der andern Seite des Eies werden die Soldaten in polnischer Sprache zu Gewalttätigkeiten deswegen aufgewiegelt.“ Der Korrespondent hat von diesen Eiern photographische Aufnahmen gemacht. 11. Derartige Begebenheiten aus unseren Tagen muß man sieh vergegenwärtigen beim Lesen des Lyrikers, der den Juden Osteuropas als ihr vorzüglichster dasteht und dem ihr unbedingter Glaube und ihre Bewunderung gehören. Seit dem Wiederaufblühen der 11cbräischen Sprache ist Chaim Bialik der Dichter dieser Sprache, der sich der größten und allgemeinsten Beliebtheit erfreut. Wer ihn nur aus Uebersetzungen kennt, hat nicht Sachkenntnis genug, um seine Bedeutung als Beherrscher der poetischen Form zu beurteilen, und muß sich damit begnügen, über den Eindruck von seinem Wesen Bericht abzustatten. Bialik ist 1873 in Radi, einem kleinen Dorfe im russisch-polnischen Gouvernement Wohlin, geboren, wo sein Vater ein ärmliches Bauermvirtshaus besaß, übrigens aber eifrige Talmudstudien betrieb. Als Chaim sechs Jahre alt war, wanderten die Eltern nach Schitomir aus, wo der Vater gleich darauf starb. Der Knabe kam zum Großvater ins Haus, der auch dort wohnte, und erhielt Unterricht in der jüdischen Literatur, wie er vor hundert Jahren in den Ghettis von Westeuropa und heute noch in denen von Osteuropa erteilt wird. Tage und Jahre verbrachte er damit, von einem alten Talmudisten in phantastisch geheimnisvolle Ueberlieferungen eingevveiht zu werden und sich von nicht minder geheimnisvollen Natureindrücken berücken und überwältigen zu lassen. Er sehnte sich nach wirklich lebendigen Kenntnissen, hoffte sie in einer Rabbinerhochschule zu Wo los in zu finden, fand hier aber nur ein beständiges Auslegen von Talmudtexten und endlose Dispute darüber. Doch hier erreichte ihn die iCunde von neuen Bewegungen und Hoffnungen unter den Juden Rußlands; er erfuhr, wie kräftig der Zionismus unter ihnen Wurzel gefaßt hatte und daß sie an Achad-Haam einen geistigen Führer gefunden hatten, um den sie sich zu Scharen versammelt hatten. Um in der Nähe von Achad-Haam zu sein und von ihm befruchtet zu werden, gab B i a 1 i k nun die Hochschule und den Talmud auf und zog nach Odessa, das allmählich seine Heimat wurde. und haben infolgedessen beschlossen, den Sonnenaufgang auf dem Dschebl Dschermak, dem höchsten Berg westlich des Jordans, 1200 m hoch, zu erwarten. Ein Bekannter aus Safed führt uns in die Wohnung eines Arabers, bei dem wir einen Führer mieten und Abendbrot essen wollen. Also wieder ein arabischer Gastfreund, wie auf der Hermonfahrt. Aber diesmal ist es nicht so vornehm. Sein Haus ist aus Lehm gebaut, wir kamen wieder in das Herrenzimmer. In der Ecke der Herd, an der Wand ein Bord aus Lehm, sonst nichts im Zimmer, außer ein paar Teppichen. Wir müssen natürlich wieder in Strümpfen gehen. Wirsetzen uns auf den Teppich und bekommen bald Abendbrot serviert, aber diesmal nicht für uns allein, sondern mit unsern Wirten zusammen. Es kommt ein Tisch, d. h. eine aus Stroh geflochtene platte, runde Scheibe, die auf den Boden vor uns gestellt wird. Darauf kommen ein paar Schalen Yoghurt, einige mit, andere ohne Knoblauch, ich erwische mit meinem Nachbar (wir waren im ganzen sechs Personen zu Besuch) eine ohne Knoblauch, ln der Mitte kommt ein großer Topf Reis zu stehen, auf dem oben ein paar Stückchen gekochtes Hammelfleisch liegen. Ein Glück, daß der Araber weiß, daß Juden bei ihm kein Fleisch essen, wir also von dem mittleren Topf dispensiert sind, denn ich sehe mit leisem Schauder, wie die Araber zunächst mit ihren Händen kräftig in den Reisbrei hineinfahren, ihn schön durcheinander rühren, ein Stückchen Hammelfleisch dazulegen und dann die Hand mit mehr oder weniger großer Eleganz zum Munde führen. Der Brotfladen fehlt natür- Zwar lebte er, um sein Brot zu verdienen, längere Zeit in Sosuowiee, später vorübergellend in Warschau, danach hat er aber fortwährend in Odessa gewohnt, wo er seit 1905 die von Achad-Haam gegründete hebräische Monatsschrift ,,H a s c h i I o a e 11“ herausgibt. Ein einsichtsvoller Kritiker, Rawnitzki, der sein Gedicht ״An den Vogel“ sah, gab ihm Zuversicht zu seinem Talent und in Gemeinschaft mit Rawnitzki leitet er nun seit mehreren Jahren den hebräischen Verlag M o ri a h. Als er im Frühjahr 1908 eine Reise nach Palästina unternahm, war er schon so berühmt, daß die jüdische Bevölkerung dieses Landes, die das Hebräisch redet, in dem Bialik schrieb, jhm als ihrem Dichter huldigte, (deich an der Küste jauchzten Tausende ihm entgegen. Als er unter dem nächtlichen Himmel des Südens ans Land stieg, wurden ihm Feste gefeiert, und die Schulkinder in Jerusalem begrüßten ihn bald darauf mit.seinem eigenen Lied ״Der Segen .des Volkes“. Die Arbeiter in einem Dorfe wanden ihm bei der Nachricht von seiner Ankunft in aller Eile einen Kranz aus wilden Blumen. Fast ununterbrochen wurde er auf seiner Fahrt von einer Kolonie zur anderen von Reitern begleitet. Was Bialik selbst bei diesen Feierlichkeiten redete, machte, so wie ihn das alles packte und er sieh in einfacher Schönheit darüber aussprach, einen tieferen Eindruck als all das Pathetische, was ihr» gesagt wurde. III. Oie Lektüre von Bialiks Gedichten, die jedoch keineswegs entmutigend wirken wird (im Gegenteil), kann eine unermeßliche Melancholie wecken. Das ganze Elend der Menschheit ergreift den Leser, ein dreitausendjähriges Elend, destilliert, konzentriert, mit Hoffnungen, Aufruf und Schwung, göttlichen Illusionen, Sehnsucht und Gebeten versetzt; eine reichhaltige Nichtwirklichkeit als Rahmen um eine einzige Wirklichkeit, die langsam marternde Qual. Ach! wie ist diese Lyrik eine innere! Keine Plastik. Selten etwas Greifbares, Anschauliches aus der Außenwelt; nirgends heitere und sich froh im Sonnenlicht des Lebens ergehende Gestalten. Und wie ernsthaft schreitet diese Lyrik einher! Nirgends ein Lied, nirgends ein kurzgefaßtes, sicher abgerundetes Lied, wie es in Sprachen jüngeren Datums so natürlich ist, die nicht erst dem Wesen und Empfinden des moderlieh auch nicht. Mittlerweile ist es Nacht geworden, und wir gehen zurück zum Grab des Rabbi Schimeon. Jetzt nämlich kommt die Hauptsache: Die große Hadlakah! Als wir auf den Schulhof kommen, ist die Erregung schon ungeheuer groß. Die Galerie ist von Frauen schon dicht besetzt, unten auf dem Hof wilde Gruppen von Tanzenden. Die Worte, die sie dazu singen, sind zuweilen Kapitel aus den Psalmen, zum Beispiel: ״Dies ist das Tor des Herrn, Gerechte ziehen hinein“, oder Lieder mit festem Refrain; ich verstehe nur einige Worte, z. B.: Schim’on bar Jochai, Schim’on bar Jochai, das sich immer wiederholt. Ich steige auf die Galerie, und von hier gibt es ein paar Stufen auf das Dach der Synagoge. Auch dies Dach ist besetzt, selbst auf der Kuppel über dem Grabe sitzt Mensch an Mensch, leicht genug kann hier wieder ein Unglück geschehen, gegen das die paar türkischen Polizisten, die da sind, auch machtlos wären. Oben auf dem Dach ist ein großes Becken aus Stein. Es ist vor allem umlagert, darum steige ich lieber auch auf den Rand der Kuppel hinauf. Gegen 1210 erscheint der Rabbiner von Safed, dem seine Gemeinde um vieles Geld das Recht zur ersten Hadlakah zu erkaufen pflegt. Alles wird still. Er nimmt ein großes Tuch, das wird ganz mit Oel getränkt, und dann steckt er es an, spricht laut den Segensspruch und wirft es in das Becken. Wie es auflodert, spricht er einen großen Mischeberacli, einen Segenswunsch, für ganz Israel. Dann kommen andere an die Reihe, jeder nimmt ein Tuch, man sagt, daß zu diesem Zwecke die kostbarsten seidenen Stoffe geopfert werden, und

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