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Jüdische Rundschau · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 174 JÜED1SCH E RUNDSCHAU Nr. 22 zur festgelegten Stunde die geforderte Summe nicht vollzählig hinterlegt war, bestimmte er für jeden weiteren 1 ag eine Lxtrastrate von je 5000 Rubel. Derselbe Kommandant hielt in der ganzen Umgegend aufrührerische Reden gegen die luden. So forderte er in der Kirche von J ar וו o w die Anwesenden zu Gewalttätigkeiten gegen die luden auf, nach dem Krieg würden sie auch von der Regierung für diese Taten belohnt werden. Nur durch das Eintreten des dortigen polnischen Pfarrers wurde ein Blutvergießen verhindert. ' In | e r z o v .wurden Mordechaj J a n u s e 11 ewitsch und Meilech Hers eben borg aufgehängt, zwei Juden werden vermißt. ln Prz.es 11 ch a drangen die ein/.iehenden Truppen in die Wohnungen der Juden ein, schlugen entzwei, was sie nicht rauben konnten, und schändeten Frauen und Mädchen. Am 20. Oktober kamen die Russen nach Sochac/ew, neun Tage haben sie geplündert und mißhandelt, und kein Jude durfte sicli auf der Straße sehen lassen. Der Keller des Rabbiners wurde nach dort versteckten Maschinengewehren untersucht. In Lowicz wurde ein ISjähriger junger Mann namens Salz am 11. Oktober auf dem (Weg vom Gottesdienst nach seiner Wohnung verhaftet. Später fand inan ihn als Leiche außerhalb der Stadt. Die Russen hatten ihm den Schädel gespalten. Vor kurzem kamen jüdische Handler in das Dorf Jamny bei Lowicz. Die Bauern zeigten ihnen das Grab, in welchem ein Jude bestattet war und erzählten: die Russen hätten auf ihrem Rückzug diesen Juden mitgeschleppt und beim Dorfe aufgehängt. Die Leiche ist jetzt auf den Friedhof in Lowicz überführt worden. Mitte September trafen die Russen den 25jährigen Salomon W i 1 c z v n s k i aus S o in ־ poino, auf einem Rade fahrend. Radfahren eines Juden ist bei den Russen erwiesener Spionage versuch. Wilczynski wird festgenommen, mit Säbelhieben erschlagen und in einen Wassergraben geworfen. An! dem Wege von Piotrkow nach Soinpolno wurde der Jude R a d z i e j e w s k i, Vater von 6 Kindern, lebendig begraben. In Do mb i e war der Jude A 11s c 11 u I eines Tages spurlos verschwunden, man wußte nicht, wo er war und was mit ihm geschehen ist. Nach dem Eindicken der deutschen Truppen kam eine christliche Frau zu den Juden und meldete ihnen, ein Jude sei von den Russen lebendig begraben worden. Man Heß sich an die von ihr bezeichnete Stelle führen, öffnete das Grab und fand dort die Lag beomer in Merom Von Moses Calvary Im erste» Heft des dritten Jahrgangs der ״B1 a u - W e i ß - B 1 ä 11 e r“ steht diese lebendige Schilderung Moses Calvarys, der in einein früheren Heft der ,,Blau-Weiß- Blatter“ schon seine Hermonbesteigung beschrieben hat. Diese Schilderungen sind für die jüdisdie Jugend des Blau-Weiß bestimmt, werden aber auch unsere Leser fesseln Die Redaktion. Meinem Briefe über die Hermonbesteigung lasse ich einen zweiten folgen, in dem ich ein Fest beschrieb, das ich nun vor gerade einem Jahre in Palästina mitmachen konnte: Ihr wißt vielleicht nicht, wer Rabbi Schimeon ben Jochai war? Das war einer der Talmudlehrer, und die Kabbalisten schrieben ihm das geheimnisvolle Buch Sohar zu, das noch heute für die Chassidim das heiligste Buch ist. Sein Grab wird in Mejom bei Safed gezeigt, Grund genug, daß die Chassidim hierher wallfahren, um so mehr, weil auch der Messias einst hier in Merom zuerst erscheinen wird. Der Tag der großen Wallfahrt ist Lag beomer, der dreiunddreißigste Tag zwisehen Peßach 1und Schewtuoth, an dem einst die Hochzeit Rabbi Schinveons gewesen sein soll, und wir beschlossen, gleichfalls hinzugehen, da, wie wir gehört hatten, viele Tausende von Juden, sogar aus Persien ־und der Bucharei, hier zusamntenzukommen pflegen. Schon zehn Tage vor Lag beomer sahen wir in Milhamie und Tiberias die ersten Vorzeichen des Festes. Wir stießen auf ganze Karawanen von Juden, die auf Pferden und Eseln, Männer, Leiche des Altschul. Die Augen waren ausgestochen, die Nasenlöcher zugestopft, der Körper zertreten und in einen Sack gesteckt, ln Dombie hat jetzt Altschul ein ehrenvolles Märtyrergrab gefunden. Einen Kommentar diesen Tatsachen hinzuzufügen, erscheint mir überflüssig, sie reden ihre eigene Sprache, die keinen Widerspruch duldet, sie geben eine Ahnung von der furchtbaren und allgemeinen Katastrophe, die die Juden in Polen getroffen hat und die sie überall dort noch trifft, wo russische Truppen stellen und ihre schwere Faust in der blutigster. Weise die Juden fühlen lassen. Lodz, den 16. Mai 1913. Die Juden Osteuropas und ihr Dichter Von Georg Brandes In Georg Brandes ist, als er das unerhörte Leiden der Juden in Russisch-Polen kennen lernte, das lebendige Interesse an ostjüdisdicm Leben und Schaffen erwacht. Dessen ist der folgende, im ,,Politiken“ erschienene Aufsatz ein Zeugnis. 1. Die russische Intelligenz leidet unter dem Eindruck, daß der Krieg Rußland von seinen Verbündeten, Frankreich und England, geographisch getrennt hat, da man nun zehn oder zwölf Tage braucht, um die Entfernung zwischen der Stadt an der Newa und der Stadt an der Seine zurückzulegen, was sonst nur 48 Stunden bcanspruchtc. Man hat daher begonnen, in Paris ein lehrreiches Wochenblatt ״L’Echo deRussi e“ herauszugeben. Seine erste Nummer enthält verschiedene Mitteilungen von größtem Interesse: einen Appell der russischen Intellektu eilen, erschienen in den fortschrittlichen Blättern von Moskau, unterzeichnet von über 200 Namen, worunter tue hervoi rageoasien in Rußland — an der Spitze stehen Leonid Andrejew, Maxim Gorki, Theodor Sollogub, K. K. A r s e n i e f f, Maxim Kowalewski —; der Appell ist an die Regierung gerichtet und fordert sie auf, die Ausnahmegesetze aufzuheben, durch die Rußlands zahlreiche jüdische Bevölkerung — ca. 5 bis 6 Millionen Menschen - betroffen werden Der Appell spricht den Glauben aus, daß das Blut der russischen Soldaten nicht vergebens Frauen und Kinder, mit Betten, Zelten, Teekesseln und allerlei Hausrat von Jerusalem aus auf Merom zu zogen. Es war ein schönes und buntes Bild, das an die Beduinenzüge erinnerte. Zwischen Safed und Merom steigerte sich das nun; auch Safed ist eine heilige Stadt, aus ihr soll einst der Messias kommen. Sie ist hoch auf einem Berge gelegen, nennt sich die zweite Stadt Palästinas und bietet wundervolle Blicke in die Weite. Von ihr sahen wir schon vor uns weithin Menschen auf Eseln, Pferden, auch Mauleseln. Und als wir selber weiter auf Merom zuritten, kamen wir an ganzen Familien vorbei, die dorthin wollten. Viele pilgerten auch zu Fuß, Leute in schwerem Kaftan, stöhnend •und schwitzend, wer weiß, woher sie schon kamen und wie viele Wochen sie schon unterwegs sind. Die Gegend wurde allmählich felsiger, und es sah wunderbar aus, wie oben in Merom überall auf den Felsen die Leute in ihren bunten Trachteti saßen. Wir gingen zunächst ״nach Schul“, in die Synagoge hinein, durch einen Vorhof, in dessen Mitte ein Zelt aus Palmenzweigen errichtet ist, eine natürliche Laubhütte. Sie dient zum Verkauf von allerlei Lebensmitteln. In der Synagoge selbst ist links ein Gitter, dahinter das Grab Rabbi Schimeons. Es ist bedeckt mit brennenden Lichtern, — wer irgend kann, bringt eine Kerze und befestigt sie. Davor stehen alte Juden und beten, entweder Psalmen oder aus dem Sohar, alle in tiefster und ruhiger Andacht. Wenn sie fertig sind, küssen sie das Grab und gehen fort. In demselben Raum ist das Grab von Rabbi Eleazar, Rabbi Schimeons Sohn; vor ihm dasausgegossen sein wird, sondern daß alle zu Rußland gehörenden Nationen nach dem Frieden mit verdoppelter Energie an der Organisation einer besseren und heiterem Zukunft arbeiten werden. Doch mit Schmerzen und Sch a in müssen die Unterschreiber bestätigen, daß für einen der Rußland bewohnenden Stämme zu den früheren Leiden neue Leiden hinzugefügt worden sind. Die Beschränkung des Rechts, am Unterricht teilhaben zu können, die der jüdischen Jugend gegenüber aufrechterhalten wird, wirkt jetzt um so empfindlicher, als die westliche Grenze versperrt ist und die Aufnahme in russische Schulen und Lehranstalten ihr dennoch in demselben Grade erschwert ist wie früher. Dazu kommt noch, daß, da es den Juden, die in den verheerten Gegenden wohnen, nicht gestattet ist, die ihnen angewiesenen Landstriche zu verlassen, Frau und Kinder eines verwundeten jüdischen Soldaten ihn nicht besuchen dürfen. Schließlich kommen die in dem angewiesenen Gebiete Eingesperrten vor Hunger und Not um. Dies Verhältnis wird nicht nur als ein großes Unrecht, sondern als ein großer Verlust für den russischen Staat selbst bezeichnet. In den Mitteilungen des polnischen Pressebureaus war kurz zuvor ein Tagesbefehl des russischen Generalissimus, Großfürsten Nikolai N i k o 1 a j e w i t s c 11, abgedruckt, in dem es heißt: ״Unsere Kricgserfahrung hat uns die feindselige Gesinnung der jüdischen Bevölkerung in Galizien, der Bukowina und Polen kennen gelehrt. Bei jeder Umgruppierung unserer Streitkräfte infolge einer Truppenverschiebung oder der Räumung irgend einer Oertüchkeit, die dann den Feinden in 'die Hände füllt, hatte die loyale und unparteiische Bevölkerung jüdischer Angeberei wegen schwere Leiden auszustehen. Um nun künftig die armen Einwohner gegen die jüdische Spionage, die an der ganzen Front betrieben wird, in Schutz zu nehmen, hat der höchste Befehlshaber des russischen Heeres beschlossen, sämtliche Juden aus den vom Kriege berührten Ge- ״enden zu entfernen. Sobald die russischen Truppen irgend einen Ort besetzen, ist dieser ungesäumt von den Juden zu räumen. Die Wohlhabenden werden als Kriegsgeis-el ins innere Rußland, vorläufig ins Konzentrationslager von lösw־!getjraeht«LMe fttMmtefj die Grundbesitzer, überhaupt diejenigen, die auf die große unwissende Masse einem Einfluß haben, sind allererst anzuhalten und fortzusenden . . . Vorläufig können die Juden aus vielen Gegenden an das linke Ufer des Dnjepr deportiert werden.“ Wie bekannt, wurden sie massenweise ohne Frist auf die Landstraßen hinausgetrieben. Nun teilt ״L’Echo de Russie“ ausführlich und mit großen Buchstaben die Neuigkeit mit, daß der Gendarmerie-Oberst Miassojedoff, der Dolmetscher des Generalstabes der 10. selbe Bild. Um den Eindruck des Gebets zu vervollständigen, stecken manche Leute noch Weihrauch an. Weihrauch, Kerzen, alles das gibt es zu kaufen, und damit ja nichts fehle, was hier im Orient mit den heiligen Stätten untrennbar verbunden scheint, wird auch noch gebettelt. Rings in dem Raum und ebenso in den Nebenräumen sind Kissen ausgebreitet, auf ihnen ruhen die müden Pilgerfamilien, besonders die Frauen. In dem Halbdunkel, das von den vielen Kerzen an den beiden Gräbern eigentümlich erleuchtet ist, ein eigenartiges Bild: bunte Kleider, viele kleine Kinder, Frauen liegen ausgestreckt und rauchen die Nargiieh, die Wasserpfeife, in einem andern Nebenraum, an der einen Seite des Schimeon-Grabes, betet ein Minjan, dann wieder kommt eine Frau, tiefernst, noch gebetveramken, von der Grabstätte und wischt sich die Tränen aus den Augen. : Als ich herauskam, ging es auf dem Hof schon ein wenig wild zu, einzelne Gruppen tanzten in großen Kreisen um einen, der in der Mitte stand, mit wilden hebräischen Liedern, klatschend, mit den Füßen stampfend, sich immer stärker erhitzend. Wir gingen hinaus zwischen die Felsen. Da kam von Ferne ein Zug: Die Sefer Thora aus Safed wird in einem Weg von drei bis vier Stunden lierausgebracht. Voran eine Kawalkade zu Pferde, dann Männer mit Fahnen und Wimpeln, dahinter die Sefer Thora selbst, getragen von einem Manne zu Fuß. Sobald sie sichtbar werden, wird es oben auf der Höhe noch unruhiger, die Männer fangen an, noch wilder zu tanzen, und einer schlägt ein einfaches Instrument dazu, einen unten statt des Bodens

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