Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die russische Soldateska gegen die polnischen Juden Dritter offener Brief an The American Hebrew Von Feldrabbiner Dr. Arthur Levy Unser Gesinnungsgenosse Feidrabbiner Dr. Arthur Levy sendet uns mit der Bitte um Veröffentlichung seinen dritten offenen Brief an die Wochenschrift ״The American Hebrew“. Wie in seinen ersten zwei Briefen weist er auch diesmal durch die nüchterne Anführung von Tatsachen nach, welche Leiden die polnischen Juden durch die russische Soldateska zu ertragen haben. Es ist eine geraume Zeit, daß ich Ihnen meinen letzten Brief geschrieben habe. Ich hatte eigentlich die Absicht, nicht über die in Ihrer Zeitung erschienenen Veröffentlichungen hinauszugehen. Mir dünkte, es wäre genug des Grauenhaften berichtet, und für den, der hören und sehen will, ist der Beweis für die ungeheure Schuld des russischen Blutregiments zur Evidenz gebracht; es steht fest, daß die russische Soldateska*,Ätf die wehrlosen Juden gehetzt, an diesen vr-r-H L-1t *die 1:.״ und Raserei grenzen, daß das russische Reich sich mit dem unschuldigen Blut zahlloser Juden befleckt und den ganzen Tiefstand seiner Kultur durch die Greueltaten plündernder Kosaken und blindwütiger Horden vor den entsetzten Augen der Mitwelt auf gedeckt hat. Das ist eine Tatsache und gehört der Geschichte an, und keine Verdrehungskunst vermag an ihr zu rütteln. Allein es scheint, daß über den Umfang der geschilderten Grausamkeiten man sich nicht die richtige Vorstellung macht, und, wenn ich früher gesagt habe, daß die Zerstörung Jüdischen Lebens und jüdischen Gutes sich wie eine verheerende Welle durch ganz Polen wälzte, so soll Ihnen und der Welt dieser dritte Brief, der eine Auswähl aus dem mir vorliegenden Material, meinen Beobachtungen und Erfahrurtgen darstellt, zeigen, daß ich damals nicht zuviel gesagt habe. Ich war vor kurzem in Kierniecia. Man führte mich dort in einen kleinen Garten. Es war der Garten des Ortsrabbiners. Jetzt ist er zum Friedhof geworden. Dreizehn frische Gräber sind dort aufgeworfen, Gräber von erschlagenen Juden, die von den Russen niedergemacht und in Löchern verscharrt worden waren; nach dem Einrücken der Deutschen wurden sie exhumiert und in Kierniecia beigesetzt, wo ihre Gräber in ihrer stummen Sprache erschütternde Anklage erheben gegen russisches Barbarentum. In Lenczyca zogen in einer Novembernacht die russischen Soldaten raubend und pliindernd durch die Straßen der Stadt. Als sie sich dem Hause einer Familie Blum näherten, verriegelte deren 18jährige Tochter die Tür, um die Eindringlinge fernzuhalten. Ein Soldat schoß durch die Tür und zerschmetterte dem jungen Mädchen den Arm, der später abgenommen werden mußte. Ein in demselben Hause wohnender Feldscher Abram So Ine eilte zum Arzt, um schnell Hilfe zu holen, und das sollte ihm zum Verhängnis werden. Er wurde, obgleich er, als Mitglied des russischen Roten Kreuzes, die weiße Binde trug, von den Kosaken verhaftet und unter Anklage der Spionage gestellt, ln seiner Wohnung wurde unterdessen viel Geld, Gold, Silber und Kostbarkeiten geraubt, seine ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffenilieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Frau und Kinder, auch ein jüngerer Bruder mißhandelt. Auf der Kommandantur sollte er seine Schuld durch Untersfhi eiben eines ihm vorgelegten Schriftstücks bekennen, und, als er sich weigerte, wurde er geprügelt und eingesperrt. Am dritten Tage brächte man ihn, an Händen und Füßen gefesselt, nach Lodz, wo sein vom Kutnoer Etappenkommandanten verhängtes Todesurteil bestätigt nd vollstreckt werden sollte, ln der Umgebung des Lodzer Ortskommandanten befand sich aber eine Dame, eine Französin, von der bekannt war, daß sie auf den Offizier großen Einfluß besaß. Die zum Wahnsinn verzweifelte Frau des Verurteilten wandte sich an diese und mit Bitten und Beschwören und einer Summe von 1000 Rubel gelang es ihr, das Herz der Dame zu rühren, und der Feldscher wurde nach entsetzlich qualvollen Stunden wieder freigegeben. In Kutno wurde! drei Juden, Isak und w Tffi!1»״ der 4Cj4hf%e WTEko ws k i vom Landrat verhaftet, weil sie die Deutschen bewirtet hätten. Nach Lowicz gebracht, wurden sie zu 50 Knutenhieben verurteilt. Einer der beiden Brüder wurde im Anschluß an die Exekution so schwer mit Stöcken mißhandelt, daß er am anderen Tage starb. Die beiden anderen entgingen diesem Schicksal dadurch, daß sie unangekleidet vom Richtplatz flüchteten. In der Nacht vom 11. zum 12. Oktober drangen 5 Kosaken in das dortige B e t h - Hamidrasch ein, wo die Juden zum Gebet versammelt waren, schlugen die Scheiben entzwei und bedrohten die Juden, die entsetzt durch die Fenster flüchteten. Ein alter öOjähriger Lehrer konnte nicht schnell genug entkommen und erhielt einen Säbelhieb über den Kopf, der ihn für längere Zeit aufs Krankenlager warf. Am 11, Oktober kamen die Kosaken in die Wohnung des einige 50 Jahre alten Meilich H i rs c h b e r g, verwundeten ihn mit ihrer Lanze, und der Jude wäre getötet worden, wenn er nicht mit 75 Rubel sein Leben freigekauft hätte. An einem Sonntag im November war in Kutno ein Pogrom unter dem Beistand der Kosaken vorbereitet und sollte seinen programmäßigen Verlauf nehmen. Die jüdischen Soldaten der in Kutno liegenden Truppen stellten sich aber den Kosaken entgegen, es kam zu einer Schlägerei, in deren Verlauf in die Luft geschossen wurde. Jetzt erst griff der Kommandant ein und schickte die Soldaten in die Kaserne. Die Juden schützten sich nun in Zukunft dadurch gegen Gewalttätigkeiten, daß sie jüdische Soldaten bei sich ins Quartier nahmen, und in der Tat blieben sie auch unbehelligt, solange die russischen Truppen in Kutno lagen. Ihre Beschützer nannten die Juden dankbar ״die Soldaten von Messias’ Bataillon", In Glowno wurden im November alle jüdischen Läden geplündert, die Juden mißhandelt und der Feldscher Abram Rosenberg mit seinen beiden Söhnen verhaftet. Der Rabbiner begab sich mit dem polnischen Ortsgeistlichen zum Kommandanten, um sich für die Verhafteten zu verwenden. Dieser wies ihn ab mit den Worten: ״Wir wissen, was Ihr Juden mit den Deutschen tut, Ihr geht ihnen entgegen und behandelt sie wie Gäste.“ Nach einer halben Stunde war der 49 Jahre alte Rosenberg tot, was aber mit seiiien Söhnen geschehen ist, weiß man nicht. Am 6. Dezember kam in diesen Ort während einer Kanonade eine Abteilung Tscherkessen, holte die in die Keller geflüchteten Juden nebst Frauen und Kindern hervor und stellte sie zum Erschießen in Reih und Glied auf. Mit viel Müh und Geld gelang es den Juden schließlieh, das Unheil abzuwenden. In Goinbin, wo der Kommandant sich mit den Worten rühmte, ״mein Gericht ist nicht gerecht, aber schnell“, wurde Ende November ein junger Mann namens Zelonka in der Stadt erschossen, drei andere, der 30jährige Klempner H o I z m a n n, der 22jährige Sclmeidergeselle Woidislawski und der 40jährige Lastträger Wein gro ß,,wurden verhaftet, auf dem Rückzug mitgeschleppt und unterwegs getötet. Ein 22jähriger Poznanski wurde festgenommen und weggeführt, sein Schicksal ist bis zur Stunde unbekannt. Ein junges Mädchen wurde geschändet. In Saniki wurden zwei Juden festgenommen und fortgeschleppt. Was mit ihnen ge- •schehen ist, weiß man nicht. Auf der Straße von P1 ock nach Bozanov liiiiren ■zwei jtidtfl. unterwegs begegne?« lluÄr die Russen, sie werden verhaftet, drei Tage hindurch •mißhandelt und schließlich bei Bozanow auf gellängt. Auf dem Wege von B o 1 k o w nach Sloczew wurde ein jüdischer Handlungsgehilfe und ein Selig Lachs aus B o 1 k o w aufgegriffen und getötet. Sechs jüdische Kaufleute aus Sulejow hatten in Dobrzylin Zucker gekauft, wollten ihn auf ihren Wagen nach Hause fahren. Sie sind nicht zurückgekehrt, auf dem Friedhof in L o w i c z liegen sie begraben. Die Russen haben sie unterwegs getötet. In Sloczew wurde der Jude Helfant auf dem Hofe des Hausbesitzers Kempinsky aufgehängt, weil er den Deutschen Proviant geliefert hätte. Seinem Sohn sollte dasselbe Schicksal bereitet werden, es gelang ihm aber, zu entkommen. Aus demselben Grunde sollte auch ein Heinrich Kohn aus Sloczew getötet werden, er entzog sich der Verfolgung, indem er sieh in Frauenkleider steckte. ln Lodz wurde Abram Simchc Ko han an einem Freitag Abend vom Tisch weggeholt, aus dem Kreise seiner Frau und 10 Kinder fortgeschleppt und getötet. In derselben Zeit wurde der Klempner Meier Blechmann getötet, angeblich weil er das Telephon beschädigt hatte. Ein dritter Jude, Meilich E 11 e n b e r g, ein harmloser Stubengelehrter, wurde wegen Spionageverdacht eingesteckt, der auf die in seiner Wohnung gefundenen deutschen Zigarren gestützt wurde. Er wurde zum Tode verurteilt, gefesselt an einen Baum gebunden und mußte dort in bitterkalter Dezembernacht ohne Mantel und warme Unterkleider 14 Stunden lang stehen bleiben, gepeinigt vom blutigen Hohn russischer Soldaten. Ein Offizier trat an ihn heran, faßte ihn an die Kehle und bemerkte kalt lächelnd: ״Die wird den Strick schon aushalten.“ Mit großer Mühe gelang es noch in letzter Stunde einer Lodzer angesehenen Persönlichkeit, den Unschuldigen vom Tode zu erretten. In Kiele* legte der Kommandant eines dort eingerückten Kosakenregiments den Juden eine Kontribution von 100 000 Rubel auf und, als