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Jüdische Rundschau · 1915-05-21 · Heft 21 (21.5.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 21 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 67 נ •fc“ Nr. 21 J U EDI SCH E in Paliisliiia nicht geschaffen, solange sic nicht; ״. j c g e ״ d u ח tt für Jahre hm a 11 s Körner- Lu nrt.t, wo die Verhältnisse es gestatten, Viehzucht hetreihen Wenn die Juden auf diese Weise Vorgehen, können sic nicht nur einen große״ Bcvölkmingsnnvachs erhalten, sondern eine Getreidekammcr Aegvniens, der Türkei ganz, bestimmt; im Gegenjatz zu der!״Mischen Begebenheit zu Zeiten Vater ^k'tkr geschulte Volks Wirtschaftler und jeder weitwirtseh ifliieh orientierte Agrarpolitiker wird für diese hausbackene naturalwirtschaftliche Weisheit nur ein Lächeln übrig haben. Unter nichtjiklischcn, ans Hindern mb beschrankten landwirtschaftlichen Verhalt- ״isscii .stammenden Beurteiler« unserer paliistinensisclien i andwirtschaft sind diese Ansichten allgemein. Uassclbc las ich vor kurzem in einer langen Artikelserie über Palästina in der ״Neuen Züricher Zeitung“. Aber auch von jüdischer, allerdings noch weniger sachkundiger Seite erfuhr unsere Kolonisatioii in Palästina vielfach eine nicht gelindere Beurtcilnng. Der großstädtische, idylfcnsüchtige jüdische Paliistimdahrcr vermißte noch dazu gar sehr die bäuerliche ״Einfachheit“ der Wirtschaffs- und Lebens- Verhältnisse, Was lag da näher, als einen Vergleich zwischen den jüdischen und den deutschen Kolonien aimistclleii! Hier bescheidene, feldwirtsdinftliche Verhältnisse, gemächliche Ruhe mul Behaglichkeit, dort pfianztingswirlschaftliche Millioneiuinteniclimen, weltnirtsrlialtlidie Spekulationen, rastloses Streben und Vorn,׳,irtsdrängen. So wurde das deutsche W i I - hol 111a gar oft unserem l> et 11 ach T i k w a 11 als Muster ״«,gehalten. Nun bestreitet niemand, daß, unsere Kolonisten auf dem Gebiete der Feldwirtschaft, ganz besonders der Viehhaltung, von ihren deutschen Nachbarn viel lernen können. Aber eins sali man nicht: da fl nämlich unsere judäisdicn Kolonien eine höhere Stufe landwirtschaftlicher. Entwicklung repräsentieren. Line höhere Stufe, zu der der deutsche (und der bessere arabische) Kolonist mit tniverhohlener Bewunderung und iniverhülltcm Neid emporblicken, mit dem Bewußtsein, liier gar viel von den Juden lernen zu müssen. Lm Besonderer Grad von Mangel an Sachk c 1; n t n i s in der Beurteilung der landwirtschaftlichen Verhältnisse Judiias kennzeichnet nun diu Ansfüllruiigen, die Herr Dr. Arthur Kahn soeben veröffentlicht hat. Anders vermag ich die Ausführungen dieses sonst schätzenswerten und besonnenen Schriftstellers in der letzten Nummer der ״J ii d i s c 11 e n Press c“ nirht /n charakterisieren. Sie beweisen nur, daß Ernsthaftigkeit und Besonnenheit allein nicht ausreichcn, wo es an Sachverständnis gehricht. Ileir l)r, Kahn geht mit allen denen, die mit unserer palästinensischen Kolonisationsarhcit in unmittelbaren oder mittelbaren Beziehungen stehen, also in erster Reihe den Kolonisten selbst um! allen Organisatiouen die die Kolonisation Erez Israels hetreiben, in überaus scharfer Weise zu Gericht ihrer verfehlten Agrarpolitik schreibt er in erster Reihe den betrübenden Umstand zu, daß sich schon beim Kriegsausbruch eine so bedenkliche Nahrungsmittelkalamit.it in Palästina bemerkbar machen konnte. .,Palästiim hat uns eine Enttäuschung reitet“, zitiert der Artikclschrcihcr aus einem Z1,1:1״a11(.ene11 Schreiben ״eines New Yorker, Erez Israel hochverdienten Juden״ .״Die Kunde einer schon beim Kriegsausbruch entstandenen heihm um von Erdie nälmmgskalaniität hat In hiesigen Kreisen auf Freunde der Kolonisation Palästinas geradezu verstimnieiid gewirkt. Was? fragte man sich, schon jetzt, w0׳ der eigentliche Kampf noch nicht einmal eiligeset/t hat, selion Hungersnot, da muß doch vieles *aul sein, und entweder das Land oder die Menschen oder beide müssen für eine dauernde Siedlung unbrauchbar sein." i lerr Dr, Kahn fügt noch hinzu, ״daß man auch in deutschen jüdischen Kreisen mit recht peinlichen Gefühlen vernahm, daß in Palästina, zu des on wirtschaftlicher Aufbesserung Millionen über Millionen aufgewendet wurden, von wo man uns wahre Wunderdinge über aufblühende Kolonien bcrichtete, eine Hungersnot ausbrechen konnte. Eine Hungersnot in einem noch dazu menschenarm zu nennenden Lande, das keine europäischen Industrie- Städte mit mittellosem Arbciterproletariat, keine dem Ackerbau abgewandten Großstädte hat! Hingegen bereits über achttausend der Bodenkultur obliegende Juden in au!blühenden Kolonien!“ Und sich auf die auch von uns wiedergegebenen Ausführungen des Protestantischen Palästinensers berufend, fährt er fort: ״Ein einziger Heuschieckenschadcn, wie er Palästina angeblich in diesem Jahre in Kalamität gebracht haben soll,, hätte noch lange nicht eine völlige Hungersnot verursachen dürfen. Es liegt also tatsäenheb an der total irrationalen Bodenbc- " i r t s c h a f t u n g, die diese Kalamität hervorgerufen hat. Daß cs in diesem Jahre zu keinerlei Obst- bzw. Fruchtausfuhr aus Palästina kommen kann, daß vielleicht Zchntausende von Zentnern von Trauben, Oliven, 'Orangen usw. dem Verderben ausgcsetzt sein werden, weiß man dort so gut wie liier. Und daß in diesem Ueberfluß und Reichtum von Obst, Wein und Oel die Menschen verhungern müßten, wenn nicht die Immer hilfsbereiten amerikanischen Juden eingesprungen wären, — ganz abgesehen von den von deutschen und anderen europäischen Juden d:,s ls. c'nc Schande für wie hrfUstmcMsiNchc Kolonisation.״ Hin V?« .!rk\ f°vicl lrrtl’>׳nt'r. Wie verhalten sich , ,*״ *:'U'lteh? Der Krieg hat in Palästina 1 ״ k V ״,r" Wlrkl״,Kc,> gezeitigt, wie in Deutschland. Unser Palas(״,n ist ein Exportland. Die paliistinen• s.sche Wirtschaft ,st, wie die Deutschlands, auf normale Verhältnisse normaler Zeiten zugeschnitten. Das |s.°!1c״r* c *st ebenso einer Nahrunjfsfnittcl* kalaiuitat misgesetzt, wie jedes andere Getreide einführende Land. Wie cs auch Deutschland wäre. Wie hatte cs hier wold ohne gemeinnützige Beschlagnahme der Octreulevorräte, ohne Höchstpreise und ohne Brotmarken ausgesehen? Nun, in Palästina ist nichts dergleichen geschehen. Dagegen drückende Reqtiisit tonen, Kornwuclicr schlimmster Art, von einer staatlichen Verbrauchs regulieruug keine Spur. Und noch eins: Palästina leidet vor allem und viel mehr durch die Abnahme der Kaufkraft, als der Kaufg e I c g c n h c i t. Bisher ist die Bevölkerung Palästinas nicht verhungert. Und dies hat sie v 0 r a 11 c m dem Umstand zuzuschrciben, daß gerade in unseren zionistisehen Farmen so viel Getreidevorräte vorhanden waren, um die Bevölkerung in den Städten zu versorgen. Auel» zeugt nichts besser gegen die merkwürdige 1 alsachcnfrenullicit des Arlikelselireibcrs, als die Bcmerkimg, ״Palästina habe keine Industrie- Städte mit mittellosem Proletariat, keine dem Ackerbau abgewamhen Großstädte“, Palästinas Städte bergen ein ungeheures Heer von ״Nur-Konsunienten“ in des Wortes s e h I i in m s t c m Sinne. Menschen, die überhaiipt nichts produzieren. Herr Dr. Kahn, ein C 11 a - 111 k a I re 1111 d, wenn ich nicht irre, übersieht dies geflissentlich. Was aber die ״Schande“ betrifft, daß ״bei einem Reichtum und Ueberfluß an Obst, Wein und Oel die Menschen verhungern müßten“, sb ist dies gar keine Schande, Wie cs auch keine Schande für Deutschland ist, hei einem Ueberfluß und Reichtum an Maschinen, Mänteln und chemischen Präparaten einen verhältnismäßig geringen Getreidevorrat zu besitzen und daher mit dem Brote sehr sparsam umgehen zu müssen. Schließlich wird aber auch dieser furchtbarste aller Kriege nicht ewig dauern. Die Hilflosigkeit, in der sich gegenwärtig unser nach außen isoliertes, im Innern aber von jeder öffentlichen Wohlfnhrtsorganisntian entblößtes Land befindet, ist eine durchaus natürliche Erscheinung, eine tmabwendbare Folge einer naturgcvvaltigen Erschütterung aller normalen Lebensverhältnissc. In diesem Zustande vorübergehender Hilflosigkeit aber bedarf Erez: Israel nicht der Kritiker und Strafredner, sondern des schlichten jüdischen Mit׳ gefühls und der tatkräftigen Hilfe. Renegatentum Durch die deutsche Tagespresse ohne Unterschied der Partei-Richtung ging vor einigen Tagen unter obiger Uebcrschrift folgende Mitteiliing: ״Naturalisierte Deutsche, die in der ״Times" und andern Blättern ihre Verabscheuung über die ״barbarischen Methoden“ der deutschen Kriegführung aussprachen, sind Sir Felix Sc- »ton, Sir Felix Schuster, Sir Carl Meyer, Leopold Hirse 11, AugustCohn und der Präsident der ungarischen Gesellschaft in London Louis Fe I bc rma n n.“ Diese wohl nicht ganz unabsichtlich gctroffeite Auswahl aus einer vermutlich doch größeren Liste von Namen verdient unser auf• merksames Interesse. Es ist nicht schwer, sich die Kommentare auszumaien, die sich an diese, auch in ihrer lakonischen Kürze ja recht vielsagende Notiz geknüpft haben würden, gäbe cs nicht einen ״Burgfrieden“ und eine amtliche Zensur. Aber wenn über kurz oder lang diese Segnungen des Krieges erst wiederden Schrecken des Friedens Platz machen müssen, dann werden zweifelsohne allerlei Kommentare, deren krampf* hafte Unterlassung so manchem politischen Journalisten heute erhebliche Dnickbeschwcrden verursacht, um so gründlicher nachgeholt werden. Wir Juden hingegen haben nicht nötig, zu diesem Thema zu sciiweigen. Mehr noch: es ist unsere moralische Pflicht, dazu das Wort zu nehmen. Kein amtlicher Zensor wird uns hindern, die naturgemäß nicht vorurteilslose Kritik der andern durch ernste Selbstkritik zju ersetzen. Und keine Forderung des Burgfriedens verbietet es uns, durch offenen Kampf gegen eigene Schwächen an jenem allgemeinen Läute• rungsprozeß teilzunehmen, der unter den Wehen der Gegenwart die Hoffnung auf eine neue, bessere Menschheit gebären will. Es gehört wirklich zu den merkwürdigen Erscheinungen der Individual* und Vöikerpsyehologie: daß Menschen, ja ganze Mcnschheitsgruppen, die sonst auf allen Gebieten des praktischen Lebens vielfache Beweise eines höchst gesunden Verstandes und einer scharfen Beobachtungsgabe liefern, im Punkte der Selbstbcobaehtung und in der Abgrenzung ihrer persönlichcn Stellung zur umgebenden Welt so völlig versagen können. Es ist ja schließlich nur e i n Beispiel für so viele und häufige Vorkomm• nissc, wenn wir uns auch jetzt wieder angesichts der oben genannten oder vielmehr gebrandmarkten Naznen die schmerzliche Frage vorlegen müssen: wie ist es überhaupt nur möglich, daß Männer, die ihr Anseiten in der englischen Ocffcntüchkeit doch sicherlich einer vortrefflichen Begabung zu verdanken haben, so ganz ohne Augenmaß dafür sind, wie sie durch die öffentliehe Preisgabe ihres Deutschtums zugleich ihr jüdisches Stammcstum (mögen sie vielleicht auch dieses schon in׳s Pfandhaus getragen haben) und vor allem doch ihre eigene Persönlichkeit vor aller Welt heillos kompromittieren. Vom deutschen Standpunkte aus ist oft und mit Recht beredte Klage darüber geführt worden, daß es den Deutschen in fremdem Lande gar so leicht zu fallen pflegt, ihr altes Volkstum abzustreifen und das neue Wohnland womöglich gleich in der ersten Generation als ״Vater“•!and zu requirieren. Solche Töne des Zornes und der Verachtung schlagen in der Brust des Nationaljuden verwandte Saiten an! Auch unser Stammesstolz wird durch analoge Erscheinungen auf jüdischem Gebiete angeckelt und beleidigt. Und wir empfinden es beinahe als einen Trost, daß das Judentum in diesem Punkte am Deutschtum lange Zeit hindurch einen Leidensgefährten hatte. Vergleichender Geschichtsbetrachtung dürfte cs tatsächlich nicht zweifelhaft sein, daß cs sich in beiden Fällen tim krankhafte Vcrirrungen der Volksseele!tändelt, die verwandter Grundlage entstammen. I" '1! '־ '׳'׳־ bcwußtscins, die so manches Kohr im winue schwanken, so manches den Halt vollends ver• lieren lief]. Die Jahrhunderte breite Unterbrcchung in der Entwicklung ihrer Reichs- Geschichte hatte ja auch die Deutschen auf ctgenein Boden einen ähnlichen Prozeß der Entnationalisierung durchmaclien lasssen, wie ihn über uns Juden die Diaspora verhängt hat. Man war mehr Preuße, Hesse, Bayer als Deutscher. Hier wie dort besaß, man wohl die instinktive Anhänglichkeit an vertraute Bilder und Erinncruiigen der Vergangenheit. Aber zum ausgcprägten, zielstrebigen Nation,׳»Ibewußtscin fehlte es beiderseits - wenn auch natürlich in unterschicdlichem Maße - an einer ununterbrochenen geschichtlichen Tradition, an dem in der Kette der Geschlechter immer wieder erneuten Erlebnis vom ethischen Wert und der sittlichen Kraft der völkischen Geschlossenheit. Es fehlte an der Im Staate organisierten Zusammenraffung aller Einzelkräfte, die jedes Individuum in einen Kreis von Rechten und Pflichten hineinstellt und jeden Einzelnen, indem sic ihn das Glück der Solidarität empfinden läßt, auch mit hoheitsvollem Stolz auf den erprobten Wert seiner Gemeinschaft erfüllt. Wo an Stelle gesunder, staatlicher Bodenständigkeit die zentrifugale Tendenz eines Wurzellosen Kosniopolitismus wirkt, da sproßt lind blüht das Renegatentum! Den Deutschen erwuchsen zur rechten Zeit noch gewaltige Persönlichkeiten; Männer, die den nationalen Einheitsgedanken in verjüngter Kraft aus dem Boden zu stampfen verstanden; eines neuen Reiches Schmied erstand. Das Bewußtsein, ein Deutscher zu sein, erhielt einen frischen kräftigen Inhalt. Und kein Zweifel: das Erlebnis der Gegenwart wird die letzten Reste jener alten Fäulnis aus dem stolzen Bau hinausfegen. Nach diesem heroischen Kampf gegen eine Welt von Feinden wird es deutsche Volksverräter nicht mehr geben. Nur unser jüdisches Ueberläufcrtum wird weiter gedeihen, weil u n s —- es hat ja alles Geschehen letzten Endes seine ganz natürlichen Oründe! — auch weiterhin noch die zentripetale Macht einer

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