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Jüdische Rundschau · 1915-05-21 · Heft 21 (21.5.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 21 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 166 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 21 Auch eine ״Enttäuschung“ Von Leo Rosenberg Es gibt Leute, denen Palästina fortwährend Enttäuschungen bereitet. Wenn cs im Bereiche geistiper Bestrebungen und Zwccksctzungen geschieht, dann wundern wir uns nicht mehr, bagegen sollte man meinen, da(5 auf dem Gebiete des Wjrtschaftslebens dem Wirrwarr auseinandergehender Meinungen und streitender Tendenzen ein viel engerer Spielraum geboten sei, als auf dem des geistigen Lebens. Werden doch da die Lchrmcinungcn und Theoreme fortgesetzt von den konkreten Tat- Sachen und Erscheinungen korrigiert und bestimmt. Sicher und zielbcsvuOt schreitet hier die Entwicklung, von immanenten Kräften getrieben, vorwärts, während die theoretischen Systeme und Ideologien mühsam nachhumpcln. Und doch hinderte dieser unverrückbare Maßstab der Wirklichkeit und das unfehlbare Korrektiv der konkreten Gestaltung nicht, dafl mich die Wirtschaft und das Wissen um sie zum Tummctplatz, weit auseinandergehender, einander polar entgegengesetzter Lchrmcinungen und praktischer Forderungen wurde. Ich denke hier vor allein an das viclumstrittene und jetzt wieder akut gewordene Problem der wirtschaftlichen ״Selbständigkeit“, der ״Autarkie“ der Volkswirtschaft. Oder prägnanter ausgedrückt: das Problem der internationalen oder geographischen Arbeitsteilung. Und auch liier ist die schwerfällige Wirklichkeit den leichtbeschwingten Theorien weit vorausgceilt. Während die Gelehrten (und die Politiker) noch darum eifrig stritten, hat sich diese internationale Arbeitsteilung in den wichtigsten Zweigen der Wirtschaft fast restlos durchgesetzt. Die Nationalwirtschaft hat sich seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts überall in eine Weltwirtschaft ■ ausgeweitet. Auch Deutschland ist zu einem ausgesprochenen Industrieland geworden, das einen großen Teil seiner Nahrmtgsmittel dein Weltmarkt entnimmt. Es ist' aus einem Getreide ausführcmlen Lande, wie cs anno 70 noch war, zu einem in immer wachsendem Malle Getreide einführenden geworden. Die ״Selbstgenügsamkeit“, die ״Autarkie“, war dahin. Und es fiel keinem ur* feilsfähigen unparteiischen deutschen Oekoiiomen ein, .die zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands vom Weltmarkt als eine beklagenswerte Erscheinung hinzustellen. Dali Deutschland immer mehr Nahrungsmittel kaufen mulite — was macht cs, wenn nur das Steigen des Kauf b c d ti r f n i s s c s mit dein der Kaufkraft Hand in Hand ging? Es kam letzten Endes nur auf eine günstige Handelsbilanz an. Es gab allerdings immer Wirtscliaftsromantikcr und Verherrlicher der ״guten alten Zeit“, denen die ״Autarkie", die wirtschaftliche Autonomie, als Ideal vorschvvebtc. Daß für diese Bestrebung nicht objektiv Wirtschaftliebe Momente, sondern teils ideelle, allzu ideelle, Kriegsbriefe deutscher und österreichischer Juden"') Ein schönes Buch. Die Tendenz der Summhing ntag das Vorwort aussprechen: ״Maßgebend für die Aufnahme war das nusgesprochenc Verhältnis des Schreibers zum Judentutn, gleichviel welcher Richtung er angehört. So wurden die ungelenken Zeilen des Kleinstadtjuden ebensowenig verschmäht wie die Auf Zeichnungen des Intellektuellen. Der Vertreter des liberalen Judentums kam genau so zu Wort wie der Anhänger der überlieferten Lehre. Und neben Acußernngen des Zionisten stellen die des deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens.‘1 Die Absicht ist gelungen, Das Leitmotiv bilden die Beziehungen des J uden zu in Judentum oder doch zu Juden. Es entsteht ein wirklich lebendiges Bild solcher Beziehungen, so hat das Buch seinen Zweck erreicht, und jede Kritik an den einzelnen Briefen, ihren Gedanken, ihren künstlerischen Qualitäten, der Stimmung, in der die Schreiber zum Judentum stehen, verbietet sich — zustiinmend oder ablehnend als taktlos. Man mag irgend eine Seite aufschlagcn, und ein Stück lebendiges Judentum wird sichtbar. Ich greife wahllos heraus: Ein gesetzestreuer Viehhändler, Vater von sieben Kindern, schreibt seine Empfindungen nieder, bevor er sich als Freiwilliger meldet. Zwei treffen sich unterwegs, erkennen sich als Juden, Schalom, Hedad, ״) Herausgegeben von Dr. Eugen Tannenbäum. 2,50 M, geb. Neuer Verlag, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. i teils aber nacktes Klassenintcrcsse bestimmend waren, ist klar. Sic wurde auch deshalb in gewöhnlichen, normalen Zeitläuften in weiten Kreisen der Wissenschnftlcr und Praktiker kaum ernst genommen. Erst in dieser Kriegs zeit, in der Deutschland als ״isolierter Sinnt“ dasteht, sind die Vertreter dieser Ansicht wieder an die Oberfläche gekommen. In einer wirren Kriegspsychose befangen, haben cs umnebelte Köpfe liier und da fertig gebracht die Forderung zu erheben, Deutschland möge sich von der Weltwirtschaft ״emanzipieren“ und zur alten Selbstgeniigsamkeit z.uriickkcUren. Wie das zu bewerkstelligen ist, darüber sind sich die Herren wohl selber nicht klar und darum wird wohl ihr Ruf nach der ״chinesischen Mauer" ohne Widerhall bleiben. Die Wirtschaftscntwicklung ist nicht auf den Kriegszustand zugeschnitteii und Deutschland wird nach dem Kriege, wenn die Meere wieder frei geworden sind, ein Industrieland par exccllcncc bleiben, das einen immer steigenden Teil seines Oetrcidcbcdarfs dem Weltmarkt entnimmt, dem cs die wertvollen Erzeugnisse seines Gewerbcfleißcs zuführt. Dal! sich die wirtschaftlich« Entwicklung Palästinas, des modernen, jüdischen Palästina, in denselben Bahnen bewegte und sich voraussichtlich auch i!1 der Zukunft bewegen wird, ist für jeden, der Einsicht in die Dinge hat, eine Selbstverständlichkeit. Die jüdischen Ansiedler aus den europäischen Ländern, die nach Palästina kamen und noch jetzt kommen, erachten cs nicht als ihre Aufgabe, durch ausschließlichen oder doch ausgedehnten Getreidebau den Nalmmgsmittclbedarf des Landes (d. h. in erster Reihe doch wohl der jüdischen Bevölkerung) zu decken, sondern, gestützt auf höheres technisches Wissen 11ml Kenntnis der Weltmarktvcrhältnissc und mit bedeutender Kapitalkraft ausgestattet, wandten sic sich denjenigen Zweigen der subtropischen Landwirtschaft zu, die die höchste Prory1ktivit.it der Arbeit timl Rentabilität des Betriebes versprachen. (Um so mehr, als sie bereits im Lande eine zahlreiche Bevölkertmg vorfamlen, die, allerdings in höchst primitivci׳ Weise, dem Ackerbau oblag,) So entwickelten sie im halhverwüsteten Lande auf einem Boden voll fichcrschwangercr Sümpfe eine herrliche Pflanzlings- Wirtschaft, die sich schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit den alten Plantagcnhctricbcu der Mittelmeerlämlcr nicht mir ebenbürtig an die Seite stellte, sondern sie noch in mancher Hinsicht übertraf. Die vielen Millionen, die der Wein-, Orangen- und Mandeln• Export jährlich ins Land brachte, reichten für die gesamte wirtschaftlich tätige Bevölkerung nicht nur zur Beschaffung des Brotes, sondern auch für ein Huhn im Sabbattopf jedes Kolonisten. Und für noch andere kostspielige Iledürfnisse höherer Art. Die judä ischcn Pflanzuugskokmicn haben nach der glückliehen Uehenvindting der Wciuühcrproduktionskrisis eine Bliite erlebt, die ohne Beispiel ist, allen Unglücks- Propheten, die ihre völlige Vernichtung weissagten, .״.׳■ . ..u und man trennt sich. Ein Rausehhaschonohgebet, einsam auf einem Stein, zwischen Kanonendonticr und Rcgcngcpcitsch. Rührende Sorge tun koschere Verpflegung, vor allem zu den Festtagen. Freitag abend in Polen in Schul; am andern Tage Worte einer Jüdin auf der Straße, die den Beter erkennt: ״Do is er, der Jid, Gott ial! ihn gesund,“ Russische Juden, den Tod vor Augen, stürmen Przemysl im StcrbckitteJ. Gesang eines polnischen Judenjtingen: ״Die Vejglein im Walde“, Unsere Vereine, Loge, Turnverein, Blatt-Weiß stärken den Kämpfern ihr Judentum. Pciiachgottcsdienst in Frankreich, Scderabeml, alle freuen sich ihres Judentums, und der Schreiber meint: auch daß der französische Chasan beleidigt war, weil man ihn während der Feiertage altsgeschaltet hatte, freute mich, als ein Beweis für die Einheitlichkeit des Judentums: welcher Chasan in Israel träte jemnis freiwillig zurück?!! Ich denke, die Proben genügen. Manch prächtige Persönlichkeiten stellen sich dar. Schwere Empfindungen werden erweckt, wenn man die Briefe lieber Menschen liest, die nun nicht mehr sind-. Alles Gedankliche scheint ziemlich ausgesclialtet, es spielt meines Wissens in Wahrheit eine größere Rolle; oder lag derartiges dem Herausgeber nicht vor? Begreiflich ist es, wenn er den bitteren jüdischen Empfindüngen, uns wohl allen aus jüdischen Feldbriefen bekannt, keinen Raum gab: dazu ist jetzt nicht die Zeit. (Aber warum gewährte er allein dem Scliofar jedesmal die Ehre sefardischer Ausspräche, entgegen seinem sonstigen Gebrauch? Auch ein paar andere Versehen bei jiddischen und hebräischen Wörtern, z. B. S. 160, S. 178, 207, können in einer neuen Auflage verbessert werden.) zum Trotz. Hingegen haben die armen galiläischen Kolonien, die aus mannigfachen Gründen ihre Sache ausschließlich auf den Kömerbau stellen mußten, sich nur mühselig behaupten können. Sogar die len ist zu der Erkenntnis gekommen, daß die Regeneration der galiläischen Kolonisation sich nur durch I inführung gemischter Wirtschaft bewerkstelligen lassen würde׳•). Von wissenschaftlichem und praktischem (jesichtspunkt aus war diese Gestaltung unserer kolonialen Landwirtschaft in Palästina büchst rationell und erfreulicb. Nicht aber vom Standpunkt des oben rhar.ik• terisierten Wirtschaftsromantikm, des jüdischen wie des nichtjüdischen. Von dieser Seite wird seit Jahr und Tag bei jeder Gelegenheit Klage darüber geführt, dal! unsere Kolonisten eigentlich gar keine ״Bauern" sind, sondern Orangcn-Fabrikantcn, unsere Landwirtschaft sei gar keine ״Landwirtschaft“ im guten alten Sinne, sondern eigentlich Laudiiulustrie. So schrieb vor einigen Jahren ein in Palästina ansässiger dentscher Landwirt in einer süddeutschen Zeitung: ״Ein wirklicher Bauernstand, wie die Christen den Bauernstand auffassen, wird sich bei den jüdischen Kolonisten in Palästina nicht bilden. In der Art, wie sic, die Juden, den Boden bebauen, wird das eigen(- liebe ländliche System übergangen. Von jeher war der Entwicklungsgang aller Agrikultur zunächst darauf gerichtet, Nahrungsmittel im engsten Sinne des Wortes, also Getreide, Gemüse, Hülsenfrüchte und dann Obst für den eigenen Bedarf, ferner Futter für den Vichstand zu erzeugen. Je mehr Getreidebau und Vorrat, desto mehr Bevölkernngscrnälmmgsm״glichkeit. Getreidebau in solchem Umfange, dal! er von seinen Produzenten nicht ganz aufgebraucht wird, ist Vorbedingung für Bevölkerungszuwachs. Dieser Volks- Zuwachs auf Grund ausreichend vorhandener Volksnahrtmg ist hei den jüdischen Kolonisten o f f c 11 h a r nicht ins Auge gefaßt. Man hat vielmehr christlichcrseits in Palästina den Eindruck, als sei die ganze Bodenproduktion der Juden auf möglidist ein- Dringlichen Export von solchen Erzeugnissen geridttet, die am schnellsten Ertrag bringen, 11. 11. GeJd, Ob dieses vom rein ,agrarischen, vom volkswirtschaftlichen, ferner vom ,,nationnl-natriotixda'11“ Standpunkte aus (denn die Juden wollen doch it11 Heiligen Lande einen jüdisch-nationalen Volkskern schaffen) klug oder rationell ist, soll liier nicht erst erörtert werden. (!) Nur darauf sei hingewiesen, dal! die jetzigen Methoden des Landbaues bei den Juden in Palästina völlig irratiouell sind. Mit Weinbau-, Oliven-, Apfelsinen- und sonstiger Obstzucht kann man wohl rascher Geld verdienen, aber auch den Buden rascher ermüden. (!) Man kann aber bei etwa cintrctcudcn Mißernten, Heuschreckeiiplagcn usw. ebenso schnell wieder herunterwirtschaften. Mit einem Wort, ein Bauernstand nach allgemeiner, speziell unserer Auffassung wird von den *) Was ich allerdings nicht ohne Einschränkungen gelten lassen kann. Ich habe die galiläischen Wirtschnftsnrobleme in einer größeren hebräischen Arbeit über neu ״Landwirtschaftlichen Kleinbetrieb in Palästina" ausführlich erörtert. Die Briefe werden viel }gelesen werden, und vielleicht entschließt sich der Verlag zu einem zweiten Band, an Stoff wird es nicht fehlen. M o s e s C a 1 v ,1 r y. Gedenkblatt Der Krieg hat bisher schon auf die bildende Kunst befruchtend gewirkt und manche intercssante Gestaltung künstlerischen Empfindens ans Licht gebracht. Nicht alles, was wir da zu selten bekamen, hält der Kritik stand. Um so freudiger dürfen wir es begrüßen, wenn wir gerndc unter den Werken jüdischer Künstler solchen begegnen, die uns eine volle Befriedigung gewähren. Zu diesen rechne ich das stiiumuugsvolle üedcnkblatt von Joseph Budko, das der Neue Verlag, Berlin, Sächsische Str. 8, jetzt lu׳rausbringt. Dieses Blatt ist eine schöne und sorgfältig ausgeführte dekorativ wirkende Radierung, die als Unterschrift in deutscher und hebräischer Sprache den herrlichen, trostreichen Vers aus Ezechiel Kapitel 37 trägt: ״Ich öffne eure Gräber und führe euch hinauf aus euren Gräbern, mein Volk, und bringe euch in das Land Israe Is“. Mächtige, in den Himmel ragende Cypresscn umrahmen ein Gräberfeld, an dem ein von Pal* men eingefaßter ,Weg den Blick weit in die Ferne führt Aus der Darstellung sprechen Trost und Verheißung. Am unteren Rande des Bildes ist ein Platz für die Eintragung des Namens freigelassen. So wird dieses Blatt in schlichtem Rahmen eine Erinnerung und zugleich einen Schmuck bilden. HermannStruck.

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