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Jüdische Rundschau · 1915-05-21 · Heft 21 (21.5.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 21 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I I I I I I I I JCilUch• *■■*«*MH•• o. m. b. H. | B1RUN W.15, SlckalKh« StnStS. I Tcirjhon: A»1 UHUnd 845, 846, | PotlidiedikoBloi Be• Ua Nr. 17 JM. | Abonnement* •ttf di« wödieetlidi •m Frei!«* er• «cbrieend« ״JWIe•*• Rundech•״•• |,0,len bei der Expedition und bei 0||,n Poitümtern viertetjlhrHth M.1,«י innerhalb Deutschland«, in Oeilerrei*- (J.,gr,n M. 2,5®, in» Auelend M, 8,—. __I ALLC^A Nummer 21 חך^/ ך׳־/ 1 -■*/ f \ U טע ^*•־'־Mlll {Jl1* f3a 3MGBDSGC’3G Berlin, den 21. Mai 1915 — 8. Ssiwan 5675 י—־־־־־־:—r Anzeigen kocten fflr die *ech8ge4p*Hene Pellt‘• seile »der deren Raum 40 Pf.; SUHea- Angebote und .Gmiche *owie Vereine- Mitteilungen u&d ״Kleine Anselfe«* 0 9 0 0 nur 30 Pfennig. 0 0 0 0 Menuskripte werden, wenn Porto beilieft, stete turtickfeetsdt, Rediktion*scklaiJ Mittw&db vorwiUaf*. Redüktlea JftdUeh« Randsdiai BERLIN V. H, Slchslsdke Straft« I. *Telephon: Amt UhUnd 845t 146, pMtsehsdkkoBtsi B«rlin Nr, 17392« XX. Jahrgang. Standpunkt und Bewegung Der Mangel .an wissenschaftlicher Literatur über das Judentum dieses und des vergangenen Jahrhunderts ist offenbar und verwundert wird oft die Trage nach den Ursachen dieses Mangels erörtert. Ls gibt keine moderne jüdische Cieschiclitssehreibnng, cs gibt nicht einmal ein sogenanntes grundlegendes, wissenschaftliches ,Werk über den Zionismus. Die Annahme, daß cs skli hier um eine durchaus zufällige Erschcimmg handelt, ist trügerisch. 111 der <jcschichte der Juden selbst liegt der Grund für das Fehlen der jiidiscltcn Geschichtsschreibung. Als das Geschenk der Emanzipation die Juden überraschte, da wurden mit gewaltsamem Rill die Zusammenhänge der jüdischen Oeschichte zerstört. Jahrtausende lang hatten die Juden im Däintncrschcin des eigenen Lichtes gelebt, trotz mancher Beziehungen zur Umwelt durchaus fern von dem breiten Strome des europäischcn Geistes, Der emanzipierte Jude wurde überflutet von neuem Licht beim Eintritt in eine unerhört neue Welt. Er konnte weder sehen, noch gehen, noch sprechen, alles mußte erst erlernt werden' und eifrige Lehrer boten sich ihm an, die ihm schnellstens das Erforderliche beibringen wollten. Wie ein anderer Caspar Hauser erscheint das Judentum jener Zeit, Nachdem man die Juden Jahrhunderte lang im Finsturen eingesperrt gehalten hatte, stieß man sie gewaltsam in die fremde Welt des allgemeinen Lebens, Es war für sie naturgemäß 4111• möglich, die richtige Distanz zu all den! Neuen zu gewinnen, sic!mißten sich willig ihren Lehrmeistern überlassen, denen sie ein wertvolles Experimenterobjekt waren, Die niclitjiklisdic Welt präparierte die Formeln für ihre Juden und was die Juden über sich dachten, waren wiederum Definitionen, in denen sic das von Nichtjiidcn Gelernte gelehrig anwandten. Die moderne Judenfrage begann als das geistreiche Frage- und Antwortspiel nach dem Wesen des Judenttims. Die logisch gut fundierte gedankliche Konstmktion wird zum einzigen Zweck. Auf die Frage: was sind die Juden, was ist das Judentum? wird ein Standpunkt als Antwort formuliert, fdic Frage, ob die Juden eine historische Gemeinschaft sind, ob sie nur eine Religionsgemeinschaft bilden, ob nur gewisse ethische Tendenzen die jüdischen Zusammenhänge begründen, ob die Juden schon seit tausend jahren in der Kulturgcmeinscliaft mit dem deutschen Volke leben, wird Gegenstand einer dialektischen Untersuchung, auf Grund deren absichtsvoll eine gewollte Stellungnahme begründet wird. Der Versuch, sielt attszubalanzieren, beginnt immer von neuem, in jeder ji'tdisclicn Generation werden unter neuem geistigen Zwang von außen her neue Standpunkte festgestellt und von der Umwelt gebilligt oder verworfen. Die nichtjildischen Lehrer der Kenntnisse und der Methodik aller Wissenschaft bleiben so überlegen, daß sie die Richtung des jüdischen Denkens über jüdische Dinge beherrschen. Die jüdischen Konstruktionen suchen ihre Selbständigkeit nur in apologetischen Darlegungen, die ihrerseits ganz im Banne der liichtjüdischen Methodik und Auffassung stehen. So Ist es gekommen, daß man über Juden und Judentümlichcs nichts weiß, was aus jü* •*Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk 4lie Schaffung einer öffentlieh •'rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina,׳* Baseler Programm. dischen! Schaffer, ursprünglich erwachsen ist; gleich als ob man sich über die Geschichte Deutschlands der letzten Jahrhunderte in! wesentliehen aus nichtdeutschen Quellen ein Bild machen müßte. Es gab selbstverständlich auch in der Zelt der Emanzipation und dann steigend in jeder folgenden jüdischen Generation ursprünglich-jiidischcs Wollen und ein Empfinden für selbständiges jüdisches Leben. Aber die Juden waren so durchaus noch* Schüler der fremden Umgcbillig, daß alles Instinktive durch die neue Technik des Lebens unterdrückt wurde. Ucber hundert Jahre ־— an den Zeiten der jüdischen Abgeschlossenheit gemessen eine kurze Zeit — hat es gedauert, bis die Juden zur vollen mcnschliehen Sicherheit in Europa gelangt sind. Das Judentum des 19. Jahrhunderts suchte sich zurecht zu finden, cs kämpfte gegen die Vergangenheit, ohne an eine Zukunft denken zu können. Der Jude des 19. Jahrhunderts wußte, daß er anders sein muß wie sein Vater und ein anderer bleibt wie sein Kind. Seine Aufgabe bestand darin, sich eine gut gewählte Verteidigungsstellung ztl schaffen, in der er Angriffe abweliren und sich für seine Lebenszeit wohnlich einrichten konnte. Er ist in Wahrheit ein Wurzelloser. Lebensziel und Lebenszeit fallen zusammen, deshalb wird er zum titierbittlichen Kritiker an sich lind anderen. Die ruhige Sicherheit, cingeglieclert zu sein in die Geschlechter, fehlt ihm. Seinem Leben dadurch Sinn zu verleihen, daß seine Art in seinen Kindein sich weiter entwickelt und veredelt, vermag er nicht und so tritt an Stelle eines ethischen Lebensideals bestenfalls ein ästhetisches, meist aber mir ein materielles. Tatsächlicher materieller Besitz wird das einzige, was er seinen Kindern vererben kann, die sich wiederum darum werden nbmühcn müssen, die Beziehungen zu den andcren geschickt zu werten, um einen netten, zeitgemäßen Standpunkt nufzuerbauen, der ihnen ausreichenden Schutz verleiht. Während die nichtjiidisclic Welt in unbewußter Bewegung ihr Leben fortsetzt, eine Generation die andere ablöst, weiter bauend auf dem Uebcrkontmencn, und alle Geschlechter zusammen den großen Strom des nationalen Lebens bilden, suchten sielt die Juden auf einen Standpunkt zu retten, den jedes Geschlecht anders wählen mußte, um nicht von den Wogen der in lebendiger Bewegung fortschreitenden Umwelt fojtgcschwcmmt zu werden. Der durch die Emanzipation entstandene furchtbare Riß beginnt sicli zu schließen, nachdem wir im Laufe von hundert Jahren gelernt haben, uns in der Welt zmrechtzufinden. Die Wege der anderen, ihre Sprache, ihre Hilfsmittel, ihre Art zu sehen, haben wir von allen Seiten her kennen gelernt und jetzt beginnen Juden wieder so zu leben, daß sic sich vom Strom des eigenen Geistes tragen lassen. Darin liegt nichts krampfhaft Gewolltes, nichts Uebcrtriebencs. Alles Uebcrtriebcne lag vielmehr in jedem seit der Emanzipationszeit auferbauten Standpunkt, weil das nur Gedankliche der Neigung zur Konsequenz erliegt. Uebcrtrieben war die Meinung, daß das Judentum eine Konfession sei, daß die Ethik der Propheten allein den Sinn des Judentums ausmacltc, daß es zwischen den Juden der einzelnen Länder keine menschlichen Zusammenhäiige gäbe. Natürlich, frei von jeder Verzerrung, erfüllt von innerer Notwendigkeit und kräftiger Lebenshoffnung ist die Bewegung der neuen jüdisehen Generation. Auch die nationaljüdische Bewegung begann gedanklich konstruktiv. Sie war zunächst ein neuer Standpunkt gegenüber dem alten. Audi ihr kam cs anfangs auf die Formulierung an. Neucrlcrutc Begriffe wurden auf die Frage nach dem Wesen des Judentums an• gewandt und zu jüdischen Forderungen umge* arbeitet. Der Zionismus wurde in seiner Not- Wendigkeit bewiesen und das Beweismittel waren Analogieschlüsse. Der Zionismus war aber schon in der Zeit, als er sich nur im Gedanklichen .darlcgte, eine Bewegung. Das Oefühl für die Sonderstellung und Schicksalsgenteinschaft der Juden, dieser Urquell jedes eigenen Schaffens, war in ihm vom ersten Tage an lebendig. Heute lebt der Zionismus unbeirrt durch die Formeln, mit denen man Judentum von jüdischer und nichtjiidischer Seite hat bc-' grenzen wollen. Er legt sich nicht dar als eine neue Auffassung, die sich einer besseren kritischen Einsicht als ein falscher Standpunkt erweisen kann, sondern er erweist sich in dem neuen, produktiven Schaffen des jüdischen Geistes. Das zionistische Leben in Palästina, die hebräische Sprache, die neue Schule, die zionistische Organisation, die seelische Umformung der Zionisten zu mutigen, idealem Streben zngewandten Menschen, der instinktive Widerwille gegen alles Dekadente, nur Kritische, das sind die grundlegenden Werke, die wir aufaiweisen haben, Schon haben wir die Anfänge eines neuen Wissens um unsere jüdiscltc Art, Mit dem Lehen unserer zionistischen Gemeinschaft zugleich werden wir die wahre Wissenschaft vom Judentum und in ihr die echte jüdische( icschichtssclireibung schaffen,die nur ein notwendiger Ausdruck nationaler Kultin sein kann. Deshalb ■wird es eine jüdische Geschichtsschreibillig der Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert erst geben, wenn im Strome der jüdisclicn. Entwicklung das neue jüdische Leben so sicher geborgen ist, daß unter dem Dlirchein* ander krampfhafter geistiger Uebcrspannungen die Vorgänge aufgedeckt werden können, die das jüdische Volk «aus den Erschütterungen des ״Standpunktes“ zur Ruhe der ״Bewegung“ geführt haben. Die alten gedruckten Formeln werden durch die neue Anschauung in ihrer Unzulänglichkcit und ,Vcrzerrtheit erkannt werden. Die jüdische Bewegung wird den ־anderen durch die Wirklichkeit des jüdischen Eigenlebens die jür disebe Art offenbaren. Maarabi. Mitteilung der Zionistische»_ Vereinigung für Deutschland Unsere Bureaus sind von Jetzt ab an den Wodmifagen von 8—3*/2 Uhr ununterbrochen geöffnet // Am Sonntag von 811~ג/י/j Uhr Zionhtische Vereinigung für Deutschland Jüdische Rundschau G. m. b. H. Jüdischer NaKonalfondi, Zentrale für^ Deutschland

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