Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 160 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 20 arbeite!־ B i a 1 i k s, R a \v!1 i t / k i, \eröl'fentlicht im Odessaer ,,Unser Leben“ einen starken Protest;regen diese Vorfälle. Eine Folge, die die polnische Judenpolitik bisher gezeitigt hat, dürfte wohl die jüdische Koalition sein, die seit mehreren Monaten in Petersburg besteht. Es ist dies eine Koalition, worin die Vertreter aller Richtungen, im Judentum ihren Sit/, haben und so/usagen eine einheitliche jüdische Politik führen sollen. Bisher war dieses Kollegium nur in sehr losem Zusammenhang, es wurde jedoch beschlossen, diesen Zusammenhang zu einem festeren zu gestalten. Zu diesem Zweck erscheint jetzt in Petersburg eine Wochenzeitung in jüdischer Sprache unter dem Namen ,,Die Jüdische V o I k s s t i m m e“, Das Organ soll das Sprachrohr dieses Kollegiums bilden und danach streben, d i e P o r d e r 11 n g e 11 /. 11 r I. ö s u n g d c r J u d e 11 f r a g e stets in Gesamtheit zu vertreten. Gewiß gibt es sehr viele Zweifler, die diese Po- 1 i t i k als illusorisch bezeichnen, immerhin wird dieser Versuch allgemein für einen n a t i o 11 a 1 e n Fortschritt gehalten. Ausweisung der Flüchtlinge aus Ungarn Eine große Zahl jüdischer Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina war, aus ihrer Heimat vor den Russen flüchtend, nach U n g a r n geflohen. Zunächst waren sie dort sowohl in Budapest, wie auch in der Provinz aufgenonnnen warden. Nach längeren Verhandlungen zwischen der österreichischen und der ungarischen Regierung erklärte sich die österreichische Regierung bereit, die von ihr für die aus Galizien und der Bukowina geflüchteten österreichis c h e n Staatsbürger bewilligten Unterstützungen auch in Ungarn zur Auszahlung zu bringen. Trotzdem wurde eine Verordnung erlassen, derzufolge die Flüchtlinge — wenn sic sich nicht in Barackenlagern unterbringen lassen wollten Ungarn verlassen und sich nach Oesterreich begehen mußten. Wir vvürden, ebenso wie die jüdischen Zeitungen Oesterreichs, diese Tatsache als eine aus militärischen, politischen oder Verpflegungs-Gründen erklärbare Maßregel betrachten und nicht weiter besprechen, wenn sie nicht, trotz aller offiziösen Begründüngen, auf eine für die Juden Ungarns äußerst beschämende Weise zustande gekommen wäre. Wie wir den Berichten der jüdischen Organe Oesterreichs, vor allem der J ii d i s c 11 e n Z e i - tung in Wien entnehmen, haben gewisse jüd i s c h e Persönlichkeiten in B u dapest auf die Regierung eingewirkt, um sie zur Ab- Schaffung der jüdischen Flüchtlinge aus Ungarn zu bewegen. Es ist ein vergebliches Manöver dieser Kreise, der Oefferitliehkeit weismachen zu wollen, die österreichische Regierung hätte die galizischen Juden reklamiert. Dieses Vorgehen jüdischer Kreise wird allgemein als Schmach und Schande empfunden. Ebenso bedauerlich ist es, daß die Fürsorge für die Flüchtlinge in Ungarn von jüdischer Seite von Anfang an so mangelhaft organisiert war. Der Grund dafür, scheinen die Differenzen zwischen den neo logen und orthodoxen Kreisen zu sein, die auch in einer solchen Frage zu einer gemeinsamen Aktion nicht zu bewegen waren, aber andere Kreise von der Einflußnahme auszuschließen wissen. Die beiden in Ungarn staatlich anerkannten jüdischen Landesvertretungen (die neologe und die orthodoxe) haben jedenfalls die Interessen der jüdischen Flüchtlinge nicht so wahrgenommen, wie es menschliche, patriotische und brüderliche Pflicht verlangt hätte. Mitteilung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Unsere Bureaus sind von jetzt ab an den Wochentagen von 8 3' Uhr ununterbrochen geöffnet // Am Sonntag von 61 /•_> 1 kV Uhr Zionistische Vereinigung für Deutschland Jüdische Rundschau G. m. b. H. Jüdischer Nationalfonds, Zentrale für Deutschland Brief aus Rumänien 111 meinem letzten Brief (s. Nr. 13 vom 26. März der J. R.) habe ich über das neue Gesetz, die K o n trolle der Ausländ e r betreffend, gesprochen. Dieses Gesetz sollte die Spionage im Lande verhindern. Was ich vorausgesehen habe, ist eingetreten: die Ersten, die von der Anwendung dieses Gesetzes getroffen vvord!e!1 sind, sind die Juden rumänischer Staatsangehörigkeit. Die Präfekturen der Departements haben verlangt, daß sich die Juden ebenso wie alte Fremden einen Erlaubnisschein verschaffen sollen, laut dessen ihnen der Aufenthalt im Lande gestattet ist. Das Verlangen der Polizei lautet: ״man beweise, daß man nie einem fremden Staate angehört hat.“ Dieser Beweis wurde auch von den Juden verlangt, die irn rumänischen Heere gedient haben. Man zweifelt also auch den Juden, die man jeden Augenblick zu den Waffen rufen kann, das Recht an, in Rumänien zu wohnen, ln )7 a k a u hat sich der folgende krasse Fall ereignet, der für die Handhabung dieses Gesetzes typisch ist: der Oberst - Kommandierende eines Infantericregirnents befahl den jüdischen Soldaten (Landsturm und aktiver Heeresdienst), sich einen Aufenthaltsschein oder einen polizeilich beglaubigten Ausweis zu verschaffen, der ihre Zugehörigkeit zum rumänischen Staate beweisen soll. Zu diesem Zweck gab er den jüdischen Soldaten einen fünftägigen Urlaub. Mit andern Worten: die Militärbehörden benutzen das Gesetz gegen die Spionage lediglich dazu, um den Juden neue Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Es würde nicht einmal Wunder nehmen, wenn man bei einer Mobilmachung den jüdischen Militärpflichtigen außer dem Militärausweis noch den Aufenthaltserlaubnisschein abverlangte. In den kleinen Städten ist dies Gesetz nur ein Vorwand zu Schikanen gegen die Juden. In der ganzen Wintersession des Parlaments wurden die Bürgerrechte zwei Juden gewährt, von denen einer getauft war. Die Lebensrnittel werden täglich teurer, Kredit wird nicht gewährt, und da die meisten Juden Kaufleute und auf solchen angewiesen sind, wird ihre ökonomische Lage mit jedem Tage trauriger. Dazu kommt noch die politische Krisis. Trotzdem haben die rumänischen Juden ihre zionistische Tätigkeit nicht vernachlässigt, ln allen größeren Städten wie Bukarest, Jassv, G a 1 a t z, F o k s c 11 a n i, V a s 1 u i, sowie in den kleineren finden regelmäßig* Veranstaltungen der zionistischen Ortsgruppen statt. Die letzten Veranstaltungen waren anläßlich Pc ß ach s und des Todes von J. L. Perez. In Bukarest hält der ״Saron“ seine regelmäßig gut besuchten Versammlungen ab. Rabb. Dr. J. Niemirowcr, der Vorsitzende des ״Sarons“ wird in der fünfzehnten und letzten Winterveranstaltung des Vereins die Schlußrede halten. Der vor einem Jahre in Bukarest gegründete Verein jüdischer Studenten ״Ha smon a e a“ entwickelt sich gut und entfaltet, wenn auch im engen Kreise, eine gute national-jüdische und zionistische Tätigkeit. Interessant ist es, daß dieser Verein zum Teil durch die sieh in Berlin befindlichen rumänischen Studenten gegründet worden ist, die in den Ferien oder während ihres Militärdienstjahres in der Heimat sich aufhielten. Selbstverständlich sind die Geschichtskurse und die ״Entwicklung des Zionismus“ die ersten Punkte ihres Programmes. In Jassy hat ein Cornite junger Inteliektueller eine Sammelschrift ״Licht“ herausgegeben. Bisher sind zwei Nummern erschienen. Die jiddische, schön ausgestattete Zeitschrift scheint tüchtige Mitarbeiter zu haben. Jetzt will ich noch einige Zahlen über die Nationalfondseingänge im Laufe der letzten zwei Monate von Mitte März bis Mitte April alten Stils, nach den offiziellen von der Landessammelstelle in der ״Egalitäten“ veröffentlichteil Berichten geben. Allgemeine Spenden .... (>54,40 Frcs. Yemenitcnl1;iuser(Purimsamml.) 510.— ,, Oelbaumspenden. 227.50 ״ Büchsenleerung.102.75 N. F.-Marken .101.50 ״ N, F.-Telegrammformulare 28.75 ״ Purimsamnilungen durch Vereine und Kinder .... 12-10.85 ״ 3234.75 Frcs. In Anbetracht der jetzigen Lage der rumänischen Juden scheint die Summe recht ansehnlich. An Dr. Adolphe Stern, den Vorsitzenden der Bukarester U. O. B. B.-Loge hat man aus den V e reinigten St a at e n auf seine Anregung 10000 Francs durch die Bukarestei־ Gesandtschaft zur Hilfe für die in Serbien sich befindenden notleidenden Juden überwiesen. Diese Summe hat Dr. Stern nach N i sch an die dortige Loge geschickt. Gleichfalls auf Dr. Sterns Anregung hat der Bukarester Choraltempel, dessen Vorsitzender er ist, aus dem Kleinfonds des Tempels 2000 Francs zur Nothilfe für die Juden in Palästina bewilligt. Diese Summe wurde durch die Gesandtschaft der Vereinigten Staaten aus Bukarest nach Konstantinopel an Herrn Morgenthau angewiesen. E. S. Seder in Feindesland 11. Es dürfte Sie sowohl, wie einen großen Teil Ihrer Leser interessieren, zu erfahren, daß wir auch hier in St. Quentin nach althergebrachter Sitte die Sederfeier würdig begangen haben. Gewiß war es nicht wie zu Hause, die bekannten, lieben Gesichter fehlten, und trotzdem weilten wohl die Gedanken aller Teilnehmer gerade an den Sederabenden doppelt zu Hause. Wohl entsann man sich: noch vor einem Jahr säliest du an diesem Abend und lauschtest andächtig, wie der Vater die Geschichte von dem Auszug der Kinder Israels erzählte, und gewiß dachte man damals nicht, daß man den nächsten Sederabend, durch den Krieg von den Seinen getrennt, weit in Feindesland verleben würde. Der Anregung unseres jüdischen Feldgeistlichen Herrn Rabbiner Dr. Levy- Berlin zufolge, hatten sich an beiden Sederabenden eine stattliche Anzahl Glaubensgenossen in dem ehemaligen Kinematographen-Theater in St. Quentin, Rue Garnbrai 16, eingebunden. Durch Armeebefehl war es den irgend abkömmlichen Soldaten, zum Teil aus der Front, ermöglicht worden, eigens zur Sederfeier nach hier zu kommen. Es waren alle Chargen vertreten, Aerzte, höhere Beamte und ein preußischer Leutnant. Anschließend an den Gottesdienst in der hiesigen kleinen Synagoge, die wohl noch nie eine so stattliche Zahl von Besuchern gesehen hat — in St. Quentin gibt es zu Rösch ha Scbono sowie an Jom Kippur in Friedenszeiten kaum Minjan -.begaben sich die Teilnehmer zusammen z.ur gemeinsamen Sederfeier. Herr Dr. Levy las aus der Hagada vor und erklärte den andächtig lauschenden Zuhörern die schwer verständlichen Stellen, von denen er annahm, daß sie nicht so leicht begriffen wurden. Eine Freude war es, zu sehen, wie nachher den Soldaten, cjje zum Teil lange in den Schützengräben gelegen hatten, die Scdermahlzeit schmeckte. Ein eigenartiger Kontrast war es: der festlich erleuchtete Saal mit vveißgedeckten und blumengeschmückten Tischen und die Soldaten in ihren, von vielen Strapazen zeugenden Uniformstücken. Es war eine Feier, die bei allen Beteiligten zeitlebens unvergeßlich sein wird. Dank gebührt vor allen Dingen außer Herrn Dr. Levy den beiden jüdischen Schwestern Mally Drucker und Leoni Wolff aus Berlin, die trotz ihres ohnehin anstrengenden Dienstes sich bereitwilligst in den Dienst der guten Sache gestellt haben. Wenn man die Speisekarte sieht, die eigens zu dem Zweck hergestellt wurde, und von der jeder Teilnehmer ein Exemplar als Erinnerung mitnahm, kann man sich wohl denken, daß einem an heiße Kämpfe und Entbehrungen gewohnten Soldaten das Wasser im Munde zusammenlaufen mußte. Was es alles gutes gab, können Sie aus dem beifolgenden Speisezettel ersehen, und vor allem waren es die Mazzeklöße, die nur eine Stimme des Beifalls fanden. Am Ersten Abend waren es etwa 75 und am zweiten Abend etwa 90 Kameraden, die an der Feier teilnahmen und alle waren voll Dank gegen' diejenigen, welche sich uin das Gelingen des schönen Festes verdient gemacht hatten. Als wir uns am Schluß der Sederabende trennten, hatte jeder Teilnehmer den Wunsch, die nächste Sederfeier im Kreise seiner Lieben zu feiern.