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Jüdische Rundschau · 1915-05-14 · Heft 20 (14.5.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 20 (14.5.1915)
Date
1915-05-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 159 I I und wird sich zu dem großen Kulturinstitut auswachsen, zu dem er den ersten Gedanken gefaßt hatte. Wenn der Talmud so sehr die Wichtigkeit der Bibliothek erkannt hat, daß er festsetzte, daß Bücher, an denen das Land Israel interessiert ist, niemals aus dem Lande entfernt werden dürfen, so handeln wir im Geiste unserer alten Weisen, wenn wir Josef Chazanowicz durch sein eigenes Werk ehren, und ״ihm von der Frucht seiner Hände geben“. Jedes Buch, das für Jerusalem gespendet wird und jede Bibliothek, die dort gegründet wird, ehrt den Namen Chazanowicz’ als den Schöpfer alles Bibliothekswesens im neuen jüdischen Palästina. Wir werden stets in Erinnerung behalten, daß er der -erste Bibliotheksgründer für das neue Land Israels gewesen ist. Jeder, der daran weiterbaut, steht auf seinen Schultern. Heinrich Loewe. Absichten und Aussichten (Nachrichten aus Rußland.) Herr Tolstoi, der neue russische Unterrichtsminister, hat zahlreiche Eingaben von Semstwos ans verschiedenen Teilen Rußlands erhalten, welche ihn ersuchen, die Politik der Unterdrückung aufzugeben, die von seinen beiden Vorgängern Schwartz und Casso befolgt wurde, und den Juden gegenüber, die׳ eine bessere Erziehung in russischen Schulen zu erhalten wünschen, toleranter zu sein. Sie forderten vor allem die Abschaffung der die Aufnahme jüdischer Studenten in die höheren Schulen beschränkenden Gesetze. In dem Magistrat zu Smolensk wurde Jüngst die Frage der Gleichberechtigung der Juden aufgeworfen. Es wurde folgende Resoluüon durch eine überwältigende Mehrheit angenommen: Der Magistrat Smolensk hält es für dringend und notwendig, alle Beschränkungen russischer Staatsangehöriger jüdischen Glaubens in ihren Rechten abzuschaffen, namentlich die sich auf das Ansiedlungsrayon beziehenden Gesetze. Der Minister des Innern, Maklakoff, erklärte kürzlich, daß die russische Regierung alles tue, was in ihrer Macht liegt, um das Schicksal der Juden zu bessern. Das erste Mal, seitdem die Duma existiert, wurde ein jüdisches Duma-Mitglied zu einem Staatsbankett eingeladen. Herr Friedmann, ein jüdischer Abgeordneter, wurde zu einem Festmahl eingeladen, das der Premierminister Goremykin zu Ehren der Abgeordneten veranstaltete. Die Kaiserlich Staatswirtsehaftliche Gesell- Schaft in Petersburg nahm eine Resolution an, die den Staatsrat ersucht, den beiden Häusern der Duma eine Bittschrift einzureichen, damit die antijüdischen Gesetze aufgehoben werden. Der Präsident der Versammlung, Herr L u t u g i n , war ein Anwalt der jüdischen Sache. Maxim Gorki veröffentlichte einen Appell zugunsten der Emanzipation der Juden an das russische Volk. Zusammen mit Andreiewund Sologub sandte er einen Fragebogen an viele hervorragende Staatsmänner, Schriftsteller und Wissenschaftler, um ihre Ansicht in der Judenfrage festzustellen. Die Antworten werden voraussichtlich in einem Buche veröffentlicht und zur Propaganda für die jüdische Emanzipation verwendet werden. Die Polizei in den Badeorten in der Gegend von Kiew gab einen Erlaß heraus, welcher den Juden gestattet, während der Sommermonate dort Aufenthalt zu nehmen. Es soll den Juden auch erlaubt sein, während der Messe in Kiew zu bleiben. Jüdische Studenten, die im Auslande studierten und ihr Examen an einer russischen Universität abzulegen wünschen, werden sich während der Zeiit des Examens in den Städten aufhalten dürfen. Alle diese Kundgebungen könnten also woh den Eindruck erwecken, daß die Emanzipationsforderungen der russischen Juden Aussicht au!: Erfüllung hätten. Demgegenüber muß man nur «eine offiziöse Aeußerung lesen, um sofort zu erkennen, daß die russischen Juden durchaus nicht auf eine bessere Behandlung rechnen können. In der offiziösen russischen Zeitung ״Russkij Invalid“ lesen wir folgendes: ״Erst jüngst ließen wir uns von den jüdisehen Manifestationen begeistern. Es regte sich in uns eine Sympathie gegenüber den Juden. Das ist ein Volk, das mit seiner Religion keinen Scherz treibt. Seine heilige Thora flößte uns Achtung gegenüber den Juden ein, die dem Vaterlande zur Hilfe eilen. Dann die herrliche Begeisterung der Juden bei der Pflege der Verwundeten, die Heldentaten einzelner Juden im Kampfe! Dieses Verhalten kann eine Annäherung zwischen den Juden und dem russischen Stammvolke bewirken. Doch ist jetzt Zeit, von Gleichberechtigung zu sprechen? Eine Gleichberechtigung ist nicht so einfach, ln solchen Fragen kommt es stets auf die Meinung des Landes an, das durch die Duma vertreten wird. Die Sympathie den Judengegenüber, die sich bei Beginn des Krieges im Herzen des russischen Volkes geregt hatte, wird jetzt durch die taktlosen Aeußerungen Zum Gedächtnis von J. L. PEREZ veranstaltet die Berliner Zionistische Vereinigung Montag, 17. Mai, 729 Uhr im Meistersaal (Köthener Straße 38) einen Perez״Abend. PROGRAMM: Martin Buber: Ansprache über J. L.Perez. Ludwig Hardt / S. Schneür Vorlesungen aus J. L. Perez. «11 utiiimn!,!,ו ■!:• ■!ti 1:1im: Karten au 3, 2, 1 Mark Im Büro der Zionistischen Vereinigung, an sämtlichen Theaterkassen von A. Werihelm und bei Bote '& Bode. — Der Reinertrag fällt dem Hilfswerk für Palästina au. der jüdischen Presse beeinträchtigt. Erzwingen kann man Gleichberechtigung nicht, man muß sie vielmehr verdienen — durch Treue zum Vaterlande und durch sittlichen Hochstand.“ Zu diesen Pressestimmen paßt auch der in der Grodttoer Zeitung ״Nasche Utro“ veröffentlichte Befehl des Polizeipräsidenten von Orodno: Im Namen des Kommandanten der Festung Grodno erkläre ich hiermit, daß alle jüdischen Kaufleute am Freitag und Sonnabend ihre Waren verkaufen müssen und ihre Geschäfte bis 9 Uhr abends geöffnet halten müssen. Uebertretungen werden bestraft. * Wie uns mitgeteilt wird, wurde G o n t s c h aruk, der ,Mörder des Knaben Josef Paszkow, zu 12 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Der Knabe Paszkow wurde im vorigen Jahre um die Peßachzeit ermordet aufgpfunden. Man beschuldigte die Juden, ihn ermordet zu haben und die Sache drohte zu einer zweiten Beilisaffäre zu werden. Jetzt ist gerichtlich festgestellt worden, daß der Mörder des Knaben ein Pole war. Aus der ewigen Hölle Der Schwerpunkt der russischen Judenfrage liegt gegenwärtig in der Frage der Juden Polens. Die Gesamtlagc der russischen Judeuhoit außerhalb Polens hat allerdings bisher kaum eine Erschvverung erfahren. Die Tendenz der Regierung, die sich hie und da kundgibt, berechtigt allerdings zu den pessimistischsten Ansichten. Es genügt, wenn man die Liste der jüdischen Soldaten durchsieht, die durch Georgkreuze ausgezeichnet werden. Es ist verboten, die Namen der ausgezeichneten jüdischen Soldaten zu drucken, nur die Anfangsbuchstaben dürfen veröffentlicht werden. Selten erscheint einmal eine Liste mit vollen Namen in der Rjetsch. Bezeichnend ist auch der letzte Ukas des Militargouverncurs von Kronstadt, der den Juden durch einen Tagesbefehl verbietet, Sommerwohnungen an den finnischen Seen zu beziehen. Den Juden sei w׳egen ihrer Unzuverlässigkeit der Aufenthalt an den Meeresküsten überhaupt zu verbieten. Dieser Befehl steht gewissermaßen in Zusammenhang mit den erfolgten Massen aus Weisungen aus den p o 1 n i - sehen Orten, was angeblich ebenfalls aus in i 1 i t ä r i s c h e n Rücksichten geschah. Und das ist stets das Charakteristische. Sobald irgend welche öffentlichen angesehenen Institutionen in irgend einer Form ihre Stimme für die Juden erheben — so erfolgt eine Gegenkundgebung seitens der Regierung. — Eine Kundgebung, die weniger neue, gesetzliche Beschränkungen enthält, als die klare Dokumentierung, welcher Ansicht die Regierung sei und welche Wege sie später zu gehen gedenkt. Die bitterste Sorge der russischen Juden ist in diesem Momente naturgemäß die Flüchtlingsfrage. Unlängst fand in Moskau eine jüdische Beratung unter Beteiligung der provinziellen Vertreter statt, wobei festgestellt watrde, ־daß das russische Judentum aus eigenen Kräften nicht imstande sei, die Flüchtiingsfrage auch nur annähernd zu lösen. Die Not ist unbeschreiblich. Eine Büchsen- Sammlung unter den Juden in Moskau ergab im Verlaufe weniger Tage die Summe von 40 000 Rubel, abgesehen von den großen Summen, die die Moskauer Juden bis jetzt schon gegeben haben. Es wird geplant, eine Selbstbesteuerung der Moskauer wohlhabenden Juden vorzunehmen, gemäß der Vermögens- und Einkommen - Verhältnisse, Auf diesem Wege hofft man eine Million Rubel zusammen zu bckommen. Auch Petersburg bringt große Suntmen aut. Das alles reicht aber nicht zum geringsten Teile aus. Die Sitzung beschloß nun, alles in die Wege zu leiten, um eine große Subvention von der Regierung für die jüdischen Flüchtlinge zu bekommen. Angeblich soll Aussicht vorhanden sein, sie zu erhalten. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge beträgt mehrere Flunderttausend, wovon ca, 100 130000 allein in Warschau untergebracht sind. Die anderen Flüchtlinge halten sich imGouvernement Wilna, Mohilew,Ekaterinoslaw und anderen südrussischen Städten auf. Die Flüchtlingsfrage bildet in Warschau nach wie vor das brennende Tagesproblem oder, wie die jüdischen Zeitungen es nennen, ״die ewige Hölle“. Die polnischen Hetzer hören nicht auf, die Juden und die Flüchtlinge besonders rücksichtslos anzugreifen. Selbst das offizielle Bürgerkomitee, welches die Flüchtlingsfürsorge für ganz Polen übernoimnen hat — worin aber kein einziger Jude ist — überfällt die Juden in Kundgebungen und offiziellen Rundschreiben. Die Sache geht so weit, daß sie sich nicht einmal scheuten, die ״englische Delegation“ in der niedrigsten Weise anzugreifen. Neulich kam nämlich nach Warschau eine englische Hilfs-Dclegation, bestehend aus einer Reihe hervorragender englischer Persönlichkeiten — keine Juden —, die größere Summen der notleidenden Bevölkerung in Polen und Galizien bringen wollten. Die Delegation hat natürlich auch die jüdischen Asyle und Flüchtlingsorte besucht und ihnen große Subventionen bewilligt. Tags darauf wurde die Delegation derartig angegriffen, daß ihr Führer, Mr. Flarard, sich genötigt sah, einen offiziellen Protest in einer Tageszeitung zu veröffentlichen. Aber auch in den jüdischen Kreisen Warschaus herrscht Streit und andauernde Kriegsstimmung. Die Petersburger jüdischen Delegierten, die sich in Warschau aufhalten, tim die Verteilung der Summen vorzunehmen, werden von verschiedenen Warschauer jüdischen Kreisen andauernd angegriffen. Andererseits scheinen diese Petersburger Herren tatsächlich ihrer Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Sogar im Rasswiet erschien ein heftiger Artikel von Dr. Pasm anik, der gegenwärtig als Arzt im Felde steht. Es ist charakteristisch, daß diese Herren z. B. die Subvention für die hebräischen Kindergärten der Warschauer Zionisten für die jüdischen Flüchtlinge mit der Begründung ablehnten, daß sie nur jiddische Kindergärten subventionieren würden. Gegen diese fortgesetzten Taktlosigkeiten erschien sogar in der Hazefirah von dem bekannten Schriftsteller Salman Epstein ein Protest. Auch der angesehene Schriftsteller und Mitp | : :?l ' n

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