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Jüdische Rundschau · 1915-05-14 · Heft 20 (14.5.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 20 (14.5.1915)
Date
1915-05-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 158 JU1 DlSCHB RUNDSCHAU Nr. 20 dacht hinzugeben, dazu bed rf es des Zaubers süßer Kindheitserinnerungt n. es genügt nicht, ״den abergläubischen Schocken vor der nazarenischen Bewegung“ überwunden zu haben. Aber das sind Ein/cilu-iU-n; genug, wenn wir das Erbe Europas als jüdisch erzeugen können, um es zu besitzen, und es freut uns, daß Paquet eine solche Entwicklung für möglich hält. Es ist ja natürlich, daß für ihn, auch wenn er das Werden eine־ neuen Religion spürte, Worte wie Christen um, Protestantismus mit einer besonderen Warme erfüllt sind. So nennt er unser Zielen auf eine geistige Einheit in Palästina dem (!eiste der Reformation verwandt, Protestantismus in einem höchsten Sinne, oder spricht von der Freiheit, die wir erringen wollen und die das Christentum der heutigen europäischen Welt gebracht hat. Ich sehe viele Freiheiten, die dem Christentum abgerungen sind, wenige, die es gegeben hat. Wenn sich die befreienden Kräfte des menschlichen Geistes Paquet vor allem im Begriffe des Protestantismus darstellen, so taucht in uns wohl zunächst ein Gedanke an Nathan auf: Christ, was mich dir zum Christen macht, das inacht dich mir zum Juden. Doch nein, ich bin kein Apologet und weit entfernt, dem Christentum nun als leuchtendes Exempel das Judentum entgegenzuhalten. Das Christentum ist anpassungsfähiger und aufnahmefähiger als im allgemeinen das Judentum des letzten halben Jahrtausends; dieser Freiheit bedarf das Judentum, wie es sie früher gehabt hat. Es schien mir zuweilen eine Unsitte gerade der besten Juden, Dinge, die ihnen wertvoll sind, als urjüdisch erweisen zu wollen. Aber diese Umdeutung ist ein Teil allgemein menschlicher Torheit, und einer äußerst fruchtbaren und segensreichen Torheit. Als Mendelssohn entdeckte, daß das Judentum keine Dogmen kenne, daß es von dem Menschen nur Handlungen verlange, in demselben Zeitalter zeigte Herder, das Christentum fordere weder Andacht noch Dogmenglauben, sondern ein reines Gemüt und Pflichterfüllung, ln Wahrheit sind eben ganz andere Kräfte an der Arbeit, die gar nicht posisgemeinschaften, sondern tieferen Volkstums oder des geistigen nrnen. Und diese Kräfte auf uns wirken zu lassen und sie zu steigern, dazu halten wir ein palästinensisches, rein national zusammengehaltenes Judentum allerdings für nötig; es kommt wirklich nicht darauf an, welchen Namen wir ihnen geben. Alfons Paquet hat in seinem Buche nicht nur unsere Bewegung mit tiefer Anteilnahme behandelt, er hat das heilige Land mit einem neuen Schimmer von Schönheit umwoben. Ein stilles, inniges Leuchten liegt über dem Buche, schwer von verhaltener Empfindung und hie und da aufzückend zu magischer Glut, Wir grüßerr\den Dichter und hoffen, ihm noch öfter zu begegnen. Denn so verwickelt das Gefüge unseres Lebens sich darstellt: alle letzten Dinge sind einfach. Aufruf an die deutschen Zionisten Deutsche Zionisten! Eurer Organisation ist wie schon oft auch jetzt in dieser Zeit, die alle Verbindungen erschwert, vor den anderen Verbänden der zionistischen Weltorganisation eine große Aufgabe zugefallen. Die Zionistische Vereinigung für Deutsch- Iand muß in vorderster Reihe durch feste Organisation, durch Aufrechterhaltung ihrer Arbeitsmöglichkeiten und Stärkung ihres Einflusses für die Durchsetzung der zionistischen Idee bürgen, deren Form und Instrument die Zio- ׳־nistische Organisation ist. Deutsche Zionisten! Von Eurer Pflichterfüllung hängt es ab, ob die Zionistische Vereinigung für Deutschland ihren Aufgaben gerecht wird. Zahlet den Landesbeitrag, zahlet den Beitrag zum Propagandafonds der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Josef Chazanowicz Wir werden allmählich durch die vielen Todesnachrichten, die wir erhalten, abgestumpft. Zu anderen Zeiten würden wir nicht geglaubt haben, daß das Judentum solche Verluste hätte ertragen und bestehen können. Jetzt legen wir in unserem Herzen die eine zur andern und vertrauen fest, daß trotzdem unser Volk sich mit neuer Lebenskraft erheben und weiterleben wird. Wir nehmen die gewaltigen Verluste, die wir täglich und stündlich erleiden, bereits als etwas Selbstverständliches, als etwas Unabwendbares hin und fügen uns still, als wäre es nie (anders gewesen. Und doch sind einzelne Verluste von so einschneidender, so tiefer Bedeutung, daß wir nicht ruhig an ihnen vorübergehen können, weil die Nation gar zu schwere Einbuße in ihnen erleidet. Zu diesen gehört der Tod des Dr. J o s e f Chazanowicz׳, der privatim nach Berlin gemeldet wurde. Denn Josef Chazanowicz war ein Mann, der eine so eigenartige Bedeutung für das jüdische Leben und namentlich für die Arbeit für Zion hat, daß eine ganz besondere Note angeschlagen wird, wenn sein Name genannt wird. Ist er doch der Mann, der eine so eifrige Tätigkeit im entstehenden Zionismus entwickelte, daß er lange vor Herzls Auftreten eine markante Persönlichkeit im Zionismus war. Er war seines Zeichens Arzt und hat als solcher eine gesegnete Tätigkeit ausgeübt, weil er nicht bloß ein guter Kenner seines Faches war, sondern weil er in seinem kinderweichen Gemüte alle Schmerzen und Qualen der Kranken und vor allem die Leiden der tief niedergedrückten jüdischen Massen i,n Rußland aufs allertiefste empfand. Geboren am 9. Cheschwan 5605 in der kleinen Stadt Goniondz (Gouv. Grodno) studierte er nach gehöriger jüdischer und allgemeiner Vorbildung in Berlin und Königsberg Medizin und war im Jahre 1870/71 als freiwilliger Arzt in Berliner Kriegslazaretten tätig. Ein Jahr später promovierte er in Königsberg und erwarb durch Ableistung der Staatsprüfung in Dorpat das Recht, in Rußland den;ärztlichen Beruf afsjguüijen. Und nun begann jene Tätigkeit, die ihn in sfeinef ganzen Idealität erscheinen ließ. Der Mann ging ganz in der Hilfeleistung für Arme und Unglückliehe auf und leistete Uebermenschliches für die Schwachen und Gedrückten, während er für sich selbst niemals Zeit fand. Das Jüdische Hospital, das er in Bialystok gründete und leitete, ward der Mittelpunkt einer großen Liebestätigkeit. Und um sie voll ausüben zu können, schuf er die Ge- Seilschaft Linat haz-Zedek, deren Bedürfnisse er teils selbst bestritt, teils durch Aneiferung anderer zum Wohltun zur vollen Höhe erhob. Diese Liebestätigkeit machte ihn zum volkstümlichsten Manne seiner Stadt und der ganzen Provinz. Seine eigentliche Bedeutung aber erhielt er erst dadurch, daß er sich an der jugendlichen zionistischen Bewegung eifrig und tätig beteiligte. Er wurde einer der ersten Zionisten und war der Gründer und Leiter der Bialystoker Gruppe der Chobebe Zion, die er als Präsident bis zum Jahre 1800leitete. In diesem Jahre machte er als eifriger Zionist eine Palästinareise und brachte von dort eine Fülle reicher Anregungen zurück. Vor allem erkannte er, daß die Hauptarbeit erst noch zu leisten sei, und mehr noch auf kulturellem Gebiet als auf dem Felde praktischer Landarbeit. Er hatte den Kreis um Ben-Jehuda, Yellin, Pines und Luncz in Jerusalem gesehen, hatte verstanden, wie diese Intellektueilen, jeder auf seine Weise, sich bemühten, geistiges Leben in Jerusalem zu wecken und zu schaffen, und hatte gesehen, daß ihnen alles Handwerkzeug an Büchern dazu fehlte. Eine ganz winzige Vereinsbibliothek ohne jeden Wert war das einzige, was für sie existierte. Chazanowicz faßte den Entschluß, der seiner Einsicht in die Notwendigkeit einer großen Bibliothek entsprang, mit dem Gedanken der Gründung einer jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem an die Oeffentlichkeit zu treten, in der festen Erwartung, daß es nur dieser Anregung bedürfe, um Zehntausende zu begeistern und dieses Werk zu schaffen, das die ganze jüdische Wissenschaft und Literatur an dem Orte sammeln sollte, an dem einst das Herz des jüdischen Volkes geschlagen hatte. Vors erste aber kam er nicht zu der Ausführung seines großen Werkes. Als er nach Bialystok kam, w׳ar dort eine Schandtat geschehen, die ihn nicht ruhen ließ. Ein polnischer Arzt hatte seiner Judenfeindschaft in einer sehr deutlichen und nach seiner Ansicht sicher sehr originellen Weise Ausdruck verliehen. Er hatte einem wehrlosen jüdischen Knaben mit einem glühenden Eisen das Wort Gauner in die Stirn gebrannt. Da sich keine russische Behörde des Unglücklichen annahm, so trat Chazanowicz auf den Plan, um gegen diese Vergewaltigung Recht zu schaffen. Es war ein Kampf, der ihn beinahe aufrieb, und der damit endigte, daß er auf Anordnung der Regierung, die den antisemitischen Arzt schützte, zwei Jahre lang Bialystok nicht betreten durfte. Er blieb in Lodz. Als er aus der Verbannung zurückkehrte, ging er nunmehr an!*die Ausführung seines Unternehmens, eine Nationalbibliothek für Jerusalem zu schaffen. Obgleich seine Aufrufe meist umgehört verhallten, entwickelte er doch persönlich eine solche Sammeltätigkeit, daß er bereits 189Ö zehntausend Bände als Grundstock der Abarbane!!-Bibliothek nach Jerusalem senden konnte. Die Geschichte der Bibliothek ist bereits bekannt genug, so daß nur etwas davon wiederholt zu werden braucht. Er hat allmählich vierzigtausend Bände nach Jerusalem geschickt und wertvolle Werke darunter in großer Zahl; denn er war in seiner Arbeit zu einem hervorragenden Bücherkenner geworden. Sie sollten Eigentum des jüdisehen Volkes sein, und als der Nationalfonds gegründet war, bestimmte er, daß dieser der juristische Vertreter des Volkes sein sollte. Man weiß, daß er gegen die Einbehaltung seiner Bibliothek durch Herrn Ephraim Cohn, den Direktor der Hilfsvereinsanstalten in Jerasalern, öffentlich und feierlich, aber vergeblich protestiert hat, daß er noch auf dem Wiener Kongreß persönlich war, um die endgiltige Ueberleitung seiner kostbaren Sammlungen in den wirklichen Besitz des jüdischen Volkes zu veranlassen. Er hat die Sicherung seiner Institute für die jüdische Gesamtheit •nicht mehr erlebt. "־Der£;-Plrt1tj der. lange schon vor HejzL ein tätiger Änist war, der sich diesem dann als Getreuester der Oetreuen anschloß, hat, wie sein großer Meister, das begonnene Werk nicht vollendet gesehen. Aber er durfte ebenso mit dem sicheren Bewußtsein scheiden, daß das angefangene Werk doch noch in seinem Sinne gesichert und vollendet werden soll. Noch wenige Tage vor dem Kriege hat er mit zitternder Hand wegen der Bücher und der Bibliothek Briefe geschrieben und keinen Augenblick unterlassen, für sein großes Lebenswerk zu wirken. Heute sehen wir mehr denn je, wie notwendig und wie wichtig die Gründung einer großen wissenschaftlichen Bibliothek für alle jüdische und für alle Kulturarbeit im Heiligen Lande unserer Väter und unserer Zukunft ist, und wir erkennen, daß das Werk Josef Chazanowicz* die Grundlage aller Kulturarbeit in Jerusalem sein wird. Um so mehr müssen wir uns mit aller Energie und Schaffenskraft daran machen, daß das große Werk nicht unterbrochen und nicht gestört wird. Die Sammlungen müssen ungeschwächt fortgesetzt werden. Das ist zugleich die beste und entsprechendste Ehrung des Mannes, der zuerst dem Kulturbedürfnis Jerusalems greifbare Form verlieh. Wir müssen ihm als unvergängliches Denkmal die National-Bibliothek schaffen, die er im Geiste gesehen, und deren Grundlage er selbst unter Mühen und Entbehrung gelegt hat, von denen sich nur der ein Bild machen kann, der dem großen Kinde Chazanowicz je nahegestanden hat. Ja, er war und blieb ein Kind, mit der Ehrlichkeit und Offenheit, der Vertrauensseligkeit und dem ungezügelten Optimismus eines Kindes. Keine böse Regung hat dieses reine Kindergemüt getrübt, dessen Ehrlichkeit erbaute, dessen Leidenschaftlichkeit für das Gute erhob. Josef ben Aharon Chazanowicz ist dahin gegangen, von wo es keine Rückkehr gibt. Aber das von ihm gegründete (Werk, für das weiter zu sorgen die vornehmste Ehrenaufgabe unseres K e d e m sein muß, wird weiter bestehen

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