Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 152 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 19 führte, mit dem obigen, bescheidenen, lammfrommen, offiziösen Artikel, in dem der Name Englands nicht einmal vorkommt, so wird man wohl vermuten dürfen, der Artikel lasse auf ein Uebereinkommen mit Englarid schnellen. Dali Rußland und England bei ihren Teilungsplanen die Rechnung ohne den Wirt machen, ist eine Sache für sich. Das offiziöse russische Organ, die ״N o \v o j e Wremja“ veröffentlicht eine Antwort an den N o v i - V o s c h o d. Nachdem sie die Ausführungen dieses Blattes über das Vorgehen der Behörden in Jaroslau zitiert hat. die in allen jüdischen Häusern der Stadt Haussuchungen halten lieben, erklärt die ״Nowoje Wremja“: ״Es ist unzweifelhaft, daß die Juden sich bemühen, den Zweck des Krieges zu komplizieren. Der Novi-Voschod empfiehlt den Juden, internationale Garantien für ihre bürgerlichen und nationalen Rechte zu fordern. Es wird kaum in Rulllands Interesse liegen, eine internationale Einm i s c h u 11 g in seine inneren Angelegenheiten zu erlaub e n.“ Die offiziöse ,,No wo je Wrtmja“ und der offizielle ״R u s s k i j Invalid“ machen Vorschlage, wie sich die russische Regierung zu den polnischen Juden verhalten soll. Die beiden Blätter behaupten, Deutschland habe ostpreullischen Juden die Mittel dazu gegeben, in Massen nach Rußland einzuwandern (!), um dort zugunsten Deutschlands Spionage zu treiben. (!!) Deshalb wird von den ernannten Zeitungen geraten, die Regierung solle nacii em Kriege den Juden den Aufenthalt in allen Grenzgebieten untersagen. * Der Pinsker Rabbiner David Fried in a n n, der unter dein Namen Rabbi David Karlincr in jüdischen Gelehrtenkreisen sehr bekannt war, ist vor kurzem verschieden. * Mitte April wurde in Moskau eine Konferenz abgehalten, an der sich 30 angesehene Juden aus Moskau, Petersburg und der Provinz beteiligt hatten und auf der beraten werden sollte, wie den heimatlosen olnischen Juden zu helfen sei. Aus den Berichten at sich ergeben, daß es augenblicklich über 100 000 jüdische Flüchtlinge in Rußland gibt, von denen sich 40 000 in Warschau und 20 000 im Gouvernement Lomsha befinden. Es ist ferner festgestellt worden, daß die Not und das Elend bei den jüdisehen Flüchtlingen ungeheuer groß ist und die bisher geleistete Hilfe in gar keinem Verhältnis dazu steht. Benötigt werden mindestens 1 Million Rubel, davon ist nur der kleinste aufgebracht worden. Die reichste ‘jüdische Gemeinde Rußlands, Moskau, hat nur 200 000 Rubel espendet. Um die nötigen Mittel beschaffen zu önnen, hat man die Einführung einer Selbstbesteuerung beschlossen. Für den Roten Halbmond Das Kartell Jüdischer Verbindungen veranstaltete im Monat März im Preußischen Abgeordnetenliaus zu Gunsten*des Roten Halbmonds einen Vortragszyklus, in dem die Herren Dr. Paul R o 11 r b a c 11, Dr. Martin B u ber, Dr. Ernst Jaeckh und Dr. Alfons Pa q 11 et spraeben. Als Reinertrag dieser Veranstaltung hat das Kartell Jüdischer Verbindungen die Summe von 10Ü0 M. dem R o ten Hai b m o n d in Konstantinopel überreicht. Mitteilungen des Jüdischen Kriegsarchivs In den nächsten Tagen erscheint Heft I der ״Mitteilungen“ des jüdischen Kriegsarchivs in Wien. Aus dem lnhalt führen wir an: Die Juden in G a 1 i z i e n und der B uk o w i n a unter d e r r u s s i s c h e n ln v a - sion (authentische Originalberichte und doku- “׳ mentarische Belege). - Leiden der Juden in R'uss i s c h - Po 1 c n (Original-Korrespondenzen). - Die Anteil n a h m e d c r ö s t e 1׳ r.- ungarischen Juden am Kriege (patriotische Aktionen und Kundgebungen, hervorragende Einzelleistungen). Juden als Sold a t e n und O f f i z i e r e (Listen der Ausgezeichneten, Anerkennungsschreiben, Episoden usw.). ־ Verschiedenes. Der Preis der ״Mitteilungen“ beträgt 60 Heller (50 Pfennig). Vorausbestellungen sind an den Verlag R. Löwit, Wien I, Rotenturmstraße 22 oder an das Jüdische Kriegsarchiv, Wien II, Zirknsgasse 33, oder den J ü d i s e h e n Verl a g zu richten. Deutsche und jüdische Orientinteressen Im neuesten Heft der ״Sozialistischen Monatshefte“ bespricht Ludwig־ Qu esse] ״Deutsche und jüdische Orientinteressen“. Quessel hat schon im vongen Jahrgang der ״Sozialistischen Monatshefte‘' (1914, 2. Band, pag. 672 ff.) über ״Die jüdische Neukolonisatioti Palästinas“ einen gut orientierten Aufsatz geschrieben. Auch sein neuer Artikel zeugt von der Kenntnis der Frage: ״Eine eigenartige Verkettung historischer Ereignisse,“ heißt es in der Einleitung, ״hat also die Zeiitralmächte zwar nicht zum Verbündeten des Judentutns schlechthin, wohl aber zum Bundesgenossen der nationalgesinnten Judenheit gemacht, die bestrebt ist, aus Palästina ein Zentrum nationaljiidischcr Kultur zu schaffen. Diese durch die Teilnahme der Türkei am Weltkrieg entstehende Burulesgenossciischaft zwischen Deutschtum und nationalgesinnter Judenheit wäre freilich von geringer Bedeutung, wenn sie rein äußerlich und damit vergänglicher Natur wäre. Im folgenden soll jedoch gezeigt werden, daß in ihr dauerhafte Faktoren enthalten sind, die sie zu einein geschichtliehen Ereignis stempeln, dessen Tragweite in Deutschland nicht unterschätzt werden sollte, und das der aufmerksamsten Beachtung aller Politiker wert ist.“ Und ferner: ״Die politische Idee des Zionismus besteht nun darin, daß er das Aufgehen des Judentuins im Kulturleben der anderen Völker als verliängnisvoll ansicht. Nach der zionistischen Anscliauung kann es für die Juden ein würdiges Leben nur geben, wenn sie als Juden wieder zu eigener nationaler Leistung gelangen. Dieser Wille zu natio- Haler Entwicklung wird im Zionismus zur schöpferischen Tat: Im Einklang mit den religiösen Hoffiiungen des alten Judentums stellt er sieh die Aufgabe, Palästina mit Juden zu besiedeln und damit der Judenheit der ganzen Welt einen allgemein ancrkannten nationalen Mittelpunkt zu geben. Im vorigen Jahr habe ich in dieser Zeitschrift bereits zum Ausdruck gebracht, daß diejenigen, die wirklich niternational fühlen, das heißt, die anerkennen, daß die verschiedenen Nationen berufen sind, durch eigenartige Leistungen ihrer spezifisch nationalen Begabung die allgemeine Kultur der Menschen fortzuentwickeln, das zionistische Streben gutheißen müssen.“ An der Hand einer soeben neu erschienenen Publikation von Davis Tri et sch ״Juden und Deutsche, eine Sprach- und Interessengemein- Schaft“ erörtert Quessel diese Sprachgemeinschaff, die in gewissem Sinne eine Interessengemeinschaft zwischen Deutschtum und Judentum bedeute. Für die aktuellen Probleme bedeutsatt! erscheint Quessel aber vor allem, daß ei 11 Interesse des Zionismus für die Erhaltung der Türkei vorhanden ist. ״Wie die palästinensische Judenheit selbst, so sind auch die Zionisten der Alten und Neuen Welt überzeugt, daß der türkische Staat trotz, seiner Mängel der geeignetste Rahmen für die Erreichung des zionistischen Zieles darstcllt und somit die Erhaltung der Türkei direkt im zionistischen Interesse liegt.“ Die Zentralmächte und die zionistischen Organisationen scheinen dem in den kolonialpolitisehen Fragen gut orientierten Autor nicht nur an der Erhaltung, sondern auch an der wirtschädlichen Kräftigung des türkischen Staats- Wesens in hohem Grad interessiert. Für unsere Leser sind diese Gedankengänge nicht neu; daß aber immer weitere Kreise der deutschen Oeffcntlichkeit jetzt von dem Wesen der zionistischen Arbeit und ihrer Bedeutung für die Orientpolitik erfahren, ist natürlich von nicht zu unterschätzender Bedeutung. ZIONISTISCHE BEWEGUNG Mitteilungen. Das Kopcnhagener Bureau der Zionistischen Organisalion gibt ,,Mitteilungen“ in deutscher, engli scher und französischer Sprache heraus, um die allgemeine Presse und die jüdische Welt über zionistische Aktionen und über Angelegenheiten, die Palästina betreffeil, zu unterrichten. Diese Mitteihmgen werden auch der deutschen I ,resse erwünschte Informationen erteilen. Die Hilfsaktion für Palästina. I>ie Z i o 11 i s t i s c 11 e O r g a n i s a t i o n (Bureau Kopenhagen) hat in allen europäischen Ländern eine allgemeine jüdische Hilfsaktion für Palästina in die Wege geleitet, die von den zionistisch eil Landeszentralen, meist gemeinsam mit anderen jüdischen Verbänden durchgeiülm wird. Die Aktion wird durch einen Aufruf unterstützt, den das Kopcnhagener Bureau der Zionistischen Organisation (Ve-t.'rgade 1) in hebräischer, jüdischer, deutscher, englischer, französischcr und dänischer Sprache herausgegeben hat. Wir veröffentlichen den Aufruf an leitender Stelle unseres Blattes. Diese großzügige Hilfsaktion wird j zusammen mit der speziell in Amerika schon seit! Monaten geführten Aktion hoffentlich die so dring e n d notwendigen Mittel zur Aufrcchterhaltung der jüdischen Siedlung, zur Erhaltung der jüdischen Bevölkerung in Palästina herbeischaffen. Das in Deutschland von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Gemeinschaft mit dem ״Esra“ und anderen in Palästina arbeitenden jüdischen Organisatiouen Deutschlands organisierte ״Hilfswerk für Palästina“ hat mit gutem Erfolg eingesetzt: als erste Rate sind schon 20000 M. nach Palästina überwiesen worden. Aber auch in den anderen europäischen Ländern hat diese einheitliche H i 1 f s a k t i o n schon Erfolge aufzuwciscu. In S c 11 w ed e!1 ist unter den Auspizien von Herrn Oberrabbiner Dr. Markus Ehrenpreis ein allgemeines jüdisches Hilfskomitee-in Stockholm in Aktion getreten, das bisher schon 10 000 Kronen (österreichische Währung) durch das Kopcnhagener Bureau nach Palästina überwiesen ha׳. Das dänische Hilfskomitee, dessen Vorsitzender Herr S i m o n s e n ist, hat schon den Betrag von 3500 (dänischen) Kronen für das Hilfswerk zur Verfügung gestellt, so daß aus K o p e n h a g e 11 schon 4200 (dänische) Kronen Herrn Dr. R 11 p p i n überwiesen werden konnten. Es ist bezeichnend, daß selbst in E n g 1 a n d Sammhingen für die palästinensischen Juden durchgesetzt werden konnten; dies hat nach uns vorliegenden Nachrichten vornehmlich C h i e f r a b b i Dr. ü a s t e r beim Foreign Office erreicht. — Auch in Oesterreich, Holland, Rußland haben die Sammlungen bereits begönnen. Dänemark- An den höheren Gymnasialkursen in Kopenhagen hat kürzlich Herr Slor aus Palästina das Examen mit Auszeichnung bestanden. Herr Slor soll demnächst nach Palästina als Lehrer für Gymnastik zurückkehren. Bei seinem Examen hat der staatliche Inspektor für Turnunterricht hervorgehoben, daß es der dänischen Schule zur Genugtuung gereicht, auch für das auflebende Volk Israel im Lande Israel Turnlehrcr auszubilden. Er erklärte im Namen der Schulbchörde seine Bereitwilligkeit, eine größere Anzahl jüdischer Turnlehrer für Palästina ohne Entgelt ausbilden zu wollen. Seine schriftlichen Arbeiten hat der Examinand auf Wunsch der Leitung der Kurse in hebräischer Sprache abgefaßt, betont wurde hierbei der Wunsch, im Archive der Kurse, das Schriften aller Nationen enthält, auch die nationale Sprache des jüdischen Volkes vertreten zu sehen. Die Landeskonferenz der Skandinavischen Zionisten wird am 23.Z24. Mai in Kopenhagen abgehalten werden. Amerika. Dem Provisional Exekutiv Committee for General Zionist Affairs sind die Herren Judge Julian W. Mack (vom Apellations-Gerichtshof) und Professor Felix Frankfurter (von der Harward-Universität) als beratende Mitglieder beigetreten. Die beiden neuen Mitglieder des Zionistischen Exekutivkomitees, die im öffentlichen Leben Amerikas eine bedeutsame Siellung einiiehtneii, werden der zionistischen Arbeit in den Vereinigten Staaten sicherlich sehr wertvolle Kräfte zuführen. * Die ״Federation of American Zionists“ hat für den besten Essay über das jüdische Leben in Palästina ein Preisausschreiben eröffnet, an dem sich die Studeuten der Universitäten in den Vereinigten Staaten und in Kanada beteiligen dürfen. Der Preis besteht in einer Bronzemedaille und 1Ü0 Dollar. Der Spender des Preises ist Louis I). Brand eis. Die Preisrichter sind: Richter Julian W. Mack vom Appeilations-Gcrichtshof, Prof. Richard Gottheil von der Columbia-Universität, Professor Felix Frankfurt c r vom Harvard-Institut, Der Wettbewerb wird am 1. November 1Q15 geschlossen. * Der diesjährige Delegiertcntag der A m e r i k a n i - scheu Zionist e 11 wird in der letzten Juni-Woche in Boston stattfinden. Südafrika. Das Exekutivkomitee der Südafrikanischen Zionistenfüderation hat auf seiner letzten Tagung folgende Resolutionen beschlossen: 1. Die Exekutive der Südafrikanischen Zionisten- Föderation, welche mehr als 100 zionistische Vereine vertritt, ist der Meinung, daß eine einzigartige Gelegenheit zur Wahrnehmung der Rechte der Juden sieh bei den Friedensverhandlungen nach Beendigung des Krieges bieten wird und daß die größten Anstrengungen zur Sicherung dieser Rechte gemacht werden müssen. 2. Es erscheint dringend geboten, eine vereinigte jüdische Aktion eiuzuleiten, tun die Forderungen der bürgerlichen, politischen und religiösen Gleichbcrechtigung der Juden für diejenigen Länder zu formulieren, wo sie noch nicht besteht. 3. Eine •vereinigte Aktion soll unternommen werden, um eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstatte für das jüdische Volk in Palästina zu erlangen. 4. Alle Zionistischen Föderationen sollen dringend auf die Notwendigkeit hingewiesen werden, mit anderen jüdischen Körperschaften zusammenzuarbeiten, um eine Zenlralkörperschaft zu schaffen, welche für die oben erwähnten Ziele wirken soll; sie sollen dafür sorgen, daß in dieser zentralen Körperschaft die Zionistische Organisation in angemessener Weise vertreten ist.