Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 J U E DI S C H E RUN DSCH A U Seite 151 Aus Palästina J a f f a , 9. April. Immer neue Heusclireckenschwärme fallen in Palästina ein. Erst a,m vorigen Sonntag kamen wieder neue Schwärme ins Land, die diesmal auch in Benscheinen gewesen sind. Von der Schädlichkeit der Heuschrecken kann man sich ein Bild machen, wenn man gesehen hat, wie die Heuschrecken in Benschemen innerhalb von zwei Stunden ein Kleefeld von 50 Dunam abgefressen haben. Größerer Schaden ist bisher noch nicht angerichtet worden. Man fürchtet aber, daß die jungen, flügellosen Heuschrecken, die jetzt auskriechen, grollen Schaden anstiften werden. Besonders ist Rcchoboth, Wadi- El Han in, teilweise auch Richon und bei der letzten Invasion auch P c t a c h - T i k w a h heimgesucht worden. Auch in Bensche men haben die Heuschrecken bereits Eier abgelegt. Die Regierung hat sehr energische Maßregeln zur Bekämpfung der Gefahr ergriffen, selbstverständlich tun auch die Kolonisten, was überhaupt nur möglich ist. Die Getreidepreise haben infolge der Heuschreckeninvasion das Doppelte der früheren Höhe erreicht. Man zahlte schon Ende März 35 Francs für 100 kg anstatt des früheren Preises per 18 Francs. — ln Judäa haben wieder 70, in Galiläa sämtliche jüdische Wächter ihre Tätigkeit aufgenommen. — Die Ruhe im Laude gibt keinen Anlaß zu irgend welchen Besorgnissen; sie ist besonders durch die straffe Disziplin der türkischen Armee gesichert. Brief aus Polen Nach dem Erscheinen des zweiten Artikels von Georg Brandes in ״Politiken“ über die Polnische Frage ist von eitlem in Kopenhagen ansässigen gewissen polnischen ,,Professor“ Loninsky, eine Kampagne gegen Brandes eröffnet worden. Dieser Herr schrieb eine dänische Broschüre gegen Brandes, die in Kopenhagen allerdings keine große Beachtung gefunden hat. Nun stellt es sich heraus, daß dieser ausgezeichnete Pole ein — galizischer Jude mit Namen Da ich cs ist. Diese Entdeckung ist dem neuen Warschauer Wochenblatt Opninia Zydowska (Jüdische Meinung) zu verdanken, die einen selbstbewußt gefärbten jüdischen Charakter trägt und dem jüdischnationalen Gedanken nicht abgeneigt ist. Interessant ist es, daß gerade in dieser Zeit auch 'die alte assimilatorische Warschauer ,,Izraelita“ auferstanden ist. Sie erscheint seit einigen Wochen und vertritt ihren alten extrem-assimilatorischen Standpunkt. Daß die Warschauer Assimilanten auf ihr altes Preßorgan zurückgreifen, beweist, daß sie mit letzter Kraft kämpfen. Die Kluft zwischen den Assimilanten und den jüdisch-nationalen Volksmassen hat in der letzten Zeit eine große Erweiterung erfahren. Die gesamte jüdische Presse führt den Kampf für den jüdischen Nationalismus gegen die antisemitischen Polen und gegen die polnischen Assimilanten mit ganzer Schärfe. Man muß die erregte Stimmung Warschaus kennen, um zu verstehen, welch ein Mut dazu gehört, jetzt dem polnischen Chauvinismus die Stirn zu bieten. Erfreulicherweise nimmt auch die ,,Hazefirah“ in dieser Frage eine entschiedene Stellung ein, so daß man über die Stellung des Blattes wirklieh nicht im Zweifel sein kann. Gerade die ״H az e - f i r a 11“ wird von der polnischen Presse stark angegriffen. Hinter ihr vermutet der polnische Antisemitismus die führende Intelligenz des jüdischen Nationalismus. Bezeichnend für den Tiefstand der polnischen Assimilanten ist, daß einer ihrer Führer, namens Josef Wasserzug, in der Warschauer ,,N 0 v a Ci a z e 11 a“ einen Protest gegen Georg Brandes veröffentlicht hat. Er nennt das Eintreten Brandes’ für die Juden eine ״brutale und verfehlte Stellungnahme, die zurückgewiesen werden muß.“ Jetzt dürfte in der jüdischen Presse eine große Kampagne für und wider Brandes entstehen. Wie weit die Spannung zwischen Nationalisten und Assimilanten in Warschau reicht, ist daraus ersichtlich, daß die meisten assimilatorischen Gesellschaften beschlossen habeil, an der Beerdigung von Perez nicht teilzunehmen, mit der Begründung, daß Perez durch seine chassidischen Geschichten ,,Finsternis in den jüdischen Massen verbreitet hat“. Diese Beschlüsse, namentlich vonseiten der Kulturgesellschaft ,,Daass“ haben in Warschau große Empörung hervorgerufen und die Folge davon war, daß an der Beerdigung von Perez ca. 100 bis 150 000 Juden teilgenommen haben. Die Spannung dürfte in der nächsten Zeit noch größer werden, da eine neue, für die polnischen Juden besonders gefährliche Situation, entstanden ist. Der Zar hat nämlich soeben auf Grund des bekannten § 87 (etwa der österreichische §14) die Selbstverwaltung für Polen eingeführt. Nach mehreren Aenderungen, die von der Duma vorgenommen und vom Reichsrat wieder aufgehoben worden waren, ist eine ursprünglich für die Polen günstigere Form von der höchsten Instanz eiligeführt worden. Man kann ruhig sagen, daß die Juden den Polen nunmehr einfach ausgelicfert sind. Eine große Selbständigkeit Warschaus Petersburg gegenüber ist von der russischen Regierung wenigstens vorläufig anerkannt und so werden die Juden natürlich am meisten zu leiden haben. Das ist für die Juden ein Unglück, das mit seinen Folgen den schwersten Schlägen des Krieges glcichkommt. Kriegshilfskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Aufruf Unerbittlich verlangt der Krieg seine Opfer. Eine harte Schule machen auch alle Opferfreudigen durch. Bereitwillig und eifrig stellte sich zum Kriegsbeginn alles in den Dienst der Kriegshilfe. Von allen Seiten wurden persönliche Leistungen dargeboten, Spenden wurden als selbstverständliche Opfer betrachtet und geleistet. — Aber die lange Dauer des Krieges hat viele müde gemacht. Der große Aufschwung hat — wir müssen es uns eingestehen — nachgelassen: die Spannung war eine zu starke, eine Erschlaffung mußte eintreten. Dennoch ist die Lage der Hilfsbedürftigen keine bessere geworden. Wiewohl der Arbeitsmarkt sich besserte und Beschäftigung in vielen Fällen gefunden werden konnte, so daß unsere übernommenen Verpflichtungen für Familienfürsorge glücklicherweise geringer geworden sind, so ist doch eine große Anzahl unserer jüngeren Brüder, die von ihren Heimatländern abgeschnitten sind, immer weiter auf unsere Hilfe angewiesen. Nun aber sind vviram Ende unserer Mittel. Wir dürfen uns ,aber den übernommenen Verpflichtungen nicht entziehen, wir dürfen unsere Brüd e r i n ihrer verzweifelten Lage nicht verlassen. Darum erbitten wir die Hilfe aller Gesinnungsgenossen. Spendet für das Hilfskomitee! Auch hier heißt es: Du r c h h a 11 e n! Nicht müde werden! Wir verkennen nicht, daß wir für inannigfache Zwecke Anforderungen an die Gebefreudigkeit stellen. Das H i 1 f s w e r k für Palästina ist von allergrößter Bedeutung für unser Volk, aber auch unser H i 1 f s k om i t e e muß in der Lage bleiben, bis zum glücklichen Ausgange des Krieges seine Schutzbefohlenen durchzu halten. Auch der kleinste Beitrag ist willkommen. Eine kleine monatliehe Spende sollte jeder aufbringen, damit wir es ermöglichen, unseren bescheidenen Verpflichtungeri weiter nachzukommen. Kriegshilfskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschlan d. I. A.: Hulda Zlocisti. AUS ALLER WELT Aus Oesterreich. Das Versorgungskomitee für jüdische Flüchtlinge in Prag, das von der Prager zionistischen Organisation gegründet worden ist, hat einen sehr interessanten statistischen Fragebogen herausgegeben, der alle auf die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina bezüglichen Daten sammelt. Zunächst sollte dieser Fragebogen nur einem statistisch-wissenschaftliehen Zwecke dienen, es hat sich aber herausgestellt, daß er außerordentlich wichtiges Material fiir die aktuellen Probleme, die die Flüchtlinge angehen (Uiiterstützungsfrage, Entschädigungsfrage usw), liefern kann. In diesem Fragebogen sind Daten über die Familienmitglieder, Daten über die Flucht vor dem Feind, über die von verschiedenen Seiten bezogenen Unterstützungen, den Bildungs- und Gesundheitszustand, sowie über den Militärdienst der einzelnen Familienmitglieder gesammelt. Es ist außerordentlich dankenswert, daß das Versorgungskomitee mit einer Arbeit eingesetzt hat, deren systematische Durchführung einen Beweis dafür liefert, daß die jüdischen Flüchtlinge selbst sich organisieren können und müssen, wenn sie auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht sein wollen. Aus Polen. In Warschau erscheint jetzt eine neue polnische Zeitung ״Roswag a“ die das Organ der Assimilanten-Partei in Warschau sein soll und den Zweck hat, die polnisch-jüdischen Beziehungen zu verbessern. Der Herausgeber ist der bekannte Assitnilant Dr. Nuß bäum. — Eine neue jüdischnationale Zeitung heißt ״Opninia Zydowska“ (Jüdische Meinung). Aus Aegypten. Das Petersburger Blatt ״Birshewyje Wedomosti“ erhält ein Telegramm aus Saloniki, daß die palästinensischen Flüchtlinge aus Ale vand r i e ri nach T a 11 g e r gebracht werden sollen, weil Alexandrien für die bevorstehende Truppenverschiebtmg geräumt werden muß. Aus Amerika. Ein Protest gegen Rumänien wegen der Verletzung der politischen und bürgerlichen Rechte der rumänischen Juden, die iin Vertrag von Berlin im Jahre 1877 nach Beendigung des russisch-türkischen Krieges vorgesehen waren, wurde von der rumänischen Föderation Amerikas bei ihrer Jahresversammlung vorgebracht. Es wurde ferner beschlossen, daß die Föderation die Vereinigten Staaten dringend ersuchen solle, sie sollten, falls man sie auffordere, an der Beilegung des europäischen Krieges teilzunehmen, darauf bestehen, daß eine absolute Garantie für die Gleichberechtigung der rumänischen Juden gegeben werde. Die Resolution wurde von Solomon Sufrin eingereicht. Dr. Henry Moskowitz, der Vorsitzende der JVUmicipal Civil Service Commission“, und Richter Gustav Hartman behaupteten, daß die Juden versäumt hätten, den durch den Krieg notleidenden Juden genügende Hilfe zu leisten, während andere Völker viel mehr getan hätten, weil die Juden niemals gemeinschaftlich arbeiteten. * Durch die amerikanischen Zeitungen geht in der letzten Zeit folgender Aufruf, der von 17 in der amerikanischen Oeffcntlichkeit wohlbekannten Persönlichkeiten unterschrieben ist: Eine große Verantwortung liegt jetzt auf der amerikanischen Judenheit, die jetzt die gesamten jüdischen Interessen zu vertreten hat. Man spricht sehr viel davon, einen jüdischen Kongreß einzuberufen. Das ist gewiß ein höchst wichtiger und notwendiger, aber zugleich auch sehr verantwortungsreicher Schritt. Wir müssen deshalb danach streben, die Befürwortung dieses Planes von der New Yorker Geme in de auf ihrer bevorstehenden 6. Jahresk o n f e r e n z zu erhalten. Es ist ferner deshalb notwendig, daß alle, die dip Einberufung eines Kongresses für wichtig halten, zu dieser Konferenz vorbereitet und ihrer Absichten voll bewußt kommen, Zugleich ist es notwendig, daß die New Yorker Judenheit auf einer demokratischen Grundlage organfsiert wird, damit der Kongreß wirklich eine autoritative Vertretung wird. Auch das soll auf der Konferenz eingeleitet werden. Wir Unterzeichnete, die wir bisher auf den Konferenzen der New Yorker Gemeinde als Abgeordnete teilgenommen hatten, fordern aus den oben genannten Gründen sämtliche Vereine, Gesellschaften, Schulen usw. dazu auf, zu der Gemeindekonferenz Abgeordnete zu schicken, damit dort Stellung genommen wird zu der Frage des jüdischen Kongresses, wie auch zu anderen wichtigen Tagesfragen. * ' Bis zum 1. April ist beim amerikanischen ״Relief- Fonds“ eine Summe von 611 809,53 Doll, eingegangen. Aus Rußland. Das Petersburger jüdische Hilfskomitee hat es abgelehnt, das Warschauer Hilfskomitee der jüdischen Assimilanten zu unterstützen, da dieses mit den Polen Hand in Hand gehe und nur eine Abteilung des polnischen Hilfskomitees sei. Es wird jetzt ein rein jüdisches Hilfskomitee in Warschau gebildet. Die letzte Nummer der N o w o j e W r e m j a“ beschäftigt sich an leitender Stelle mit dem künftigen Schicksal Palästinas. Es ist zum erstenmal, daß in dieser Frage eine offiziöse russische Erklärung abgegeben wird. Der Artikel enthält eine längere historische Ucbersicht der Palästina-Politik der Mächte seit dem 19. Jahrhundert und erwähnt, daß schon in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Kaiser Nikolaus I. sich mit dem Gedanken getragen habe, größere jüdische Massen in Palästina zu kolonisieren. Seit dieser Zeit hätte dort die russische Regierung große religiöse Werke geschaffen. Der Leitartikel betont, daß Rußland nunmehr, wo das Schicksal Palästinas demnächst entschieden werden soll, keine Ansprüche etwa auf den Besitz Palästinas erhebe, daß Rußland lediglich in Palästina tief religiöse Interessen besitze/ die gewahrt werden müssen. ״Es ist klar, daß Palästina in dem Besitz von neuen Machtfaktoren gelangen wird und man könne jetzt schwerlich sagen, welche der verschiedenen Kombinationen eintritt. Eins aber ist klar, daß die russische Regierung nichts unterlassen darf, um die Wahrung ihrer religiösen Interessen 1'm heiligen Lande zugesichert zu bekommen.“ Dieser Artikel hat gewiß eine besondere Bedeutung. Er ist zweifellos eine offiziöse Absage der politischen Aspirationen Rußlands auf Palästina, Aspirationen, die in letzter Zeit zumeist in kirchlichsynodalen Kreisen Stimmung und Anhänger fanden. Vergleicht man die heftige und klare Sprache, die dieselbe ״Nowoje Wreinja“ bis zur letzten Zeit beziiglich Konstantinopels gegen England ./» I 6 -ף |׳ 1 I 1 h■ ' 7!