Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. IQ der Schekelzahler zu erhöhen. Wir bitten alle Organisationen, sich möglichst zu bemühen, die für die palästinensischen Institutionen benötigten Summen und gleichzeitig auch Gelder für die palästinensische Hilfsaktion zu sammeln. Wir sind in der glücklichen Lage, bei der Uebersendung aller Gelder, die für diesen Zweck gesammelt werden, behilflich sein zu können״). M. Die Aufrechterhaltung der allgemeinen Organisation und der Institutionen in Palästina erfordert jährlich mindestens <)00 000 Pres., wenigstens die Hälfte dieser Summe sollte außerhalb der Vereinigten Staaten gesammelt werden, und wir sind überzeugt, daß, falls alle zionistischen Landes- und Sondcrorganisationen sieh genügend anstrengen, dies auch erreicht werden kann. 15. Selbst wenn der Friede eintreten sollte, so werden die Verwüstungen, die der Krieg verursacht hat, die äußersten Anstrengungen unsererseits erfordem, um die entstandenen Verluste wieder gut zu machen, und den Bedürfnissen, die die jetzige Lage erfordert, kann nur dadurch entsprochen werden, daß man unsere Organisation in allen Ländern kräftigt. Im Namen des Provisional Executive Committee for General Zionist Affairs. gez. Louis D. Brandeis, Erich Rosenkranz Am 27. April starb in Metz an den Folgen eines Wagenunfalles, den er auf einer Vergnügungsfahrt erlitt, der Vorsitzende des Karteils Jüdischer Verbindungen, Dr. med. Erich Rosenkranz im blühenden Alter von 33 Jabren. Das deutsche Judentum ist uin eine Zukunftshoffnung ärmer geworden, das jüdische Volk hat einen seiner Großen, einen Führer verloren. Verständnislos und noch ohnmächtig, den ungeheuren Verlust, den wir erlitten haben, zu begreifen, stehen wir Freunde ־an der Bahre Erich Rosenkranz', den uns ein sinnloser Zufall , geraubt hat; in wehmutsvoller Verehrung und Bewunderung aber senkt der deutsche Zionismus seine Fahnen auf das Grab des Mannes, der seiner Jugend als Führer vorangeschritten ist. Was uns, die« wir Erich Rosenkranz Bundesbruder und Freund nennen durften, mit ihm entrissen worden ist, das verschließt brennender Schmerz uns in der Brust; was der deutsche Zionismus an ihm verloren hat, das soll in dieser Stunde laut verkündet werden, soll der Nachwelt überliefert sein. Erich Rosenkranz’ zionistische Tätigkeit bewegte sich in engen Grenzen; er hatte sie sich selbst gezogen, weil er nur da wirken wollte, wo er an den Mitarbeitern nicht nur im Ideal geeinte Gesinnungsgenossen, sondern in Herzliehkeit und Treue zusammenstehende Freunde hatte, wo nicht nur gleiche üedankengänge die Menschen verbanden, sondern das gleiche leidenschädliche Feuer der Jugend brannte. So wurde er aus eigener Wahl und doch zugleich getragen von bewundernder Liebe seiner Bundesbrüder der anerkannte Führer der organisierten nationaljüdischen Akademikerschaft Deutschlands. Als sich im Jahre 1907 die über den Rahmen rein studentischer Verbindungen hinausgewachsene, bereits im Bunde Jüdischer Corporationen (B. J. C.) zusammengeschlossenen Vereine jüdischer Studenten die ihrer Bedeutung entsprechende Organisation schufen, da war es selbstverständlieh, daß an die Spitze dieser Organisation kein anderer treten konnte, als der Mann, der bereits in dem ältesten Verein Jüdischer Studenten, dem V. J.St. Berlin, seine glänzende Führereignung bewiesen hatte, Erich Rosenkranz. Und als dann im Juli 1914 der Bund Jüdischer Corporationen sich mit dein Kartell Zionistischer Verbindungen zu einer neuen, größeren, die Gesamtheit aller organisierten national jüdischen Studenten Deutschlands umfassenden Gemeinschaft, zum Kartell Jiidischer Verbindungen (K. J. V.) verband, da war es nicht nur den Mitgliedern des B. J. ('., denen *) Die Hilfsaktion der amerikanischen Zionisten steht selbstverständlich in engem Zusammenhang mit der von der Zionistischen Organisation (Bureau Kopenhagen) angeregten allgemeinen Hilfsaktion, deren Aufruf wir an leitender Stelle veröffentliehen. Ä11 in. d. Red. JU EDI SC HE RUNDSCHAU Erich Rosenkranz bereits fast ein Jahrzehnt bewunderter und geliebter Führer gewesen war, sondern auch den Mitgliedern des K. Z. V., die in ihrer Allgemeinheit ihm bis dahin menschlich doch noch fern gestanden hatten, klar, daß nur einer berufen war, dieser neuen machtvollen Organisation Führer zu sein, Erich Rosenkranz. Es ist nicht schwer zu sagen, was Erich | Rosenkranz zu diesem Führeramte so besonders 1|11alifizierte. Das Schicksal hatte ihn mit allen Eigenschaften ausgestattet, die den Führern eigneu. Aufrecht und stolz war sein Wuchs; in einein Antlitz von männlicher Schönheit blitzten Augen, die ebensosehr herrisch leuchten und anderen den eigenen Willen aufzwiiigen, wie teilnahmsvoll und verstehend den Freunden Liebe spenden und zur Liebe und Verehrung fortreißen konnten. AAit der Leidenschaft, mit der er an seinen Idealen hing, verband sich in ihm allezeit opferbereite und treue Hingebung au die Männer und Jünglinge, die seine Ideale teilten und seiner Führung folgten. Er hatte die naive Seele eines Träumers und war doch zugleich ein Mann der Tat, dem sich Ideen in Wirklichkeiten, in Organisationsformen und euergievolle Aktionen umsetzten. Er hatte die Leidenschaft der Jugend, die immer neuer Ideen voll vorwärtsstürmt, und war doch bedächtig und kühl im Entschluß; kein Kompromißler, und doch stets geneigt, die Gedanken anderer zu prüfen und mit den eigenen auszugleichen. Erich Rosenkranz war ein Jude aus Instinkt. Aufgewachsen außerhalb der Traditionen des religiösen Judentums, war ihm das Bekenntnis zum jüdischen Volke eine Selbstverständlichkeit. Er hatte die Bildung und Kultur des deutschen Volkes in weitestem Umfange in sich aufgenommen und zweifelte doch niemals ernstlich daran, daß er seelisch nur Jude war, daß er die reichen Gaben, die er besaß, und alle seine Kräfte nur dem jüdischen Volke widmen dürfe, daß er die innere Beglückung und Harmonie nur in der Arbeit für die Zukunft des Judentums finden würde. Erich Rosenkranz war erfüllt von Sehnsucht nach Judentum und so wurde er Zionist. Er war kein Romantiker, den eine mystische Sehnsucht mit Palästina verband, und doch liebte er dieses Land, das er niemals gesehen hat, immer zu sehen hoffte, weil er nur von ihm den Typus des neuen Juden erwartete, der ihm jüdisches Mannesideal war. Seelische Ueberwindung des Golus, das war ihm der Inhalt des Zionismus und zugleich auch das Ziel, dem er alle die Jünglinge zuzuführen wünschte, die sich in den von ihm geleiteten Studentenorganisationen zusammenfanden. Wie hing er doch an diesen Studentenverbindungen! Gar nicht oft genug konnte er in ihnen verweilen; aus allem Druck des jüdischen Alltags hat er sich immer wieder in das quellende jugendlich fröhliche Treiben seiner Bundesbrüder geflüchtet. Von ihnen hoffte er die Umwandlung des deutschen Judentu ms, seine Erziehung zu Mannhaftigkeit, Treue und aufrechtem Stolz. Und wie haben sie ihm seine Liebe und Treue vergolten! Sie liebten ihn, wie Kinder ihren Vater lieben, voll Stolz, daß er der Ihre war, und voll Bewunderung. Nicht nur in den Angelegenheiten ihres Verbindungslebens, nein, in allen Fragen ihres persönlichcn Lebens, in denen sie des Rates bedurften, haben sie sich ihm anvertraut. Sie wußten, daß ein jeder von ihnen seiner Liebe und Treue sicher sein durfte und daß keiner ungehört von ihm ging׳. Sein Haus stand jedem offen, der als Mitglied eines V. J. St. zu ihm kam, es war der geistige Mittelpunkt des über ganz Deutschland verbreiteten V. J. St.ertums, das Erich Rosenkranz stets als eine besondere Art jüdischer Gemeinschaft erschien. So schien Erich Rosenkranz berufen, an der Spitze seiner mm schon an die 1000 heranreichenden Bundesbrüderschar im deutschen Zionisinus und im deutschen Judentum der Zukunft zur Sonnenhöhe des Glückes emporzusteigen. Das Schicksal hat es anders gewollt. Mitten aus dem Leben hat es ihn abberufen. Wahrlich, ein Großer ist hingegangen in Israel. So jung er gewesen, so unaustilgbar sind doch die Spuren seines Wirkens im deutschen Judentum, so unausiöschlich die Liebe zu ihm im Kreise aller seiner Bundesbrüder. Sie sind die Erben seines Seite 149 Willens. Sie geloben ihm l iebe und f reue übers Grab hinaus. Sie geloben ihm, daß er ihnen auch Im Tode Führer bleiben soll, wie er’s im Leben gewesen ist, daß sein Bild ihnen allezeit voranleuchten ,soll als Ideal des neuen deutschen Juden. (itorg Herlitz. Durchsichtige Methode Wir haben in den letzten Wochen immer wieder feststellen müssen, daß das ״Hamburger israelitische Familienblatt“ antizionistische Vorstoße versucht, wobei es in der Wahl seiner Waffen durchaus nicht wühlerisch ist. Wir haben uns in all diesen Füllen darauf beschränkt, den tendenziösen ״Mißverständnissen“ und Verschleicrungsinanüvern des Hamburger Blattes die Darstellung des wahren Sachverhalts gegenüberzustellen. Woche um Woche taucht aber in den Spalten des ״Hamburger israelitischen Familienblattes“ eine neue antizionistiselie ״Entdeckung“ auf, die den Zweck hat, uns in der uns gegenüber nicht mehr ungewöhnlichen Form in der Oeffentliehkeit oder auch vielleicht an anderen Stellen als staatsbürgerlich nicht unbedenkliche Elemente liinzustellen. Die ganze Kampagne gegen uns wird nach dem Grundsatz geführt: Semper a 1 i q u i d 11 a e r e t! Von unbezweifelbaren Riditigstellungen muß man ja nicht Kenntnis nehmen; Tatsachen, tlie man in ganz offenkundiger Absicht verschwiegen hat, mufi man nicht mitteilen, wenn sie die Unrichtigkeit des eiligenommenen Standpunktes schlagend beweisen; und •schließlich kann man ja dem Zionismus auch Dinge unterschieben, für die, wenn jemand überhaupt, nur die extremste Assimilation verantwortlich gemacht werden könnte. In der von Max Jacobs oh 11 herausgegebenen Berliner Wochenschrift ״Die Schaubühne“ erschien am 8. April ein Aufsatz von Max Epstein über ״Die konservativen Juden“. Max Epstein erging sich in ziemlich verworrenen Auslassungen über das Problem des konservativen Judentums und kam zu dem Schluß, daß gläubige Juden, die nicht Zionisten sind, sich taufen lassen müßten. Es waren Ausführungen, die ihrem ganzen Charakter nach klar erkennen ließen, daß der Autor diese Frage ganz von außen her, ohne wirkliche Kenntnis des Problems, anschaut. Eine Mannheimer Tageszeitung hatte den Aufsatz von Epstein abgedruckt und die Mannheimer Zionistische Ortsgruppe hatte hierauf in dieser Zeitung sofort eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die ״unklaren und verworrenen Ausführungen eines Unbekannten, dessen Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation durchaus zweifelhaft ist“, energisch ablehnt. Wir unsererseits haben festzustellen, daß Max Epstein selbstverständlich nicht der zionistischen Organisation angchört; er ist ein gel a 11 f t e r J 11 d e. Das Hamburger Israelitische Familienblatt aber kann es nicht unterlassen, den Protest der Zionistischen Ortsgruppe in Mannheim gegen das ״d o k t r i ״ ä r e G e s c 11 r c i b - s c I“ Max Epsteins mit der entstellenden Glosse zu versehen: ,,Daneben bleibt doch die tief bedauerliche Tatsache bestellen, daß der ״d o k t r i - uäre Zionismus“ Epsteins und seiner Gesinnungsgenossen den Judenfeinden auch jetzt während des Krieges tlie schärfsten Waffen gegen uns in die Hand gibt und eine Gefahr für die Jude 11 heit bleibt.“ Es ist also die alte Methode. Das ״Hamburger Israelitische Familienblatt“ kann natiirlieh selbst feststellen, daß Max Epstein, ein in literarischen Kreisen ziemlich bekannter Mann, ein getaufter Jude ist. Aber diese wahrheitsgemäße Feststellung würde es unmöglich machen, seine Ausführungen einem ״doktrin ä r e n Zionismus“ zuzuseiireiben, der erfundeti werden muß, weil es ihn nicht gibt. Diese antizionistiselie Methode ist aber doch zu durchsichtig, um uns schaden zu können. Wir unsererseits werden nicht vergessen, in wie unverantwortlicher«Weise unsere jüdischen Gegner uns gerade in der Zeit des Burgfriedens äugefallen haben.