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Jüdische Rundschau · 1915-05-07 · Heft 19 (7.5.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 19 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I Nr. IQ J U EDI SC H E RUNDSCHAU Seite 147 bestimmen lassen, wenn sie sich nicht selbst vernichten will, sondern sie muß ihre Ziele mit Strenge festhalten. Aber sie muß zugleich im Dienste höherer Ideen stehen: Freiheit und Selbstbestimmung der Nationen und Individuen, Gerechtigkeit gegenüber allen Gliedern der Menschheit, das sind Ideale, an denen wahre Staatskunst nicht achtlos vorübergehen kann, ohne ihren Sinn zu verlieren. Mergenthau, der Amerikaner und der Jude, ist von dieser Ueberzeugung durchdrungen. Das ist für ihn keine Doktrin, keine eingelernte Bücherweisheit. Allem Doktrinarismus abhold, in amerikanischer Unbekümmertheit um feststehende Meinungen und Lehren, schöpft er seine Ueberzeugungen aus seiner Lebenskenntnis und seiner Empfindungswelt. Seine Klugheit, sein maßvolles und geduldiges Wesen, sein Fleiß und sein Geschick haben ihn zu einem der erfolgreichsten und angesehensten Staatsmänner gemacht, die jemals amerikanische Interessen vertraten, und sein nüchterner Sinn verkennt diese Interessen keinen Augenblick. Er weiß aber auch, daß er seinem Vaterlande wägbare Dienste leistet, wenn er seine Sendung׳ höher, wenn er sie dahin auffaßt, ein Diener der Menschheit zu sein. Erkenntnis, Pflichtgefühl und idealer Sinn wirken in ihm zusammen und schaffen das Bild eines humanen Staatsmanns, dem die Politik ein Mittel scheint, an der Entwicklung des Menschengeschlechts zu höheren und besseren Daseinsformen mitzuarbeiten. Im Zeichen dieser Politik hat er sich und seinem Lande hohe Achtung erworben, im Zeichen dieser Politik sind hunderte von Männern und Frauen getröstet von ihm gegangen, im Zeichen dieser Politik naht ein amerikanisches Schiff der Küste Palästinas, um hungernden Juden, Christen lind Mohammedanern Nahrung zu bringen. * Morgenthaus äußere Lebensführung entspricht seinem maßvollen, kluggebändigten Wesen. Strenge Mäßigkeit hat ihm seine Arbeitskraft erhalten und läßt den bald sechzigjährigen um zehn Jahre jünger erscheinen. Er raucht nicht und trinkt keinen Alkohol, macht sich häufig Bewegung in frischer Luft und arbeitet mit geringen Unterbrechungen von morgens bis abends. In seinem Auftreten, in der Behandlung seiner Mitarbeiter und seiner Besucher zeigt er sich ganz als freier Amerikaner. Er weiß natürlieh die Formen zu wahren, die der Botschafterposten verlangt, und er beachtet die oft zeitraubenden Vorschriften der diplomatischen Etikette. Aber dies ist ganz, selbstverständlich und ganz unwesentlich; wesentlich ist, daß ihm jede Art von Hochmut fremd geblieben ist. Er behandelt alle Menschen ganz gleich, und aus der Art, wie er mit einem Besucher umgeht, wird nie zu erkennen sein, ob es ein Hochgeborener und Hochgestellter, oder ein einfacher Mann des Volkes ist. Jedem Menschen begegnet er vorurteilslos und läßt ihn gelten — nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Respekt vor jeder Ueberzeugung, jedem ehrlichen Willen, jedem Beruf. Dem stets über die Verhältnisse lebenden, von äußerlichem Ehrgeiz, von Anbetung der Macht und des Geldes erfüllten Levantinertum ist er ein verblüffendes Beispiel bürgerlicher Einfachheit. Morgenthau, der immer betont, daß er Jude ist, liebt es nicht, über sein Verhältnis zum Judentum viele Worte zu verlieren. Und es bedarf dessen auch nicht, denn wer den Menschen kennt, kann seine innere Beziehung zum Judentum fast erraten. Als ich ihn einmal hierüber befragte, erwiderte er nach kurzem Besinnen: ״Ich stamme von Juden, ich suche dies nie zu verbergen, sondern ich bin stolz darauf.“ Die Einfachheit dieses Ausspruches ist sehr bezeichnend. Morgenthau hat sich nie über den ״Sinn des Judentums“ den Kopf zerbrochen. Um sich selbst, um sein Judentum zu begreifen, bedarf es für ihn keiner Definitionen und keiner Abhandlungen über das ״Wesen“ oder das ״Verhältnis“ von jüdischer Rasse, Religion und Nation. Er weiß und fühlt sein Judentum, weil er als Jude geboren ist, sein Leben lang die Augen offen hielt und ein warmherziger Mensch ist. Wie sollte er, der in Amerika Eilige-' wanderte, nicht empfinden, was ihn mit den 2'Millionen Eingcwanderter verbindet? Und mußte er, der immer für das Gemeinwohl zu wirken suchte, nicht in erster Linie seiner leidenden Brüder gedenken? So hat er sich denn von jeher an jüdischen Wohltätigkcitsbestrebungen beteiligt, die in Amerika einen besonders1 großartigen Charakter angenommen haben. Er gehört dem Vorstand des größten jiidischetl Hospitals New Yorks an (das natürlich das größte jüdische Hospital der Welt ist). Er war auch Vorsitzender einer Synagogengemeinde, einer von den sehr freien Gemeinden allerdings, wie sie nur in Amerika denkbar siitd, die sieh aber von weniger freien Refornigemeinden Europas oft vorteilhaft unterscheiden., Was in Europa hauptsächlich durch das krampfhafte Bemühen entstand, so deutsch, so englisch, so französisch wie möglich zu erscheinen, ist in Amerika dem ehrlichen Willen zuzusclireiben, fortschrittliche Neuerungen einzuführeu, die der Anschauung des amerikanischen Juden der Gegenwart vom Wert und Sinn der Zum Gedächtnis von J. L. PEREZ veranstaltet die Berliner Zionistische Vereinigung Montag, 17. Mai, 1,49 Uhr im Meistersaal (Köthener Strafte 38) einen Perez-Abend. 111m1nu1n11111M1n11,1!!i1!!11111111i!1111u1(|׳(Y'1׳i1!m11i111[11111i1t111111111t1nn!n11m111־׳n PROGRAMM: Martin Buber: Ansprache über J. L.Perez. Ludwig Hardt / S. Schneür Vorlesungen aus J. L. Perez. Karten zu 3, 2, 1 Mark Im Büro der Zionistischen Vereinigung, an sämtlichen Theaterkassen von A. Werthelin und bei Bote & Bock. - Der Reinertrag fällt dem Hilfswerk für Palästina zu. jüdischen Religion entsprechen. Gewiß war dies einst auch der Ursprung der europäischen Reformbewegung im Judentum. Aber diese blieb sich nicht treu, sie reformierte nicht, sondern zerstörte, Weil ihr Ziel kein erneuertes, sondern ein möglichst der Umwelt angepaßtes unauffälliges Judentum war. Gänzlich verarmten dieser ״Liberalisnrus“ und diese ״Reform“, weil der im Laufe des letzten J ahrhunderts im Judentum auftretende Geist der nationalen Erneuerung ihnen fremd blieb, ja im Interesse der geräuschlosen Assimilation von ihnen bekämpft wurde. Wenn das in religiöser Hinsicht zum großen Teil sehr freigeistige Judentum Amerikas uns heute eine starke Hoffnung bedeutet, so eben deshalb, weil die Reform dort wirklich Reform sein will (ob sie es tatsächlich ist, soll hier nicht erörtert werden), weil der ,amerikanische Jude meist offener, vorurteilsloser, unbefangener zu seinem Judentum steht, als der europäische. Aus dieser Vorurteilslosen Haltung ergibt sich heute schon für viele amerikanische Juden eine starke Hinneigung zu unserer nationalen Bewegung. Die materielle und moralische Judennot drängt sich dem unbefangenen Blick täglich auf — warum also nicht versuchen, dem Strom der Wanderer neue Aufnahmegebiete zu erschließen, dem alten Volk eine Heimat zu verschaffen, in der ihm bessere Daseinsbedingungen geboten werden, warum nicht versuchen, das nationale Leben zu erneuern und so dem Judentum der ganzen Welt frischen Lebensmut eimuliauehen? Diese in Amerika um sich greifende Erkenntnis hat auch Heim AVorgeiithau, den 1111befangenen Amerikaner, den bewußten Juden berührt. Er ist kein Zionist, will sich nicht auf Programme festlegen. Aber er meint (in echt amerikanischer Ausdrucksweise), man müsse ״den Zionisten den Weg frei gehen, damit sie zeigen, was sie können‘‘. Den jüdischen Kolonien in Palästina, die er besucht hat, bringt er starkes Interesse entgegen, er wünscht ihre Ent- Wicklung und Ausbreitung, weil sie ihm als ein Stück echten und gesunden jüdischen Lebens erscheinen. Doch will er auf keine Weise■ den Propheten spielen. Als ich ihn fragte, was er von den Zukunftsaussichten des Zionismus halte, wies er auf eine der uns wohlbekannten Sdnvierigkeiten hin, fuhr dann aber fort: ״Ich gebe kein Urteil ab, ich unterstütze jede im Interesse des Judentums unternommene Sache, wenn ich glaube, daß sie dem Judentum irgend welchen Nutzen bringen kann und wenn ich sehe, daß es ihren Verfechtern ernst damit ist.“ Diese Unterstützung hat er uns gewährt. Ohne ihn hätte in diesen Monaten schwerer Schaden entstehen können. Aber unermüdlich trat er für uns ein, und in vielen Fällen gelang es ihm, die jüdischen Interessen in der Türkei zu schützen. Die Zionisten wissen, was sic ihm zu verdanken haben, und werden es ihm nicht vergessen. Morgenthau ist trotz seiner Jahre an Geist und Körper ein jugendfrisclier Mann. Hoffen wir, daß er uns Juden, seinem Vaterlande und der Menschheit noch lange erhalten bleibt. Allen dreien sucht er zu dienen, allen dreien hat er dauernden Nutzen gebracht, und noch viel Gutes ist von dem Weltbürger, dem Amerikaner und dem Juden Henry Morgenthau zu erwarten. R. L. Tätigkeitsbericht des Provisorischen Zionistischen Exekutivkomitees in Amerika (Rechenschaftsbericht, erstattet vom Provisorischen Exekutivkomitee für allgemeine zionistische Angelegenh e i t e n in Amerika.) New׳ York, 8. März 1415. Das ״Provisorische Exekutivkomitee fürallgemeinezionistischeAngelegenh e i t e n“ (P r o v i s i o n a 1 Executive CommitteeforGeneralZionistAffairs) wurde am 30. August 1914 gegründet und seine Tätigkeit erstreckt sich auf eine Zeit von über 6 Monaten. Wir wünschen, hiermit einen allgemeinen Ueberblick über die Tätigkeit und die Erfolge dieses Komitees während dieser Zeit zu geben. Unser Ziel ist, von jetzt an in engere und häufigere Verbindung sowohl mit dem Engeren Actions-Comite zu treten als auch mit den Organisationen in den verschiedenen Ländern, mit denen in Verbindung zu stehen dem Engeren Actions-Comite Schwierigkeiten bereitet, regelmäßig zu verkehren. 1. Zur Zeit der Gründung des ״Provisional Committee“ war es natürlich unmöglich, die Ausdehnung vorauszusehen, die der jetzige Krieg angenommen hat. Damals hofften wir, daß die Türkei nicht in den Krieg verwickelt werden würde. Wir setzten uns deshalb im allgemeinen folgendes Ziel: Die Aufrcchterhaltung der Zionistischen Organisation und der Institutionen, die die Zionisten in Palästina geschaffen hatten. Es schien uns klar, daß natürlicherweise die Fähigkeit der Zionisten sehr gehemmt und womöglich in den kriegführenden Ländern eingestellt werden würde. Da Rußland, Deutschland und Oesterreich bis dahin die finanziellen Hauptstützen der palästinensischen Institutionen gewesen waren, hielten wir es für unsere Pflicht, soweit wir konnten, einen Ersatz für diese Unterstützung zu schaffen. Zu diesem Zwecke versuchten wir, die Amerikanisch-Zionistische Organisation weiter auszubauen und in Amerika Fonds zu sammeln, um die bereits in Palästina geschaffenen zionistischen Institutionen aufrecht zu erhalten. Wir unternahmen also die Sammlung eines Hilfsfonds von 100 000 Dollar in der Voraussetzung, daß dieser Fonds genügen würde, um die unerläßlichen Ausgaben unserer Organisation besonders in Palästina zu decken. In dieser Absicht plante das Komitee die Veranstaltung öffentlicher Versammlungen und eine , I ■A l 4׳:;ü I: ו!.:

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