Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 146 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 19 Erfolg entgegen. Familiengiüek, Gesundheit, Ansehen und Reichtum sind ihm beschieden. Er richtet in späteren Jahren sein Augenmerk auf die Politik - und sogleich gelaugt er in die nächste Umgebung des künftigen Präsidenten, der ihm den Weg /um Botsehafterposten ebnet. Er tritt diesen Posten au und in l1; Jahren hat er sich ein Mall von Achtung und Vertrauen erworben, wie kaum ein amerikanischer Botschäfter vor ihm. Als blolien (Hiicks/ufall kann inan solch Schicksal nicht bewerten. In dem Wesen des Mannes ruht die Erklärung seiner Erfolge, und wer Morgenthau kennt, vermag diese Erklärung unschwer zu geben. Was an ihm auffällt, ist die harmonische Verbindung von Eigenschaften, die in vielen, ja in den meisten Menschen ruhen, in ihm aber in seltener Reinheit und Deutlichkeit ausgeprägt sind. Es sagt sich so leicht hin: der oder jener ist klug, gut und tüchtig. Aber wo finden sich diese Eigenschaften wirklich in solehern Maße und so vereinigt, daß sie das Bild eines Mannes beherrschen, daß sie immer w ieder mit scharfer Deutlichkeit hervorspringen? Morgenthau besitzt diese EigenscHaften, oder vielmehr sie besitzen ihn, sie durchdringen sein Wesen bis in alle Winkel. Seine Klugheit enthält nichts kirnstlieh Gesteigertes. Es ist die natürliche Klugheit eines nüchternen, mit klarem Blick begabten Lebenskenners. Sein an der Erfahrung geschulter Instinkt weist ihm den richtigen Weg, sein sicheres Urteil lallt sich nicht verwirren, Leidenschaft und Eigenwille sind seiner Seele fremd. Mit dieser ruhigen Klugheit verbindet er eine Arbeitskraft und einen Arbeitswillen von erstaunlichem Grad. Er liebt die Arbeit, der er die Erfolge seines Lebens dankt, und findet in der stetige!! - Anspannung seiner Kräfte . immer, aufs neue einen Genuß. AU ich ihn eines Eages stark beschäftigt antraf und ihn fragte, ob ich nicht zu einer gelegeneren Stunde wiederkommen sollte, erwiderte er rasch: ״Nein, bleiben Sie, ich bin ja immer so beschäftigt aber das macht nichts das macht mir Freude ich liebe die Arbeit.“ In seinem Munde ist das keine Phrase, es ist Wahrheit, die jeder erkennt, der ihn häufig am Werke sieht. Er arbeitet unermüdlich und schnell, jede Sache muß sogleich erledigt werden. Unterbreitet mau ihm einen Vorschlag, so hat man häufig den Satz noch nicht beendet, wenn er schon auf die Klingel drückt, um die nötigen Anordnungen zu erteilen. Dieses ״amerikanische“ Ärbeitstempo allein ermöglicht .ihm, sein tagiiches Pensum zu bewältigen. Neben den laufenden Angelegenheiten, dem fang der Besucher, der Abstattung Besuchen, den Konferenzen mit Ministem Botschaftern, den Beratungen mit sciiaft, findet er und eine Ausdauer, che zum glücklichen Gelingen seiner Arbeit hervorragend beitragen, Morgenthau bewahrt auch inmitten der schwierigste» Tätigkeit, die die volle Anspannung der Nerven fordert, Ruhe und Heiterkeit. Es ist nicht die Heiterkeit eines Kindes, das von der Schwere des Daseins noch nichts ahnt, es ist nicht die Heiterkeit eines sorglosen Genießers, es ist die Heiterkeit selbstsicherer Reife. Es gibt wohl düstere, gewaltsame Temperamente, die weder durch Glück noch durch Uriglück, weder durch Erkenntnis noch durch Erfahrung jenem Idealbild still in sich gefaßter Heiterkeit näher gebracht werden, wie es etwa der alte Goethe v erkörpert. Wem aber von Natur ein sonniges Temperament beschieden ist, wem es die Umstände ermöglichen, ohne allzu heftige innere und äußere Stürme in sinnvoller, befriedigender Arbeit Glück und Erfolg an sich zu fesseln, das Leben zu genießen, zu erfahren und zu bemeisteru, wer sich sagen darf, daß ihm dies alles durch eigene Tüchtigkeit gelang, wenn auch das Glück mithalf, und wer schließlich durch strenge Selbstkontrolle Anmaßung und Einpvon und von ihm eiiigeführten täglichen dem gesamten Stabe der Botimmer noch Muße zum stillen Nachdenken, zu ausführlichen Gesprächen und allgemeinen Erörterungen. Er begnügt sich nicht mit der Erledigung der täglich auf ihn einstürinenden Geschäfte, er sucht den Sinn seiner Arbeit, sucht sie planvoll zu lenken und höheren Ideen dienstbar zu machen. Ein hervorstechender Zug seines Charakters ist seine Geduld. Er weiß, daß in großen Geschäften und Unternehmungen nicht alles glatt verlaufen kann, daß Schwierigkeiten unvermeidlieh sind, daß in allen Lebensverhältnissen mit menschlicher Kurzsichtigkeit, mit dem Wirrsal der Natur- und Geisteskräfte gerechnet werden muß. Das macht ihn geduldig, und da er auf so viele Erfolge zurückblicken kann, so ermuntert ein heimlicher Optimismus seine zähe Tätigkeit. ״Er ärgert sich nie“ sagte mir ein Herr aus seiner Umgebung, und tatsächlich weiß er den natürlich auch in ihm zuweilen aufsteigenden Unmut über Menschen und Dinge sehr rasch zu unterdrücken. Seine Erfahrung und seine Geduld verleihen ihm eine Stetigkeit des Wesens Uebeiiiebung von sich zu bannen weiß, der gewinnt jene Harmonie der Gedanken und Empfindüngen, die sieh im Verstehen alles Menschlichen und zugleich in ruhiger Heiterkeit der Seele kundgibt. Diese Heiterkeit ist Henry Morgenthau heschieden, und sie ist eine der Ursachen, die den Umgang mit ihm so überaus angenehm gestalten. Kluges Urteil, ungewöhnliche Arbeitskraft, geduldige Beharrlichkeit erklären den Erfolg, der Morgenthau beschieden war, nur zum Teil. Das Vertrauen, das ihm durch seine Berufung auf den Botsehafterposten bewiesen wurde, galt auch seiner Güte, seiner Zuverlässigkeit und vornehmen Gesinnung. Diese Güte, die sich immer wieder mit einer selbstverständlichen Gelassenheit, ohne Pose, ohne Anspruch auf Dank, in edelster Einfachheit kundgibt, muß ihm viele treue Freunde geworben haben. Sie ist es, die sein ganzes Wesen durchwärmt und von allen seinen Handlungen untrennbar ist. Um diesen Mann zu verstellen, um seine Persöniiclikeit zu erklären, muß daran erinnert werden, daß er Jude und Amerikaner ist. Ja, ich sehe in ihm eine Verkörperung der besten Eigenschäften des Juden und des Amerikaners. Amerika hat ihn nüchtern und praktisch gemacht, es hat sein Humanidie Richtung Ideal des Inihm Vorurteilslosigkeit, Toleranz und Großzügigkeit der Auffassung verliehen. Das Judentum hat ihm die ethischen Fundamente seines Wesens gegeben, jene echt jüdische Menschenliebe, die sich in dem herzlichen Verhältnis zu seinen Angehörigen und Freunden, im Wohltun für die Juden und die Nichtjuden äußert. Morgenthaus geistige Welt ist nicht die des ,,Intellektuellen“ im europäischen Sinne - dieses Intellektuellen, der allzu oft nur ein Vielwisser, ein Vielkenner, ein An-, Mit- und Nachempfinder ist, dem die frische Farbe der Entschließung, Gefühl für das Einfache und ein starker Glaube an sich selber fehlt. Morgenthau ist ein ״Intellektueller“ 1m amerikanischen Sinne, ein Mensch, dem die Ideale der Humanität kein Feiertagsgewand und auch kein ״überwundener Standpunkt“, sondern natiirliehe Gebote sind, die es auf irgendeine Weise mag dies auch dem schvverbeladenen Geiste Europas zuweilen naiv oder gar grotesk erscheineu in praktische Wirklichkeit umzusetzen gilt. Der jüdisch-ethische Zug seines Wesens verstärkt und verinnerlicht tätsempfinden, gibt ihm auf das höchste soziale dentums: Gerechtigkeit. Das ist der Mann, der von sich selber sagt: ״Ich glaube, daß die Türken Vertrauen zu mir haben, weil ich tniclr bemühe, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.“ Und wirklich hat er es verstanden, mit der türkischen Regierung die freundlichsten Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhaiten. Die türkischen Minister fühlen, daß dieser Botschafter ein gerecht denkender, gütiger Mensch ist, der ׳es immer zu vermeiden sucht, ihnen Ungelegenheiten m bereiten und immer bestrebt ist, bei der Wahrung der ihm anvertrauten Interessen auch den türkischen Standpunkt gelten / ■ ״ .׳■ ״•’׳■ . Das;5־t der׳’־ ־in!!, der nach Kriegsaiisbrucn ״״,זs,! oglischcn und Iranzösischen Schutzbefohlenen mit größtem Eifer, mit wahrhaft seltener Hingebung wirkte. Was Morgenthau und seine Gattin für die zum Verla-sen der Türkei genötigten Priester und Schwestern der christlich-religiösen Gesellschaften getan haben, war ein Werk der Nächstenliebe, dessen sieh die zunächst Beteiligten gewiß mit tiefster Dankbarkeit erinnern werden. Tag für Tag galt es, Schwierigkeiten zu beseitigen, Erieichterungen zu schaffen, und Tag für Tag war die amerikanische Botschaft voll von christlichen Männern und Frauen, deren Trost und Hoffnung in der Angst ihres Daseins der amerikanische Botschafter, der Jude Morgenthau war. Wie er für die Juden der Türkei, besonders für die Juden Palästinas eingetreten ist und täglich eintritt, ist in diesem Blatte so gesagt worden, daß es sich erübrigt, Einzelbeiten aufzuzählen. Gewiß verbinden ihn mit dem Judentum Empfindlingen besonderer Art, aber eben weil er im besten Sinne Jude ist, ist er ein Mensel! voll Mitgefühl und zarter Fürsorge für alle Leidenden und Bedrückten. Menschlichkeit auci in der Politik zu bewahren, scheint ihm Glück und Pflicht. Kleine Tagespolitiker, die in einer sinnlosbrutalen Machtpolitik die höchste staatsmännisclu Weisheit sehen, mögen darüber die Achseln zucken: aber so gewiß es wahr ist, daß zu weilen in der Politik Härte 110t tut wie Bismarck sie hatte, da er durch Blut ׳and Eisen Deutschland zusammenschmiedete --- so gewiß ist es, daß die Idee aus der Politik nicht verbannt werden kann wie denn Bismarcks Werk ja auch nichts anderes als die Vollendung der deutschen Einheitsidee ist. Rohe Kraftent faltung, Verachtung der nationalen oder der all gemein-menschlichen Ideale können auf die Dauer nicht zum Inhalte der Politik gemacht werden. Diese ist freilich die Kunst des Möp liehen, sie darf sieh nicht von Sentimentalitäten