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Jüdische Rundschau · 1915-04-30 · Heft 18 (30.4.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 18 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 140 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 18 der Entschluß zur letzten Konsequenz, zumindest im Theoretischen. Und auf der Treppe stehen bleibend, stellte ich noch in zweifelndem Lauern die entscheidende Frage an ihn. Da blieb auch er stehen und warf mir mit dem jubelnden Mute, dem nur die groben Sieger und Seibstbesieger haben, den letzten Fetzen seiner einstigen Haskolo-Falvne vor die Fülle. Nach dem Gesagten erübrigte sich fast zu erwähnen so zwingend folgt es daraus י daß Perez über die reichsten Mittel verfügte, um seine Bildervvclten aufzubauen. Vor allem, was das Sprachliche betrifft. Er verstand es, aus seinem Jiddisch die alte, gott- und glanzerfüllte Kultur des jüdischen Volkes prunken und schimmern zu lassen, ohne ihm den Reiz seiner Jugend, Volkstümlichkeit und Lebens- Unmittelbarkeit zu nehmen. Fr wußte es, Natur und Poesie* zugleich atmen zu lassen. Er lieb die Sätze wie Kaskaden stürzen, wie Bäche rieseln, wie Seide knistern, und wie Blöcke plumpsen: je nachdem es die jüdische Seele verlangte. Nebensächlich, daß Perez wenig Lyriker und Dramatiker nicht im angenommenen Sinne war. Nebensächlich, daß er seine Hauptform in der Erzählung fand. Nebensächlich, daß sich die Stimmung in seinen Erzählungen und Dramen wie ein feiner Duft aus unbekannten, aber sichereu Welten uni die Fabel der Dichtung wob. Nebensächlich alle diese Feststellungen im Einz.elnen. Denn alles dies verschwindet dagegen, daß er der einzige Dichter unserer Zeit war, dem das jüdische Volk in seinem innersten Zusanimenhange vor Augen stand, der einzige dichterische Weltenbauer Israels. Und alle Trauer um ihn gipfelt in der größten Klage, daß uns in dem Vierundsechzigjährigen ein Junger starb, ein junger Baumeister, der mit seinen Werken noch immer höher und höher gewachsen wäre. Daß sieh mitten in seinem neuen Jiinglingssehauen seine Augen schließen mußten .... Seder in Feindesland 1. Am 30. März, abends, Feldgottesdienst und Sederabend in Schtschutschin! Ein Armeetagesbefehl hat die benachbarten Komniandostellen aufgefordert, den jüdischen Soldaten, soweit angängig, die Teilnahme an der Feier zu ermöglichen; unser Chef hat den jiidischen Angehörigen der Abteilung Urlaub gegeben, und ־zu früher Nachmittagsstunde rollt das uns zur Verfügung gestellte Auto auf der von leichtem Nachtfrost trockenen Straße bei freundlichem Frühlings- Sonnenschein nach Osten hin. liier sind drei Aerzte, ein Apotheker und ein Zahnarzt, eine aus Zionismus und Zentrab erein, K. J. V. mul K. C. sein׳ gemischte Gesellschaft, doch das nunmehr bereits acht Monate währende, enge Zusammenleben in dem gleichen, begrenzten Kreise, legt jedem von uns, auch den Jaden, die Pflicht auf, Streitfragen, die Spannungen zwischen einzelnen von 1111s erzeugen könnten, zurückziistelleii. So nähern wir uns in ungestörter, fröhlichster Festes- Stimmung der russischen Grenze. Die russische Grenze! Welch rin Unmaß mehtsvürdiger, brutaler Kränkung verbindet sieh uns imt diesem Begriffe! Mit zähiieknirsehriidem Ingrimm haben wir es hinnehmen müssen, daß wir nur schmachvoll gekenuzeichnet \or den übrigen Reisenden diese Linie aberschreiten durften; und mancher hat sich gelobt, lieber auf eine gewinnbringende Reise zu verzichten, als sich solcher Bedingung zu unterwerfen. Hurra, Väterchen! Jetzt kommen wir ohne Jtidcnpaß, als Sieger set/eit wir den f uß auf die Grenze zwischen Gesittung mul Barbarei, die Grenze, die aufgehört hat, eine Grenze zu sein; einige Feldgraue stellen herum wie an irgend einer anderen Stelle der langen Heei- Straße, und die bunten, russischen Gretizpfähle geben litte lustige Staffage zu einigen Aufnahmen, die unsere Photographen noch schnell an dieser, für uns Jydon so denkwürdigen Stelle des alten Europa, machen. Dann gehts zurück itt den Kasten, der bis zum August ldl I das sozialdemokratische Blatt in einer mitteldeutschen Großstadt ausgefahren hat mul ans jetzt als Kricgsaiito ins heilige Rußland hineinträgt. Bitterergreift den aus Deutschland Kommenden das tolle, verkehrte Bild diesseits mul jenseits der Grenzpfähle: dort in Ostpreußen, in den von der verängstigten Bevölkerung verlassenen Städten und Dörfern fürchterlichste Verwüstung, die kein .Mund zu schildern vermag: die Häuser verkohlte Ruinen; soweit sie noch dastehen, das Innere gänzlich ausgeraubt oder wenigstens in viehischer Weise zerstört und besudelt; w ohl seit dem dreißigjährigen Kriege hat Europa so Abscheuliches nicht gesehen; und dann hier auf der anderen Seite, wo unsere Soldaten die Feinde gewesen sind, dies Bild wie plötzlich mit dem Messer abgeschabten: Häuser und Hütten stehen unverselirt und im Inneren unberührt, die Leute gelten der gewohnten Beschäftigung nach, Kinder spielen auf den Straßen herum; ein Bild fast ungestörten Friedens irn Lande der Barbarei; nur die deutschen Soldaten, die liier auf russischem Boden hcrumhantiereu, als wären sie das langgevvohnt, und hier und da einmal ein Haus, das die Spuren des Geschützfetiers zeigt, erinnert daran, daß wir im Kriege sind. Das Auto hält am Eingänge des Städtchens, gerade an der Synagoge. In einem Nebenraunte versammeln sich eben die Männer /um Minchagebet. Als sie hören, daß die fremden deutschen Soldaten Juden und Freunde sind, kommen sie erfreut zu uns in den Saal und zeigen und erklären uns die Sehenswürdigkeiten des altehrwürdigen Gotteshauses; dann gelten sie zusammen mit unserem Unterarzt zum ,VVinehagebet. Draußen bittet uns eine Frau in dir, neben der Svuagoge gelegenes Hänselten. Das Minimum an Raum und Möbeln hier ist von überraschender, [teiltlieber Sauberkeit; wir knabbern die uns freundlich dargereichten Ma/zen, noch einmal knipst der Apparat vor einer durcheinanderkrabbelntlen, lachenden und schwatzenden, rotbäckigen Kinderschar und dann geht's zum Beth Itamidraselt, wo die Feier stattfinden soll. Auf dem Wege dorthin begegnen wir einem unaufhörlichen Strome von Juden, die fast die alleinigen Bewohner des Ortes sind. Den ernst und bescheiden an lins Vorübergehenden rufen wir immer wieder ein lustiges ״Gut jmitew“ zu; sofort hellen sich die ernsten Mienen auf, und freundlich lächelnd ziehen die Männer die Miitz.cn und nicken Frauen und Mädchen uns zu. Im Beth haiuidraseb gibt es eine ähnliche lieberraschuug wie für den zionistischen Neuling bei einem Kongresse oder Delegiertentage: wo kommeti nun auf einmal so v iele bekannte K. J. V.-er und Zionisten her? Und anderseits treffe ich zum ersten Male hier heim Seder in Feindesland Bundesbrüder, die ich noch hei keiner der vielen Gelegenheiten im Frieden kennen gelernt hatte. Auf dem Hofe hinter dem Hause soll die Gruppe des Feldrabbiners mit den jüdischen Soldaten, die von den verschiedensten Truppenteilen in der Nachharschaft zusanimengekommen sind, und unter denen auffallend viele Zionisten sind, auf die Platte; das ist aber schwerer ausgeführt als gedacht: zu beiden Seiten des Raumes zwischen Gruppe lind Apparat hat sich eine immer mehr anschwellende Kinderschar an'- gesammelt, die unter Schimpfen und Puffen immer tiefer in das Gesichtsfeld hineinwogt; bis schließlieh ein Unteroffizier mit einem deutschen Donnerwetter dreinfährt und Ruhe schafft. Die Gemeinde hat darauf bestanden, Vorbereitung und Kosten der Festlichkeit selbst zu übernehmen. Etwa ein Viertel des geräumigen Saales ist für die Teilnehmer an der Sederfeier Vorbehalten. Vier Tafeln sind freundlich weiß gedeckt, doch sie reichen für die etwa füni/ig Personen, die gekommen sind, kaum aus. Auf Anordnung des Feldrabbiners setzt man sich ohne Beachtung einer Ftiquette; auch die fast vollzählig erschienenen ortsanweseiiden, Christliehen Offiziere sh/.en mitten unter Unteroffizieren und Gemeinen, alle eng aneinander gedrückt; neben mir ein junger Stettiner Zionist mit dem Eisernen Erster. Den übrigen großen Teil des Saales füllen dichtgedrängt Männer, Frauen und Kinder der Geineiiule, zum Teil auf Stühlen und Bänken stehend, so daß bis fast unter die Decke die Köpfe mit den staunenden Gesichtern den Raum füllen. Der Abendsegelt, von dem Rabbiner mit schöner Stimme lind tiefer Innerlichkeit gesungen, ist verhallt und hat die Stimmung für diese einzigartige Feier wunderbar vorbereitet. Nun wendet er sich zum Saale, aut hohem Platze vor dein אדוי ־קדש stehend, von wo die feldgraue Gestalt mit dem goldenen Mögen David auf der Brust überallhin sichtbar ist, und spricht zu: uns: eine Predigt weniger als eine kameradschaftliche, brüderliche Ansprache, gehoben freilich und geweiht in Ton und Sinn durch die Stunde und den Ort; ein jubelndes, männlich-stolzes Bekenntnis zum Judenturne, dem aus Bekeunerinut und Treue zu sich selbst die Pflichterfüllung bis zum letzten Blutstropfen gegenüber dem Vaterlande als Selbstverständlichkeit fließe; und ein Bekenntnis zugleich unwandelbarer Liebe lind Sorge für die unglücklichen Brüder, die unter dein Drucke des barbarischen Feindes so qualvoll leiden. Heiter und warmherzig geht dann der Sederabend hin, hebräisch von Anfang bis zum Ende. Der Rabbiner, wie schwelgend int altveitrauten hebräischen Sang, wiegt sich fröhlich lachend zur Melodie und teilt die wundervoll herzlich heitere Stimmung der übrigen Tischgesellschaft mit. Das Mahl, bei dein feiertäglich gekleidete Frauen und Mädchen immer wieder Teller und Gläser füllen, fegt den letzten Rest von Befangenheit auch bei den Jüngsten weg und als der Rabbiner das Tischgebet nach der Weise der Hatikwah anstimmt, singt eine stattliche Korona mit. 'Die Ruhe im Saale ist während dessen nach westeuropäischen Begriffen keine musterhafte, so sehr sich der jüdische Bürgermeister, Herr Schöneberg, auch bemüht, sein Völkchen in Ordnung zu I1alte11;l immer wieder schwillt das Gemurmel an und drängen! neue Gäste in den Saal und ab und zu dröhnen auch! mal unsanfte Schläge gegen die geschlossene Tür ml Rede und Gesang hinein, [das war einigen peinlich,! mich freute׳ Interesse und Temperament der Leut-I eilen, die es ja auch gar nicht verstehen konnten,I warum sie draußen bleiben sollten, wenn drirmeiil Juden Seder machen. Nodt einmal wendet sielt der Rabbiner mit herzliehen Worten an die Juden des Ortes; und manche, Haupt nickt, als er ihnen zurtift: ,,Für Euch ist der Freund der Feind und der Feind hat sich als Euer Freund erwiesen“. Dann nehmen wir Abschied voneinander, auch diejenigen, die sich vor wenigen Stirnden noch nicht gekannt hatten, herzlich, als wenn wir alte Bekannte wären, so nahe hat uns der unvergeßliche Abend einander gebracht. Dev Rabbiner muß iut Auto weiter zum nächtlichen Seder in der Nachbarschaft und auch mancher der Jungen muß noch in der Nacht zu seinem Truppenteil zurück; auch der kleine Artillerist mit der schiefen Helmkugel, der mir beim Essen durch seinen beneidenswerten Appetit aufgefallen war und der dann sanft entschlummerte , er war, um zum Seder ־zu kommen, viertuul/waiizig Stunden unterwegs gewesen. Sch awti Dr. Erich Rosenkranz ln letzter Stunde geht uns die erschütternde Nachricht zu, •daß Dr. Erich Rosenkranz, der Vorsitzende des Präsidiums des Kartells Jüdischer Verbindungen, an den Folgen eines Unfalls in Metz, wo er als Zivilarzt am Lazarett tätig war, gestorben ist, Polen und Juden | Das polnische Zentral-Hilfskomitee versandte Zirkulare an die lokalen Hilfskomitees in den verschiedenen Städten Polens mit der Aufforderung, die Hilfeleistungen auch auf die vom Kriege betroffenen Juden aiis/udehnen. Diese Handlungsweise von seiten der Polen ist als ein Anzeichen aufzufassen, daß sie sich durch die starke Opposition beeinflussen ließen, die sich sowohl innerhalb wie außerhalb Rußlands gegen ihre Politik erltoben hat. Sie befürchteten, daß die versprochene Autonomie ihnen verweigert werden könnte mit der Begründung, daß sie unfähig wären, einen großen Teil der Bevölkerung ihres eigenen Landes gerecht zu behandeln. Gleichzeitig kommen aus vielen Städten Polens erneute Berichte über die Grausamkeiten, die die Polen gegen die Juden verüben. 1t! Surentin haben die Polen nicht nur die Juden bei den russischen Behörden als Verräter verleumdet, wodurch sie erreichten, daß viele Juden der Stadt ins Gefängnis geworfen wurden, sie haben auch die Juden tatlieh angegriffen und viele, die fliehen wollten, g e s c 111 a g e n. Die jüdischen Zeitungen Aincrikas bringen über diese Zustände detaillierte Bcrichte. Die Sammlungen für das Hilfswerk für Palästina haben eingesetzt. 20 000 Mark wurden als erste Rate nach Palästina überwiesen. Geldspenden werden auf das Postscheckkonto Berlin 4102 Hilfswerk für Palästina geleistet. AUS ALLER WELT Aus Oesterreich. Per österreichisch-ungarische Thronfolger, Erzherzog Karl F r a 11 z J o s e f, sagte in Czernowitz zu dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde: ״Ihre Glaubensgenossen haben wegen ihres Patriotisnuis von den Russen sehr gelitten. Die jüdische B e v ö 1 k e r u n g ist sehr patriotisch. W i 1 \v e 1־ d e 1t ihr uns 11 i e v e r g esse n.“ Aus Rußland. Die jüdische Gemeinde in Warschau hat während der Peßachtage die jüdischen österreichischen Gefangenen mit Mazzoth versorgt. Die Heeresverwaltung hat die Erlaubnis dazu gegeben. Auch aus Sibirien kommen aus den Gefangenenlagern Nachrichten, wonach die jüdischen Kriegsgefangenen die Peßachfeier begehen durften. (Daß in Deutschland und Oesterreich-Ungarn den jüdischen Gefangenen die gleiche Möglichkeit gewährt wurde, ist bekannt. Anm. der Red.) In Rußland haben die Z i o 11 i s t e n - V e r f o I - g u n g e n seit dem Ausbruch des Krieges nicht nachgelassen, sondern im Gegenteil eher zugenommen.

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