Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 141 Gharaktcristisch für die Verhältnisse in Rullland ist es, daß das Vorgehen gegen die Zionisten nicht gleichmäßig ist. Neulich fanden einige Zionistenprozesse statt. Im Gouvernement M o h i I e \v standen 10 Zionisten vor ( iericht. Oie Anklage stützte sich auf S 124 wegen Zugehörigkeit zu nicht legalisierten politischen Gesellschaften. Die Angeklagten wurden zu einer Gefängnisstrafe von 1 bis I Monaten verurteilt; jetzt hat noch der Senat zu entscheiden. Dagegen endete der Ziouistenprozeli in Irkutsk mit der Freisprechung aller Angeklagten, genau auf Grund desselben $' 124. Diese 21 Zionisten wurden im vorigen Jahre, als sie eine ,Konferenz der sibirischen Vereine abhielten, verhaftet. Aus Amerika. (Der K ״ n g r e ß p I a 11.) Die in New York’erscheinende jiddische Zeitung ״Wahrheit“ hat jiidisehe Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern um ihre Meinung über den Plan befragt, zu dem kommenden Friedenskongreß eine jüdische Vertretung zu delegieren, die durch eine besondere Konferenz zu wählen wäre. Die Zeitung veröffentlicht einige Antworten auf ihre Anfrage. Lord Rothschild in London telegraphierte; ,,Meiner Meinung nach können die Juden dieses Landes (Englands) und Frankreichs alles tim was nötig ist, und deshalb bin ich durchaus gegen eine Konferenz.“ Israel Z a n g - will telegraphierte: ״Kongreß unpraktisch“. Aus Rom dagegen kam die Antwort: ״Unsere Meinung über einen jüdischen Kongreß ist durchaus günstig. Brief folgt. 8 e r e 11 i, Präsident der jiidischen Gemeinde in Italien.“ * Die kürzlich gegründete Organisation, ״Jiidisehe Verteidigungs-Liga“ (Jewish Defence League), die das jüdische Emanzipations-Komitee ersetzt hat, hat bereits gute Arbeit geleistet. Durch diese Organisation wurde auch das Amerikanischjüdische Komitee in bezug auf die Einberufung eines jüdischen Kongresses in Amerika zur .Stellungnähme gedrängt. Die Führer des Komitees erkannten schnell, daß, wenn sie nicht den gerechten Ansprüchen der Verteidigungs-Liga und der National- Juden entsprächen, ihre Stellung gefährdet sei; darum haben Stk־ es für klüger gehalten, z.uzustimmeii. Die Mitglieder der Verteidigungs-Liga sind fast sämtlich Natioiialjiiden und hei den breiten Volksmassen sehr populär. Demnächst soll eine gemeinsame Konferenz von Mitgliedern des Amerikanisch-jüdischen Komitees und der Verteidigungs-Liga zusammentreten und die Frage des jüdischen Kongresses erörtern. Die Bewegung, die für einen solchen Kongreß im Gange ist, ist sehr stark und die ganze jüdische Presse, sowohl die englische wie die Jargonpresse, spricht sich zu seinen Gunsten aus. Selbst Männer wie Jakob El. Sc 11 iff haben nichts gegen einen Kongreß einzuwenden. Dt. J. L. M a g n e s ist einer der Haupt- Sprecher dieser Bewegung. Es ist wahrscheinlich, daß die Vorberatungen zu dem Beschluß führen werden, entweder einen national-jüdischen Kongrell einzuherufen, auf dem alle Parteien und Organisationen des amerikanischen Judentums vertreten sind, oder eine Konferenz von ausgevviihlten Leuten, die ,gleichfalls alle jüdischen Organisationen vertreten. ♦ Eine neue jüdische Tageszeitung, der ״Jewish Leader“ (Der jüdische Führer) wird demnächst erscheinen. Es wird die sechste jüdische Tageszeitung New Yorks sein. Der ״Jewish Leader“ wird von dem Journalisten Louis Miller, dem früheren Herausgeber der ״Wahrheit“ herausgegehen. Dr. Schmarja L e v i n, der regelmäßig Beiträge1 für die ,,Wahrheit“ lieferte, wird, wie es heißt auch für den ״Jewish Leader“ schreiben, der im Gegensatz zu der ״w a 11 rheit“ und den ״Jewish Daily News“, die N'achmittagszeitungeii sind, des Morgens erscheint. Aus Palästina- Einige Zeit wurden aus Gründen der Militärzensur Briefe in hebräischer und jüdischer Sprache nicht befördert. Nunmehr hat die ottomanische Post auch hebräische und jüdische Briefe wieder /!!gelassen. Aus Palästina (Von unserem Berichterstatter.) J a f f a , US. März 1Ö13. In der letzten Zeit ist Palästina von einer schweren Heuschreckenplage heimgesucht worden, die die Ernte des ganzen Landes ernstlich gefährdet. Seit Anfang März kommt eit! Volk Heuschrecken mich dem andern ins Land, die Felder, Weingärten und Bäume völlig kahl fressen. Der Schaden ist besonders groß in Judäa, wo die Mandelpflanzimgen völliger Vernichtung entgegensehen. Ob Galiläa von dieser Plage verschont worden ist, ist noch unbekannt. * Bis zum I. März ist vom Jaffaer Ausschuß zur Kriegshilfe eine Einnahme von über 30000 Frcs. erzielt Worden. Davon sind 13 000 Frcs. Spenden aus der Stadt Jaffa. Das übrige Geld verteilt sich auf Unterstützungen vom amerikanischen Fonds, auf den Verdienst vom Rrotverkuuf usvv. Das Geld ist an Bedürftige aller Art, namentlich an die vom Kriege Betroffenen verteilt; worden. Ein besonderes Verdienst hat sieh der Ausschuß dadurch erworben, daß er Greise und Kranke regelmäßig speiste, Familienvätern, die ihren Verchenst verloren haben, monatliche Unterstützungen bewilligte mul bedürftigen Soldaten Geld ins Feld schickte. Sehr großen Beifalls erfreuten sich auch die eingerichteten V o I k s k ü e h e n. * J a f f a, 22. April. Die hebräische Mädchenschule in Jaffa die vom Odessaer Komitee gegründet worden ist, war als die einzige von den nationalen hebräischen Schulen geschlossen worden. Nunmehr ist auch sie am 22. April wieder eröffnet worden. Der Direktor der Mädchenschule, Herr Dr. T uro ff, hatte sieh bereits vor langer Zeit ottomaiiisiert. Die Wiedereröffnung der Mädchenschule ist sehr erfreulich, weil inmmehr wieder das gesamte hebräische Schuivverk seine nationalkiilturelle Er/iehnngsaufgabe erfüllen kann. ZIONISTISCHE BEWEGUNG Australien. Eine neue Zionistische Gesellschaft ist am 1. Januar 1415 in Melbourne unter dem Namen Melb o 11 r n e Zionist Society begründet worden. Ihr Präsident ist Herr Josuah Rocht in, ein sehr eifriger Zionist. Oesterreich. Eine in Wien;!!!gehaltene Versammlung der Vertraueiismänncr des Jüdischen Nationalfonds von Oesterreich und Galizien beriet über den Plan einer K r i e g s I a n d s!1 e n d e, die die Ansiedlung jüdischer Kriegsopfer aus dem östlichen Europa in Palästina ermöglichen soll. Herr Dr. Oerson Zipper führte als Referent über diesen Plan aus: ,,Wenn die Regierung auch den Opfern des Kricges gewiß eine Rente״ aussetzen wird, so wird doch ein großer Teil der jüdischen Familien ohne dauernde Existenzniöglichkeit bleiben. Auch werden wir nicht imstande sein, ihnen allen ein genügendes Auskommen zu verschaffen. Aber ein Teil von ihnen verdient hesondere Aufmerksamkeit: das sind die jüdischen Familien, die sieh ständig ausschließlich oder zum Teil mit Ackerbau oder Landwirtschaft beschäftigt haben. Schon vor dem Krieg haben manche von ihnen die Nationalfonds-Sammclstclle in Gali/ien um die Ermöglicluing ihrer Ansiedlung in Palästina gebeten. Der Erfolg war eine Verständigung dieser Samniclstelle mit der Leitung des Nationalfonds über die Schaffung der ״Galiziselten Landspende“. Der Krieg hat diesen Plan zunichte gemacht. Er soll jedoch in der Kriegslandspende wieder aufleben. Diese Kriegslandspenae soll allen Kriegsopfern die Möglichkeit bieten, in Erbpacht Grund und Boden zu erhalten, für den sie dem Nationalfonds nur 3 bis 4״״ zu zahlen haben. Es ist unsere Pflicht und das erst recht, soweit wir seihst Flüchtlinge aus Gali/ien und Bukowina sind an dieser hohen Aufgabe mich Möglichkeit mitz.narheiten. Und wir Flüchtlinge müssen das umsomehr tim, weil unsere Spenden der Ausdruck des tiefen Verlangens nach Palästina sein werden,, das die jüdische Bevölkerung in Osteuropa beseelt.“ Nach dem Vortrag fand eine eifrige Diskussion statt, nach, der sofort mit der Sammlung der Spenden begonnen wurde. Das Ergebnis betrug 400 Kronen, die zum größten Teil von galizisdien Flüchtlingen gespendet worden sind. Die Organisation dieser Arbeit übernimmt die Sammelstelle des Jüdischen Nationalfonds in Wien. Dänemark. 111 Kopenhagen hat sich jüngst ein hebräischer kl uh gebildet, der die Aufgabe hat, die hebräische Sprache zu; pflegen und für ihre Verbreitung zu sorgen. Professor Adolf Berliner Professor Dr. Adolf Berliner, einer der ersten Autoritäten auf dem Gebiete der orientalischen Wissen- Schaft, ist im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben. Professor Dr. Berliner, der noch bis in die letzte Zeit als Dozent am R a b b i n e r s e m i n a r zu Berlin wirkte, war im Hauptfach < i e s c h i c 111 s - 1' o r s ch e r. In den siebziger Jahren machte Professor Berliner, mit Stipendien der preußischen Regierung unterstützt, eine Reise nach Italien, die ihm das Material zu seinen Hauptwerken lieferte. In den großen italienischen und römischen Bibliotheken studierte Berliner die jüdischen Handschriften, die ihm viel wertvolle Unterlagen boten. Auf Grund dieser Reise״ entstanden die Bücher: ,,Zensur und Konfiskation hebräischer Bücher im Kirchenstaat“ sowie die ״Geschichte der Juden in Rom.“ Als weitere Werke von Bedeutung seien noch aufgeführt: ״Der Einfluß des ersten hebräischen Buchdrucks auf den Kultus und die Kultur der Juden“ das Buch: ״Aus dem Leben der Juden im Mittelalter", ferner ״Personliehe Beziehungen zwischen Juden und Christen im Mittelalter“, ״Targum Onkelos“ und ״Randbauerklingen zum täglichen Gebetbuch der Juden“. Eine Fortsetzung dieses epochalen Buches gelaugte am SO. Geburtstage des Gelehrten zur Ausgabe. Professor Berliner Mammtc aus Obersitzko in der Provinz Posen. Mit ihm ist der Nestor der Wissenschaft des Judentums gestorben, dir gerade in der letzten Zeit unersetzliche Verluste zu beklagen hat. Nachrichten Berlin. Luser Gesinnungsgenosse, Herr I ritz II a 11 t k e - Berlin, wurde /um Leutnant eines bavrischen Infanterieregiments befördert, gleichfalls zum Leutnant wurde unser Gesinnungsgenosse Alfred R ס m b e r g - Essen, ernannt. Wien. Gesinnungsgenosse Leutnant Ing. Emil WeiJi im Inf.-Reg. 07 erhielt für tapferes Verhalten vor dem Feinde das Signum I a u 11 i s; ebenso Gesinnungsgenosse M. D. Dr. Julius S u s e h i e k v ()hmaimstellv ertreter des Jüdischen Volksvereins in S a r z. Unser Gesinnungsgenosse ined. Julius Gerstl der durch sein Wirken im Wiener jüdischen Wunderblind ״B I a 11 - W c 1 II“ bekannt ist, erhielt als erster österreichischer Jude und als fünfter Jude überhaupt, das Eiserne Kreuz I. Klasse, nachdem ihm schon die Silberne Tapferkeitsmedaille I. Klasse und das Goldene Verdienstkrcu/ verliehen worden waren und er zum Fähnrich ernannt worden ist. I hiser (k-sinttiuigsgcriosse Peter S e h 11 a b e I (Reichenberg), der in den serbischen Kämpfen schwer v erw undet worden w ar, ist zum L e u t 11 a 11 t befördert worden. Gesinnungsgenosse Leutnant Eugen Eisler, Scktionslcitcr des jüdischen Sportklubs ״Hakoah“ in Wien, ist in russische Gefangenschaft geraten, desgleichen Kadettaspirant Hans K 11 1111 (A. H. Bar- Koeliba, Prag). Au den Folgen seiner Krankheit, die er sieh in Erfüllung seiner Militärdienstpfliclit ztizog, verschied unser Teplit/cr Gesinnungsgenosse Dr. Richard Lederer. Unser Gesinnungsgenosse mcd. Paul Steiner aus Pilsen (Bar Kochba, Prag), ist einer 4 v p 11 u s - infektion erlegen, die er sich in den Karpathen zugezogen hatte. ' Unser Gesinnungsgenosse Karl K i r c h 11 a u s e 11 (Reichenbergj ist au der französischen Grenzt■ gefall e 11. Er hatte sich das E i s e r 11 e K r e uz II. Klasse erworben. BerFin. Professor l)r. Engen Mittwoch, Privatdo/ent an der philosophischen Fakultät der Universität Berlin, ist zum außerordentlichen Professor an dieser Fakultät ernannt worden und übernimmt so- mit den durch den Tod Geheimrats Professors B a r t h s verwaisten I. e hist 11 11 1 für semitische Philologie. Es ist sehr erfreulich, daß der iu allen wissenschaftlichen Kreisen geschätzte Gelehrte, der sein Judentum immer aktiv betätigt, seine Lehrtätigkeit weiterhin an der Berliner Universität ausüben wird. Berlin. I kr J ü d i s c h e 4' u r n v e r ein B a r Koeliba veranstaltet am Sonntag, den 3Ü. Mai er., um 0.4 lMir, in der Turnhalle des städtischen Sophienrealgvmiiasiuins Gormaiinstr., einer der schönsten Hallen Berlins, ein öffentliches Schauturnen. Das Schauturnen soll den Beweis liefern, daß auch trotz naturgemäßer Felddieusttätigkcit der meisten und besten Mitglieder des Vereins tüchtige Arbeit im Laufe tles Winters geleistet worden ist, die sich in der t )ef feilt lieh kei l scheu lassen kann. Der Ertrag desseihen soll, um mit dem Nützlichen das Gute zu verbinden, den durch den Krieg heimgesnehten galizischen mul palästinensischen Juden zugute kommen. Wir bitten alle Freunde und Gesinnungsgenossen schon jetzt, sich den Tag für die Veranstaltung frei zu halten. Der Verein will durch das Schauturnen neue Preinuk״ und Gönner gewinnen, obwohl es einer besonderen Veranstaltung hierzu gar nicht bedürfte, da der Krieg die Notwendigkeit der Erziehung unserer Jugend zur körperlichen Tüchtigkeit und Widerstandsfähigkeit zur Genüge zeigt. Daß unser Verein an den natioualjüdischcn Grundlagen unbedingt festhält, haben die Ausführungen unseres ersten Vorsitzende» Iierrn Georg Karrski, dessen im Jüdischen Turnverein Posen bewährte Kraft wir für uns gewonnen haben in seinem kürzlich gelialtenen Vorträge über ״die Gegenvvartsoufyaben der Juden“ gezeigt. Bei dieser Gelegenheit machen wir darauf aufmerksam daß unsere IV. Fraueiiabteilung (Am Sclilesvv iger Ufer I I) w ieder den Tnrnhetrieb für verheiratete Damen aufgenommen hat. Eitic Teuuisahtcilung soll demnächst eröffnet weiden. Interessenten werden gebeten, sich mit dem Bureau (W. 13, Bleibtreustr. 25, Steinpl. 8381) in Verhiiidtmg zu setzen. Berlin. Das Anrudern des Ruderklubs I v r i a findet am Sonntag, den Ü. Mai, in Hirschgarten, ״Restaurant zum Aussichtsturm“, statt. Die Auffahrt der Boote erfolgt um 3' Uhr nachmittags. Die Freunde des Klubs sind herzliehst eingeladen. In die Zöglingsabteilung der Ivria werden körperlich geeignete junge Leute, nicht über 18 Jahre alt, in den nächsten Wochen noch aufgenommen. Auskunft erteilt Fritz. S c 11 ö n h e 1 m e r, N. 24, Oranienburger Str. 58.