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Jüdische Rundschau · 1915-04-30 · Heft 18 (30.4.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 18 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Wt. 18 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 139 ede Krisis, selbst ein Krieg, wie in jedem anleren agrarischen Lande, verhältnismäßig schnell iberwunden wird. Eine nicht minder große Rolle bei Auswahl 11 r zu Kolonisierenden spielt selbstverständlich fie Eignung der Kolonisten resp., und das ist der richtigste Punkt, von Frauen und Kindern. Dies riit besonders für die Fälle, wo die landwirtchaftliehe Tätigkeit des Mannes eine nur noch kgrenzte ist. Aber auch für den Fall der andvvirtschaftlichen Betätigungsinöglichkeit des Hannes ist die Eignung der Frau von der aller-;roßten Bedeutung. Es wird also daher bei der Auswahl genau wie in allen anderen kolonisierenden Ländern nicht nur auf Kreditfähigkeit, sondern auch auf die Eignung der Familie weitgehende Rücksicht ru nehmen sein. Wenn auch der Kreis derer, die dann für diesen Zweck in Frage kommen, vielleicht nicht allzu groß sein wird, so werden die Erfolge dafür zweifellos um so bessere sein und die Wirtschaft des ganzen Landes auf eine gesündere Basis stellen. Daß zu einer erfolgreichen, landwirtschaftlichen Kolonisation die nutzbringende Betätigung der Frau auf dem Oebiete des Obst- und Gemüsebaues, der Geflrigel- und der Viehhaltung gehört, ist eigentlieh selbstverständlich. Das Mittel, diese Tätigkeit anzuregen und die Kenntnisse auf diesem Gebiete zu vergrößern, ist, wie ich ja immer betont habe, eines der wirksamsten Mittel unserer Kolonisation in Palästina. In welcher Weise dies in Verbindung mit dem gedachten Kolonisationswerk in vergrößertem Maße möglich und wünschenswert ist, gehört aber nicht mehr in diesen Artikel. Noch einmal möchte ich zum Schluß hervorheben, daß wir hier eine Aufgabe vor uns sehen, an die auch die anderen, heute im Kriege bebildlichen Völker, nach dem Kriege herantreten müssen, die geeignete Versorgung der Kriegsinvaliden evtl, durch Kolonisation. Ich brauche nicht nochmals zu betonen, wie wichtig gerade diese Aufgabe für uns ist, aber ich bin überzeugt, daß wir uns den Dank aller heute im Felde stehenden Gesinnungsgenossen verdienen, wenn u i r rechtzeitig und mit Umsicht uns dieser neuen Aufgabe zuwenden. Gewiß sind große Schwierigkeiten hierbei zu überwinden und vielleicht dürften die von mancher Seite an diesen Artikel geknüpften Erwartungen als zu optimistisch bezeichnet werden, aber selbst wenn wir nur einen kleinen Teil der Kriegsinvalider» und -Waisen in der auch in meinem ersten Artikel erwähnten Art in Palästina ansiedeln, so hätten wir doch schon Wertvolles dadurch geleistet. Perez Von Dr. Nathan Birnbaum Gewiß ist nur der ein Künstler, der etwas schaffen kann. Aber das Künstlertum reicht doch viel weiter zurück, es entscheidet sich schon im Schauen. Wer gar nicht schauen kann, so wie ein Künstler schauen soll, wird auch nicht schaffen. Wer nur schwach und wenig schaut, wird nur Schwaches schaffen. Wessen Schauen stark und reich ist, der gibt, wenn nicht anders durch einen grausamen Zufall seine darstellenden Möglichkeiten verkrüppelt sind, der Welt die starken und die großen Werke. Alles Schauen kommt aus der Ewigkeit, betätigt sich jedoch in der Endlichkeit, als ins Räumliche gewendete Anschauung und ins Zeitliehe gewendete Ausschau. Und zwar sind diese beiden Elemente in allen Schauenden vorhanden, aber in jedem Einzelnen in besonderen Dosieningsverhältnissen. Im Ganzen und Großen gibt es Schauende, in denen das Anschauungs- und andere in denen das Ausschauvermögen überwiegt. Dem jüdischen Genius entspricht mehr die zweite Kategorie, daher gehören jüdische Schauende meist zu ihr. Und je größer ein jübischer Schauender ist, desto vollkommener und gewaltiger bringt er sie zum Ausdruck. Aus dem Wesen ihrer Kategorie erklärt sich auch die Art, wie gich die Persönlichkeit und oie Begabung des jüdischen Schauenden offenhart, und zwar wieder gm so ausgesprochener und deutlicher, je größer Persönlichkeit und Begabung sind: im Anfang ein ungeschicktes, unbeholfenes Tasten aus einer Wolke von Vergangenheit und Gegenwart heraus, eine naive Bemühtheit, mit dem anschauenden Teile seines Könnens etwas zu leisten und eine vollkommene Ahnungslosigkeit gegenüber dem reichen, aber noch nicht entdeckten Schatze an Ausschaukraft. Ein ״heimlieber Kaiser“, aber einer der selbst nicht um das Geheimnis weiß und sich freut, ein Duodezfürstlein zu sein. Aber es kommt die Zeit und aus den dunklen, verschleierten Tiefen taucht wie plötzlieh ein Strahl auf, zuerst wie ein Faden so dünn, dann immer stärker und stärker werdend, bis er mit Sonnenmacht hervorbricht, die Persönlichkeit und ihr Werk in gleißende Helle taucht, so daß sie sich selbst erkennt, und von aller Welt erkannt wird. Bis kein Zweifel mehr ist, daß dem Volke ein großes Glück widerfuhr, daß ihm aus seiner Mitte wieder ein Mann erstand, dem der Weg aus dumpfen, wolkenüberbrüteten Erdentreiben in jene Höhen vorgezeichnet ward, allwo die große Ausschau ist. Und wieder gilt: je größer eine Persönlichkeit und ihre Begabung, desto vollkommener und gewaltiger die Offenbarung. Ein Beispiel ist — Perez. Jizchok Lejb Perez, — am Lag-Beomer 5b 11 (25. Mai 1851) als Sohn dem Mittelstände angehöriger Eltern in Zamosc in Polen geboren — genoß ,eine altjüdische Erziehung im besten Sinne des Wortes und las später eifrig modern-hebräische und deutsche Literatur. Im Jahre 1876 wagte er sich zum erstenmal mit hebräischen Gedichten an die Oeffentlichkeit, die aber keinen Eindruck hinterließen. 1886 kam er wieder mit hebräischen Skizzen und einer hebräischen Dich־ tung heraus und fand schon mehr Beachtung. Ein gewisses Aufsehen aber erregte er erst mit einem größeren jiddischen Gedichte ״Mimisch“, das 1888 in der von dem Humoristen Scholem Alejchem herausgegebenen ״Jüdischen Volksbibliothek“ erschien. Den Erfolg hatie er wohl hauptsächlich dem Spotte zu verdanken, mit dem er die antierotische Erziehungsweise der altgläubigen jüdischen Bevölkerung bedachte, und dem kurzweiligen Roman des Helden, des jungen, hoffnungsvollen Talmudisten Munisch mit irgendeiner Marie. Das war nämlich Wasser auf die Mühle der europagierigen ostjüdischen ״Maskilim“. Wie ja überhaupt Perez in jener ganzen ersten Periode seines Schaffens nur durch die eigenartige Gemütsinnigkeit, mit der er selbst an allen den von ihm in den Grund disputierten Dingen haftete, über die ״Haskolo“ hinausging. Leitete er ja noch im Jahre 1890 den ersten Band der von ihm und seinem Freunde Dienesohn herausgegebenen ״Jüdischen Bibliothek“ mit einem Artikel ״Bildung“ ein, in dem folgende, bezeichtiende Stelle vorkommt: ״Wir wollen das Volk bilden, aus Dummköpfen kluge Leute, aus Fanatikern gebildete Menschen, aus Müßiggängern Arbeiter, nützliche, ordentliche Menschen machen, die für sich arbeiten und damit auch der Allgemeinheit Vorteile bringen.“ Mit primitiveren Mitteln, um kein härteres Wort zu sagen, kann man wahrlich nicht an das Lebens- und Geistesproblem eines uralten Volkes mit einer uralten und ureigenen, differenzierten Kultur herantreten. Perez hatte eben damals noch keine Ahnung von dem Geschichtsörganismus eines Volkes überhaupt, und dem Israels insbesondere, hatte noch keine Ahnung von sich selbst, von der ausschauenden Kraft, die in ihm ruhte. Aher langsam und allmählich kam es über ihn und aus ihm heraus. Heiß und lang war der Kampf zwischen der harten aufklärerischen Diktatorkruste und den Innigkeiten seines Wesens, die durchbrechen wollten, um die Majestät des Volkes zu schauen. Das erste Kompromiß dieses Kampfes war in der Methode der Realismus und in der Sache die dichterische Verliebtheit in das arme, darbende, unter Entbehrungen und Kleinlichkeiten doch so rührende Volk. Und es ist nur begreiflich, daß diese Verliebtheit oft und immer öfter die realistische Form durchbrach und ihn über die soziale Kleinmalerei hinaus zu erschauenden Gemälden von Menschen- und Volksseelen führte. Zu Gemälden zuweilen von einer unübertrefflichen Entschlossenheit der Komposition und ihrem Sinne nach in phantastischem Zuge bis hart an die Grenzen der Unendlichkeit reichend. Kein Wunder, daß, je weiter eine solche Schöpfung auf der;ingedeuteten Linie war, ihre Wirkung auf das Volk desto stärker wurde. Darum ist ja z. B. die seltsame Geschichte von ״Bonze Schweig“ ein Volkskleinod geworden, das nie vergessen werden wird, solange jüdische Herzen schlagen werden. Aber die Berufung Perez’ war auch damit nicht erschöpft. Der Kampf zwischen Erde und Himmel mußte zu Ende gefuchten vverjlen. Sein wunderbares ״Wenn nicht noch höher“ mußte an ihm selber zur Wahrheit werden. Es mußte die Zeit kommen, da ihm die Schuppen ganz von den Augen fielen und das Volk vor ihm dastand, nicht mehr ein zufälliges Menschenaggregat, mit dessen einzelnen Bestandteilen man manchmal Mitleid hat, oder an deren Freude man sich manchmal mitfreut, sondern als ein großes Wesen zwischen Natur- und Weltgeschichte, mit einem eigenen Walten, das irgend woher aus der Ewigkeit kommt, und irgend wohin in die Endlichkeit eingeht, als ein einzigartiges Gotteskunstwerk; da ihn die Forderung packte, daß dieses Volkes Sein nicht mehr sinnlos zersplittert sein dürfe, da ihm die Sehnsucht nach Vollisrael, nach dem unzersplitterten, unzerweichten, unzermürbten, nach dem ganzen Juden keine Ruhe mehr ließ, bis sie, ihn ausfüllend, sein Schaffen fast ausschließlich bestimmte. Und es entstanden seine chassidischen Geschichten. Altes, was in der werdenden, chassidischen Bewegung, aber auch in ihren Ausläufern an Seelengröße der Einzigen und der Massen, an organisierender Kraft, an religiöser Fruchtbarkeit und Aktivität —- diese zwei die vornehmsten Tugenden des Chassidismus ~ zu finden war, verdichtete er zu einem Gesamtbilde von einer plastischen Macht ohnegleichen. Seine Gestaltungsglut schuf den großen chassidischen Rabbi in ״Di goldene kejt“, der einen neuen Typus des Juden, eine Art Ueberjuden, den ״sabbatlichen“, den ״feiertägigen“, den Juden ״mit der Uteberseele“ (״neschomo jessejro“) zeigt, der am Sabbatausgang nicht Hawdole machen wollte, damit der Sabbat nicht aufhöit; schuf den sanften, leuchtenden Rabbi, der am Simchas-Thorafeste vom Balkon aus mit seinem Sange seine Juden den Weg zu Gott führt; und gab ihm eine zweite Vollgestalt, einen zweiten Ueberjuden zum Widerpart, den großen antichassidischen Rabbi, den ehernen, den harten, den unpersönlichen Anwalt Gottes in seinem Vollde. Mit den chassidischen Geschichten tief verwandt sind die volkstümlichen Geschichten, in denen der Schwerpunkt vom Einzigen und seiner Tat in das Milieu verlegt wird, aus dem der Einzige hervorgeht und seine Kraft zieht. In tausend Quellen fließt aus allen diesen Legenden die sehnende, die bildende, die bildnernde Seele des Volkes dem Leser zu und eine Ahnung, nein mehr, ein Wissen überkommt ihn, um die große Einheit, die alle diese Quellen speist, und vielleicht auch, wenn er feinfühlig ist, eine tiefe, innige Ueberzeugung, daß wir wieder am Vorabend sind, daß morgen der Sabbat ist, an dem sich der in den Tiefen flutende Geist des Volkes zu neuer Tat kristallisieren, zu einem mächtigen Dome wölben wird. Und darum irren auch alle die Leute, die da Perez' letzte und größte Phase als Romantik erklären zu können glauben: der alte Fehler aller, die sich weise dünken, wenn sie das Ausnahmsvolk Israel unter einen Hut mit allen anderen gebracht haben. Romantik . . . nein! Und!noch weniger natürlich ein zufälliger Griff in ein neues Stoffgebiet. Nein! nicht Romantik, nicht Stoffglück, sondern Ausschau, Ausschau i!n die Ewigkeit und ihre wichtigste Endlichkeitsprojektion, in die Zukunft. Nichts lag Perez ferner, als Festlegung auf die Vergangenheit und Abhängigkeit vom Zufall. Dem widersprach schon seine ganze Persönlichkeit. Nie werde ich, glaube ich, ein Gespräch vergessen, das ich mit Perez Ln dessen Hause führte und das bei gemeinsamem Ausgange Ltn Stiegenhause seinen Abschluß fand. Es war eine Weitausschau, die sich vor meinen staunenden und, warum soll ich es verhehlen, auch zustimmenden Blicken eröffnete. Aber mir fehlte noch das letzte Wort, i I I 1 y * j;LjVf S

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