Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2651922-2651939--10103-2667490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seile 138 J U EDI SCH I RUNDSCHAU Die Kolonisation der jüdischen Kriegsinvaliden Von Dr. Kurt Nawratzki 11. Die ökonomischen Grunde, die außer den nationalen zur Kolonisation Palästinas auf landwirtschaftlicher Basis führen, sind ja wohl als bekannt vorauszusetzen. Es sind gerade die Ur- Sachen, die eine Umschichtung der Berufe, resp. eine Ansiedlung auf landwirtschaftlicher Basis in ihren derzeitigen Heimatsländern aus nationalen oder psychologischen Gründen bisher und wohl auch für alle Zukunft unmöglich machen, dal 1er kommt für die jüdischen Kriegsteilnehmer, besonders der östlichen Länder, eine Innenkolonisation nach dem Kriege in ihren Heimatländern kaum in Frage. Der größte Teil wird vielmehr versuchen, in der bisherigen Weise nur unter noch ungünstigeren Verhältnissen auch als lnvalide den Kampf 11111 das Dasein in städtischen Berufen aufzunehmeu. Denn an eine gewaltsame, definitive Lösung der furchtbaren Lage der ca. 7 Millionen Juden des Ostens in absehbarer Zeit glaubt wohl kein verständiger Mensch. Selbst wenn wir hoffen dürfen, daß die politischen Verhältnisse sich durch eine Schwächung des Russisehen Reiches für die Juden günstiger gestalten sollten, so bleiben doch noch so schwierige Fragen der Besserung der ökonomischen und kuiturellen Lage der jüdischen Bevölkerung dieses Gebietes offen, die vielleicht erst eine Arbeit von Generationen und auch nur unter günstigsten Verhältnissen restlos beseitigen könnte. Wie dem auch sein mag, ich nehme den Fall an, daß unter den invaliden Kriegsteilnehmern sich ein gewisser Prozentsatz befindet, der vom Staat eine Rente empfängt und außerdem entweder'zu unseren engeren Gesinnungsgenossen gehört, oder auch die Absicht besitzt, sich in Palästina ansiedeln zu lassen. Hier bietet sich uns eine Gelegenheit, eine großzügige Kolonisationstätigkeit auf einer Basis durchzuführen, die bisher bei vielen nicht vor-!landen war. Ich meine die nun vorhandene Kreditfähigkeit der jüdischen Kriegsinvaliden, die infolge Rentenbezuges und durch die mögliche Kapitalisierung ihrer Rente über ein gewisses Vermögen verfügen, das als Anzahlung für ein landwirtschaftliches Gut in Palästina dienen kann. Zur besseren Klarstellung der Verhältnisse seien hier noch kurz die palästinensischen Verhältnisse und Bedingungen für die jüdische Kolonisation, wie ich sie ja in ausführlicher Weise in meinem Buch in meinem Kapitel über die Land- Unsere Peßachspende Von Max Wolisteiner ״W’higadta!׳ bincha“, ״erzähle es deinem Sohne“, so lesen wir in der Peßach-Hagadah, — erzähle ihm von der wunderbaren Befreiung der Kinder Israels von ägyptischem Frondienste, sprich mit ihm von der Wanderung durch die Wüste, von der Besitznahme des verheißenen Landes und der Volkswerdung der jüdischen Stämme, auf daß im jüdischen Volke von Geschlecht zu Geschlecht die Erinnerung an unser nationales Werden nicht schwinde. Erzähle ihm aber auch, daß in unseren Tagen Millionen unserer Brüder im Osten Europas ein elendes Leben und menschenunwürdiges Dasein führen und ebenso der Befreiung entgegenstreben wie in der Vorzeit unsere Almen. Und erzähle ihm von uns, den späten Enkeln, die das Zionsbanner, das im Staube lag, wieder emporgehoben haben und mit unserer Lebensarbfit unserem Volke, das seit zwei Jahrtausenden wie kein Volk der Erde leidet, die alte!Heimat wieder zurückgewinnen wollen. Der Vorschrift in unserer uralten Hagadah ist die Zionistische Vereinigung für Deutschland am vergangenen Peßach mit treuem Sinne nachgekommen, indem sie an etwa 1600 im Felde stehende jüdische Soldaten die Peßachbücher gesandt hat. Vor uns liegen Hunderte von Schreiben aus Ost und West, die uns in begeisterten Worten danken: alle geloben sie Treue der Bewegung und tatkräftige Mitarbeit an unserem Werke nach der Riick^ arbeiterfrage gegeben habe, skizziert. Das wichtigste Programm für uns ist und bleibt, daß wir nur eben Leute mit einem gewissen, wenn auch kleinen Vermögen, das als Sicherheit resp. An- Zahlung dienen kann, als Kolonisten ansiedeln können, und alle Kolonisationsvorschläge, z. B. auch der Oppenheimersche, zielen dahin, die mangelnde Kreditfähigkeit des einzelnen Unbemittelten durch andere Maßnahmen zu beseitigen. Jedenfalls müssen wir in Palästina die Ansiedler, die für die landwirtschaftliche Kolonisation in Frage kommen, vom finanziellen Standpunkte aus in drei Kategorien teilen. 1. Leute, die kein Vermögen besitzen, und die infolgedessen nur die Möglichkeit haben, Landarbeiter zu werden. 2. Leute mit einem eigenen Kapital von ca. 1000 bis 2000 Mark, die bei einer Anzahlung von einem Viertel bis einem Fünftel als Halbkolonisten mit Haus, Gartenland und Zubehör angesiedelt werden können. 3. Diejenigen, die über ein Eigenkapital von ca. 3000 bis 5000 Mark verfügen und die hiermit ein Kolonistengut im Werte von ca. 12 000 bis 20000 Mark erwerben können. Es ist nun eine bekannte Tatsache, daß gerade die Schaffung der Kreditunterlagen, nämlieh des Eigenkapitals für die unbemittelten Landarbeiter in Palästina sehr schwierig ist, da von den niedrigen Löhnen eine allmähliche Ersparung eines Kapitals außerordentlich schwer ist. Ganz anders natürlich stellt sich die Lage, wenn wir einen sonst für die Kolonisation geeigneten Kriegsinvaliden ansiedeln wollen. Hier ist die erste Bedingung, nämlich die finanzielle Seite der Kolonisation, sichergestellt. Der Betreffende ist je nach seiner Erwerbsfähigkeit, resp. Invalidität in der Lage, ein seinen Verhältnissen entsprechendes Häusler- oder Kolonistengrundstück in Palästina zu erwerben, indem er je nachdem eine Anzahlung von 1000 bis 4000 Mark zu leisten imstande ist. Wie der betreffende Kriegsteilnehmer nun zu diesem Eigenkapital kommt, wird natürlich von der Entschädigung, die er vom Staat erhält, abhängig sein. Falls er eine jährliche Rente von 300 bis 800 Mark bezieht, so wird er sicher, falls er einen Teil derselben durch die sicher nach dem Kriege für diesen Zweck in den verschiedensten Staaten neu geschaffenen Rentenbanken kapitalisieren läßt, wohl durchschnittlich den 25fachen Betrag des Teiles der kapitalisierten Rente erhalten können, also evtl, schon über ein Vermögen von 1000 bis 4000 Mark verfügen, selbst wenn er nur einen Bruchteil seiner Rente kapitalisieren läßt. Ob es evtl, möglich sein wird, eine spezielle jüdische kehr in die Heimat. Und in der Tat, was jahrelange Friedensarbeit kaum so vollständig vermocht hat, das Band der Zusammengehörigkeit und der Freundschaft zwischen der Zentrale und den einzelnen Gliedern so innig wie möglich zu Juiüpfen, der Krieg hat es vollbracht. Einen jeden drängt es, der Zentrale Mitteilung über sein Ergehen zu machen, ihr seine Sorgen und Hoffnungert anzuvertrauen. So erhielten wir vor einigen Tagen ein Schreiben mit der Ortsbezeichnung ״Feuerstellung vor Reims“, in welchem der Schreiber in einem zehn Seiten langen Briefe Anregungen über eine Aenderung des Nationalfonds-Ausweises gibt, gewiß ein Zeichen dafür, daß den Freunden im Felde unsere Sache am Herzen liegt. Die Zentrale wiederum schickt an sämtliche Angehörige der Partei regelmäßig das Parteiorgan, der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung berichtet ihnen über die neuesten Geschehnisse, und nicht zuletzt haben auch die Liebesgaben zu Chanukab und Peßach dazu beigetragen, die Beziehungen vom Feld zur Heimat noch inniger zu gestalten. Wie herzlich bestätigen uns unsere Zionisten den Empfang der Peßachbiieher! So mancher junge Krieger hat die Hagadah zum ersten Male in der Hand gehabt; wohl erinnerte er sich des Sederabends, den er bei den Großeltern gefeiert hatte, aber schon im elterlichen Hause wurde die alte jüdische Volkssitte nicht mehr geübt. Und jetzt stieg in ihm das Verlangen auf, mit anderen Gleichgesinnten einen Sederabend zu veranstalten, und so lesen wir in Dutzenden von Briefen von den vom jüdischen Gemeinschaftsgeist erfüllten Nr. 18 Nr. Rentenbank zu schaffen, die die Renten von Kriegsteilnehmern ablöst, und die in Verbindung mit dem jüdischen Kolonisationswerk steht, i t heute noch nicht zu übersehen und wird selbstverständlich nicht nur von dem Ausgang des Krieges, sondern auch von den sich nach Friedensschluß ergebenden politischen Konstellationen der einzelnen Länder zueinander abhängei, wobei nicht außer Acht gelassen werden darf, daß eine in dieser Richtung versuchte Vereinbarung mit der türkischen Regierung, sowie mit allen in Frage kommenden Regierungen die Wege ebnen könnte. Jedenfalls dürfte es nicht unangebracht sein, sich heute schon über die dann einzuschlagendenWegevoIlkommenklarzu werden und nicht etwa, weil es noch nicht an der Zeit ist, derartig wichtige Probleme beiseite zu setzen. Wie wir ja sehen, beginnt man in der deutsehen Presse, wo doch die Innenkolonisation noch lange nicht die Rolle spielt, wie bei der zionistischen Bewegung, die auf der Bejahung der Kolonisation überhaupt beruht, mit dieser Frage sich eingehend zu beschäftigen. Was nun die finanzielle Seite der Kolonisation betrifft, so dürften die bisherigen Ausführungen die Richtlinien zeigen, welche Wege spä- •ter für uns offen stehen. Die zwei anderen Punkte, die bei der Innen- Kolonisation in Deutschland vorausgesetzt sind, dürfen wir dabei selbstverständlich nicht übersehen, einmal, daß man nur mit einem kleinen Vermögen selbstverständlich dem Kriegsinvaliden nur ein entsprechend kleines Grundstück zuteilen kann; dasselbe gilt natürlich für einen Kriegsinvaliden, dessen landwirtschaftliche Arbeitsfähigkeit infolge der größeren Invalidität sehr begrenzt ist. Derselbe wird in Palästina ein kleines Grundstück mit Haus, Inventar und bewässertem Gartenland erwerben können. Falls die Kapitalkraft größer ist, die Arbeitskraft aber beschränkt ist, würde ich z. B. die Schaffung von derartigen Siedlungen in der Nähe von Städten mit starken Absatzmöglichkeiten für Milch, Gemüse, Früchte, Eier und Butter empfehlen, deren Absatz bekanntlich in Palästina noch unbegrenzt ist. Wir wissen ja, daß die Frage der Stärkung der jüdischen, produzierenden und möglichst Nichtvermehrung der konsumierenden Stadtbevölkerung für ein gesundes Fortschreiten der Kolonisation Vorbedingung ist, und daß bei einer richtigen, ausreichenden Produktion der für die eigene Ernährung nötigsten Nahrungsmittel, wie sie leider bisher in Palästina nicht stattfindet, eile k Irren iherw E: ler n lie Ei eichti n 11 b idiaft jegre: antlvv Wann jrößt» Vnsw re iide [ ä!1 i nur! zu ne die d viellei die E und e gesür reich» nutzb biete flöge! lieh i keit , Gebi! tont Koloi dies satio! wüns diese 1 hebe an d findli muss inval nicht diese daß stehe wir 1 Auf! keite ten 1 knüf zeicl kleir der Art sehe Feiern, bei denen die von uns gespendeten Hagadahs benutzt wurden; nach beendeter Feier wurde aus dem C 11 a d G a d j a b u c h so manche Erzählung vorgelesen, die den nationalen Geist des Festes atmet, Wir lesen in dem Brief eines' Ulanen, daß er viele Stunden mit seiner Hagadah zu einem Sederabend geritten ist. — Es liegt uns der Brief eines Regiments- Kommandeurs aus den Karpathen vor, der es sich besonders angelegen sein läßt, sein Regiment mit geistiger Nahrung zu versehen. Er bekam auch von uns für die ihm unterstellten jüdischen Mannschaften eine Anzahl Hagadahs und Chad Gadjabücher. Für diese Sendung bedankte er sich bei uns mit herzlichen Worten und schrieb weiter: ״Es wird Sie gewiß interessieren, zu hören, daß ich auch heute andere Truppenteile an der Andacht (es handelt sich um einen Sederabend) teilnehmen lasse, soweit dieselben in meinem Orte liegen, in dem ich gleichzeitig Ortskommandant bin, so z. B. die Maschinengewehr- Abteilungen und Mannschaften der Artillerie. Ihre freundlichen Sendungen haben in weitem Maße bei meinen jüdischen Mannschaften Freude hervorgerufen.“ Wenn auch jetzt ein sehr großer Teil unserer Gesinnungsgenossen im Felde steht und somit der tätigen Mitarbeit an unserem Werke entrückt ist, geht unsere Arbeit doch rüstig weiter. Von der Rückkehr unserer Freunde in die Heimat erhoffen wir aber ein weiteres mächtiges Anwachsen unserer Bestrebungen, zum Segen des ganzen jüdischen Volkes. scha viel Seht Kür Wei Sch' reic gra1 keit die titiij Rai lieh bei» abe run es and wie die Sch disi : e\ auc die bat