Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 131 am besten früher auf dem Lande gelebt hat und auch seine Frau von Landwirtschaft etwas versteht Ich habe diese Fragen absichtlich so ausführlich behandelt, um möglichst jedes Mißverständnis auszuschließen. Welche Nutzanwendung können wir nun aus diesen Vorschlägen für die Kolonisation in Palästina ziehen und in welcher Weise können unsere jüdischen Soldaten, die zum Teil Krüppel geworden sind, und, was natürlich von Wichtigkeit ist, selbst wünschen, in Palästina angesiedelt zu werden, dorthin verpflanzt werden? Diese Fragen dürften besonders, soweit ich die Verhältnisse übersehe, auch unsere österreichischen, besonders galizischen Gesinnungsgenossen interessieren. Die detaillierte Behandlung dieser Fragen sei einem zweiten Artikel Vorbehalten. Die Palästinensische Berichterstattung des Hamburger Israel. Familienblattes Wir haben in unserer Nummer vom 9. April behauptet, daß die Notizen über die Ereignisse im Orient anscheinend sehr spät zur Kenntnis der Redaktion des ״Hamburger Israelitischen Familienblattes“ gelangen und haben dies damit begründet, daß es seinen Bericht über die bekannten antiz׳onistische׳n Kundgebungen des ehemaligen Kainiakams von Jaffa und späteren Adjutanten Djemal Paschas Behaeddin erst zu einer Zeit brachte, als die Nachricht bereits in Europa eiiigetraffen war, daß Behaeddin eben wegen seiner antizionistischen Kundgebungen seines Postens entsetzt worden war. Das ״Hamburger Israelitische Familienblatt“ glaubt unserer Behauptung damit entgegentreten zu können, daß es in seiner Nummer vom 15. April einen vom Februar datierten Brief aus Jerusalem veröffentlicht, der in der Behauptung gipfelt, Behaeddin sei keineswegs seines Postens entsetzt worden, sondern im Gegenteil trotz — oder, wie man vielleicht aus dem Artikel auch entnehmen könnte, wegen — seiner Stellungnahme gegen die Zionisten befördert, d. h. in das Hauptquartier Djemal Paschas berufen worden. Es scheint wirklich so, als ob das ״Hamburger Israelitische Familienblatt“ seine Palästinakorrespondenzen mit ganz besonderer Verspätung erhält. Wir hoffen, daß inzwischen auch der Hamburger Redaktion die Nachricht von der Ab- Setzung Behaeddins zugegangen ist, die wir schon in unserer Erklärung vom 19. Februar angedeutet haben. Sollte dies aber nicht der Fall sein, so unterbreiten wir ihm gern zur Kenntnisnahme, daß Behaeddin, der, wie das Familienblatt ganz richtig bemerkt, seinerzeit tatsächlich ins Hauptquartier Djemal Paschas berufen worden war, wegen seiner antizionistischen Kundgebungen bereits im Februar eben aus seiner Stellung im Hauptquartier nach Konstantinopel abberufen worden ist. Wenn vielleicht unserer Hamburger Kollegin unsere Erklärung nicht genügt, so wird ihr doch zweifellos eine Veröffentlichung des deutschen Botschafters in Washington, Grafen Bernstorff, hinreichend Sicherheit bieten, die die amerikanischen Zeitungen vom Ende März folgendermaßen berichten: ״Es sind kürzlich zahlreiche alarmierende Berichte betreffs der Lage der jüdischen Bevölkerung Palästinas hier eingetroffen. Verschiedentlich habe ich offizielle Nachrichten veröffentlicht, die ich heute ergänzen kann. Die Regierung in Konstantinopel hat seit Ausbruch des Krieges an ihrer traditionell duldsamen Stellungnahme allen Religionen gegenüber streng festgehalten, und m a n hat in Konstantinopel niemals antijüdische oder antizionistische Gefühle gehegt. Die politische Unruhe, die eine Zeitlang die jüdische Bevölkerung Palästinas in Bestürzung versetzte, ist durch den Uebereifer türkischer Lokalbehörden verursacht worden. Aber glücklicherweise hatte er nirgends Ausschreitungen zur Folge, die nicht gänzlich wieder gut gemacht werden konnten. Die Ausweisung von einigen tausend Juden aus Palästina ist ebenso ohne die Genehmigung von Konstani i n o p e 1 von lokalen Militärbehörden angeordnet worden. Die türkische Regierung jedoch hat den Beamten abberufen, der hauptsächlich an dqr Beunruhigung der jüdischen Bevölkerung Schuld trägt. Der d e u t s c h c Botschaft e r in Konstantinopel hat in enger Zusammenarbeit mit dem Botschafter M r. Morgcnthau während dieser ganzen Zeit dieser Frage große Aufmerksamkeit gewidmet und hat die deutschen Konsular- Behörden in der Türkei angewiesen, regelmäßig über die lokalen Ereignisse zu berichten.“ Wir zweifeln nicht daran, daß das Familienblatt nunmehr die Abberufung Behaeddins auch seinen Lesern mitteilen und auch zugeben wird, daß unter diesen Umständen offenbar sein Jerusalemer Korrespondent schlecht informiert war, als er die angebliche Beförderung Behaeddins und seine ganze Tätigkeit auf eine antizionistische Tendenz zurückführen wollte, von der sich die türkische Regierung leiten lasse. Es wird dieses Zugeständnis um so eher machen, als ihm inzwischen zweifellos zur Kenntnis gelangt ist, daß Djemal Pascha nach der Abberufung Behaeddins das Hebräische Gymnasium in Jaffa, diese hervorragende Pflegestätte des zionistischen Gedankens, besucht und, wie wir in der letzten Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ bereits berichtet haben, dort eine wohlwollende Ansprache gehalten hat, in der er die gegen die Zionisten ausgestreuten Verleumdungen als Geschwätz kennzeichnete. In diesem Zusammenhang wird das Hamburger Organ gewiß auch darauf hinweisen, daß es unrichtig war, die Behaeddin-Erlässe als ein nur gegen einen ״gewissen zionistisch-chauvinistischen Kreis“ gerichtetes Vorgehen zu bezeichnen. Denn auch dies wird der Jerusalemer Berichterstatter des Familienblattes inzwischen erfahren und seiner Redaktion mitgeteilt haben, daß vor dem Eingreifen der Konstantinopeler Regierung peinliche Untersuchungen gegenallejüdischenGe- Seilschaften, Vereine und Institute ohne Ausnahme veranstaltet worden sind. Sie bezogen sich auf die Koielim, den Bezalel, die hebräischen Schulen, die Schulen des Hilfsvereins der deutschen Juden, die Bne-Brith-Logen und schließlich auf die jüdische Nationaibibliothek und deren derzeitigen Präsidenten, Herrn Ephraim Cohn. Wir erkennen sehr wohl den Zweck der Veröffentlichung im Hamburger Israelitischen Familienblatt. Vor Monaten wurde in Deutschland ein antizionistischer Feldzug inszeniert, durch den die vaterländische Zuverlässigkeit der deutschen Zionisten angezvveifelt wurde. Dieser Feldzug ist damals zuschanden geworden und manche Kreise, die ihn aus mangelnder Kenntnis der Verhältnisse mitgemacht haben, haben bald nach Kriegsausbruch ihren Fehler eingestanden. Ein Feldzug der gleichen Art kann jetzt nicht geführt werden. Aber das Hamburger Israelitisehe Familienblatt versucht jetzt eine andere Form dieses Kampfes, indem es den Zionismus in der Türkei als eine mit den Interessen der türkischen Regierung in Konflikt stehende Bewegung diskreditieren möchte. Es veröffentlicht hintereinander veraltete Nachrichten über weit überholte Tatsachen, ohne sich utn den richtigen Sachverhalt zu kümmern, der ihm zum mindesten durch unsere Veröffentlichungen bekannt sein muß. Wir glauben, daß wir uns weitere Kommentare ersparen können. Die charakterisierte Methode und ihr Zweck richten sich von selbst. Mitglieder-üersammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung Donnerstag, den 29• April pünktlich 9 Uhr abends in den Wilhelm sh allen (Ausstellungshallen an Zoo) Herr Kurt Blumenfeld: Palästina im Kriege Eintritt nur gegen Vorweisung der persönlichen Einladungskarte. Zum Tode J. L. Perez’ Daß uns dieser Ewigjunge, Lichtvolle so plötzlich erloschen ist, trifft uns schwer gerade in dieser Zeit, in der wir, die Gottverlassensten der Erde, Zusehen, wie große Teile unseres Volksgebäudes von dem dunklen Hammer der Ereignisse zerschmettert werden. Ganz persönlieh trifft uns jetzt dieser Schlag, und viel mehr als eine bloß ״literarische Trauer“ um den großen Dichter füllt unsere Seele. Ist uns doch als Einziges das Gefühl übrig geblieben, das es da und dort noch Männer gibt, deren Herz bei all dem Schauerlichen zusammen zuckt, die, gleichsam den Schmerz partizipierend, ihn auch uns erleichtern — und mit Perez, dem Dichter des Volkes, ist ein großes, heißpochendes Stück jüdischen Herzens dahingestorben. Und, wie der Wasserfall das Wasser selbst am stärksten zürn Bewußtscin bringt, bat uns gerade der große Tod, der in der Welt wütet, ein innigeres Gefühl für das Absolute des Todes, für das unabänderliche Verscheiden gegeben. Perez ist tot — dumpfer als sonst klingt diese Kunde in unseren Ohren. Perez war ein Dichter des Volkes; doch nicht über das Volk sang er, wie der nationale Dichter, und nicht dem Volke sieh anpassend, wie der volkstümliche, schuf er. Das Volkserlcbnis war ihm nicht Inhalt und nicht äußere Form, sondern das innere Schema seines Weltbildes, die rythmische Realität, die den vielen Wandlungen seiner Melodie einheitlich, bleibend zugrunde liegt. Denn er war nicht Rationalist, als er, im Banne der Haskalah, tendenziös die ״Finsternis“ im Volke darstellte, und ebensowenig ist das Mystische seiner letzten Schaffenspliase wesentlich für ihn; vielmehr ist beiden Extremen Eines gemeinsam: das Schauen durch die Volksseele, durch sie, als Medium, nach äußerem Lichte spähend und mit ihr die Lichtquellen auf eigenem unbekannten Grunde entdeckend. So gelangte er zum Chassidismus, der aus dem Linbewußten die Klarheit schöpft, und so erhob er sich zur Verherrlichung der Armen, an Macht oder Geld oder Geist, nicht aus Mitleid oder sozialreformatorischer Tendenz, sondern durch .die Ahnung des ewigen Reiches, das diesen stummen Baßgeigern innewohnt, jener erlösenden Kraft, die, ungeäußert, ihrer Geltung entbehrt, dafür aber in ihrer Herrlichkeit unbefleckt bleibt. Er nahm sich nicht, wie die Dichter des Proletariats, der Unterdrückten an, sondern ließ die Glorienkrone um das Haupt der Verziehteuderi erstrahlen. In ihm dichtete das Volk, das, den Besitzenden nicht neidisch, doch den Rabbi viel höher sieht, wenn er, als Bauer verkleidet, der armen Frau die Stube heizt, als wenn er sein Gebet verrichtet. Und, was bei einer in allem am Anfang stehenden Literatur so selten verkommt: Perez, der Produktive und immer Hervorragende, war in nichts ״der Erste“, der Bahnbrecher; vor ihm schon war volkstümlich gedichtet und chassidischc Legenden waren erzählt worden. Allein die Intensität des Volkserlebnisses erreichte bei ihm die Steigerung, die ihn zu ihrem höchsten Gestalter machte. Ja, er ging in einem breiten Strom, doch nicht von ihm mitgerissen, sondern in sein Innerstes eingedrungen und seine treibende Seele geworden. Muß noch betont werden, welch hoher Persönlichkeitswert sich dadurch kundtut? Da ihm das Volk Medium und nicht Gegenstand des inneren Blickes war, deshalb bedeutete ihm auch das Tatsächliche der Gegenwart mehr als das Wirkende der Idee, das Leben mehr als das Sein, das Volk mehr als die Nation. Im Widerstreit von Hebräisch und Jüdisch, der, mehr als bloßer Sprachenstreit, das Wesentliche der nationalen Auffassung betrifft, ergriff Perez mit aller Entschiedenheit die Partei der Sprache, die, wenn auch zeitlich und räumlich beschränkt, das gegenwärtige Leben des Volkes ausdrückt; er war Jüdischist und um ihn sammelten und verdichteten sich die umherschwärmenden Keime und sind zu einer starken, geistigen Produktion